Liebe Akkazia,
Obwohl die anderen Antworten schon viel wesentliches geschrieben haben, dem ich mich anschließen kann, bleiben für mich aber ein paar Fragen, die du zumindest dir beantworten solltest, um dir Klarheit über deine Situation zu verschaffen.
A. Die Fragen betreffen zum einen deine Krankheitsgeschichte „Depressionen“.
Konntest du in der Zeit Einsichten gewinnen über die Ursachen? Hast du darüber mit deinem Mann gesprochen? Wie hat er sich in dieser Zeit dir gegenüber verhalten? Wie zufriedenstel-lend war in dieser Zeit für dich und - deiner Meinung nach für ihn - euer Sexualleben? Wie gut könnt ihr überhaupt über eure Empfindungen reden?
Hattest du die Diagnose „Depressionen“ oder „bipolare Störungen/ manisch-depressiv“?
Nimmst du heute noch „vorbeugende“ Medikamente?
B. Der zweite Komplex betrifft das Thema „Schwangerschaft“.
Hat sich während ihr euer Sexualleben verändert? Und hat sich nach der Geburt dein Ver-hältnis dazu verändert?
Ich erkläre dir im folgenden den Hintergrund meiner Fragen, um eventuell die Motive deines Mannes zu verstehen, nicht um sein Verhalten zu entschuldigen, sondern um deine Frage besser beantworten zu können.
Zu Beginn eurer Ehe könnte deine „Depression“ sein Verhalten zum Positiven gefördert ha-ben, denn die meisten Männer, die ihre Frau lieben, besonders zu Beginn einer Beziehung, werden sie „ritterlich“ unterstützen wollen.
Dies verlangt von ihnen jedoch auch „weibliches“ Verhalten, d.h. Umsorgen der hilfebedürfti-gen Person unter Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse und damit der Einschränkung der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten. Für viele Männer ist das sexuelle Engagment eine von wenig Möglichkeiten, ihrer Partnerin zu „zeigen“, daß sie sie lieben. Es mit Worten zu sagen, ist oft viel schwerer. Und es mit Taten wie Kochen oder Putzen zu zeigen scheitert oft genug daran, daß die Frau ihn ständig korrigiert, weil er ja als Mann sowieso nichts richtig kann. Wenn eine Frau z.B. „nur“ einen Arm gebrochen hat, kann ein (junges) Paar dennoch z.B. im Bett Spaß haben.
Wenn die Partnerin sich aber heulend oder teilnamslos unter die Decke verkrochen hat, müßte ein „moderner“ Mann sich als Vergewaltiger vorkommen, wenn er von seiner Partnerin „eheliche Pflichten“ einfordert.
Ansonsten wird ein Mann täglich mit seiner Ohnmacht konfrontiert, am Gefühlszustand der Partnerin etwas zu ändern.
Aus solch einer Situation heraus wird der Partner oft von der Krankheit „angesteckt“. Entwe-der er fällt auch in Depression (eventuell mit Alkohol oder sonstigen Drogen gegen das Ge-fühl der Ohnmacht ankämpfend) oder er nimmt, wie du eventuell richtig gedeutet hast, den manischen Gegenpol ein, mit dem er zwanghaft nach außen hin lebt, was in der Beziehung erloschen ist.
Das einzige, was über einer solche Durststrecke retten kann, ist der geistige Austausch.
Ein anderer Punkt ist deine Schwangerschaft. Für viele (auch ganz „normale“) Beziehungen ist spätestens die Geburt eines Kindes ein Wendepunkt. Während vorher das innerhäusliche Leben überall und rund um die Uhr prinzipiell dem Thema Liebesaktivitäten gewidmet sein kann, ist es nach der Geburt dem Diktat von Stillen/Fläschchengeben, Windelwechsel und Babygeschrei unterworfen. Und während „sie“ sich voll Fürsorge in nullkommanix dem Kind zuwendet, ist er eventuell im Vollbesitz seiner „männlichen“ Stärke damit konfrontiert, damit alleingelassen zu sein und verarbeiten zu müssen, daß er jetzt „nur noch die Nummer drei“ in der Familie ist.
Die meisten Männer werden in Verarbeitung dieser Situation „plötzlich“ im Beruf besonders erfolgreich und kommen z.B. später nach Hause. Die frischen Mütter fragen sich an diesem Punkt dummerweise(!) oft, ob ihr Mann eine Freundin hat, weil sich über die Verhaltensände-rung ihrem Mann gegenüber keine Rechenschaft ablegen. Während durch eine geänderte Hormonzusammensetzung die meisten Frauen den Sprung in die „Mutterschaft“ problemlos schaffen, gibt es beim Mann keine Hormone, die ihn zu einer Verhaltensänderung veranlas-sen könnten.
Kurz: es ist möglich, das das Verhalten deines Mannes überhaupt nichts mit deiner vormali-gen Depression zu tun hat, höchstens insofern, daß während eurer 4 Jahresbelastung seine „Ritterlichkeitstabletten“ aufgebraucht sind.
Daher sehe ich wie andere auch nur drei Möglichkeiten:
- Entweder du kannst ihnen dazu gewinnen, im Rahmen einer Paartherapie zu klären, ob euch noch etwas anderes verbindet als euer Kind und die Tradition.
- Oder du überzeugst ihn davon, daß sein „jugendliches“ Verhalten normalerweise als „Jo-hannistrieb“ in der Midlife Crisis auftaucht, aber jedenfall nicht das Verhalten eines erwach-senen Mannes ist.
- Oder du „kündigst“ ihm, falls er sich nicht darauf einläßt, die Ehegemeinschaft!
Bevor du jedoch diesen ultimativen Schluß ziehen mußt, kannst du auf jeden Fall austesten, ob noch tief in ihm Liebe zu dir steckt.
Auch wenn du selbst wissen könntest, wie das geht, aus deinem Beitrag entnehme ich, daß du es vergessen hast!
Höre auf, wie ein geduldiges Opferlamm um ihn herumzustreichen, ziehe dich „nett“ an, sei nicht so lieb zu ihm, vielleicht zu einem Nachbarn oder einem alten Freund in seiner Gegenwart, organisiere es, daß du auch mal rauskommst, aber ohne ihm zu sagen, was du machst!
Als Roßkur hilft eventuell eine ausgedruckte email von einem Unbekannten, die du im Wohn-zimmer an seinem Platz vergessen hast! Könnte man doch organisieren oder?
Wenn er dann nicht reagiert, ist seine Liebe tot!!!
Mit aufmunterten Grüßen
wiseman007