So ist es eben!

Nichts Besonderes, das gibt es jeden Tag!

Ein Mann sitzt in einem technischen Kontrollraum, umgeben von tausend Drähten, Schaltern, Kästen und Nummern. Ein Druck auf den Knopf und ein mathematisch wundervoller Mechanismus erzeugt mit mathematisch wundervoller Präzision eine mathematisch wundervolle Energieleistung für einen unvorstellbar großen Umkreis. Und der Mann ißt brav sein Butterbrot, belegt mit westfälischer Landwurst, und er denkt , was er jedes Mal denkt, wenn er Dienst hat! Immer vergisst die Alte den Senf.

Ein Zigeunerwagen rollt durch das Dorf, gezogen von einem kleinen hurtigen Pferd. Hoch über dem Zigeunerwagen, fast schon im Himmel drin, malt ein Düsenflugzeug einen breiten Kondensstreifen über die Welt. Das Pferd schafft fünfzehn Kilometer am Tag. Ein Düsenflugzeug tausend Kilometerin der Stunde, wie weit ist der Pilot vom Zigeuner entfernt, wenn beide sechzig sind?

Eine Enthüllungstänzerin tanzt in einer Bar, Jeden Abend um die selbe Zeit, derselbe Schleier. Sie weiß, wie die Männer gucken, sie weiß wie die Frauen gucken, sie guckt schon gar nicht mehr hin, wenn sie gucken. Dann tritt sie mit freundlichem Tusch und gemischtem Beifall ab, stolz wie eine Primaballerina( mehr gibt’s nicht) , setzt sich in die Küche zur Köchin und stickt an ihrer Leinendecke weiter. Rote Sternchen, grüne Sternchen, blaue Sternchen und in der Mitte zwei verschlungene Herzen.

Der Fahnenträger vom Schützenverein wird geehrt.Fünfzig Jahre treue, unermüdliche Zugehörigkeit. Ein runder gemütlicher Zigarrenraucher. Sein Sohn hat ein Motorrad und einen weißen Sturzhelm und fährt ins Kino, dort gibt es einen Cowboyfilm. „Du mit deinen Cowboyfilmen“, sagt der Vater immer. „Und du mit deinem Schützenverein“, sagt dann der Sohn, aber nachts wenn sie schnarchen, kann man den einen nicht von dem anderen unterscheiden.

Seine Magnifizenz, Rektor der Universität mit weißer Halskrause und schwarzem Talar, hält eine Festansprache. “Des Menschen eleres Leben geht langsam von Stufe zu Stufe zu seiner Reifung., aber sein Wachstum solange es dauert, soll nie stillstehen, es soll wachsen von Stufe zu Stufe, von Erkennt nis zu Erkenntnis, von Liebe zu Liebe“: Drei Strassen weiter, im Sportpalst steigen die Catcher in den Ring… Alles tobt, wenn der Kleine den Großen in den Schwitzkasten nimmt, dass ihm die Nase schwillt.

Ein zukünftiger Weltraumfahrer lässt sich von einem Illustriertenreporter fotographieren. Eng verschnürrter Anzug, das Gesicht hinter dem Plexiglasfenster einer Metallkugel, von oben bis unten für ein gigantisches Abenteuer ausstaffiert, und irgendwo in einer Tasche versteckt der unentbehrliche Talisman, ein kleiner Schornsteinfeger aus Stoff von der Braut.

Ein Mann mit einem Zwicker hockt in einem Kiosk, umrahmt von buten Zeitschriften, deren Titelseiten aneinanderhängen, wie ein Sortiment größter Briefmarken. Auf jeder Briefmarke ein locker hingebautes Mädchen, je nach Wunsch, mit oder ohne Badeanzug. Links ein Stapel Groschenhefte, scharfe Geschichten für junge Leser. Rechts eine Auswahl Wochenblätter, mit Horoskop und glühenden Schlagzeilen von den Memoarien der Führeifen bis zur Hebamme ihrer Majestät. Neben dem Kiosk malt ein Kind mit einem Stück Kreide wackelige Männchen an eie Hauswand. „laß das sein“, ruft der Zwicker dem Kind zu, „das tut man nicht“.

Ein Pianist im Konzertsaal spielt Beethoven. Ein italienischer Olympiaboxer bekreuzigt sich mit seinen
dicken Handschuhen, saust aus seiner Ecke und schlägt den Gegner in der ersten Runde k.o. Die Schönheitskönigin auf dem Laufsteg hat eine Reise nach Palm Beach gewonnen, und in der Klinick wird operiert, Verkehrsunfall, der sechste heute…

Gruß
PiRo
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Ja, Rolf, genau so ist es.
Das Leben, eine Andereinanderreihung von Banalitäten und Albernheiten.
Großes, das sich im Kleinen tut und kleine Ursachen, die immer weitere Wellenkreise ziehen.
Danke für Deinen Text.
Eckard.

Hallo!
Zur Richtigstellung, möchte ich mich nicht mit falschen Lorbeeren schmücken.
Der Text stand vor ca.40 Jahren in der Nordsee Zeitung Bremerhaven von Freudenberger
Ich fand ihn einfach gut.
Hier noch einen aus der gleichen Feder.

Monolog eines Vagabunden

Lieber Gott, schenk mir einen Pfennig, kein Auto, kein Haus, keine Fabrik,
was soll ich damit, schau mich an, das bin ich nicht.
Dann fang ich an zu rechnen und muß einen Schlips tragen, das macht mich nervös.
Schenk mir einen Pfennig, schick mich auf die Wanderschaft und laß mich Dein Vagabund sein.

Ich will den Tau von den Rosen streichen, die fallenden Blätter einsammeln, den Schnee von den Bäumen schütteln, über eine buckelige Brücke gehen in ein Land voller schmaler grüner Fensterläden, wo den ganzen Tag die Sonne scheint und das Meer so grün ist, daß man nicht mehr davon los kommt.

Schenk mir einen Pfennig und er wird mir Glück bringen, denn das Glück, das ich suche, ist nicht Wohlstand, nicht Geborgenheit, nicht Erfolg und nicht Gesundheit; geh mir weg mit Knoblauchpillen, das Glück, das ich suche, ist das große, schöne, wundersame Gefühl. Jeden Tag eine Handvoll.

Musik hören und alles durcheinanderbringen, Beethoven, Mozart, Vivaldi und Edith Piaf, genügt doch, wenn ich´s spüre, den Candlelightwalzer und die Elisabethserenade, die russischen Lieder, die französischen Lieder, die jugoslawischen Lieder und die Wiegenlieder der ganzen Welt. Nur hören, die Beine ausstrecken und Deinen Pfennig in der Hand halten.

Die Landstraße entlangtanzen wie ein alter Bär, den Wäscherinnen am Bach winken, eine Säule anfassen, die tausend Jahre alt ist, und mit den Fingern über die Kerben streichen. Einen Slibowitz trinken, hören wie es donnert, sehen, wie es blitzt, durch den warmen Regen maschieren, in einem weißen Fischerdorf an der Mole sitzen, Steinchen ins Wasser werfen und niemanden fragen wie spät es ist, Warum auch?

Die Farben der Nebel zählen, wenn sie sich am Morgen von den Wiesen lösen, in den Kinderwagen gucken, den Rauch von Holzfeuer einatmen, von der Stadtmauer einen Mönch beim Lesen beobachten, grünschimmernde Kirchtürme, gesprenkelte Dächer, sprudelnde Brunnen, Portale, Kolonnaden, Bögen, Terrassen, Treppen und hunderttausend schmale, grüne Fensterläden

Auf einen Berg steigen, durch die Wolken durch, droben auf dem Gipfel sitzen, lichtübergossen, nichts sagen, nur deinen Pfennig in der Hand halten. Am blühenden Oleander riechen, die Grillen zirpen hören, über einen Zaun steigen und die Fohlen streicheln, silberne Haare kriegen und allen Leuten guten Tag sagen.

Die Hand unter den Wasserfall halten, in engen Gassen die Stufen hinaufsteigen, ein paar Trauben pflücken, den weißen, schlanken Schiffen nachsehen, auf dem warmen Boden sitzen, bis die Sonne untergegangen ist, in einer Kapelle beten, hinten in der Ecke, für alle, die das nie gesehen, nie gespürt haben, und dann ganz voll in der Ferne verschwinden mit einem schmalen grünen Fensterladen unterm Arm,
Dir Deinen Pfennig zurückbringen.

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