Soll ich mich von einem toten Freund verabschieden

. . . erzähle höchstens von mir, meinen Erlebnissen und vielleicht noch wie es mir dabei gegangen ist.
Doch hier, bei dieser Frage bin ich so engagiert, dass ich die RIESEN-Ausnahme mache.
Ich fange einen Beitrag normalerweise auch nicht an mit „hab jetzt nicht alles gelesen, blablaba.“. Und auch hier breche ich meine eigene Regel, denn es ist mir egal, ob ich möglicherweise die 32. Wiederholung schreibe.

Hallo Iris,

ich rate dir nicht nur aus eigener schmerzhafter Erfahrung dazu deinen Freund noch einmal zu sehen, ihn in Ruhe zu verabschieden. Es ist so unglaublich wichtig, sonst hält die Phase der „Ungläubligkeit“ so lange an. Es geht ja nicht nur darum, sicher zu sein, dass wirklich ER es ist. Sondern darum zu „begreifen“ -im wörtlichen Sinne-, dass er TOT ist.
Ich bin einige Zeitlang in eine -anfangs begleitete- Geschwister-Trauergruppe gegangen, kann also nicht nur von mir erzählen. Sondern von mehreren Frauen, und von den Erfahrungen der Begleiterin.

Aber man würde mir doch abraten, wenn es zu
schlimm aussehen würde, oder?

Das hoffe ich nicht, wenn „man“ etwas von seinem Beruf -also Umgang mit Hinterbliebenden, ihren Sorgen, ihren Ängsten- versteht, dann eher nicht. Eher würde er Zeit und Mühe darauf verwenden den Anblick des Toten so zu gestalten, dass auch Kinder und sehr betagte Angehörige ihn ohne Folgeschäden ertragen können.

ALLE, wirklich alle Personen, die beruflich mit Hinterbliebenden und deren Trauerarbeit zu tun haben, raten den Fragenden zu. Und das unabhängig vom körperlichen Zustand des Gestorbenen. Dieses „Noch einmal sehen“ wird ja in aller Regel in den Räumen des Bestattungsinstitutes stattfinden. Das heißt, der Leichnam wurde schon versorgt, so dass auch bei großen Verletzungen ein Erkennen noch möglich sein wird. Auch wenn noch Spuren der Geschehnisse zu sehen sein sollten, es wird dich weniger schockieren, als du jetzt glaubst/befürchtest.

Wenn du ahnst, dass dir dieser letzte Besuch schwer fallen könnte, bitte jemanden um Begleitung. Jemanden, der deinen Freund nicht kannte, und auch dir nicht allzu nahesteht. Du brauchst jemanden, der seine Hilflosigkeit dir und deinen Tränen gegenüber aushalten kann. Lange aushalten kann. Das können beste Freunde meist nicht. Die möchten helfen, etwas tun. Mehr tun, als nur regelmäßig neue Taschentücher zu reichen. Aber das können sie nicht, das kann niemand. Alles was ein Trauernder braucht ist eine Schulter, sind zwei Hände, und regelmäßig frische Taschentücher.

Zurück zum Freundesabschied. In der oben erwähnten Gruppe, waren wir die meiste Zeit zu fünft. Zwei Frauen davon haben ihr totes Geschwister nicht mehr gesehen. Und tief bereut, auf den guten Rat „behalte sie/ihn so in Erinnerung wie sie/er war“ gehört zu haben. Die anderen erzählten übereinstimmend, dass es bei weitem nicht so furchtbar gewesen sei, wie sie es sich vorgestellt hatten. Allerdings glaubt auch keiner von uns mehr die Aussage ein Verstorbener hätte ausgesehen als schliefe er. Ein Toter sieht tot aus, und sonst nix. Das hört sich jetzt vielleicht brutal an, nimmt aber der Begegnung mit dem Großen Unbekannten (den wir so weit weg aus dem Leben tabuisiert haben, dass du hier jetzt eine solche Frage stellen musst) den Schrecken.

Ich habe meinen großen Bruder, meine Eltern und eine sehr enge Freundin verabschiedet. Ich kann dir versichern: Da gibt es nichts zu fürchten, es ist aufwühlend, es löst große Emotionen aus, ja sicher all das. Und es wird dir helfen. Nicht heute, nicht morgen, vermutlich auch noch nicht nächste Woche. Aber irgendwann. Irgendwann wenn du deines Freundes gedenkst, wiedermal um ihn weinst, keine Verzweiflungstränen, sondern ruhige Trauertränen, dann wirst du merken, dass dir dieser letzte Besuch die ganze Zeit seitdem schon geholfen hat.

Dir alles Gute auf dem Weg der Trauer

Renate
(die du bei Bedarf, wegen was auch immer, anmailen kannst)

Schlicht und einfach : Ja
Hallo Iris,
es ist ein Freund.
Und ich wünsche dir den Mut und die Kraft, deine Angst zu überwinden.
Grüße
BW

Ich hätte gerne Eure Erfahrungen.

Ich habe diese persönliche Erfahrung zweimal erlebt, zweimal leider nicht. Und ich habe alle vier Menschen in guter Erinnerung.

Hallo!

Ich hätte gerne Eure Erfahrungen.

ich habe nur eine wenig hilfreiche Erfahrung. Die geht auch in
eine etwas andere Richtung. Und es wird dir auch nicht wirklich
bei deiner Entscheidung helfen.

Der Tot meines Vaters ist bis heute nicht aufgeklärt. Ich kann
dir aus meiner Sicht nur sagen, sei froh, dass du die
Todesursache kennst.
Egal, wie du mit dem Tot deines Freundes umgehst.

Mich quält noch heute, nicht zu wissen, was passiert war, zumal
auch vieles, eigentlich alles für einen Tot mit Fremdeinwirkung
sprach.

Die Polizei interessierte das aber anscheinend nicht. Die
versprochene Obduktion wurde nicht durchgeführt. Auf näheres
gehe ich lieber nicht ein, denn es ist extrem gruselig.
Zudem war die Situation so, dass er ohnehin nicht mehr aufgebahrt worden wäre.

Jedenfalls ist es für mich und die Familie sehr belastend, nicht
zu wissen wie und woran er gestorben ist. Ich würde (fast) alles
dafür geben, es zu erfahren.

Dennoch hatte und habe ich oft das Gefühl, dass wir Hinterbliebenen uns mehr
bedauern, als den Toten.

Ich wünsche dir viel Kraft.

Marion

den tod zum leben hinzunehmen…
hallo iris,

ich würde mich verabschieden wollen. egal, wie er aussieht, ihn anschauen, anfassen, seinen tod begreifen.

liebe grüße
tabaiba

ps:
als der vater von claire goll starb, bat sie rilke um trost. er hat ihr dies geschrieben:

Liliane,

eh ich Dir dieses schreibe, zerriß ich einen vorgestern abend an Dich geschriebenen Brief; denn ich mag Dir nicht »Allgemeines« sagen, im Augenblick, da Du meinen Zuspruch verlangst, und doch, sag selbst, wie das Besondere finden, das genau für Dich Gültige, da ich doch nur so schlagwörtlich von der Art der Heimsuchung unterrichtet bin, die Dich prüft und auf harte Probe stellt.
Siehst Du, ich meine, daß Du nun, da Dir zum ersten Mal zugemuthet wird, im Tode des unendlich Nächsten den Tod zu erleiden, den ganzen Tod, (irgendwie mehr als nur den Deinigen, möglichen ­), daß jetzt der Augenblick ist, da Du am Fähigsten bist, das reine Geheimnis wahrzunehmen, das, glaub es mir, nicht des Todes, sondern des Lebens ist.
Jetzt heißt es, in einer unerhörten und unerschöpfbaren Großmuth des Schmerzes, den Tod, den ganzen Tod, da er durch ein Dir Theueres Dir greifbar geworden ist (und Du dadurch verwandt mit ihm), zum Leben hinzuzunehmen, als ein nicht mehr Abzulehnendes, nicht länger Verleugnetes. Reiß es an Dich, dieses Entsetzliche, spiele, solang Du¹s nicht leisten kannst, eine Vertraulichkeit zu ihm, schreck es nicht ab, indem Du vor ihm (wie alle anderen) erschrickst. Geh mit ihm um, oder, wenn das noch zuviel verlangt ist von Deiner Überwindung, halt wenigstens still, so daß es ganz nahe kommen kann, das immer verjagte Wesen des Todes, und sich Dir anschmiege. Denn dies ist, siehst Du, der Tod geworden bei uns, dies immer Verscheuchte, das sich nie mehr zu erkennen geben konnte. Wenn der Tod, im Augenblick da er uns kränkt und erschüttert, einen, den Geringsten von uns, vertraulich fände (und nicht voll Grauen), in was für Geständnissen ginge er ­ endlich ­ zu ihm über! Ein kleiner Moment nur des gut Gewilltseins zu ihm, eine kurze Unterdrückung des Vor-Urtheils, und schon hat er unendliche Anvertrauungen bereit, die unsere Ahnung überwältigten, ihn, in zitternder Abwartung, zu ertragen. Geduld, Liliane, nichts als das; Geduld.
Eingeführt in¹s Ganze, eingeweiht, begehst Du das ernste Fest Deiner Selbständigwerdung. Genau um den Schutz, den Du nun verlorst und entbehrst, wirst Du selbst schutzgebender, schützender. Die Vereinsamung, die Dich überfiel, macht Dich fähig, ebensoviel Einsamkeit anderer ins Gleichgewicht zu heben. Und was Dein eigenes Schwersein angeht, bald wirst Du merken, es hat Deinem Dasein ein neues Maaß gesetzt, eine neue Maaßeinheit des Leistens und des Ertragens.
Ich rathe, Liliane; ich will mehr nicht versuchen, als Dir nahe zu sein in diesen einfachen Worten. Später einmal wirst Du mir sagen, ob sie Dir haben rathen können, denn an Beistand und Trost reicht ja keiner heran, es sei denn durch Gnade.
Rainer

Hallo Iris,
Also ich hatte, seit ich alt genug war es zu begreifen 3 Tote in meiner nahen Verwandschaft.
Zuerst meine Tante. Sie hatte einen Autounfall. Ich hatte sie nicht tot gesehen. Es war schon schwer zu begreifen. Sie wohnte im selben Dorf wie meine Großeltern und wenn mensch dahingefahren ist war sie halt auch nicht mehr da. Ich denke aber wenn ich sie tot gesehen hätte hätte das nichts geändert (ich glaub die Möglichkeit gab es, aber ich wollte nicht unbedingt). Es war halt mehr die Sache, dass sie der erste (nah verwandte) Todesfall war und das es so plötzlich war.

Danach ist meine Großmutter gestorben. Das sterben war langsam in einem Krankenhaus und ich war mit dabei und hatte sie auch direkt als sie gestorben war im Krankenhaus gesehen. Später ging dann die Familie zusammen zum Laichenschauhaus. Sie war so gelblich, wie Wachs und auf ihrer Hand war ein großer blauer Fleck vom Infusionsgerät. Es hat mir nichts gebracht und ich hab mir gedacht ich hätte es lieber nicht gesehen. Aber wirklich schlimme Folgen hatte es auch nicht. Also oft wenn ich an sie dachte, war es auch dieses Bild oder halt die auch nicht schönen Bilder im Krankenhaus. Jetzt Jahre später denk ich (außer geradeeben) nicht mehr an diese Bilder, manchmal selten aber noch an schöne Erinnerungen.

Dann später starb mein Großvater. Da hab ich die Sterbensphase auch miterlebt, noch direkter. (Also er wohnte ne Zeitlang bei uns und beim sterben dann im Altenheim war ich auch dabei.) Hab ich also gezwungenermaßen gesehen. Sonst hätte ich ihn nicht tot sehen wollen. Bin dann auch nicht zur Beerdigung. Ich hatte mich ja schon verabschiedet, es hätte mich nur aufgeregt weil ich gerade bei Todesfällen, dass was die Pfarrer so erzählen gar nicht hören will, weil ich den Tod nunmal anders begreife.

Für meine Schwester war es allerdings sehr schlimm, dass sie bei einer Beerdigung im Ausland war und es gar nicht miterlebt hat. Also eine Form der Verabschiedung ist sicher wichtig, da kann aber auch die Beerdigung reichen.

Obwohl mir das Sehen meiner toten Großmutter nicht geholfen hat (und das war durch ne Fensterscheibe, wenn ich da hätt reingehen sollen bestimmt noch schlimmer), würde ich dir trotsdem raten den toten Freund nochmal anzusehen. Nur so kannst du wissn ob es für dich hilfreich ist oder nicht.

Grüsse, Sophie

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Hallo Marion,

Dennoch hatte und habe ich oft das Gefühl, dass wir
Hinterbliebenen uns mehr bedauern, als den Toten.

genau so ist das.

Der Tote (der Leichnam) ist ja tot und hat deshalb keine Empfangsmöglichkeiten mehr für unser Bedauern, unsere Reue, unsere Liebe.
Ich bedauere z.B. bei den Kindermorden immer die Eltern, das „bedauernswerte“ Kind hat es ja hinter sich.

Auf metaphysischer Ebene - so man daran glaubt - kann man natürlich mit der „Seele“ eines Toten Kontakt aufnehmen und sie seiner Liebe versichern.
Dazu brauchst du aber den Leichnam nicht sehen.

Gruß
WB

Vielen Dank
Hi!
Vielen Dank für Eure Gedanken und Ratschläge. Ich hatte noch nie in meinem Leben das Bedürfnis, jemand nahestehenden nochmal zu sehen. Weder bei meiner Oma, die erst vor drei Wochen verstarb, noch bei anderen Verwandten. Meine andere Oma ist vor zwei Jahren gestorben - im Schlaf. Sie lag im Schlafzimmer einfach so in ihrem Bett und meine Tante, meine Cousinen (erst fünf und sechs Jahre alt) und andere Verwandte haben sie dort gesehen und sich dort verabschiedet. Ich nicht. Ich stand drei Meter daneben im Flur, im Magen eine Mischung aus Furcht vor dem, was ich sehen könnte und dem Gedanken, dass ich sie *lebendig* in Erinnerung behalten will.
Jetzt habe ich zum ersten Mal in meinem Leben das Bedürfnis, nochmal jemanden zu sehen, der gestorben ist. Das verwundert mich selber.Eure Berichte haben mich in meiner Entscheidung bestärkt, ihn zu sehen, wenn es geht. Nun ist es so, dass er noch nicht überführt ist und es wohl noch zwei Tage dauern wird. Geht es dann noch, bzw. sind seine Eltern dann damit einverstanden, werde ich hingehen. Geht es so spät aus irgendeinem Grund nicht mehr, dann hat es so sollen sein und ich ordne es in das Fach *Vorsehung* ein.

VIELEN DANK AN ALLE, die mir geholfen haben. Allein, dies alles zu lesen, hat mir schon irgendwie gut getan!

lg, iris

Ich möchte das nicht und habe das nicht. Und ich habe meinen Abschied von geliebten Menschen genommen, ohne dass ich sie nocheinmal tot gesehen habe. Mir fehlt das nicht. Es hat auch nichts damit zu tun, dass ich den Tod nicht akzeptieren kann. Ich wollte schlicht und einfach den Menschen als Lebenden in Erinnerung behalten.

Ich hätte die Überschrift nicht so extrem gewählt, wenn nicht so ein platte Aussage dagestanden wäre. Ich halte in solchen Fällen nichts von einfachen Vorgaben.
Ich glaube, dass damit jeder Mensch anders umgeht, ich kann nur meine Erfahrungen schildern.

Gruß
Elke

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Wenn man einen Verstorbenen nochmal sieht, wird man merken, daß „er“ das nicht mehr ist, sondern nur noch eine leblose Hülle.