Seltsamer Lerner

Hallo zusammen,

ich hab mich in meinem jugendlichen Leichtsinn da wieder mal auf was schönes eingelassen. Und zwar hab ich einen Fliegerkameraden, der zwar seine theoretische Fliegerprüfung ordentlich bestanden hat, aber bei der Funkprüfung (Details folgen) zum dritten mal durchgehagelt ist, versprochen derart mit ihm zu lernen, daß er im Dezember kein viertes Mal durchfällt. So! Eigentlich geht es hier lediglich um die Übersetzung kurzer englischer Texte (knapp 100 Worte). Dabei sind die Texte bekannt (30 Stück) und einer davon kommt in der Prüfung dran und muß schriftlich übersetzt werden. Die Texte allerdings sind sowohl vom Satzbau als auch von der Wortwahl her nicht besonders leicht (NOTAMs, falls das jemandem was sagt *g*) aber mit durchschnittlichen Schulkenntnissen zu schaffen, vor allem weil man sie ja vorher üben kann.
Weia, und bevor ich noch weiter ausschweife, versuch ich jetzt mal auf den Punkt zu kommen. Wenn sich der Kandidat gemütlich auf seinem Sofa zurücklehnt und mir erzählt, was in den Texten drin steht, klappt das prima. Frag ich ihn die Vokabeln ab, ist alles kein Problem. Auch die Texte kriegt er mündlich halbwegs übersetzt (wie gesagt, die Sätze sind extrem doof konstruiert. Ich wollt mich also grad völlig überflüssig fühlen, da hatte ich ne glorreiche Idee: Nämlich, daß er sich die seltsamen Wörter erstmal auf deutsch in den Text schreibt, halt einfach das deutsche Wort in die Vorlage reinkritzeln, damit nachher das Übersetzen schneller geht. Und jetzt kommt der Punkt (endlich!): Kaum hatte er den Zettel vor sich auf dem Tisch liegen und nen Kuli in der Hand war alles weg! Von dem gleichen Text, den er mir gemütlich auf dem Sofa sitzend noch munter runtergebetet hatte, verstand er auf einmal kein Wort mehr! Nix! Absolut Blackout! Auch Wörter, die er vorher gar nicht als „kritisch“ eingestuft hatte (und sicher konnte!), waren weg! Dann ist er in der Zeile verrutscht, Wörter ausgelassen und überhaupt alles, was halt so passiert, wenn man völlig die Nerven verliert. Kaum lehnt er sich wieder zurück auf dem Sofa und übersetzt mündlich ist die Welt wieder in Ordnung - alles klappt reibungslos. Nur: diese verd***te Prüfung muß er schriftlich ablegen, da hilft nix! Ich hab ihm jetzt mal geraten, daß er alle Texte erstmal schriftlich übersetzt (natürlich wohldosiert *g*), und erst nach dem Niederschreiben in der Lösung schaut.
Dazu muß man noch sagen, daß er ein ganz klassischer „Bildebuch-Praktiker“ ist, der nur unter Protest nen Kuli in die Hand nimmt. (Hat auch nen sehr praktischen Job ohne viel Schreibkram) Wie kann ich ihm nun helfen, daß er halbwegs ruhig in die Prüfung geht und vor allem die Sache mit dem Aufschreiben in den Griff kriegt? Denn das Können ist nicht das Thema, er kann’s ja!

Etwas ratlose Grüße

Petzi

Dazu muß man noch sagen, daß er ein ganz klassischer

„Bildebuch-Praktiker“ ist, der nur unter Protest nen Kuli in
die Hand nimmt. (Hat auch nen sehr praktischen Job ohne viel
Schreibkram) Wie kann ich ihm nun helfen, daß er halbwegs
ruhig in die Prüfung geht und vor allem die Sache mit dem
Aufschreiben in den Griff kriegt? Denn das Können ist nicht
das Thema, er kann’s ja!

Hallo !
Zuerst solltet ihr klären:
Ist es die Angst (Prüfungsangst) die deinen Freund lähmt, oder hat er ein konkretes Lernproblem (z.B. Analphabetismus, Legansthenie… ) Das ist kein Witz, diese Dinge sind ja nicht selten und könnten die Probleme deines Freundes erklären.

Dann sollte dein Freund sich schleunigst klar machen, dass er von seinem Selbstbild als „Bilderbuchpraktiker“ runter kommen muss. (Wenn das Überhaupt SEIN Selbstbild ist.)
Es ist ein Konstrukt, und zwar eins, dass ihn in seiner weiteren Karriere immer hemmen und blockieren wird. Niemand kann es sich heute leisten, sich in einer halbwegs anspruchsvollen Tätigkeit als „Nur -Praktiker“ zu definieren. Der Umgang mit Texten, Fremdsprachen und Technik (PCs!!!) wird überall unentbehrlich.

Also sollte dein Freund sich sagen: Umgang mit Schrift oder Fremdsprachen ist mir zwar ungewohnt, aber da ich ein intelligenter Mensch bin, gehe ichs an und schaffe es.

Wenn es Prüfungsangst und fehlende Routine mit dem geschriebenen Wort ist, was ihn hemmt, könntet ihr so vorgehen: Ihr gleidert die Aufgabe „Text schriftlich übersetzen“ in kleine Teilschritte:
1: für ihn am leichtesten bis
X: „für ihn am schwersten“

Fangt beim leichtesten an zu üben. Wenn er das angstfrei schafft, weiter zum nächsten Schritt…usw.

Weiterhin:
Die Routine im Schreiben und Übersetzen von Texten kommt nur durch Übung. Dabei muss er nicht unbedingt täglich seine 30 Texte durchkauen. Wenn er die „eigentlich“ kann, nützt das auch nichts. Täglich einen kleinen, mittelschweren englischen Text übersetzen gelingt ihm vielleicht angstfreier und ist eine bessere Übung.

Viel Erfolg wünscht Euch
Martina

Analphabet
Hi Petzi,

Dein Freund kann gar nicht lesen, er hat es nie gelernt!
Die abgeschwächte Form wäre, dass er kein Englisch lesen kann.
Was du beschreibst kommt mir sehr bekannt vor.
„Bilderbuchpraktiker“ macht absolut keinen Sinn, es sei denn, man ist ausschliesslich auf Bilder angewiesen.
Und welcher normale Lernende nimmt keinen Stift in die Hand?
Nur einer, der damit nichts anfangen kann.
Mit Analphabeten ist es wie mit Alkoholikern:
Die bauen eine unheimlich geniale Fassade um sich herum auf, sodass selbst intime Freunde nichts bemerken.
Sie werden ihre Schwäche erst eingestehen, wenn sie eine derartige Niederlage erleben, durch die ihre weitere Existenz oder Ehre in Frage gestellt wird.
Versuch mal durch Tricks herauszufinden, ob er überhaupt lesen kann
(ist nicht schwer).
Wenn nicht, dann akzeptiere das zunächst und versuche nicht, ihn zu ändern. Dadurch könnte die Beziehung kaputt gehen.
Lass ihn von mir aus noch x Mal durch die Prüfung rasseln, bis er es schafft oder aufgibt, aber versuche nicht mehr, ihm so sehr zu helfen.
Egal wie es läuft, wenn er wirklich nicht lesen kann, dann ist er ein wahrer Lebenskünstler. Wenn es keine Schwäche wäre, könntest du sehr stolz auf ihn sein.
Gruss,

Hallo helge,

Dein Freund kann gar nicht lesen, er hat es nie gelernt!

Nee - das glaub ich nicht. Denn damit kann man zwar Mitmenschen täuschen, aber keine theoretische Pilotenprüfung bestehen… Und er hat heut auch Sachen geschrieben und vorgelesen, also Analaphabet würd ich mal ausschließen. Allerdings halte ich die von ina erwähnte „Leseschwäche“ (oder Schreibschwäche) für nicht unrealistisch…

Versuch mal durch Tricks herauszufinden, ob er überhaupt lesen
kann
(ist nicht schwer).

Ich achte auf jeden Fall nochmal explizit drauf, aber denke nicht, daß das der Fall ist…

Wenn nicht, dann akzeptiere das zunächst und versuche nicht,
ihn zu ändern. Dadurch könnte die Beziehung kaputt gehen.

*lach* Doch nicht mein Freund, sondern ein Vereinskamerad, mit dem ich seinerzeit im Funkerkurs gesessen bin und eben jetzt mit Schrecken gehört hab, daß er die Prüfung immer noch nicht geschafft hat. Und eigentlich wollt ich ihn nur ein- zweimal ein bisserl abfragen, damit er sich beim Lernen nicht selber bescheißt (das weiß er, daß er dazu tendiert *g*)…

Liebe Grüße und vielen Dank für Deine Antwort :smile:

Petzi

Hi,

wenn er wirklich nicht lesen kann, dann fürchte ich, dass diese Prüfung bei weitem kein Grund für ihn ist, es überhaupt zu lernen.
Es ihm privat beibringen zu wollen halte ich für unrealistisch, zumal er sich diese Schäche vermutlich solange nicht eingestehen wird, bis seine weitere Existenz in Frage steht.
Er muss erst tief fallen, um zu begreifen: „Ich kann nicht lesen“.
Ich kenne einen Fall, da wusste es die halbe Firma, und der Betroffene hat weiterhin so getan, als ob nichts wäre: Totales Leugnen.
Ich muss wieder das Beispiel mit den Alkoholikern bringen:
Deren Problem ist im Prinzip nicht der Alkohol selbst, sondern die Tatsache, dass sie nicht einsehen, krank zu sein.
Gruss,

Hallo,
da wäre es natürlich interessant mehr über die anderen (bereits bestandenen) Prüfungen zu wissen. Ist hier lesen notwendig (würde mal annehmen ja) und kann man sich die evtl. bekannten Prüfungsfragen durch einprägen ihrer „Muster“ auch als Analphabet merken ?
Das Petzi diese Schwäche beim ihm korrigieren kann, halte ich für ausgeschlossen. Wenn jmd. im fortgeschrittenen Alter versucht solche Defizite nachzuholen, ist dies mit extremen Aufwand verbunden. Ich habe mich selbst mal daran probiert einen Bekannten mit praktisch keiner Schulbildung elementarstes Rechnen beizubringen. Während Dinge die man auswendig lernt (z.B. Addition zweier einstelliger Zahlen) gut klappte, war alles was üblicherweise deduktiv erschlossen werden kann, der blanke Horror. Selbst solche Trivialitäten, wie „mal 10“ im Dezimalsystem waren fürchterlich schwer zu vermitteln.

Gruss
Enno

Hallo Enno,

da wäre es natürlich interessant mehr über die anderen
(bereits bestandenen) Prüfungen zu wissen.

Hmm - was er sonst noch für Prüfungen bestanden hat, weiß ich gar nicht so genau. Aber die Pilotenprüfung ist eine Mulitple-Choice-Prüfung mit einer Auswahl von etwa 300 aus 3500 Fragen. Außerdem ist ein Teil dabei, bei dem man schreiben muß. Allerdings ist das nicht mit formulieren, sondern eher sowas wie Rechenergebnisse in eine Tabelle eintragen und beschriften.

notwendig (würde mal annehmen ja) und kann man sich die evtl.
bekannten Prüfungsfragen durch einprägen ihrer „Muster“ auch
als Analphabet merken ?

Das hatte ich mir auch überlegt. Aber da die Reihenfolge der Antworten wechselt und natürlich die Fragen auch nicht nummeriert waren, halte ich das für sehr schwer. Das hießt, Auswendiglernen von „Frage 321 - dritte Antwort“ ging nicht. Und daß ein „Mustervergleich“ funktioniert halte ich in dem Fall für kaum möglich.

Das Petzi diese Schwäche beim ihm korrigieren kann, halte ich
für ausgeschlossen.

Nee - dazu braucht’s nen Profi… Darauf würd ich mich sicher nicht einlassen (wie gesagt, ich war moralisch drauf eingerichtet, ein paar Vokabeln abzuhören…) Und meine Hoffnung ist, irgendwelche (notfalls kurzfristen) Tricks zu entwickeln, daß er in der Prüfung, das was er eigentlich kann, halbwegs „unauffällig“ aufs Papier zu bringen.

Liebe Grüße und herzlichen Dank für Deine Antwort

Petzi

Hidiho,

Die bauen eine unheimlich geniale Fassade um sich herum auf,
sodass selbst intime Freunde nichts bemerken.

Stimmt. Es gibt mehr Analphabeten, als man meint, und die meisten sind überhaupt nicht dumm, sondern spezifische Lernschwächen und widrige Umstände haben verhindert, daß sie lesen und schreiben lernen.
Anstatt aber einzugestehen, daß sie es nicht können, bauen sie kunstvolle und komplizierte Luftschlösser und Tarnmecahnismen auf, so daß man sie wirklich nur sehr schwer enttarnen kann.

Egal wie es läuft, wenn er wirklich nicht lesen kann, dann ist
er ein wahrer Lebenskünstler. Wenn es keine Schwäche wäre,
könntest du sehr stolz auf ihn sein.

Einerseits ja, denn diese Tarnmechanismen sind teilweise mindestens ebenso schwierig, aufzubauen, wie es gewesen wäre, später noch lesen zu lernen. Dennoch sollte man nicht in Frage stellen, daß Analphabeten unter ihrer Schwäche leiden und sich schämen, nur darum bauen sie ein solches Netzwerk an Täuschungen auf.

Sollte die „Diagnose“ wirklich auf Deinen Freund zutreffen, wird Geduld und Verständnis vonnöten sein. Es gibt spezielle Lernprogramme, in denen erwachsenen Analphabeten Lesen und Schreiben beigebracht wird, da können sie unter sich sein und müssen sich nicht minderwertig fühlen.

Ein guter und wichtiger Link hierzu ist
http://www.alphabetisierung.de/,
der Bundesverband für Alphabetisierung.

Liebe Grüße,
Nike

Nochmal
Hallo nochmal,

Petzi, Vorsicht!
Es gibt nachweislich Analphabeten, die eine abgeschlossene Schulbildung haben.
Manche sind in der Lage, sich hunderte von Wörtern visuell einzuprägen, ohne die Buchstaben als solches zu erkennen.
Es ist kaum zu fassen, aber anscheinend kann man sogar als Analphabet in Deutsch noch eine 5 schaffen.
Die Tatsache, dass er dir was „vorgelesen“ hat, könnte zu seiner Taktik gehören,
und ist für intelligente Analphabeten nichts Ungewöhnliches.
A propos: Wieso wird Beziehung immer nur als Zwischengeschlechtlich verstanden?

Petzi, ich will eigentlich nur sagen, dass das was ich bis jetzt über deinen Kameraden erfahren habe, kein Grund ist anzunehmen, er könne tatsächlich Lesen.
Ich kann mich selbstverständlich täuschen, aber
die Symptome passen mir einfach zu gut für jemanden, der es nie gelernt hat.

Wenn man es drauf anlegt, und die Vermutung hat, er kann nicht lesen, ist es nicht schwer, es auch herauszufinden.
(Man muss dazu allerdings etwas gemein sein)
Gruss,

Huhu helge,

wie ich ja schon in meiner Antwort an Enno geschrieben hatte, glaub ich nicht, daß er die Pilotenprüfung geschafft hätte, ohne lesen zu können. Denn da stehen 3500 Fragen zur Auswahl und da sollte es schwer werden, die anhand irgendwelcher „optischer“ Merkmale zu unterscheiden. Außerdem ist auch in der Funkerprüfung ein Teil dabei, in dem man Schreiben muß - und der war nicht das Problem, das hat er geschafft.
Auf jeden Fall beobachte ich das beim nächsten Lernen nochmal gaaanz genau (eventuell geb ich ihm unter irgend einem Vorwand nen „fremden“ Text oder so) und berichte dann wieder, okay?

A propos: Wieso wird Beziehung immer nur als
Zwischengeschlechtlich verstanden?

*lach* Das wollt ich Euch fragen :smile: Ich schrieb eingangs von einem „Vereinskameraden“ - um ihn „Freund“ zu nennen, kenn ich ihn viel zu wenig und um gar „mein Freund“ zu sein, fehlen gaaanz wesentliche Dinge *kicher*

Wenn man es drauf anlegt, und die Vermutung hat, er kann nicht
lesen, ist es nicht schwer, es auch herauszufinden.
(Man muss dazu allerdings etwas gemein sein)

Jo, ich werd nächste Woche mal meine Gemeinheit ausspielen und Euch dann berichten…

Liebe Grüße

Petzi

Hallo Petzi,

Du hast ja schon einiges über Analphabeten, Schreib-und Leseschwächen gehört. Ich denke nicht, daß *Dein Schüler* analphabetische Züge hat, sondern eher gegen und mit einer Legasthenie zu kämpfen hat.
Ich stamme selbst aus einer legasthenisch veranlagten Familie, setze mich also bedingt dadurch seit Beginn meiner Schulzeit mit diesem Phänomen auseinander. Allerdings bin ich kein Experte auf diesem Gebiet, und kann Dir lediglich ein wenig über meine Erfahrungen und Beobachtungen berichten.
Legasthenie geht nicht so einfach über gewöhnliches Lernen, und stupides Wiederholen zu bekämpfen, sondern verlangt vertanden zu werden. Leider wird sie meistens viel zu spät entdeckt, so daß andere Faktoren stark mit einfließen können. Ein Kind, welches zur Schule kommt, erfährt sehr bald Gelächter (Legasthenie- Schreibschwäche bis Unfähigkeit wird durch ebenso starke Leseschwächen begleitet) sondern schlimmstenfalls auch noch Sanktionen. Leider wird der Betroffene (das Kind) auch heute noch meistens der Faulheit bezichtigt. Ich denke, es ist vorstellbar, welche tief verwurzelten Gefühle sich daraus herleiten.
Ein Legastheniker hat als Gegenzug die Gabe mitbekommen, alle möglichen Dinge buchstäblich wortwörtlich auswendig zu lernen. D. h., sie können ganze Texte, auch dann, wenn sie recht lang und kompliziert sind, meist wörtlich wiederholen. Ein Grund, warum eine Legasthenie während der Grundschulzeit meistens nicht erkannt wird, und allenfalls eine Schreibschwäche angenommen wird, die mit etwas Übung/Fleiß in den Griff zu bekommen sei…leider wird nicht gesehen, daß der Lehrer und der betreuende Elternteil mindestens ebenso fleißig sein muß. Ein legasthenisches Kind lernt nicht nur einzelne Buchstaben erkennen (wäre auch nicht das Problem, das kann es meist sehr schnell), so daß diese im Wort erlesen werden können, sondern muß die Buchstabenkombinationen einzelner Worte auswendig lernen. Da wir sehr viele Buchstaben haben, die auf X- verschiedene Weise miteinander kombiniert werden können, ist das nicht ganz so einfach. Gut, nun könnte gesagt werden, daß ganz viel lesen, eben lesen, was das Zeug hält, helfen könnte. Dummerweise haben Lesen und Schreiben gemein, daß Buchstabenkombinationen erkannt werden müssen. Was, wenn aus dem Wörtchen Rot im Text auf einmal Ort wird? Im nächsten Abschnitt wird auf einmal ein Tor daraus? Was ist das für ein Quatsch, der da geschrieben steht? Welchen Sinn soll es machen, so etwas zu lesen? Wie sehr ein Legastheniker motiviert ist, ein Buch anzufassen, dessen inhaltlichen Sinn er nicht verstehen kann, weil die Wortkombinationen sich dauernd verdrehen, müßte nachvollziehbar sein. Er braucht also jemanden, der sofort das falsch erkannte Wort berichtigt (Rot darf sich in der Schreibweise erst gar nicht als Tor einprägen), und das ständig und dauerhaft, bis er irgendwann soweit ist, eine Selbstkontrolle durch zu führen. Aber, auch dann, wenn er soweit ist, passieren ihm immer wieder so (L)achen, und gut, wenn er es dann schafft, darüber herzlich zu (S)achen. (Es gibt da so ganz witzige Buchstaben, die auf einmal einen Kopfstand üben, oder sich im Spiegel zeigen, leider will das meine Tastatur nicht mit machen).
Lange Rede kurzer Sinn, Dein Schüler muß seine Legasthenie verstehen lernen, und sich Leute suchen, mit denen er Offenheit dazu lernen kann. Sich schämen, sich in sich zurück ziehen und es zu übertünchen bringt ihm auf Dauer überhaupt nichts. Er muß erkennen, daß er die Unterstützung von anderen braucht, und gleichzeitig für sich anerkennen, daß er andere ausgeprägte Fähigkeiten hat, die er sich gegen die Legasthenie zu Nutze machen kann. Allerdings ist das ein langfristiger Lernprozeß, und bis zur nächsten Prüfung ist wohl nicht mehr viel Zeit. Auch um eine Lagasthenie- Bescheinigung zu bekommen, wird die Zeit wohl nicht mehr reichen.
Ein Versuch wäre, alles gemeinsam schriftlich zu erarbeiten…er den Inhalt erarbeitet, und Du die Rechtschreibung kontrollierst. Geht es nicht anders, schreibe Du, was er Dir mündlich dazu sagt. Anschließend muß er abschreiben…falsche Worte sofort in Korrektur, denn selbst beim Abschreiben verdrehen sich die Buchstaben.
Hoffnung kann ich Euch nicht viel machen, denn ich weiß nicht, ob es ihm möglich ist, in so kurzer Zeit so viel Vertrauen zu Dir aufbauen zu können. Dennoch, auch wenn die Prüfung noch nicht bestanden werden kann, so hat er dann doch eine ganz andere, viel wichtigere Prüfung bewältigt, nämlich, sich zu öffnen, und sein eigentliches Problem anzugehen.

lieben Gruß,
fionny,

die hofft, Dir, besonders aber Deinem Schüler hierdurch etwas Mut zukommen lassen zu können.

hallo,

Und er hat heut auch Sachen geschrieben und
vorgelesen, also Analaphabet würd ich mal ausschließen.

fast kein analphabet kann gar nicht lesen in dem sinne, daß buchstaben für ihn wie teppichmuster aussehen (schau dir einen arabischen text an, dann weißt du was ich *nicht* meine!) die meisten analphabeten können sehr wohl lesen und schreiben, aber sie versagen bei streß! vor allem das verrutschen in der zeile ist ein typisches symptom, und auch das verwechseln von wörtern, weil man sie sich leichter visuell anstatt nach einzelbuchstaben einprägt! genaugenommen bin ich auch selber analphabet, nur eben nicht in meiner muttersprache. deswegen weiß ich wie sich das anfühlt. eine schriftliche prüfung mit zeitdruck ist das schlimmste das es gibt. ich bin mir nicht sicher, aber ich habe den verdacht, daß das nie wieder zu 100% reparieren bzw. aufzuholen ist, weil man es als kind nicht gelernt hat.

datafox

Hallo Petzi,

für mich sieht das so aus, als käme sein Hirn mit dem Zusammenhang zwischen Schriftlichem und Sprachlichem nicht ganz klar und hat sozusagen kleine Aussetzer, wenn er etwas schreiben soll, was er als Sprache im Kopf hat, aber irgendwie nicht erreichen kann.

Könnte es sein, daß der Gute ein umtrainierter Linkshänder ist?

Schau mal:
Zitat:
"Andere typische Folgen für umgeschulte Linkshänder bestehen in Blackouts und dem Unvermögen Gelerntes sowohl schriftlich als auch mündlich wiederzugeben, obwohl der Stoff beherrscht wird. Frau E. erzählt: „… wenn ich zum Beispiel etwas für eine Arbeit auswendig gelernt hatte oder Gedichte, dann bekam ich einfach ‚Aussetzer‘… Ich konnte das zwar eine Stunde später wieder, doch bin ich zu der gefragten Zeit nicht hineingekommen. In dem Moment war mein Gehirn wie leer, als ob nichts drin ist. Alles war weg.“
Außerdem verstärken sich diese Erscheinungen in Stresssituationen, bei Aufregung, denn der Linkshänder will dem Lehrer beweisen, dass er gelernt hat. Dazu Frau E.: „Der Druck, die Belastung waren es… Ich hatte dann auch immer wieder Angst, dass der Blackout wiederkommen würde und dann kam er auch prompt. Es ist eine Art Teufelskreis.“
Andererseits kommt es auch immer wieder zu „plötzlichen und unerwartet guten Leistungen"2 . Dieses Phänomen führt man auf eine Art „Wackelkontakt“ im Zusammenspiel von Gehirn und Hand bzw. Mund zurück, so dass einmal die richtige Verbindung hergestellt wird und manchmal nicht.“

Gefunden in:
http://www.geocities.com/marennaa/linkshand/p_folgen…

Grüße
Maja

Was, wenn aus dem Wörtchen Rot im Text auf einmal Ort wird? Im nächstn Abschnitt wird auf einmal ein Tor daraus? Wie sehr ein Legastheniker motiviert ist, ein Buch anzufassen, dessen inhaltlichen Sinn er nicht verstehen kann, weil die Wortkombinationen sich dauernd verdrehen, müßte nachvollziehbar sein. Er braucht also jemanden, der sofort das falsch erkannte Wort berichtigt (Rot darf sich in der Schreibweise erst gar nicht als Tor einprägen), und das ständig und dauerhaft, bis er irgendwann soweit ist, eine Selbstkontrolle durch zu führen.


Ich kann mich an solche Lese-/Schreibübungen aus meiner eigenen Grundschulzeit erinnern und kann mir vorstellen, daß („dass“ nach neuer Rechtschreibung arrrggh) diese durchaus zur Erkennung solcher Schwächen gedacht war. Ich bin selbst kein Lehrer, habe nie daran gedacht, auch mal irgendwann den Lehrberuf ergreifen … aber was hätten „die, die an der Tafel steh’n“ gemacht, falls sie mal ganz eindeutig eine(n) Schreib-/Leseschwache(n) mit diesen Aufgaben herausgefiltert haben?