Sinn einer (zu?) langen Therapie

Hallo,

ich kenne jemanden, der seit etwa drei Jahren eine Therapie wegen seines geringen Selbstbewußtseins und zwecks Verarbeitung seiner Kindheit macht. Meiner Meinung nach mit gutem Erfolg.

Was mich allerdings irritiert ist, daß diese Therapie so lange ohne Unterbrechung durchgeführt wird. Diese Person bekommt schon direkt Panik bei dem Gedanken, die Therapie zu beenden oder länger zu unterbrechen. Auch habe ich festgestellt, daß sie wichtige Entscheidungen urplötzlich nach einer Therapiestunde trifft. Praktisch wie aus dem Nichts.

Da frage ich mich doch, wo der Sinn dieser Therapie liegen soll. Sollte es nicht darum gehen, daß man im Leben besser klarkommt anstatt von einem Therapeuten abhängig zu sein? Und wie soll ich es verstehen, wenn gerade in so einer Therapie dann Entscheidungen entstehen, die darauf hinauslaufen, alles hinzuwerfen, was ein gewisses Risiko birgt, da man - auch teilweise absolut unberechtigt - Angst hat und lieber ausweicht? Sinn sollte doch wohl eher sein, ein gesundes Selbstvertrauen zu haben und Sachen anzupacken.

Kann eine Therapie durch so einen langen Zeitraum eine falsche Zielrichtung bekommen und irgendwann nur noch schaden?

Danke für ein paar Meinungen!

Joker

Hallo,

das, was ich unter Psychotherapie verstehe, läuft darauf hinaus, daß Menschen geholfen wird, ihre Probleme zu erkennen, die Bedingungen dieser Probleme zu verstehen und zu lernen, wie sie diese Probleme bewältigen können. Also genau das, was Du sagst. Therapie sollte helfen, im Leben besser klarzukommen, indem man aufgrund des Erlernens von Fertigkeiten in der Therapie das Leben wieder in die eigenen Hände nehmen kann.

Was die von Dir beschriebenen Therapie angeht, so kann ich aus der Ferne und ohne mir selbst ein Bild zu machen, natürlich nicht viel dazu sagen. Was man z.B. wissen müßte, ist, welcher Art und Schwere die Probleme der von Dir geschilderten Person vor der Therapie waren und wie sie jetzt aussehen, welche Versuche in der Therapie gemacht wurden, wie diese Versuche verlaufen sind, ob neue und wenn ja, welche neuen Probleme aufgetaucht sind. Ohne die Kranken- und darüber hinaus Lebensgeschichte der Person zu kennen, ist eine Einschätzung schlicht nicht möglich. Wohl aber will ich sagen, daß, wenn es in einer Therapie nicht gelingt, elementare Verbesserungen in dem von mir oben genannten Sinn zu erzielen, ich eine Therapie für gescheitert ansehe. Lange Dauer ohne erkennbare Fortschritte in Richtung mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortung, Abhängigkeit des Patienten / der Patientin vom Therapeuten / der Therapeutin und Hals-über-Kopf-Entscheidungen nach Therapiesitzungen sind definitiv keine positiven Merkmale einer Therapie, wie ich sie verstehe.

Grüße,

Oliver Walter

Was die von Dir beschriebenen Therapie angeht, so kann ich aus
der Ferne und ohne mir selbst ein Bild zu machen, natürlich
nicht viel dazu sagen.

Deshalb war meine Frage auch eher allgemein gehalten, da ich so involviert nun nicht bin.
Grundsätzlich scheint die Therapie auch gute Erfolge zu zeigen. Nur mache ich mir Gedanken, ob man nicht nach einer so langen Zeit eine Unterbrechung machen sollte, damit praktisch frei probiert werden kann, wie weit es Fortschritte gibt. Ohne immer den Rat beim Therapeuten zu suchen.
Insbesondere gab mir auch zu denken, daß diese Person eine Entscheidung trifft, die auf Angst basiert, obwohl die Befürchtungen objektiv gar nicht berechtigt sind. Meiner Meinung nach sollte gerade so eine Therapie darauf abzielen, sich Problemen zu stellen und sich damit auseinanderzusetzen.

Grundsätzlich scheint die Therapie auch gute Erfolge zu
zeigen.

Inwiefern zeigt die Therapie gute Erfolge, wenn Du andererseits eine Art Abhängigkeit vom Therapeuten auszumachen meinst?

Nur mache ich mir Gedanken, ob man nicht nach einer so
langen Zeit eine Unterbrechung machen sollte, damit praktisch
frei probiert werden kann, wie weit es Fortschritte gibt. Ohne
immer den Rat beim Therapeuten zu suchen.

Üblicherweise nimmt die Häufigkeit der Sitzungen bei erfolgreich verlaufenen Therapien mit der Zeit ab, weil Symptomrückgang, zunehmende Fortschritte und Selbständigkeit der Patientin weniger therapeutische Intervention notwendig machen. So wird die Patientin langsam Schritt für Schritt in den Alltag entlassen. Während dieses Prozesses sollte sie ständig mit Situationen konfrontiert werden, in denen sie das, was in der Therapie besprochen worden ist, anwenden kann. Das Ziel ist dabei - wie gesagt - zunehmende Selbständigkeit im Bewältigen dieser Situationen, wobei ständige Rückkoppelungsschleifen in Form von Gesprächen über solche Situationen mit der Therapeutin notwendig sind. Falls dieser Prozeß positiv verläuft, geht die Therapie schließlich in die sogenannte Nachsorge über, in der Patientin und Therapeutin sich nur noch sporadisch, vielleicht einmal im Monat oder seltener treffen.

Am Beispiel der kognitiven Verhaltenstherapie der Depression exemplifiziert umfaßt ein solcher Prozeß meistens nicht mehr als 30 bis 40, manchmal auch nur ca. 20 Sitzungen, wobei diese anfangs zweimal wöchentlich, dann wöchentlich oder auch vierzehntägig stattfinden. Wenn die Therapie gute Fortschritte macht, wird es von Therapeuten als durchaus sinnvoll angesehen, zu überlegen, ob eine Therapieunterbrechung von 1-2 Monaten vorgenommen werden kann, damit die Patienten vollkommen selbständig ihre Erfahrungen machen können. An diesem Beispiel wird deutlich, daß Therapien keine Jahre dauern müssen, sondern daß sich selbst schwerere Störungen innerhalb von 3-4 Monaten in den Griff bekommen lassen.

Meiner Meinung nach sollte gerade so eine Therapie darauf abzielen,
sich Problemen zu stellen und sich damit auseinanderzusetzen.

Meiner Meinung nach auch. Bei manchen Therapieformen liegt so etwas allerdings nicht im Fokus der Aufmerksamkeit.

Grüße,

Oliver Walter

Grundsätzlich scheint die Therapie auch gute Erfolge zu
zeigen. Nur mache ich mir Gedanken, ob man nicht nach einer so
langen Zeit eine Unterbrechung machen sollte, damit praktisch
frei probiert werden kann, wie weit es Fortschritte gibt. Ohne
immer den Rat beim Therapeuten zu suchen.

Das sollte der Therapeut oder der Patient beurteilen, ob der Patient schon die genügende Sicherheit dazu hat.

Insbesondere gab mir auch zu denken, daß diese Person eine
Entscheidung trifft, die auf Angst basiert, obwohl die
Befürchtungen objektiv gar nicht berechtigt sind. Meiner
Meinung nach sollte gerade so eine Therapie darauf abzielen,
sich Problemen zu stellen und sich damit auseinanderzusetzen.

Nun vielleicht ist die Therapie immer noch in dem Stadium, daß eine Entscheidung herbeizuführen geübt wird, genauso wie damit geübt wird mit den Konsequenzen dieser Entscheidung klarzukommen.

Falls der Theraüeut immernoch damit beschäftigt ist, den Patienten dazu zu bewegen überhaupt „irgendeine“ entscheiung selbst zu treffen und mit ihm hernach die Bewältigung der Konsequenzen bearbeitet solange ist meiner Meinung nach noch keine Verselbständigung angezeigt.

Und gerade wenn dann aus dem „Bekanntenkreis“ mit schwerem Herzen getroffenen Entscheidungen „kritisiert“ oder „in Frage“ gestellt werden, hat der Therapeut gleich in der nächsten Sitzung wieder von vorne anzufangen.

Gehe lieber hin und bestärke die Person darin, daß eine Entscheidung zu treffen, auch wenn sie falsch ist, allemal besser ist als garnix zu tun.

gruss

Inwiefern zeigt die Therapie gute Erfolge, wenn Du
andererseits eine Art Abhängigkeit vom Therapeuten auszumachen
meinst?

Meiner Meinung nach ist sie recht erfolgreich. Und auch Therapeut und die betreffende Person sehen es so. Aber als der Therapeut sagte, daß er die Therapie eigentlich für abgeschlossen hält, bakam diese Person richtige Panik. Daher mache ich mir Sorgen, daß diese Person die Therapie jetzt als allgemeine Lebensstütze betrachtet und Angst hat, auf eigenen Beinen zu stehen, obwohl sie es längst könnte und versuchen sollte. Darum geht es mir.

An diesem Beispiel wird deutlich, daß Therapien keine Jahre
dauern müssen, sondern daß sich selbst schwerere Störungen
innerhalb von 3-4 Monaten in den Griff bekommen lassen.

Ja, das ist es, was mich verwundert. Die Sache zieht sich drei Jahre. Natürlich kann man so etwas nicht pauschalisieren, aber wenn ich das hier lese, kommt es mir sehr lang vor.

Insgesamt mache ich mir nun einmal große Sorgen, daß die Therapie nicht mehr in die richtige Richtung läuft.
Aber wirklich beurteilen kann ich es eh nicht.

P.S.: Sehr interessante Homepage!

lieber hin und bestärke die Person darin, daß eine
Entscheidung zu treffen, auch wenn sie falsch ist, allemal
besser ist als garnix zu tun.

Grundsätzlich richtig. Zweifel kommen mir nur, wenn die Entscheidung darin besteht, quasi nichts zu tun, sondern einfach den Problemen auszuweichen und sich nicht mit ihnen auseinanderzusetzen.

Meiner Meinung nach ist sie recht erfolgreich. Und auch
Therapeut und die betreffende Person sehen es so.

Mich hätten die Gründe für diese Einschätzung interessiert.

Aber als der
Therapeut sagte, daß er die Therapie eigentlich für
abgeschlossen hält, bakam diese Person richtige Panik.

Ich kann nachvollziehen, daß jemand, dem man - anscheinend plötzlich - mitteilt, daß die Therapie „eigentlich“ (?) abgeschlossen ist, Ängste entwickelt. Ein Therapieabschluß sollte sorgfältig eingeleitet werden, damit so etwas möglichst nicht geschieht.

Daher
mache ich mir Sorgen, daß diese Person die Therapie jetzt als
allgemeine Lebensstütze betrachtet und Angst hat, auf eigenen
Beinen zu stehen, obwohl sie es längst könnte und versuchen
sollte. Darum geht es mir.

Deine Frage betrachte ich seit Deinem ersten Posting als berechtigt. Therapie sehe ich wie Du nicht als allgemeine Lebensstütze und die Therapeut-Patient-Beziehung nicht als Ersatz für Freundschaften, Partnerschaften und dgl.

Insgesamt mache ich mir nun einmal große Sorgen, daß die
Therapie nicht mehr in die richtige Richtung läuft.

Mir fällt es schwer, Dir in dieser Hinsicht etwas zu schreiben, da ich Deine Beziehung zu der Person, die sich in der Therapie befindet, nicht kenne, geschweige denn, daß ich über die Person oder ihre Therapie Informationen habe. Ich denke aber, daß Du Dir darüber klar werden solltest, welche Bedeutung das Wohlergehen dieser Person für Dich hat und welche Möglichkeiten Du hast, ihr Wohlergehen positiv zu beeinflussen. Falls diese Möglichkeiten gering sind und Du mit der Person in keinem sehr engen Verhältnis stehst, solltest Du Dich fragen, ob es nicht sinnvoller ist, mehr Abstand zu dieser Sache zu gewinnen. Vielleicht ergeben sich später einmal Zeiten und Umstände, in denen die Chancen, positiv Einfluß zu nehmen, größer als zur Zeit sind.

P.S.: Sehr interessante Homepage!

Danke :smile:

Grüße,

Oliver Walter