Jein
Hallo Gandalf,
zum Menschen als angeblich „natürlichen“ Vegetarier:
Der menschliche Organismus ist tatsächlich von Gebiss und Verdauungsapparat darauf angelegt, sehr flexibel auf ein wechselndes Nahrungsangebot zu reagieren, und eine Vielzahl verschiedener Nahrungsmittel für sich ohne grosse Einschränkungen nutzbar zu machen.
Auch gab/gibt es Kulturkreise, die sich fast ausnahmslos von tierischer Nahrung ernähr(t)en (Massai: Kuhmilch und Rinderblut; Eskimos: Jagd und Fischfang, nur im Sommer durch pflanzl. Kost, insbesondere Beeren ergänzt), und damit über Jahrtausende gut zurechtkamen.
Ich zitiere aus Elmadfa/Leitzmann „Ernährung des Menschen“ 3. Aufl. 1998, Verlag Eugen Ulmer, ISBN 3825280365 Buch anschauen Seite 12):
„Die Menschen sind aber auch fähig, tierische Nahrung zu verwerten. Sie können deshalb von Natur aus weder als reine Pflanzenesser (Herbivoren) noch als reine Fleischesser (Karnivoren) angesehen werden, sondern als Gemischtkost- oder Allesesser (Omnivoren) mit überwiegend pflanzlicher Komponente.“
Zu den Gorillas:
Auch wenn sich viele Primaten de facto vegetarisch ernähren, sind sie von ihrem Gebiss her m.E. als omnivor zu klassifizieren. Darauf weist zumindest das Vorkommen von Schneidezähnen in Ober- und Unterkiefer zusammen mit mehreren gut ausgebildeten Backen-/Mahlzähnen hin.
Dass das physiologische Potential nicht immer genutzt wird, kann eine Vielzahl von Gründen haben. Dieses Phänomen kennt man in der Ökologie ja von vielen Organismen, dass die Bedingungen unter denen sie im Freiland vorkommen bzw. sich verhalten abweichen von dem, was man von ihrer Physiologie her erwartet. Man nennt das den Unterschied zwischen physiologischem und ökologischem Optimum. Das ökologische Optimum weicht oft vom physiologischen ab, weil Faktoren wie inner- und zwischenartliche Konkurrenz, Nahrungsangebot etc. hinzukommen.
Heißt in Kurzform: selbst wenn sich Gorillas tatsächlich rein vegetarisch ernähren würden, ist das Argument ziemlich nutzlos, da es keinen Rückschluss auf das rein physiologisch sinnvolle erlaubt.
Dass Gorillas mit tierischer Nahrung sehr gut zurechtkommen, und diese auch gerne zu sich nehmen, wissen wir aus Zoos und Tierparks. Es gibt einige, zu deren ausgesuchter Leibspeise saftige Steaks gehören, und das alles ohne Verdauungsstörungen.
Zum Fleischgenuss in freier Wildbahn ist nicht ganz so viel bekannt. Schätzungen gehen davon aus, dass tierische Kost nur einen geringen Teil ausmacht, z.B. Insekten, die sich zufällig im zusammengeklaubten pflanzlichen Material befinden, werden ohne Skrupel mitverspeist. Über eine explizite Jagd von Gorillas auf tierische Speise ist mir nichts bekannt, aber ich bin auch kein Primatologe.
Ein gutes Buch über die Lebensweise von Gorillas ist der leider vergriffene Band „Gorillas“ von A. Meder.
Grüße,
Hasta Lavista