Soll ich bleiben oder gehen?

Ich habe das folgende Problem. Ich bin seit sieben Jahren
verheiratet, habe direkt nach unserer Hochzeit schwere Depressionen
bekommen, die ich in einer vierjährigen Psychoanalyse heilen konnte
und bin seither sehr glücklich und zufrieden mit mir selbst. Diese Zeit hat unsere Ehe jedoch stark belastet. Ich habe
vor 2 Jahren eine Tochter bekommen und bin der Meinung, dass die
Geburt unserer Tochter und auch das Ende meiner Depression nun bei meinem Mann Depressionen ausgelöst hat

  • er sieht dies natürlich nicht so denn er leidet nicht wie ich, an
    selbstzerstörerischen und nach innen gerichteten Depressionen sondern
    an einer nach außen gerichteten Depression mit Vergnügungs-, Sex- und
    Lebenssehnsüchten. Seit meiner Schwangerschaft ist unser Ehe- und
    Sexleben völlig zerrüttet. Er sagt, mit mir kann man nichts mehr
    anfangen, ich bin alt und faltig (ich bin 39 und er 6 Jahre
    jünger!!). Er kleidet sich seit einigen Monaten wie ein Jugendlicher,
    geht mit 20-jährigen (auch Mädchen) abends aus und befriedigt seine
    Lebenslust mit Parties bis zum Morgengrauen, seine Sexlust über das
    Internet. Ich versuche mich seit Monaten ihm zu nähern doch wir leben
    völlig nebeneinander her. Wie gesagt, ich betrachte alles unter dem
    Aspekt, dass mein Mann diese Depression hat und auf der Suche nach
    sich selbst ist. Ich kann dies alles tolerieren, das einzige, was
    mich wirklich an einer gemeinsamen Zukunft zweifeln lässt, ist das
    Problem, dass er alle Schuld an allem was überhaupt in unserem Alltag
    geschieht mir zu weißt. Ich bin an allem schuld, er ist „Gott“. Ich
    muss alles wissen, das was ich nicht weiß, macht mich schuldig.
    Nun kommt meine eigentliche Frage - soll ich ausharren, soll ich
    bleiben - geht diese Phase auch vorüber oder soll ich mein Ränzel
    schnüren und gehen? Ich weiß nicht mehr was ich tun soll. Wir haben
    uns versprochen, dass wir unserer Tochter ein harmonisches und
    glückliches Familienleben bieten. Wenn ich schweige und alles
    toleriere, haben wir dieses glückliche Familienleben. Doch sobald ich
    auch nur wage eine eigene Handlung oder eine eigene Meinung
    einzubringen werde ich mit Vorwürfen, Schuldzuweisungen und teilweise
    sogar Beleidigungen zugeschüttet.
    Ich bin am Ende mit meiner Toleranz in diesem Bereich. Ich möchte
    mich nicht länger beschuldigen und beleidigen lassen. Was soll ich
    tun? Reden ist leider, leider nicht möglich denn alles was ich sage
    wird mir wieder als Schuld zugewiesen. Ich möchte nicht mehr reden.
    Soll und kann ich weiter ausharren? Ich weiß nicht mehr was ich tun soll. Ich liebe ihn noch immer und habe tief in mir die Hoffnung, dass die Depression zu Ende geht - so wie sie auch bei mir zu Ende ging - und er wieder so ist, wie ich ihn kenne und liebe.

Hallo Akkazia!

Ich kann dir jetzt natürlich nur sagen, was ich tun würde. Ich würde mich trennen, wenn es finanziell etc. möglich ist. Das Kind schon mal zu Oma bringen oder so und ein abschließendes Gespräch mit deinem Mann führen, wo du alles auf den Tisch bringst, was dich bewegt. Dann würde ich gehen und ihn erst einmal alleine lassen. Entweder er kommt aus seinem Loch wieder raus oder nicht, aber wenn ihr euch jetzt weiter anschweigt, dann wird es nicht besser. Schon gar nicht für das Kind. Wenn er irgendwann aus seinem Loch raus ist, könntet ihr es ja noch einmal probieren. Oder auch nicht.

Aber das ist nur meine persönliche Meinung.

Tara

gehen
die gründe kennst du alle.

gruß
ann

Hallo Akkazia

Wie gesagt, ich betrachte alles
unter dem
Aspekt, dass mein Mann diese Depression hat und auf der Suche
nach
sich selbst ist.

Was Du da von Deinem Mann beichtest, klingt nicht gerade nach einer Depression. ALLENFALLS könnte ich mirdabei eine bipolare Störung vostellen, wober er dann zur Zeit wohl eher die maniforme Seite lebt.
Es ist eher ein Zeichen DEINER (Rest-)Depression, dass Du das alles so aushälst und ihn machen lässt.
Wenn überhaupt eine Empfehlung, dann möchte ich die der FAMILIEN- bzw. PARTNER-THERAPIE aussprechen.
Gruß,
Branden

Hallo Akkazia!

Ich kann sehr gut verstehen, welche Kämpfe in dir toben.

Wie ich selbst empfinde:
Jemand, der einmal am Abgrund gestanden hat, und sich entschlossen hat, nicht zu springen, sondern sich umdreht und zurückgeht - das kostet Kraft und Mut - wird ein völlig neuer Mensch sein. Denn er hat sich selbst erkannt, hat Wissen und Einsichten über einen Bereich erworben, der anderen vorenthalten bleibt.
So ist es auch zwischen deinem Mann und dir!
Du schreibst, dass du nicht mit ihm reden kannst - vielleicht hat er dich ja bislang nicht verstanden - spricht im Moment nicht deine Sprache!

Ich ermahne mich täglich, meinem Partner zu zeigen, wie wichtig er mir ist.
Ich habe ihn auch gefragt, was er von mir erwartet.
Wenn mir eine Beziehung wichtig ist und ich nicht allein weiter komme, suche ich mir Verbündete - eine Paartherapie z.B.

Du, Akkazia, aber musst in allererster Linie entscheiden, wie wichtig er dir ist, ob du ihn, nachdem du dich so sehr weiterentwickelt hast, so lieben und nehmen kannst, wie er ist.

Wenn ich dir aber einen Rat geben darf - mache dich - auch wenn das sehr verlockend und für mich durchaus verständlich ist - nicht zu seiner Therapeutin.

Liebe Grüße - Anna

Hallo,

Wie gesagt, ich betrachte alles unter dem
Aspekt, dass mein Mann diese Depression hat und :auf der Suche nach sich selbst ist.

Betrachte das mal unter dem Aspekt, dass er völlig gesund ist und willentlich sich so verhält, wie er es tut, in anderen Worten, nimm ihn ernst.

Sage ihm klipp und klar was „Sache“ ist, in einer ruhigen Minute.

Wenn er sich nicht ändert bzw. konstruktiv ist, schmeiss ihn raus. Die Frage nach - nicht gehen oder bleiben- stellt sich dann nicht. Du bist mir zu passiv.

Wenn Du keine Kraft hast eine Beziehung zu führen, dann führe lieber keine.

Sich selbst erkennen und basierend darauf Entscheidung treffen…sicher kein neues Thema.

Eencockniedo

PS: Ich bin nicht gut im „in Watte verpacken“.

Hallo,

ich versuche, mal es so knapp und klar wie möglich zu sagen, was ich am
wichtigsten finde zu deiner Geschichte. (ich nehme mir als Mann die Befugnis.
Ich habe keine Kinder, aber selbst eine längere, sehr hilfreiche Analyse hinter
mir)

Am allerwichtigsten: Such dir professionelle Hilfe von außen! Glaub nicht, daß
du damit allein klar kommst. Das wirst du aller Wahrscheinlichkeit nicht, so wie
du das schilderst. Und glaub nicht, dass dagegen sprechen würde, dass du ja
schon „komplett therapiert“ bist. Das spielt keine Rolle.

Mit dieser (von dir auf ihn übertragenen) Diagnose „Depression“ entschuldigst du
ihn, weil du offenbar willst, dass er so bleibt, wie er jetzt ist. Und du nimmst
ihn und was er tut, nicht ernst. Vor allem aber nimmst du dich selbst nicht
ernst. So verfahren wie das ist, wird sich da gar nichts „von selbst“ einrenken
und vorbeigehen.

Es ist natürlich ehrenwert, an dein Kind zu denken und dass ihr ihm ein
„glückliches Familienleben“ versprochen habt und du dich daran halten willst.
Aber - anders als du es sagst - habt ihr kein glückliches Familienleben! -
bestenfalls eine vollkommen hohle, angestrengte Fassade eines solchen. Wenn
deine Tochter später selbst mal in Therapie muß, wird es nicht zuletzt darum
gehen, wie sehr sie darunter gelitten hat, dass ihr ihr ständig „heile Familie“
vorgespielt hat. Kinder merken so etwas und leiden darunter. Und zwar sicher
weit mehr, als wenn man ehrlich mit ihnen ist und ihnen gegebenenfalls sagt,
dass man sich leider trennen mußte. Jeden Tag eine verlogene Fassade ist viel
schädlicher.

Davon abgesehen: du kannst nicht wirklich glauben, dass alles wieder so wird,
wenn du weiter aushältst. Es klingt, als hätte nicht nur dein Mann jeden Respekt
vor dir verloren, sondern auch, als ob - ich weiß das klingt hart - als würdest
du das selbst befördern, weil du selbst keinen Respekt (mehr) vor ihm hast - und
wie mir scheint, vor allem keinen respekt vor dir selbst. Du leugnest alles was
er tut, als könnte er für seine Taten überhaupt nichts und sperrst ihn in eine
Art „Watte-Knast“, indem du alles durch deine Diagnose „Depression“
rechtfertigst. Wenn du nicht aufstehst und sagst: So kanns nicht weiter gehen!
(und zwar es zuerst zu DIR sagst und dann auch zu ihm), wird sich nichts
ändern…

(Ich lehn mich noch weiter aus dem Fenster…)Ich habe den Eindruck, wie es ja
schon jemand anderer hier geschrieben hat, dass die „Depression“ in Wirklichkeit
deine ist, die du auf deinen Mann projizierst. Zu so einer Situation gehören -
wie auch immer - immer zwei. Du schilderst es so, dass ihr beide letztlich nur
Opfer seid. Erst wenn du in der Lage bist, zu sehen, inwieweit ihr beide
beteiligte „Täter“ seid, kann sich was ändern…

Das war jetzt starker Tobak. Aber wenn eins für mich klar ist, dann, dass ihr
derart tief in einen beidseitigen Mechanismus und Teufelskreis verstrickt seid,
dass ihr/du ohne Hilfe von außen da kaum rauskommen werdet.

Laß dir helfen!

Alles Gute!

Hallo Akazia, Hallo Klaus,

Klaus hat mir im Grunde alles, was ich dir auch schreiben wollte „aus dem Mund genommen“. Ich kann dem höchstens noch hinzufügen, dass du ihm den Wunsch nach Klärung - gemeinsamer - in Form einer Paartherapie eindeutig, zwingend, unausweichlich für die Weiterführung Eurer Beziehung mitteilen solltest. Sollte er darauf nicht eingehen, wäre MEIN nächster Schritt, schnellstmöglich einen eigenen Weg - wenn auch vielleicht erst mal vorerst - zu gehen.

Grüße
Demenzia

Liebe Akkazia,

Obwohl die anderen Antworten schon viel wesentliches geschrieben haben, dem ich mich anschließen kann, bleiben für mich aber ein paar Fragen, die du zumindest dir beantworten solltest, um dir Klarheit über deine Situation zu verschaffen.

A. Die Fragen betreffen zum einen deine Krankheitsgeschichte „Depressionen“.
Konntest du in der Zeit Einsichten gewinnen über die Ursachen? Hast du darüber mit deinem Mann gesprochen? Wie hat er sich in dieser Zeit dir gegenüber verhalten? Wie zufriedenstel-lend war in dieser Zeit für dich und - deiner Meinung nach für ihn - euer Sexualleben? Wie gut könnt ihr überhaupt über eure Empfindungen reden?

Hattest du die Diagnose „Depressionen“ oder „bipolare Störungen/ manisch-depressiv“?
Nimmst du heute noch „vorbeugende“ Medikamente?

B. Der zweite Komplex betrifft das Thema „Schwangerschaft“.
Hat sich während ihr euer Sexualleben verändert? Und hat sich nach der Geburt dein Ver-hältnis dazu verändert?

Ich erkläre dir im folgenden den Hintergrund meiner Fragen, um eventuell die Motive deines Mannes zu verstehen, nicht um sein Verhalten zu entschuldigen, sondern um deine Frage besser beantworten zu können.

Zu Beginn eurer Ehe könnte deine „Depression“ sein Verhalten zum Positiven gefördert ha-ben, denn die meisten Männer, die ihre Frau lieben, besonders zu Beginn einer Beziehung, werden sie „ritterlich“ unterstützen wollen.
Dies verlangt von ihnen jedoch auch „weibliches“ Verhalten, d.h. Umsorgen der hilfebedürfti-gen Person unter Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse und damit der Einschränkung der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten. Für viele Männer ist das sexuelle Engagment eine von wenig Möglichkeiten, ihrer Partnerin zu „zeigen“, daß sie sie lieben. Es mit Worten zu sagen, ist oft viel schwerer. Und es mit Taten wie Kochen oder Putzen zu zeigen scheitert oft genug daran, daß die Frau ihn ständig korrigiert, weil er ja als Mann sowieso nichts richtig kann. Wenn eine Frau z.B. „nur“ einen Arm gebrochen hat, kann ein (junges) Paar dennoch z.B. im Bett Spaß haben.
Wenn die Partnerin sich aber heulend oder teilnamslos unter die Decke verkrochen hat, müßte ein „moderner“ Mann sich als Vergewaltiger vorkommen, wenn er von seiner Partnerin „eheliche Pflichten“ einfordert.
Ansonsten wird ein Mann täglich mit seiner Ohnmacht konfrontiert, am Gefühlszustand der Partnerin etwas zu ändern.
Aus solch einer Situation heraus wird der Partner oft von der Krankheit „angesteckt“. Entwe-der er fällt auch in Depression (eventuell mit Alkohol oder sonstigen Drogen gegen das Ge-fühl der Ohnmacht ankämpfend) oder er nimmt, wie du eventuell richtig gedeutet hast, den manischen Gegenpol ein, mit dem er zwanghaft nach außen hin lebt, was in der Beziehung erloschen ist.
Das einzige, was über einer solche Durststrecke retten kann, ist der geistige Austausch.

Ein anderer Punkt ist deine Schwangerschaft. Für viele (auch ganz „normale“) Beziehungen ist spätestens die Geburt eines Kindes ein Wendepunkt. Während vorher das innerhäusliche Leben überall und rund um die Uhr prinzipiell dem Thema Liebesaktivitäten gewidmet sein kann, ist es nach der Geburt dem Diktat von Stillen/Fläschchengeben, Windelwechsel und Babygeschrei unterworfen. Und während „sie“ sich voll Fürsorge in nullkommanix dem Kind zuwendet, ist er eventuell im Vollbesitz seiner „männlichen“ Stärke damit konfrontiert, damit alleingelassen zu sein und verarbeiten zu müssen, daß er jetzt „nur noch die Nummer drei“ in der Familie ist.
Die meisten Männer werden in Verarbeitung dieser Situation „plötzlich“ im Beruf besonders erfolgreich und kommen z.B. später nach Hause. Die frischen Mütter fragen sich an diesem Punkt dummerweise(!) oft, ob ihr Mann eine Freundin hat, weil sich über die Verhaltensände-rung ihrem Mann gegenüber keine Rechenschaft ablegen. Während durch eine geänderte Hormonzusammensetzung die meisten Frauen den Sprung in die „Mutterschaft“ problemlos schaffen, gibt es beim Mann keine Hormone, die ihn zu einer Verhaltensänderung veranlas-sen könnten.
Kurz: es ist möglich, das das Verhalten deines Mannes überhaupt nichts mit deiner vormali-gen Depression zu tun hat, höchstens insofern, daß während eurer 4 Jahresbelastung seine „Ritterlichkeitstabletten“ aufgebraucht sind.

Daher sehe ich wie andere auch nur drei Möglichkeiten:

  1. Entweder du kannst ihnen dazu gewinnen, im Rahmen einer Paartherapie zu klären, ob euch noch etwas anderes verbindet als euer Kind und die Tradition.
  2. Oder du überzeugst ihn davon, daß sein „jugendliches“ Verhalten normalerweise als „Jo-hannistrieb“ in der Midlife Crisis auftaucht, aber jedenfall nicht das Verhalten eines erwach-senen Mannes ist.
  3. Oder du „kündigst“ ihm, falls er sich nicht darauf einläßt, die Ehegemeinschaft!

Bevor du jedoch diesen ultimativen Schluß ziehen mußt, kannst du auf jeden Fall austesten, ob noch tief in ihm Liebe zu dir steckt.
Auch wenn du selbst wissen könntest, wie das geht, aus deinem Beitrag entnehme ich, daß du es vergessen hast!

Höre auf, wie ein geduldiges Opferlamm um ihn herumzustreichen, ziehe dich „nett“ an, sei nicht so lieb zu ihm, vielleicht zu einem Nachbarn oder einem alten Freund in seiner Gegenwart, organisiere es, daß du auch mal rauskommst, aber ohne ihm zu sagen, was du machst!
Als Roßkur hilft eventuell eine ausgedruckte email von einem Unbekannten, die du im Wohn-zimmer an seinem Platz vergessen hast! Könnte man doch organisieren oder?

Wenn er dann nicht reagiert, ist seine Liebe tot!!!

Mit aufmunterten Grüßen
wiseman007

Liebe Akkazia,

Hallo vielen Dank für diese ausführliche Antwort - ich muss sagen, dass ich in einigen Dingen noch einmal über tief in mich denken musstest.

Z.B.Konntest du in der Zeit Einsichten gewinnen über die Ursachen?

Hast du darüber mit deinem Mann gesprochen? Wie hat er sich in
dieser Zeit dir gegenüber verhalten? Wie zufriedenstel-lend
war in dieser Zeit für dich und - deiner Meinung nach für ihn

  • euer Sexualleben? Wie gut könnt ihr überhaupt über eure
    Empfindungen reden?

Ich konnte während meiner Analyse gut über alles Einsicht gewinnen und bin mir selbst gegenüber ziemlich kritisch und versuche auch immer weiter an mir zu arbeiten. Dies ist auf jeden Fall auch der Grund weshalb ich jetzt den Schritt nach aussen gegangen bin um zu sehen, wie ich mit meiner Meinung dastehe - sie muss ja nicht richtig sein.
Ich habe viel mit meinem Mann während meiner Therapie gesprochen. Unser Sexualleben war extrem gestört während meiner Therapie - vor allem für ihn. Das mit der Ritterlichkeit und dem „Vergewaltiger“ während meiner sehr zurückgezogenen Phase trifft schon ziemlich ins Schwarze. Wir konnten bis dahin gut über unsere Empfindungen reden. Waren auch zusammen danach in einer Paartherapie. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass mein Mann jetzt nicht mehr reden möchte. Er wollte einfach nur noch leben und gehörte - nach allem was davor war - nicht mehr dazu…

Ich hatte die Diagnose „Depressionen“ und habe nie Medikamente genommen und nehme auch heute keine Medikamente.

Während der Schwangerschaft hat sich unser Sexualleben noch einmal verändert. Mein Mann wollte mich plötzlich nicht mehr anfassen. Ich hatte auch nicht so eine prickelnde Schwangerschaft und war wieder viel krank. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es von meiner Depression kommt oder ob es die klassische Ausgrenzung des Mannes bei der Geburt eines Kindes ist. Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem.

Ich konnte vor kurzem einen kleinen Eifersuchtsanfall erkennen - was mich ziemlich erstaunte!!! Ich habe ihn dann darauf angesprochen, seltsamerweise muss ich jedoch seither feststellen, dass er mir danach noch mehr ausgewichen ist. Wie wenn er eine Türe aufgemacht hätte und diese nun mit zwei Händen zuhalten muss.

Ich werde sicherlich noch ein paar Tage brauchen, um ihn um eine erneute Paartherapie zu bitten. Ich werde auch noch ein paar Tage brauchen um über eine eigene erneute Therapie nachzudenken, doch ich denke es ist mein einziger Weg.

Danke für die Hilfe
Akkazia

Obwohl die anderen Antworten schon viel wesentliches
geschrieben haben, dem ich mich anschließen kann, bleiben für
mich aber ein paar Fragen, die du zumindest dir beantworten
solltest, um dir Klarheit über deine Situation zu verschaffen.

A. Die Fragen betreffen zum einen deine Krankheitsgeschichte
„Depressionen“.
Konntest du in der Zeit Einsichten gewinnen über die Ursachen?
Hast du darüber mit deinem Mann gesprochen? Wie hat er sich in
dieser Zeit dir gegenüber verhalten? Wie zufriedenstel-lend
war in dieser Zeit für dich und - deiner Meinung nach für ihn

  • euer Sexualleben? Wie gut könnt ihr überhaupt über eure
    Empfindungen reden?

Hattest du die Diagnose „Depressionen“ oder „bipolare
Störungen/ manisch-depressiv“?
Nimmst du heute noch „vorbeugende“ Medikamente?

B. Der zweite Komplex betrifft das Thema „Schwangerschaft“.
Hat sich während ihr euer Sexualleben verändert? Und hat sich
nach der Geburt dein Ver-hältnis dazu verändert?

Ich erkläre dir im folgenden den Hintergrund meiner Fragen, um
eventuell die Motive deines Mannes zu verstehen, nicht um sein
Verhalten zu entschuldigen, sondern um deine Frage besser
beantworten zu können.

Zu Beginn eurer Ehe könnte deine „Depression“ sein Verhalten
zum Positiven gefördert ha-ben, denn die meisten Männer, die
ihre Frau lieben, besonders zu Beginn einer Beziehung, werden
sie „ritterlich“ unterstützen wollen.
Dies verlangt von ihnen jedoch auch „weibliches“ Verhalten,
d.h. Umsorgen der hilfebedürfti-gen Person unter
Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse und damit der
Einschränkung der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten. Für viele
Männer ist das sexuelle Engagment eine von wenig
Möglichkeiten, ihrer Partnerin zu „zeigen“, daß sie sie
lieben. Es mit Worten zu sagen, ist oft viel schwerer. Und es
mit Taten wie Kochen oder Putzen zu zeigen scheitert oft genug
daran, daß die Frau ihn ständig korrigiert, weil er ja als
Mann sowieso nichts richtig kann. Wenn eine Frau z.B. „nur“
einen Arm gebrochen hat, kann ein (junges) Paar dennoch z.B.
im Bett Spaß haben.
Wenn die Partnerin sich aber heulend oder teilnamslos unter
die Decke verkrochen hat, müßte ein „moderner“ Mann sich als
Vergewaltiger vorkommen, wenn er von seiner Partnerin
„eheliche Pflichten“ einfordert.
Ansonsten wird ein Mann täglich mit seiner Ohnmacht
konfrontiert, am Gefühlszustand der Partnerin etwas zu ändern.
Aus solch einer Situation heraus wird der Partner oft von der
Krankheit „angesteckt“. Entwe-der er fällt auch in Depression
(eventuell mit Alkohol oder sonstigen Drogen gegen das Ge-fühl
der Ohnmacht ankämpfend) oder er nimmt, wie du eventuell
richtig gedeutet hast, den manischen Gegenpol ein, mit dem er
zwanghaft nach außen hin lebt, was in der Beziehung erloschen
ist.
Das einzige, was über einer solche Durststrecke retten kann,
ist der geistige Austausch.

Ein anderer Punkt ist deine Schwangerschaft. Für viele (auch
ganz „normale“) Beziehungen ist spätestens die Geburt eines
Kindes ein Wendepunkt. Während vorher das innerhäusliche Leben
überall und rund um die Uhr prinzipiell dem Thema
Liebesaktivitäten gewidmet sein kann, ist es nach der Geburt
dem Diktat von Stillen/Fläschchengeben, Windelwechsel und
Babygeschrei unterworfen. Und während „sie“ sich voll Fürsorge
in nullkommanix dem Kind zuwendet, ist er eventuell im
Vollbesitz seiner „männlichen“ Stärke damit konfrontiert,
damit alleingelassen zu sein und verarbeiten zu müssen, daß er
jetzt „nur noch die Nummer drei“ in der Familie ist.
Die meisten Männer werden in Verarbeitung dieser Situation
„plötzlich“ im Beruf besonders erfolgreich und kommen z.B.
später nach Hause. Die frischen Mütter fragen sich an diesem
Punkt dummerweise(!) oft, ob ihr Mann eine Freundin hat, weil
sich über die Verhaltensände-rung ihrem Mann gegenüber keine
Rechenschaft ablegen. Während durch eine geänderte
Hormonzusammensetzung die meisten Frauen den Sprung in die
„Mutterschaft“ problemlos schaffen, gibt es beim Mann keine
Hormone, die ihn zu einer Verhaltensänderung veranlas-sen
könnten.
Kurz: es ist möglich, das das Verhalten deines Mannes
überhaupt nichts mit deiner vormali-gen Depression zu tun hat,
höchstens insofern, daß während eurer 4 Jahresbelastung seine
„Ritterlichkeitstabletten“ aufgebraucht sind.

Daher sehe ich wie andere auch nur drei Möglichkeiten:

  1. Entweder du kannst ihnen dazu gewinnen, im Rahmen einer
    Paartherapie zu klären, ob euch noch etwas anderes verbindet
    als euer Kind und die Tradition.
  2. Oder du überzeugst ihn davon, daß sein „jugendliches“
    Verhalten normalerweise als „Jo-hannistrieb“ in der Midlife
    Crisis auftaucht, aber jedenfall nicht das Verhalten eines
    erwach-senen Mannes ist.
  3. Oder du „kündigst“ ihm, falls er sich nicht darauf einläßt,
    die Ehegemeinschaft!

Bevor du jedoch diesen ultimativen Schluß ziehen mußt, kannst
du auf jeden Fall austesten, ob noch tief in ihm Liebe zu dir
steckt.
Auch wenn du selbst wissen könntest, wie das geht, aus deinem
Beitrag entnehme ich, daß du es vergessen hast!

Höre auf, wie ein geduldiges Opferlamm um ihn
herumzustreichen, ziehe dich „nett“ an, sei nicht so lieb zu
ihm, vielleicht zu einem Nachbarn oder einem alten Freund in
seiner Gegenwart, organisiere es, daß du auch mal rauskommst,
aber ohne ihm zu sagen, was du machst!
Als Roßkur hilft eventuell eine ausgedruckte email von einem
Unbekannten, die du im Wohn-zimmer an seinem Platz vergessen
hast! Könnte man doch organisieren oder?

Wenn er dann nicht reagiert, ist seine Liebe tot!!!

Mit aufmunterten Grüßen
wiseman007

Hallo Klaus, vielen Dank für Deine Antwort.
Zunächst habe ich überhaupt keine Probleme damit, mir immer wieder Hilfe von aussen zu holen. Ich habe schon das eine oder andere Mal meine Therapeutin wieder in Anspruch genommen als ich mit Situationen nicht klar gekommen bin. Deshalb denke ich, dass ich auch hier wieder diesen Schritt gehen sollte - du hast wirklich recht.

Das mit dem „glücklichen Familienleben“ habe ich eigentlich auch eher ironisch gemeint. Ich hätte wohl schreiben müssen „heile Welt“, das trifft eher auf die Situation zu, die wir hier haben und unserer Umwelt, unserem Kind und uns selbst vorgaukeln - das sehe ich schon ziemlich objektiv.

Was mir schwer fällt so zu sehen, wie Du es siehst, ist die Aussage, dass ich ihn nicht ernst nehme. Würde ich ihn nicht ernst nehmen, würde ich mir nicht die Frage stellen, ob ich ihm und mir die Zeit lassen soll, bis sich einige Dinge geklärt haben. Jeder von uns hat einen Prozess durchzumachen und ich denke schon, dass ich ihn ernst nehme. Auch möchte ich nicht, dass er so bleibt wie er grade ist - überhaupt nicht. Das mit dem Respekt verloren haben, das trifft schon eher wieder zu. Ja ich habe in der Zwischenzeit auch den Respekt vor ihm verloren. Es ist auch schwer nachvollziehbar, was das zuerst war.

Mit Sicherheit bin auch ich in der Zwischenzeit ein Täter, auch ich beeinflusse jetzt schon gewisse Situationen, vor allem durch meine „Passitivität“ die teilweise auch sehr gezielt ausgelebt wird. So wie er ein Täter ist, der durch sein VErhalten die Dinge angefangen hat zu manipulieren.

Ich denke ich werde, wie ich schon oben geschrieben habe, ihn um eine Paartherapie bitten. Ich denke, das ist der einzige Weg raus. Ich habe lange genug gewartet. Ich will, dass es anders ist, als es jetzt ist. Ich fühle mich als Frau sehr einsam und vernachlässigt, das ist momentan das Schlimmste für mich.

Danke für Deine ehrliche Antwort. Hat mir gut gefallen.
Akkazia

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

1 „Gefällt mir“