Siezen aus englischer Übersetzung?

Hallo, ich hoffe ihr könnt mir bei meiner Ratlosigkeit helfen :smile:

was mir schon öfter aufgefallen ist, obwohl ich ein, aus dem amerikanischen, übersetztes Buch lese, wird irgendwie erwähnt, dass sich die Protagonisten duzen. Als Beispiel:

„Mir gefiel, dass er mich duzte.“
(Tochter der Träume - Kathyrn Smith, S. 284)

Wie kann es sein, dass die Autorin diesen Satz geschrieben hat? Da sie Amerikanerin ist, müsste dies doch eine Selbstverständlichkeit sein, dementsprechend kann sich nur die Übersetzerin diesen Satz ausgedacht haben, aber das darf sie doch gar nicht?

Wenn auf einmal zwei Leute in einem Buch anfangen sich zu duzen, weil sie sich näher kennengelernt haben, dann kann ich mir schon vorstellten, dass der Übersetzer einfach vom Sie zum du gehen darf.
Aber wo kommt dieser Satz dann her?

Hallo,

„Mir gefiel, dass er mich duzte.“
(Tochter der Träume - Kathyrn Smith, S. 284)

Wie kann es sein, dass die Autorin diesen Satz geschrieben
hat?

denkbar wäre eine Formulierung wie „… called me Susan / by my first name“ - aber ob und wie ein solcher Satz formuliert wurde, lässt sich ohne Kenntnis des Originaltexts nicht sagen.

Gruß
Kreszenz

Hallo,

„Mir gefiel, dass er mich duzte.“
(Tochter der Träume - Kathyrn Smith, S. 284)

Wie kann es sein, dass die Autorin diesen Satz geschrieben
hat?

Vielleicht stand da im Original etwas von „first-name basis“ oder irgendetwas anderes, das auf den vertrauten Umgang hinwies.

… dementsprechend kann sich nur die
Übersetzerin diesen Satz ausgedacht haben, aber das darf sie
doch gar nicht?

Oh doch. Gerade Literaturübersetzungen sind oft sehr frei. Man legt mehr Wert darauf, dass das Buch beim deutschen Publikum ankommt, als auf eine wortgetreue Übergabe des Originaltextes.

Sollte also in einem Roman mal jemand über Deutsche lästern, kannst du dir sicher vorstellen, was mit dieser Stelle passiert …

Aber die künstlerische Freiheit geht noch viel weiter.

Ich habe mir mal spaßeshalber „Per Anhalter durch die Galaxis“ auf deutsch ausgeliehen, weil ich im englischen Original einiges entdeckt habe, das nicht ganz unproblematisch zu übersetzen ist. Da war beispielsweise von einem Lichtspektrum die Rede, das von „ultraviolent to infradead“ reichte. Übersetzt wurde das mit „ultraviolent bis infratot“.

Und da waren noch einige andere Stellen, die ich mir angemerkt hatte, und die mir nur jetzt nicht mehr einfallen.

Der erste Schock war dann schon einmal, dass ich diese Stellen nur schwer finden konnte, weil man die Kapitel in der Übersetzung etwas anders eingeteilt hatte. Aber die Kapitel begannen nicht nur an einer anderen Stelle - teilweise fehlten auch mehrere Seiten Text!

Im englischen Original bekam da z.B. jemand einen Preis „for the most gratuitous use of the word Belgium in a serious screenplay“.

Das hat mich natürlich interessiert, was der Übersetzer daraus gemacht hat. Aber die ganze Passage mit „Belgium“ taucht in der deutschen ÜB gar nicht auf. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum.

Jedenfalls, um deine Frage zu beantworten: Klar darf das die Übersetzerin, und sogar noch viel mehr.

Schöne Grüße

Petra

ultraviolent to infradead
Hi Petra,

ich bin ein riesen Douglas Adams-Fan. „Hitchhiker’s Guide“ kann ich immer wieder lesen und gucken! :smile:

Eine Frage habe ich bezüglich

Aber die künstlerische Freiheit geht noch viel weiter.

Ich habe mir mal spaßeshalber „Per Anhalter durch die Galaxis“
auf deutsch ausgeliehen, weil ich im englischen Original
einiges entdeckt habe, das nicht ganz unproblematisch zu
übersetzen ist. Da war beispielsweise von einem Lichtspektrum
die Rede, das von „ultraviolent to infradead“ reichte.
Übersetzt wurde das mit „ultraviolent bis infratot“.

Wie hättest Du es übersetzt? Ich habe The Guide nie auf deutsch gelesen, finde aber, dass „infratot“ eigentlich gut passt. Oder meinst Du, die hätten es lieber als „infradead“ lassen sollen?

Ich frage nur, weil ich alles aus englischer Sicht sehe und manchmal nicht verstehe, wieso irgendwas nervt. Da ich selber übersetze höre ich gern zu, wenn über Übersetzungen diskutiert wird. :smile:

Danke & schöne Grüße,
MacD

Oh, Wahnsinn, das hätte ich nicht gedacht! Aber okay, damit hat es sich natürlich geklärt, hätte gedacht, dass sie sich wortgenau am Original halten müssen und nur bei Umgangssprachen oder irgendwelchen schwierig zu übersetzenden Teilen, ein wenig künstlerische Freiheit praktizieren dürfen.

Danke jedenfalls!

Hallo,

Oh doch. Gerade Literaturübersetzungen sind oft sehr frei.

Ja-ein. Kommt auch auf die Qualität (der Übersetzung, des Lektorats) an und auch auf den Status des Autors des Originals.

Man
legt mehr Wert darauf, dass das Buch beim deutschen Publikum
ankommt, als auf eine wortgetreue Übergabe des Originaltextes.

Siehe oben. Von solchen Pauschalurteilen halte ich nichts.

Sollte also in einem Roman mal jemand über Deutsche lästern,
kannst du dir sicher vorstellen, was mit dieser Stelle
passiert …

?? Dafür hast du sicher Belege?
Außer in der trivialsten Trivialliteratur, in der anderes als Lesen bedient wird, kann ich mir das nicht vorstellen.

Aber die künstlerische Freiheit geht noch viel weiter.

Welche jetzt - die künstlerische oder die übersetzerische?

Da war beispielsweise von einem Lichtspektrum
die Rede, das von „ultraviolent to infradead“ reichte.
Übersetzt wurde das mit „ultraviolent bis infratot“.

Muss mich McG. anschließen: was ist daran so seltsam, dass man es hier als Beispiel für übersetzerische Freiheit anführt?

Das hat mich natürlich interessiert, was der Übersetzer daraus
gemacht hat. Aber die ganze Passage mit „Belgium“ taucht in
der deutschen ÜB gar nicht auf. Ehrlich gesagt verstehe ich
nicht, warum.

Ich auch nicht. Aber Hitchhiker ist sicher sehr schwer zu übersetzen und manchmal scheitert ein ganzer Absatz an einem Halbsatz, was man aber erst nachvollziehen kann, wenn man selbst die ganze Übersetzung geleistet hat.
Im Übrigen halte ich „Übersetzen durch Weglassen“ für manchmal die ehrlichere Alternative, wie totalen Schrott zu übersetzen.

Jedenfalls, um deine Frage zu beantworten: Klar darf das die
Übersetzerin, und sogar noch viel mehr.

Nein, so einfach kann man sich es denn doch nicht machen.

Gruß
Elke

Hallo Petra,

Aber die Kapitel begannen nicht nur an einer anderen Stelle - teilweise fehlten auch mehrere Seiten Text!

dazu sollte man aber vielleicht noch erwähnen, dass inzwischen viele Romane bereits übersetzt werden, wenn der Originaltext noch in einer vorläufigen und nicht der endgültigen Druckfassung vorliegt.

Beste Grüße

=^…^=

Hallo MacD,

Ich habe mir mal spaßeshalber „Per Anhalter durch die Galaxis“
auf deutsch ausgeliehen, weil ich im englischen Original
einiges entdeckt habe, das nicht ganz unproblematisch zu
übersetzen ist. Da war beispielsweise von einem Lichtspektrum
die Rede, das von „ultraviolent to infradead“ reichte.
Übersetzt wurde das mit „ultraviolent bis infratot“.

Wie hättest Du es übersetzt?

Das wusste ich eben nicht. Ich wäre nicht auf die geniale Lösung gekommen, „ultraviolent“ einfach stehen zu lassen und mit „infratot“ dann das Wortspiel rüberzubringen.

Ich hatte keine Ahnung, wie man mit dieser und anderen schwierigen Stellen am besten umgeht. Ich meine, ich wusste nicht wie weit man gehen darf, wie viel man verändern darf. Daher habe ich mir die deutsche Version ausgeliehen.

Ich habe The Guide nie auf
deutsch gelesen, finde aber, dass „infratot“ eigentlich gut
passt. Oder meinst Du, die hätten es lieber als „infradead“
lassen sollen?

Nein, ich finde diese Lösung sehr gut :smile:

Da waren auch noch andere geniale Lösungen, z.B. ging es um „the space-time wash“, und das Wortspiel wurde weitergeführt mit „are we talking about some sort of Vogon laundromat“.
In der deutschen Version wurde daraus der „Raum-Zeit-Strudel“ und ein „Vogonen-Apfelkuchen“ :wink:

Ich frage nur, weil ich alles aus englischer Sicht sehe und
manchmal nicht verstehe, wieso irgendwas nervt. Da ich selber
übersetze höre ich gern zu, wenn über Übersetzungen diskutiert
wird. :smile:

Aha, was übersetzt du denn? Literatur oder ganz profan irgendwelche Bedienungsanleitungen?

Schöne Grüße

Petra

Hi Petra,

Das wusste ich eben nicht. Ich wäre nicht auf die geniale
Lösung gekommen, „ultraviolent“ einfach stehen zu lassen und
mit „infratot“ dann das Wortspiel rüberzubringen.

Ich glaube, dass „violent“ in Deutschland ausreichend bekannt ist, deswegen haben sie es so gelassen. So war es möglich, „infratot“ zu verwenden, die genaue Übersetzung von „infradead“. Da „infra rot“ ein deutsches Wort ist, funktioniert das Wortspiel ganz gut.

Da waren auch noch andere geniale Lösungen, z.B. ging es um
„the space-time wash“, und das Wortspiel wurde weitergeführt
mit „are we talking about some sort of Vogon laundromat“.
In der deutschen Version wurde daraus der „Raum-Zeit-Strudel“
und ein „Vogonen-Apfelkuchen“ :wink:

Klingt auch witzig, aber trotzdem geht ein bisschen Sinn verloren, finde ich. Sie hätten es mit Waschmaschinen und Waschsalons übersetzten können… :smile:

Ich meine, ich wusste nicht wie weit man gehen darf, wie viel man verändern darf.

Das wird (leider oder aber auch zum Glück) nicht festgelegt. Natürlich sollte man möglichst 1:1 übersetzen, was manchmal auch gelingt. Aber sehr oft nicht. Wortspiele, Gedichte, Fantasiesachen…manchmal geht es einfach nicht. Beispiel: Jabberwocky von Lewis Carroll. Es gibt Übersetzungen davon, aber wie sollte man Wörte übersetzen, die es gar nicht gibt? (Genau das Problem habe ich manchmal! Es gibt Firmen, die sich wunderschöne Wörte ausdenken, wenn es sonst nichts gibt. Sowas zu übersetzen macht richtig „Spaß“…)

Aha, was übersetzt du denn? Literatur oder ganz profan
irgendwelche Bedienungsanleitungen?

Weder noch. :smile: Ganz viele Behördensachen (z.B. Gesetze, Technik, Studien…), aber auch tech. Unterlagen für Privatfirmen (z.B. automotive), tech. Websites, usw. Meistens Technik (ich habe immer damit zu tun gehabt) aber manchmal (selten) kann es sein, dass ich zwischendurch eine Speisekarte schnell übersetzen muss. Sowas hilft, den Kopf wieder frei zu kriegen! :smiley: Die Arbeit macht auf jeden Fall Spaß. Meistens…

LG,
MacD