Hallo.
Was sind so Eure Erfahrungen?
[Bitte nicht lesen, wer starken Tobak nicht verträgt. Es ist nicht ganz unhart]
Als ich vier Jahre alt war, knallte mein Opa (damals 54) am Kaffeetisch auf die Tischplatte und war tot. Man führte mich natürlich sofort aus dem Zimmer - dennoch ist das das einzige Bild, das von diesem Opa übrig blieb. Und dazu höre ich die Eröffnungsmelodie der Sportschau und die Stimme meiner Mutter „Papa, was hast Du denn?“.
Die nächste Leiche gab meine Oma vaterseits mit Mitte 60 nach Gehirntumor mit mehreren Schlaganfällen. Obwohl man sich sichtlich Mühe gegeben hatte, waren die Spuren der Schlaganfälle nicht zu verkennen - diese Tote mit den verzerrten Zügen war nicht als meine Oma zu erkennen.
Ein Fußball- Mannschaftskamerad landete nach durchzechter Nacht mit dem Auto im Bach und ersoff, da eingeklemmt. Den Ausdruck der Todesangst auf seinem Gesicht habe ich lange nicht vergessen.
Wir wohnten seinerzeit in unmittelbarer Nähe eines „Regionalflughafens“, der in erster Linie zum Deppendropping benutzt wurde. Hin und wieder musste ich unserem lokalen Bestatter helfen, die Einschläge zu bergen: Einer war zwei Meter tief in den Ackerboden geschlagen, ein anderer auf dem Rollfeld geplatzt.
Mitte der Achtziger raste ein Kumpel in einen Zaun und wurde vom Zaunpfahl aufgespießt. Ich half, ihn aus dem Auto zu holen - er lebte, rein biologisch betrachtet, noch. Wenn ich mir sein Bild vor Augen hole, ist da immer ein Metallrohr in seinem Bauch.
Mein Opa vaterseits starb im Alter von 80 Jahren im Laufe der Nacht (er hatte noch versucht, sich aufzurichten, und war aus dem Bett gefallen). Er sah aus wie jemand, der Frieden mit sich und der Welt geschlossen hatte.
Kurz vor meiner Hochzeit starb ein Onkel nach mehrjährigem Krebsleiden. Auf dem Totenbett wirkte er befreit und glücklich nach all der Qual.
Schwiegeroma, die längere Zeit Pflegefall gewesen war, hatte sich bei vollem Bewusstsein entschieden, nicht mehr in die Klinik zu gehen (die Nieren begannen zu versagen; mit Dialyse etc. hätte man sie noch eine ganze Weile „leben“ lassen können). Der Notarzt akzeptierte diese Entscheidung; Schwiegeroma war noch etwa einen Tag lang ansprechbar und dämmerte dann, nachdem sie sich persönlich von allen verabschieden konnte, friedlich hinüber.
Es gibt, soll dieser ganze Sums bedeuten, alle Ausprägungen und Erfahrungen mit dem Tod nahestehender Menschen. Die Entscheidung kann man Dir nicht abnehmen: es ist jedenfalls ein Zeichen, dass Du „zum inneren Kreis“ der Trauernden gezählt wirst, wenn man Dir die Möglichkeit zur Verabschiedung anbietet. Gerade, wenn jemand so plötzlich durch einen Unfall aus unserem Leben verschwindet, kann der persönliche Abschied einem selbst auch bei der Verarbeitung helfen. Entstellte Tote werden normalerweise nicht mehr aufgebahrt, so dass Du hier keine Angst haben musst. Einschätzen musst Du, ob Du in der Lage bist, das Bild, das der Tote bieten wird, in die anderen Bilder, die Du von ihm hast, einzuordnen, oder ob er für immer mit seinem Totengesicht vor Dir stehen wird.
Es bleibt aber, sei abschließend gesagt, den Wenigsten erspart, in ihrem Leben Tote zu sehen. Warum auch: der Tod ist Bestandteil des Lebens, wenn auch nicht immer ein angenehmer (für die Überlebenden).
Gruß Eillicht zu Vensre