Semitische Sprachen und Jüdisch (Jiddish)

Liebe Sprachexperten,

also fangen wir mal ganz am Anfang an:

  1. Schock: Nicht alle Juden sprechen Jüdisch/Jiddish, es scheint sich sogar um eine Minderheit zu handeln die diese Sprache spricht.

Meine Frage hierzu: Handelt es sich bei Jiddish überhaupt noch um eine relevante Sprache im Judentum? Wird die Sprache noch lebendig gesprochen oder nurnoch an irgendwelchen Unis gele(h)r(n)t ? Wenn ja, gibt es dazu vernünftige Sprachkurse?

  1. Semitisch: (Neu-)Hebräisch und Arabisch sind zwei semitische Sprachen, ist jetzt nicht besonders überraschend, aber die Frage die ich mir Stelle ist: Inwiefern versteht der eine den anderen wenn er nur seine eigene Muttersprache in der Hochsprache beherrscht? Wie ähnlich sind sich die Worte, die Grammatik? Ist es vergleichbar wie mit Deutsch und Französisch? Oder sogar mit Deutsch und Niederländisch?

Haben wir vielleicht hier unter uns Muttersprachler der einen Sprache die mir hierzu Genaueres sagen können?

Und wie sieht es allgemein mit Neuhebräisch aus? Ist das für Indogermanisch-stämmige Sprachen Sprechende schwer zu lernen? Gibt es starke indogermanische Einflüsse? Von wem wird die Sprache noch gesprochen außer den Israelis? (Wikipedia spricht davon dass man sie sogar in Deutschland spricht… war mir völlig neu…)

Gibt es Vorteile die für das Erlernen dieser Sprache sprechen? Hilft es einem beim Torastudium? Oder hat das Althebräisch nur die Schrift mit dem Neuhebräisch gemein?

Viele Grüße

Philipp

P.S.: Da fällt mir doch schon was ein: „Schalom“ und „Salaam“ sind doch zwei ähnlich klingende Worte! Beide bedeuten „Frieden“ und beide werden zur Begrüßung benutzt… ein erster Anhaltspunkt?

Hallo Philipp,

  1. Schock: Nicht alle Juden sprechen Jüdisch/Jiddish, es
    scheint sich sogar um eine Minderheit zu handeln die diese
    Sprache spricht.

Lustig, womit man manche Leute schocken kann. :wink:

Wenn ja, gibt es dazu vernünftige Sprachkurse?

Bei uns an der Uni gibt es einen Sprachkurs für Neuhebräisch, Althebräisch und Jiddisch. Über den Neuhebräischkurs kann ich nicht klagen. Ich gehe davon aus, dass der Jiddischkurs ebenso gut ist. Wenn ich das Bedürfnis hätte, diese Sprache zu lernen, dann würde ich das auf alle Fälle an der Uni tun.

Und wie sieht es allgemein mit Neuhebräisch aus? Ist das für
Indogermanisch-stämmige Sprachen Sprechende schwer zu lernen?

Ja. Unser Dozent meinte mal, dass es ja immerhin nicht ganz so schwierig sei wie Japanisch. :wink: Aber schwer finde ich es schon.

Du musst erst einmal lesen lernen. Das Problem ist, dass die Vokale ja nicht geschrieben werden. Daher musst du praktisch schon wissen, was das Wort heißt, bevor du es vorliest - weil du ja sonst nicht weißt, wie es klingen muss. Wrt, ch lss d Vkl ml wg. Und? Nicht mehr so einfach, oder?

Grammatik gibt es dann ja auch noch, und die Vokabeln lernen sich auch nicht von selber. Aber probier’s einfach mal aus - aufhören kannst du immer noch.

Gibt es Vorteile die für das Erlernen dieser Sprache sprechen?
Hilft es einem beim Torastudium? Oder hat das Althebräisch nur
die Schrift mit dem Neuhebräisch gemein?

Nein, die beiden Sprachen haben mehr gemeinsam. Wenn du dich offenbar sowieso auch für Althebräisch interessierst, dann lern am besten beides zusammen. Ich habe nämlich schon mehr als einmal gehört: „So, ich erklär das jetzt noch einmal ganz kurz, für diejenigen, die bei Althebräisch nicht da waren.“ Ich merke, dass ich mich schwerer tue als meine Mitschüler. Und wenn ich nun einmal davon ausgehe, dass es nicht an der mangelnden Intelligenz liegt, dann liegt es vielleicht daran, dass die auch noch Althebräisch haben, also doppelt so viele Stunden.
Und die Beispiele aus unserer Grammatik sind auch alle aus der Bibel - da wimmelt es nur so von Königen, Propheten und Priestern.

So, und jetzt mache ich die Bühne frei für die Muttersprachler. :smile:

Schöne Grüße

Petra

Hallo Philipp,

Erst einmal zum Jiddischen: Die Sprecherzahlen werden auf 500.000 bis 3 Millionen geschätzt; das Problem dabei ist u.a., dass diese Sprecher nicht nur in den USA und Israel leben, sondern auch in einem Dutzend anderer Länder (z.B. Lateinamerika).

Jiddistik als Studienfach gibt es auch, in Deutschland (wenn ich mich recht entsinne) in Trier und Düsseldorf. Wissenschaftliche Literatur gibt es in Hülle und Fülle. Als Lehrbuch würde ich am ehesten die „Einführung in die jiddische Sprache und Kultur“ von Aptroot und Nath empfehlen, da es wie ein „normales“ Sprachlehrbuch aufgeteilt und zudem speziell für deutsche Studenten konzipiert ist.

Ist Jiddisch noch eine wichtige Sprache innerhalb des Judentums? Als gesprochene Sprache sicherlich nicht. Die Sprache hat aber dennoch eine hohe symbolische Bedeutung, besonders in Nordamerika. (Ganz interessant ist dazu Jeffrey Shandlers „Adventures in Yiddishland“.)

So, das war die Kurzfassung; wenn Dein Wissensdurst noch nicht gesättigt sein sollte, kann ich Dir gerne auch Auszüge aus meiner kurz vor der Abgabe stehenden Bachelorarbeit schicken, die unter anderem über dieses Thema geht.

Zu den semitischen Sprachen: Hebräisch und Arabisch haben natürlich in Grammatik und Vokabular schon große Überschneidungen. Aber da die Aussprache von Ivrit ziemlich „unsemitisch“ klingt, denke ich, dass sich ein Israeli und ein Araber nicht miteinander unterhalten können, wenn beide nur ihre jeweilige Sprache sprechen, zumal weder die einen noch die anderen dazu neigen, langsam und gemächlich zu parlieren. :smile:

Gruß,
Stefan

Normal, dass Jiddish überall gesprochen wird

Hallo, Stefan

Erst einmal zum Jiddischen: Die Sprecherzahlen werden auf
500.000 bis 3 Millionen geschätzt; das Problem dabei ist u.a.,
dass diese Sprecher nicht nur in den USA und Israel leben,
sondern auch in einem Dutzend anderer Länder (z.B.
Lateinamerika).

Weshalb ist das ein Problem? Es ist doch normal, dass sich Sprachen
über alle Kontinente ausbreiten?

Gruss

Rolfus

Hallo Rolfus!
Sorry, da habe ich mich wohl etwas unklar ausgedrückt: Das Problem bezog sich eigentlich darauf, dass man durch die Verteilung der Sprecher auf so viele Länder ihre Zahl nicht sehr genau bestimmen kann. Dass sie dort leben, ist für mich allgemein kein Problem. :wink:
Gruß,
Stefan

Hallo, hallo,

won wegen Punkt 2. Semitisch: (Neu-)Hebräisch und Arabisch, gibt es da Gemeinsamkeiten, fällt mir eine Anekdote ein:

Vor Jahren haben wir in großer Runde zum Essen bei meinem damaligen Hebräischlehrer (Israeli, Muttersprachler Arabisch)gesessen. Er hat immer behauptet das Hebräisch und Arabisch sehr unterschiedlich sind und die eine Sprache von dem anderen nicht zu verstehen ist. Es wurde an dem Abend von ca. 8 Leuten durcheinander in deutsch, englisch, arabisch und hebräisch gesprochen. Auf einmal antwortete wer, der Hebräisch aber kein Arabisch kann auf etwas was gerade in arabisch gesprochen wurde! Das fällt mir immer bei dieser Thematik ein ;O)

LG, Elke

Hallo

  1. Schock: Nicht alle Juden sprechen Jüdisch/Jiddish, es
    scheint sich sogar um eine Minderheit zu handeln die diese
    Sprache spricht.

Jiddisch war die Hauptsprache der jüdischen Gemeinden in Osteuropa. Diese Kultur gibt es heute in dier Form nicht mehr. in den USA dürfte es Gemeinden geben, die daran festhalten (hört man oft bei Touristen).

Meine Frage hierzu: Handelt es sich bei Jiddish überhaupt noch
um eine relevante Sprache im Judentum? Wird die Sprache noch
lebendig gesprochen oder nurnoch an irgendwelchen Unis
gele(h)r(n)t ? Wenn ja, gibt es dazu vernünftige Sprachkurse?

In Israel sprechen viele alte Leute Jiddisch, eben die, die aus den Ländern stammen, wo es gesprochen wurde. Die Kinder und Enkel können vielleicht nur noch ein paar Worte. Jiddisch stirbt aus. In Israel ist Jiddisch verpönt gewesen (und ist es eigentlich), weil es die Sprache des Exils ist, welches vorbei ist. Von lebendig gesprochen als Sprache eines zusammenhängenden Gebietes kann also keine Rede sein.

Kleinere orthodoxe Gruppen halten am Jiddisch fest, da sie Hebräisch als heilige Sprache auffassen. Manche von ihnen lehnen Israel als gesamtes ab, da es ein säkularer Staat ist.

Jiddisch zu lernen halte ich persönlich für überflüssig. Es ist weniger eine Sprache als ein Dialekt einer ganz spezifischen Kultur und Tradition (welche de facto außerdem in der Vergangenheit liegt). Warum sollte ein Außenstehender der lernen wollen? Es ist so, als ob ein Japaner Wienerisch lernen würde. Abgesehen davon kann man sich an Jiddisch insofern gewöhnen, daß ein Gespräch möglich ist. Insbesondere als Süddeutschsprecher. Es nachzuahmen fände ich aber extrem affig.

Inwiefern versteht der
eine den anderen wenn er nur seine eigene Muttersprache in der
Hochsprache beherrscht?

Außer ein paar einzelnen Worten versteht man überhaupt nichts. Beim Lesen ist es schon etwas anderes, da kann man einiges erraten.

Wie ähnlich sind sich die Worte, die
Grammatik? Ist es vergleichbar wie mit Deutsch und
Französisch? Oder sogar mit Deutsch und Niederländisch?

Definiere Deutsch… na lassen wir mal *G*

Hebräisch und Arabisch sind stark verwandt, aber trotzdem versteht einer den anderen überhaupt nicht. Die typisch semitischen grammatischen Strukten sind in beiden Sprachen vorhanden, so wie Spanisch und Lateinisch dieselben Strukturen teilen.

Haben wir vielleicht hier unter uns Muttersprachler der einen
Sprache die mir hierzu Genaueres sagen können?

Ich bin kein Muttersprache aber lebe seit Jahren in Israel. Ich spreche fließend Hebräisch. Arabisch verstehe ich außer ein paar Floskeln kein Wort. Einzelne Wörter kann ich aber durchaus analysieren und herleiten.

Und wie sieht es allgemein mit Neuhebräisch aus? Ist das für
Indogermanisch-stämmige Sprachen Sprechende schwer zu lernen?

Von diesen Einteilungen halte ich überhaupt nichts. Wenn man dauernd mit der eigenen Sprache verhaftet bleibt, lernt man nichts. Neuhebräische Alltagssprache ist sehr einfach. Die Grammatik ist extrem leicht. Schwierigkeiten machen die Sprechgeschwindigkeit, die breit gefächerten Akzente und die vielen Ausdrücke und Bilder, die man nur dann verstehen kann, wenn man hier lebt. Die Hochsprache ist praktisch mit dem biblischen Hebräisch identisch und sehr schwierig und formelhaft.

Gibt es starke indogermanische Einflüsse?

Ja. Das moderne Hebräisch ist voll mit Fremd- und Lehnwörtern aus dem europäischen Bereich. Das Deutsche ist dabei besonders im technischen Bereich vertreten. Auch einige grammatische Strukturen wurden bewußt übernommen. Das moderne Hebräisch ist von einer einzigen Person gestaltet und definiert worden. Sein Sohn war der erste hebräische Muttersprachler seit tausenden Jahren.

Von wem wird die
Sprache noch gesprochen außer den Israelis?

Wüßte nicht wer das sein sollte. Oder sind jüdische Schüler im Ausland gemeint, die es als Fremsprache lernen? Dann spricht „man“ in Deutschland aber auch Englisch.

Gibt es Vorteile die für das Erlernen dieser Sprache sprechen?

Gute Bezahlung als Übersetzer, weil es selten ist. :smile:

Hilft es einem beim Torastudium?

Es ist Bedingung dafür.

Oder hat das Althebräisch nur
die Schrift mit dem Neuhebräisch gemein?

Es ist dieselbe Sprache.

P.S.: Da fällt mir doch schon was ein: „Schalom“ und „Salaam“
sind doch zwei ähnlich klingende Worte! Beide bedeuten
„Frieden“ und beide werden zur Begrüßung benutzt… ein erster
Anhaltspunkt?

Es ist dasselbe Wort, bedeutet in dieser Form aber nicht Frieden im Sinne von „Kein Krieg“ sondern Wohlergehen, Vollkommenheit, Gesundheit, Heil.

Gruß
d.

Aber da die Aussprache von Ivrit ziemlich
„unsemitisch“ klingt, denke ich, dass sich ein Israeli und ein
Araber nicht miteinander unterhalten können

Hi

Es hängt davon ab wer spricht. Es gibt hebräische Akzente, die sehr wohl orientalisch klingen, manche fast wie Arabisch - je nachdem welche Herkunft der Sprecher hat. Und trotzdem versteht einer den anderen nicht.

Es gibt aber sehr viele arabische Wörter im Hebräischen, besonders in der Umgangssprache, von Grüßen bis Flüchen.

Gruß
d.

  1. Schock: Nicht alle Juden sprechen Jüdisch/Jiddish, es
    scheint sich sogar um eine Minderheit zu handeln die diese
    Sprache spricht.

Lustig, womit man manche Leute schocken kann. :wink:

Lustig finde ich das nicht. Es zeugt eher von einer totalen Unwissenheit über jüdische Realitäten. Vor lauter Klezmerkonzerten scheinen manche zu glauben, daß es immer noch Städtels gibt, während die Existenz von Israel an ihnen vorbeigeht :smile:))

Gruß
d.

Lustig finde ich das nicht.

Aber geh … lass mich doch darüber lachen. :smile: Das Leben ist ernst genug.

Es zeugt eher von einer totalen
Unwissenheit über jüdische Realitäten.

Woher soll das Wissen denn kommen? Das fliegt einem nicht von selber zu. Wenn man etwas über „jüdische Realitäten“, wie du es nennst, wissen will, dann muss man sich aktiv damit beschäftigen.

Man weiß das nicht „einfach von selber“ dass das jüdische Neujahrsfest im Herbst ist und man weiß auch nicht von selber, was ein Städtel war. So etwas lernt man nicht in der Schule. Ich meine, zumindest nicht so. Man lernt Zahlen. Aber nur wenige Lehrer können diese Zahlen wirklich lebendig werden lassen. Vielleicht, weil nur wenige Lehrer sich trauen, wirklich „hinter die Fassade“ zu schauen, und sich lieber hinter Zahlen und Fakten verstecken? Es ist einfacher. Das macht einen nicht so traurig.

… während die Existenz von Israel an ihnen
vorbeigeht :smile:))

Keine Sorge - man sieht euch schon. :smile:

Schöne Grüße

Petra