Hi!
Was ist von der These zu halten, die Alliierten hätten den
Sieg im 2.WK nur durch materieller und personelle
Überlegenheit davongetragen.
Das ist sicherlich korrekt, wenn man die Summe aller Armeen nimmt, die gegen das Dritte Reich gekämpft haben. Im einzelnen waren wohl nur die Sowjetunion und die USA personell und materiell überlegen.
In puncto Disziplin, Moral und vor allem technischen
Innovationen sei das Deutsche Reich weit überlegen gewesen?
Ich halte die These von überlegenen technischen Innovationen für übertrieben. Bis zum Ende des Krieges wurde der deutsche Infanterist mit dem K98-Karabiner ausgerüstet, der zwar von Reichweite, Treffgenauigkeit und Schußwirkung eine sehr gute Waffe war, aber mit seinem 5-Schuss-Magazin und dem Einzelkammer-Repetier-System eine völlig unzureichende Feuerkraft bot (halbautomatische Waffen wie die amerikanischen M1- und Garand-Gewehre oder das britische Lee-Enfield waren dem K98 im Gefecht in der Feuerkraft eindeutig überlegen).
1941 bestand bei der Wehrmacht ein einziges Chaos, was die Motorisierung anging. Es wurde Lkw aller möglichen Hersteller verwendet, teilweise sogar Fahrzeuge aus besetzten Ländern. Die Folge war ein wahrer Wust an Materialbedarf im Schadensfall, weil Reifen, Motoren, Achsen, Getriebe usw. untereinander nicht austauschbar waren. Außerdem waren Pferd und Wagen noch immer elementare Bestandteile der Fortbewegung. Rein technisch gesehen bewegte sich die deutsche Infanterie auf dem Stand des Ersten Weltkrieges.
Die deutsche Panzerwaffe war bereits zu Beginn des Krieges alliierten Panzern unterlegen. Der britische Mark II (Matilda) war für deutsche Panzer der Jahre 1939 bis 1941 nicht zu knacken, der französische Char I war für deutsche Panzerbesatzungen ein mehr als ernst zu nehmender Gegner, und auf dem Schlachtfeldern Rußlands verbreitete das Auftauchen des T-34 unter den deutschen Panzertruppen reinste Panik (es gibt entsprechende Wehrmachtsbericht aus dem Herbst 1941 dazu). Die später entwickelten Panzer V (Panther) und Panzer VI (Tiger) sind direkte Folgen des sowjetischen T-34 (u.a. erstmaliger Einsatz von abgeschrägten Wannen bei deutschen Panzern).
Rettung für die deutschen Panzer bot der Einsatz der 88mm-FlaK („Acht-Acht“) im Panzerabwehreinsatz, der nur durch Zufall bzw. in höchster Not im Frankreichfeldzug entdeckt wurde, die Erlangung der Luftüberlegenheit (im Zweiten Weltkrieg wurde nie eine Schlacht von der Seite gewonnen, die _nicht_ die Luftüberlegenheit hatte) mit Einsatz der Stukas als „Feuerwehr der Lüfte“ sowie der neuen Taktik, Panzer als eigene Einheiten auf dem Gefechtsfeld einzusetzen (Briten und Franzosen setzten Panzer bis dahin ausschließlich als Infanterie-Unterstützungswaffe ein).
Was die anderen deutschen Entwicklungen angeht, so beruhen viele davon auf ausländischen Erfindungen. Die deutsche Luftwaffe hat als erste einen Kampfjet eingesetzt, jedoch ist die Turbine eine britische Erfindung. Andere deutsche Erfindungen im Krieg war von marginaler Bedeutung und hatten kaum Einfluß auf den Kriegsverlauf.
Hingegen trugen Erfindungen der Alliierten erheblich zum Kriegserfolg bei:
das Radar, das sich bereits 1940 in der Luftschlacht um England bewährte,
das Sonar, was die Schlacht auf dem Atlantik zuungunsten der deutschen U-Boote entschied,
der Computer, der es den Briten ermöglichte, den deutschen Enigma-Code zu knacken,
und natürlich die in Reichweite und Nutzlast deutlich besseren Flugzeuge der Allierten (die deutsche Luftwaffe besaß weder einen Langstreckenjäger noch einen viermotorigen Bomber für einen strategischen Luftkrieg)
Und ganz ehrlich: mir wäre als Soldat eine materielle Überlegenheit, die mit Artillerie und Bomben beim Feind alle kurz und klein haut, deutlich lieber, als gegen einen zahlenmäßig und materiell überlegenen Feind nur mit besserer Moral anzugehen.
Grüße
Heinrich