Eine unvollständige Auflistung der ersten Schritte
Was ist zu tun wenn ich in die Vollselbstständigkeit gehen
will?
Dann brauche ich eine Krankenversicherung, Rentenversicherung
Woher weiss ich wieviel ich an wen zahlen muss (Quasi die :Arbeitgeberanteile).
Muss ich einen Betrag festlegen, den ich mir als Gehalt selber
zahle?
Hallo Frank,
sofern noch nicht geschehen, besorge Dir vom Ordnungs-/Gewerbeamt einen Gewerbeschein. Außerdem solltest Du einen Buchhaltungskursus an der VHS absolvieren. Auch wenn Du die Buchhaltung vom Steuerberater machen läßt, kommst Du ohne eigene Kenntnisse nicht richtig klar. So hast Du am Jahresende in Deinem Gewerbe Warenbestände, halbfertige Waren, Halbzeuge, die in der Inventur erfaßt und bewertet werden müssen. Dabei gibt es legale Gestaltungsfreiräume, die nur Du selbst, aber nicht der Steuerberater beurteilen kann. Du mußt also wissen, wie sich Dein Tun im Jahresabschluß auswirkt. Das ist nur einer von vielen Fällen, die eigene Kenntnisse der Buchhaltung erfordern. Du bist eben vor dem Gesetz Kaufmann und mußt deshalb auch das elementare Handwerk eines Kaufmanns beherrschen.
Du brauchst eine Krankenversicherung. Ob Du Deine bestehende Versicherung freiwillig weiter führst oder Dich privat versicherst, hängt insbesondere davon ab, ob noch weitere Familienmitglieder über Dich versichert sind. Falls nicht, ist die Entscheidung recht klar: Private Krankenversicherung. Im anderen Fall mußt Du genau rechnen. Ist ein Kapitel für sich.
Rentenversicherung: Du kannst freiwillig Mindestbeiträge in die gesetzliche Versicherung zahlen, kannst es aber auch lassen. Meist läuft es auf Letzteres hinaus. Sichere Dich privat ab. Sieh vor allen Dingen zu, daß Du in eigener Immobilie lebst und arbeitest. Wenn Du nicht jeden Monat mehrere 1000 Euro zu einem Vermieter trägst, statt dessen Eigentum schaffst, brauchst Du auch nicht mehr so hohe Beträge für die Altersvorsorge aufzuwenden.
Du sprichst das Thema mit der Gehaltszahlung an Dich selbst an. Das ist nur erforderlich, wenn Du eine Kapitalgesellschaft gründest, z. B. eine GmbH. Das machen zwar viele Gründer, ich halte es mindestens am Anfang und meistens auf Dauer für teuren Unsinn, der nur Verwaltung und Kosten mit sich bringt, aber nichts nützt. Gründe also eine Einzelfirma und beurteile selbst, was jeden Monat übrig ist und was nicht. Das geht z. B. in einer GmbH nicht. Da mußt Du Dir tatsächlich selbst ein Gehalt überweisen, ob das Geld vorhanden ist oder nicht, spielt keine Rolle. Wenn das Geld für Dein Gehalt nicht vorhanden ist, muß Dein Gehalt als Darlehen an die GmbH gebucht werden und schon geht der in die Überschuldung führende Eiertanz los. Also Finger weg von einer GmbH bei einer Gründung. Der Weg steht Dir jederzeit später offen, wenn Du genau weißt, wie sich Dein Geschäft entwickelt.
Jetzt gibts noch das Problem mit der Haftung. Grundsätzlich haftest Du für alles was Du tust und läßt, unabhängig von der Rechtsform des Unternehmens. Die Sache mit der beschränkten Haftung einer GmbH greift gegenüber keiner Bank und i. d. R. auch nicht gegenüber den Sozialkassen und dem Finanzamt. Bleiben private Gläubiger, in Deinem Fall wohl in erster Linie Halbzeug- und Materiallieferanten. Die Erfahrung lehrt, daß es fast immer wenige Hauptlieferanten gibt und die lassen gar nicht erst so hohe Verbindlichkeiten zu, daß sie in die Falle mit der Haftungsbeschränkung laufen könnten. Also vergiß das alles und gründe ein Einzelunternehmen.
Noch etwas zu Banken: Banken sind nicht die Caritas. Sie wollen und müssen an jedem Geschäft etwas übrig haben und dafür sichern sie sich ab. Wenn Du keine Sicherheiten hast und Geld brauchst, läßt sich jede Bank gerne eine sog. Globalzession unterschreiben. Damit übereignest Du alles Inventar an die Bank und trittst alle vorhandenen und zukünftigen Forderungen ab. Überlege Dir gut, ob Du das wirklich willst und ob es nicht ohne den Kredit mit kleineren Brötchen auch vorwärts geht. Wenn Du eine Immobilie besitzt, werfe sie NICHT in die Waagschale, egal was der Banker von reiner Formsache und Du würdest doch wohl an Dein eigenes Vorhaben glauben o. ä. erzählt. Tue es nicht. Sorge statt dessen für eine saubere Trennung vom Dach über dem Kopf und Gewerbe. Übereigne die Immobilie Deiner Partnerin und vereinbare Gütertrennung. Dann trägst Du zwar das Risiko des Scheiterns der Partnerschaft, aber Deine Partnerin wird mit einiger Wahrscheinlichkeit Dir gegenüber zuverlässiger sein als irgendwelche Bankmenschen. Wenn Dir die Sache mit der Übereignung an die Partnerin nicht schmeckt, gibts auch noch andere Möglichkeiten, eine Immobilie uninteressant für gierig werdende Leute zu machen. Ich erwähne die angezeigte Vorsicht beim Umgang mit Banken nur deshalb, weil bundesweit zunehmend ein restriktives, manchmal ruppiges und oft regelrecht piffiges Verhalten von Banken gegenüber Gewerbetreibenden zu beobachten ist, sobald es irgendwo klemmt.
Mitarbeiter: Bevor Du davon auch nur träumst, solltest Du mit Überlast ohne Ende arbeiten. Einschließlich Deines Anteils für das große schwarze Loch Sozialversicherung kostet Dich ein mittelmäßig bezahlter Vollzeit-Angestellter etwa 80.000 DM im Jahr. 6 Wochen Urlaub und für 2 Wochen bekommst Du gelbe Scheine, übrig bleiben 10 Monate, in denen mindestens die 80 TDM zu erwirtschaften sind. Von Einarbeitungszeiten rede ich dabei noch gar nicht, so daß Du ziemlich sicher davon ausgehen kannst, nach der Gründung noch nicht den Speck zu haben, für den pünktlichen Feierabend und den Mallorca-Urlaub von Mitarbeitern sorgen zu können.
Betriebsorganisation: Sorge auch in der One-Man-Show für ein Minimum an Organisation. Belaste Dich nicht mit zig Sachen, die Du im Kopf behalten mußt. Bei einem Lieferanten laufen mehrere kleine Bestellungen von Dir, es gibt Lieferungen, Teillieferungen, Reklamationen, Rücklieferungen. Wenn Du das alles ausschließlich telefonisch abwickelst oder einem Vertreter in den Block diktierst, verlierst Du binnen kürzester Zeit den Überblick. Also Bestellungen nur schriftlich mit einem einfachen Bestellnummernsystem.
Für Lagerhaltung und laufendes Serienmaterial gibts das genial einfache KANBAN-System in diversen Modifikationen. Kost nix, ist idiotensicher, übersichtlich, in jede EDV einbindbar und für Alleinunterhalter und Großbetriebe in gleicher Weise geeignet.
Eingehende Aufträge ebenfalls schriftlich bestätigen und mit einer laufenden Bearbeitungsnummer versehen. Eine Planungstafel, in deren Struktur Du Überlegung investieren solltest, halte ich für jede Art der Fertigung/Lohnfertigung für unverzichtbar.
Bei jeder Bestellung weißt Du, was es kosten wird, bis wann Du mit Skonto und bis wann Du spätestens zahlen mußt. Bei Deinen Ausgangsrechnungen weiß auch, wann die Kundenzahlung fällig ist und überwachst das auch, schreibst rechtzeitig die Erinnerung, wenn jemand bummelt. Wenn man das alles in eine Excel-Tabelle einträgt, hat man die Liquiditätsplanung als Abfallprodukt gleich dabei. Spätestens hier merkst Du, daß Du die oben erwähnten Bestell- und Bearbeitungsnummern brauchst und daß Du alle Rechnungen ohnehin per PC erfaßt. Das nimmt Dir für einen irgend bezahlbaren Preis und mit dem in vielen Fällen erforderlichen Fingerspitzengefühl kein Steuerberater ab. Hier schließt sich der Kreis: Buchhaltungskursus machen und den Steuerberater nur für spezielle Probleme und für den Jahresabschluß „benutzen“.
Und schließlich: Obwohl Du offenkundig genau weißt, was Du machen willst, brauchst Du ein schriftliches Unternehmenskonzept - nur für Dich selbst. Andernfalls ist die Gefahr groß, daß Du Dich von einzelnen Kundenwünschen hin- und her treiben läßt und Dir z. B. Risiken ins Haus holst, die der Kunde selbst nicht zu tragen bereit ist oder in Maschinen investierst, die Du nicht ausreichend nutzen kannst oder Arbeiten übernimmst, die andere besser oder preisgünstiger machen können.
Insgesamt ist das Thema Selbständigkeit so vielschichtig, daß jeder Teilaspekt ganze Bücher füllen kann. Stelle deshalb lieber gezielte Fragen über gerade bevorstehende Schritte.
Gruß
Wolfgang