Hallo!
Habe schon im Archiv gestöbert, möchte aber noch mal fragen:
„… fühlte Malcolm sich umweht vom Atem des Orients …“ oder
„fühlte sich Malcolm umweht …“ Ich erinnere mich dumpf aus meiner weit, weit zurückliegenden Schulzeit, dass die Stellung des „sich“ früher sehr rigide gehandhabt wurde. Hat sich das inzwischen nicht gelockert? Ich finde die erste Version irgendwie geschmeidiger, flüssiger (fällt beim laut Lesen auf). In der ersten Version bildet das „sich“ vor dem Malcolm so einen kleinen Stopp und stellt Distanz her.
Gruß,
Eva
Hallo Eva,
eine „rigide“ Regel in diesem Zusammenhang kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Die Wortstellung ist hier eher eine Frage des Stils, wobei im Deutschen grundsätzlich dabei darauf geachtet werden sollte, zwecks besserer Verständlichkeit Zusammengehörendes auch syntaktisch möglichst nahe beieinander zulassen. Das spräche für das erste Beispiel. Andererseits ist beim zweiten Beispiel auch nach meinem Empfinden der Sprachfluss deutlich besser - und der Abstand zwischen „fühlte“ und „sich“ nicht so groß, dass der Satz dadurch schwer verständlich würde. Es geht freilich auch anders, wie folgende Anekdote belegt:
_Um die verzweifelte Stimmung, welche die ‚Frankfurter Schule‘ um das Jahr 1933 herum befallen hatte, etwas aufzulockern, veranstaltete Max Horkheimer eines schönen Tages einen kleinen Wettstreit. Derjenige sollte Sieger und der beste Kritische Theoretiker sein, der das Reflexivum ‚sich‘ am weitesten postponieren konnte. ‚Das hört sich gut an!‘ rief Erich Fromm und schied sofort aus. ‚Jetzt wird sich mal zeigen,‘ schrie begeistert Herbert Marcuse, ‚wer was drauf hat im Kopf!‘ - und natürlich sah damit auch Marcuse kein Land. Etwas geschickter stellte sich Walter Benjamin an, der mit einem ‚Der Marxismus muß mit dem Judentum sich verbrüdern!‘ zum Erfolg zu kommen hoffte. Habermas hatte offensichtlich die Regel mißverstanden oder was, jedenfalls schied er mit seinem Beitrag ‚Sich denken, bringt wahre Selbstreflexion des Geistes‘ aus, und auch Pollock brachte es mit einem ‚Gott ist an sich im Himmel‘ nicht weit, ja er wurde sogar mit Schulverweis bedroht (nachher wollte er es ironisch verstanden haben usw., was aber vor allem Marcuse bestritt, während Fromm irgendwie mit der ganzen Welt verkracht war und nur verbissen an seiner Rache bzw. einem Bleistift kaute) - jedenfalls legte nun lächelnd Max Horkheimer mit dem Satz ‚Die Judenfrage erweist in der Tat als Wendepunkt sich der Geschichte‘ einen echten Hammer vor, indessen - nicht zu glauben, daß auch dies noch übertroffen werden konnte: Sieger wurde und sein Meisterstück machte nämlich Adorno mit dem seither geflügelten Satz: ‚Das unpersönliche Reflexivum erweist in der Tat noch zu Zeiten der Ohnmacht wie der Barbarei als Kulmination und integrales Kriterium Kritischer Theorie sich.‘ Selten ein schönerer, ein rührenderer Anblick als der, da Max Horkheimer mit den Worten ‚Brav, sehr brav‘ dem Jüngeren über den schon haarlosen Kopf strich und ihm als Siegestrophäe Fritzi Massary überreichte."
(Eckhard Henscheid: Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno reinlegte. Zürich 1983)_
Freundliche Grüße,
Ralf