Hallo Michael,
Hier wird es schon fast philosophisch:
*zustimm*
Ist es dann zulässig, diesen Wert
aufgrund anderer Argumente unter den Tisch fallen zu lassen?
Klar. Wenn im Rahmen regelmäßiger Kalibriermessungen z.B. gefunden wird, dass das Messgerät an dem besagten Tag nicht korrekt funktionierte, ist dem Wert nicht zu trauen. Dann muß er raus - egal ob er „paßt“ oder nicht.
Doch noch ein anderer Aspekt ist wichtig:
Es gibt viele Fälle, wo die Verteilung bzw. der Wertebereich der Messwerte selbst bekannt ist (zumindest in gewissem Rahmen). Beispiel: Bestimmung des Blutdrucks. Ziel eines Experimentes könnte es sein, den Einfluß von Yoga-Übungen auf den Blutdruck zu messen. Aus der Literatur ist bekannt, dass a) der Blutdruck in grober Näherung Normalverteilt ist und dass b) ein normaler Mensch mit einem Blutdruck von weniger als 50mm Hg oder mehr als 200mm Hg in der Regel tot ist. Physikalisch ist klar, dass es auch keine negativen Drücke geben kann. Wenn jetzt in einer Meßreihe ein Wert von 42.8mm Hg auftaucht, dann ist das begründbar ein Ausreißer, zum einen aus den o.g. Punkten, zum weiteren wegen der bekannten Tatsache, dass die Manschette manchmal nicht korrekt angelegt wird (es gibt also einsichtige, bekannte technische Probleme, welche zu derart niedrigen Messwerten führen können).
Angenommen ich wäre tatsächlich betrunken gewesen und der
Messwert betrüge genau 98 (also Erwartungswert), dann hätte
ich ja gar keine Veranlassung, ihn rauszunehmen.
Tja, es ist „gute Laborpraxis“, beim Experimentieren eben nicht betrunken zu sein. Ein Experiment, was nicht sauber durchgeführt wurde, hat sowieso keine Aussagekraft.
man eher geneigt, nach systematischen Fehlern zu suchen, wenn
ein Messwert der Grundhypothese widerspricht, als wenn er
übereinstimmt. (Es gibt Arbeitsgruppen, in denen ein
positives Ergebnis als Bestätigung gilt, mehrere
negative Ergebnisse jedoch nicht als Widerlegung!
*heul* ja! LEIDER! Ich kenne Arbeitsgruppen, die ein gelungenes Experiment grundsätzlich nicht wiederholen. Schlimm ist das!!
Richtig ernst wird es, wenn Klinische Studien nicht wiederholt werden. Weil solche Studien lange dauern und teuer sind, ist es leider die Regel, dass Studien nicht wiederholt werden. Ich wage nicht zu vermuten, welche fatalen Konsequenzen das für die Behandlung von Patienten hat!
Ein eher amüsantes Beispiel aus der Praxis habe ich da:
Erich Wolf hat 1870 Untersuchungen zum Mineralstoffgehalt von Spinat gemacht. Er fand ca. 5mg Eisen pro 100g Spinat, was für Pflanzen relativ viel ist und durchaus an den Eisengehalt von Fleisch rankommt. In der Zusammenfassung seines Fachartikels schrieb er fälschlicherweise einen Wert von 50mg Eisen pro 100g Spinat, was etwa der 10fachen Konzentration von Eisen in Fleich entspricht. Das würde Spinat natürlich zur ultimativen Eisenquelle machen!
Die Tatsache, dass über ein Jahrhundert sogar Kindern von ihren Müttern wegen des vielen Eisens mit Spinat gefüttert wurden, zeigt, dass offensichtlich nur die Zusammenfassung gelesen wurde (im Artikel waren die Messwerte korrekt angegeben), und dass sich niemand, der eben nur dieses doch ungewöhnliche Ergebnis kannte, mal versucht hätte, das nachzumessen!
Erst 1937 ist der Fehler übrigends „entdeckt“ worden - allerdings nicht, weil jemand den Artikel richtig gelesen hätte, sondern weil im Rahmen einer anderen Studie auch nochmal der Eisengehalt von Spinat bestimmt wurde. Mehrfach… weil die Werte (um die 5mg/100g) eben viel kleiner waren als erwartet…!).
LG
Jochen