Sind die Deutschen 1945 "zu gut weggekommen"?

Hallo und Guten Tag,

oft hört man von verschiedener Seite im In- und Ausland (im Inland natürlich vor allem aus dem politisch grün-linken Spektrum), z.B. wenn es um Reparationsforderungen u.ä. an Deutschland geht, Deutschland und die Deutschen sollten sowieso „zutiefst dankbar“ sein, denn „eigentlich“ wäre nach allem, was sich an Grausamkeiten und Massenmorden insgesamt zwischen 1933 und 1945 im gesamten deutschen Herrschafts- und Eroberungsbereich abgespielt hatte, eine ganz andere Strafe für Deutschland und das deutsche Volk vorgesehen und angeblich auch „gerechtfertigt“ gewesen. Und nach 1945 habe nur allein Stalins kommunistische Bedrohung aus dem Osten und der damit verbundene „kalte Krieg“ verhindert, dass dies umgesetzt worden sei. Natürlich denkt man da spontan an den berüchtigten Morgenthau-Plan. D.h. Stalin und seine kommunistische Bedrohung hätten Deutschland angeblich „den Hintern gerettet“, weil man im Westen in den 1950er Jahren plötzlich die Bundesrepublik Deutschland als Verbündeten und Bollwerk gegen den Kommunismus gebraucht habe. Kann man das wirklich so sehen? Was wäre denn mit den Deutschen nach 1945 geschehen, wenn es diese kommunistische Bedrohung und den kalten Krieg nicht gegeben hätte? Morgenthau-Plan? Oder der „Hooton-Plan“ ? Oder der „Kaufman-Plan“? Oder was genau wäre „eigentlich angemessen“ gewesen, was hätte mit den Deutschen nach 1945 angeblich eigentlich geschehen sollen / müssen, was hätten sie angeblich eigentlich verdient gehabt? Und: War die brutale Vertreibung von zwölf Millionen Deutschen einhergehend mit einer Million Toter aus den ehemaligen Ostgebieten nicht schon Strafe genug oder war das eigentlich längst „nicht ausreichend“? Was wäre denn angeblich überhaupt 1945 die „gerechte“ Strafe für die Deutschen gewesen? Kollektive Todesstrafe für alle damals 80 Millionen Deutschen? Auch für die deutschen Kinder und Säuglinge? Oder was genau wäre „eigentlich“ angeblich „gerecht“ gewesen 1945 als Strafe für die Deutschen, wenn es den kalten Krieg nicht gegeben hätte, der angeblich allein diese angeblich „gerechte“ Strafe für die Deutschen angeblich verhindert hätte? Müssten die Deutschen heute auf Knien rutschen, dass diese diversen Pläne alle nicht umgesetzt worden sind und die Deutschen daher viel zu gut weggekommen sind? Oder wären diese Pläne, wenn sie denn umgesetzt worden wären, genau so ein Unrecht gewesen wie das, was zuvor die Deutschen getan hatten? Oder wäre doch eine „angemessene Strafe“ für die Deutschen gewesen, wenn es denn so gekommen wäre?

Vielen Dank im Voraus für Antworten und Meinungsäußerungen,

Jasper

Deutschland wäre vermutlich ein Agrarland geworden. Erz und Kohle hätten sich die Siegermächte gesichert . Churchill erkannte jedoch bereits gegen Ende des Krieges, dass es ohne D nicht gehen wird.
Gruß
Rakete

Hallo,
dazu gibt es mindestens 3 Antworten, je nachdem, welche Deutschen betrachtet werden.
A Die Deutschen aus Trizonesien, spaeter Bundesrepublik
B Die Deutschen in Mitteldeutschland, spaeter DDR, dann Mitteldeutschland (heute bisweilen als Ostdeutschland umbenannt)
C Die Deutschen in den ehemaligen Ostgebieten, heute meist Polen, teils Tschechien, teils ehemalige UdSSR. Von dort kamen viele Vertriebene, nach Trizonesien und nach Mitteldeutschland, einige sind auch in den ehemaligen Ostgebieten geblieben.

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Auch Franklin D. Roosevelt soll schon 1944 den Morgenthau-Plan verworfen haben.

Die Frage, um die es mir dabei auch geht:

Wäre es das gewesen, was Deutschland und die Deutschen „eigentlich“ verdient gehabt hätten? Und sollten sich die Deutschen bewusst sein, dass sie als „kollektiv Schuldige“ ihrer „gerechten“ Strafe entgangen waren? Oder wäre eine Kollektivbestrafung von Deutschland genau so ein Unrecht gewesen, wie das, was zuvor Deutschland anderen Völkern angetan hatten`

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Bitte trenne in Zukunft Links und Grün.
Die Grünen sind mir schon lange nicht mehr grün. Damit meine ich nicht den Bezug auf Umweltfragen.

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Es ist müßig diese Frage zu stellen, weil es schlicht und ergreifend an Maßstäben fehlt, an denen man eine „gerechte Strafe“ für ein ganzes Volk messen könnte, denn es fehlt an hinreichend konkreten, gerichtlich durchsetzbaren Regelungen hierzu, die sich dann auch tatsächlich in relevanter Zahl so vor Gericht wiedergefunden hätten, dass man hierzu dann eine gefestigte Rechtsprechung hätte, die hierzu dann entsprechende Abwägungen enthalten würde.

Viel vom dem, was damals als Pläne entstanden ist, wäre - unabhängig vom Strafrechtlichen Strafbegriff denkbar, und nicht unbedingt als moralisch verwerflich anzusehen gewesen.

Dass man sich vor dem Hintergrund der neu aufkommenden Konflikte dann im Westen sehr früh, im Osten erst später dann doch eher für die wirtschaftliche Stärkung als für die Schwächung der jeweiligen Gebiete entschieden hat, war schon eine in dieser Hinsicht positive Fügung, ohne die die Geschichte tatsächlich voraussichtlich anders (aber ggf. durchaus moralisch und rechtlich vertretbar) ausgegangen wäre.

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Servus

Wie schon angemerkt wurde, ist es sehr schwierig, über die Angemessenheit einer Strafe zu urteilen. Was aber auf jeden Fall mit deutlich mehr Nachdruck hätte passieren müssen, war die Entnazifizierung ab 1945. Die wurde eigentlich nur von den Amerikanern gewissenhaft betrieben, während in den anderen Besatzungszonen eigene Interessen im Vordergrund standen. So konnten besonders industrielle Größen wie Quandt oder Maybach auch nach 1945 relativ ungestört weiterarbeiten. Und schaut man sich auf Wikipedia diese Liste von Politikern mit NSDAP Vergangenheit an, kommen einem auch da Zweifel, wie genau hier die Entnazifizierung betrieben wurde:

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Man hat aber auch aus den Ergebnissen des Ersten WK und denen des Versailler Vertrags gelernt und wusste dies bei den Konsequenzen 1945 zu berücksichtigen.

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Richtig, allerdings wurzelte eben auch der Morgenthau-Plan auf den Lehren des ersten WK :man_shrugging:

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Aber könnte man nicht auch sagen, dass es ohne die Angst vor dem Bolschewismus in den 1920er/1930er Jahren vielleicht gar keine Machtergreifung der Nazis gegeben hätte?

Es wäre AUCH ein Unrecht gewesen. Den Mord an 6 Millionen Juden kannst du mit evtl. überharten Sanktionen gegen D nicht gleich setzen.
Gruß
Rakete

Klar könnte man. Ist aber halt falsch.

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Und warum genau ist das „falsch“? Wenn es nicht den Bolschewismus in Russland, bzw. in der UdSSR gegeben hätte, hätte es doch vermutlich auch nicht den Nationalsozialismus als Reaktion darauf gegeben, oder?

Weil die Weltgeschichte kein Kleinlabor ist. Weil es in der Weltgeschichte kein einziges Ereignis und keine einzige Entwicklung gab, die nur auf einem einzigen Grund basiert.

Das ist so naiv gedacht, dass es sich nicht mal lohnt, da wirklich drüber zu diskutieren.

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Darüber gibt es ganze Bücher und historische Abhandlungen - deshalb ist Deine verkürzte Fragerei hier etwas merkwürdig.

Es ist doch eher die Frage, warum sich der NS-Staat gerade hier in Deutschland so breit machen konnte, warum haben sich die Deutschen vom österreichischen Gefreiten so bereitwillig und begeistert f***** lassen?

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Dass diese Frage nicht sinnvoll ist und auf gar keinen Fall mit einem simplen ja oder nein beantwortet werden kann wurde hier ja schon mehrfach geschrieben.

Schon wo die Schuld bei der einzelnen Person anfing,
bei denen, die die Augen zudrückten,
bei denen, die zustimmten,
oder bei denen, die „ein bisschen“ mithalfen (bei was? in welchem Alter? unter welchen Gefahren?)
war und ist nicht eindeutig bestimmbar.

Dass allerdings viele Einzelpersonen „viel zu gut weggekommen“ sind, würde allerdings heutzutage kaum jemand leugnen.
Ärzte, Richter, Wissenschaftler, Politiker, Beamte, Offiziere und viele andere Menschen haben bewusst und ohne Zwang massive Menschenrechtsverbrechen begangen bzw. dabei aktiv mitgewirkt - und nach 1945 unbehelligt in der BRD weitergelebt und zum Teil hohe und einträgliche Posten bekleidet.

Karl

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Der Nationalsozialismus ist nicht allein als Reaktion auf den Bolschewismus entstanden. Woher hast du das? Neben der kommunistischen Revolutionsdrohung aus Moskau waren der Versailler Vertrag und die Massenarbeitslosigkeit nur einige der Ursachen.

Das ist natürlich richtig. Aber dennoch kann man docu sagen, dass es wahrscheinlich nie einen Nationalsozialismus in Deutschland gegeben hätte, wenn es nicht einen Bolschewismus in Russland/ der UdSSR gegeben hätte, oder?

Nein, das kann man nicht. Deiner Logik nach hätte es die Nazis genauso in Polen, Finnland, Türkei, Schweden, Norwegen, China, Kanada, … eben mindestens jedem direkten und indirekten Nachbarland Russlands geben müssen. Die waren schließlich genauso oder sogar erheblich stärker bedroht als Deutschland. Dass das offensichtlich nicht so ist, sollte dir zeigen, dass das Unsinn ist und wohl noch mehr Gründe vorliegen müssen.
Und dann ist da schließlich noch die Tatsache, dass keineswegs die Bolschewisten Deutschland angegriffen haben, sondern im Gegenteil die Deutschen die Aggressoren für alle Länder rings um sich rum waren.

Ist aber eine hübsche Entschuldigung für alle, die nichts dagegen unternommen haben. Kann es sein, dass genau aus dieser Ecke diese offensichtliche Nicht-Begründung stammt?

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Sind die Deutschen 1945 “zu gut weggekommen”?

„Die Deutschen“ mussten ganz schön federn lassen. Das Land verlor ein Drittel seines Staatsgebietes, Millionen von Deutschen wurden von den neuen Besitzern unter Zurücklassung sämtlichen Hab und Guts vertrieben und stießen an ihren neuen Wohnorten oft auf Feindeligkeit und Ausgrenzung. Die Frauen und Mädchen, denen „besonderes“ Schicksal zugestoßen ist, litten zeit Lebens daran.
Deutschland war in zwei Staaten geteilt, die sich unterschiedlich entwickelten und die was die Menschen unterschiedlich prägte. Das wirkt heute noch.
Deutschland ist heute noch wegen der geschehenen Verbrechen gebrandmarkt.

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