Hallo, kleiner-stern,
einiges von dem, was Du schilderst, hört sich für mich sehr vertraut an.
Also, ein guter Kumpel von mir, den ich übers Internet
kenengelernt und mittlerweile auch persönlich kenne, macht mir
Sorgen:
Nichts gegen Bekanntschaften, die man übers Internet schließt - aber ich habe den Eindruck, dass nicht wenige Zeitgenossen in ihren Internet-Bekanntschaften vornehmlich bessere Kummerkasten-Tanten sehen. Interessant finde ich auch, dass Du nicht etwa schreibst, Du machtest Dir Sorgen um Deinen Kumpel - sondern dass er es ist, der Sorgen bereitet (man kann solche Sprachklauberei als spitzfindig erachten - oder aber insgeheim, weil einem da etwas vertraut vorkommt, nicken und sagen: O ja. Es gibt Menschen, die, wenn vielleicht auch über nicht viel anderes, über ein ausgeamchtes Talent dazu verfügen, die eigenen Sorgen zu denen anderer Menschen zu machen).
Ich kenne ihn seit etwa einem Jahr und damals wurde er von
seiner Clique sehr enttäuscht. Er fühlte sich verraten und
hintergangen, will aber auch nicht so recht darüber erzählen.
Sich verraten und hintergangen fühlen ist, finde ich, keine große Kunst: Ich glaube, wir alle haben Tage, an denen wir den Eindruck haben, die Welt habe sich gegen uns verschworen - nur zur Masche werden lassen sollte man das tunlichst nicht; allzu ostentativ zur Schau getragene Leidensmiene, fortwährender Weltschmerz und Sich-verkannt-fühlen langweilen auf Dauer ganz einfach.
Naja, seitdem kommt er gar nicht mehr aus seinem Loch raus,
ich gebe mir wirklich alle Mühe und auch der Freundeskreis,
der sich mittlerweile aufgebaut hat rund um ihn und mich.
Mit Verlaub: Das hört sich für mich stark nach einem derjenigen Menschen an, die ich „die starken Schwachen“ nenne: zu willensschwach, um an der eigenen Misere auch nur etwas ändern zu wollen - aber stark darin, Gott und die Welt mit ihrem Barmen um Zuwendung auf Trab zu halten.
Entweder blockt er alles ab, und ist fest davon überzeugt,
dass ihn sowieso keiner braucht und keiner mag.
Ich kann Menschen zwar mögen - aber die Art, sich ständig und zumeist ohne erkennbaren Grund hängen zu lassen ist etwas, das ich keinesfalls mag. Und „brauchen“ … ? Tja, es mag hart klingen - aber ich habe verschiedentlich die Erfahrung machen müssen, dass Menschen, die überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit für sich beanspruchen, nur selten auch Menschen sind, von denen man ein offenes Ohr für die eigenen Probleme des Alltags erwarten darf. Meine Erfahrung: eine Freundschaft, die den Namen verdient, können solche Menschen oft gar nicht führen. Will sagen: Gewisse Zeitgenossen, so mein Eindruck, fühlen sich der Devise „misery loves company“ verpflichtet und suchen in anderen Menschen weniger die guten Freunde (die einem auch durchaus mal die Meinung geigen dürfen sollten, ohne deswegen gleich als „Verräter“ zu gelten) als Leidensgenossen, ín deren Gesellschaft man umso trefflicher den Mond anheulen kann.
Oder er nimmt
einen so in Beschlag, dass man sich nur noch ausschliesslich
um ihn kümmern muss.
O ja, auch das kenne ich.
Und das geht einfach nicht…
Das finde ich allerdings auch. Freundschaften unter erwachsenen Menschen sollten von Geben und Nehmen geprägt sein.
er findet
keinen Mittelweg. Entweder stösst er einen weg, oder er
vereinnahmt einen total. Er war auch schon bei einem
Therapeuten, weil er eingesehen hat, dass er alleine da nicht
raus kommt.
Wie spricht der Volksmund so schön: „Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung“ - ich denke, das lässt sich getrost auch über die Krankheitseinsicht sagen, die notwendig sein dürfte, um das zu kurieren, was ggf. tatsächlich eine behandlungsbedürftige Depression sein könnte - oder ist’s vielleicht eben doch nur eine der, so mein Eindruck, gerade hier zu Lande sehr beliebten Gemütsverstimmungen … ?
Naja, nach 3 Stunden ging er auch dort nicht mehr
hin! Der Thera hat „komische“ Fragen gestellt, und er fühlt
sich nicht gut und wird traurig.
Jaja, genau - 's ist ja auch viel bequemer, sich Wahrheiten, die ggf. unbequem sind, nicht zu stellen. Warum auch nur eine Minute des Lebens ein einem Wartezimmer zubringen (1. sind die dort ausliegenden Zeitschriftenmeist schrecklich langweilig und 2. sitzen da meist noch andere Leute herum, die des Doktors Aufmerksamkeit heischen), solange es Leute gibt, denen man für den Preis eines Ferngesprächs die Ohren volljammern kann … ? Mein Tipp: bei der Telefonseelsorge arbeiten jede Menge netter Menschen, die über ein geschultes Ohr für allerlei Drangsal haben, der man in diesem irdischen Jammertal begegnen kann. Oder man macht’s wie „Lucy“ on den „Peanuts“, stellt ein Schild mit der Aufschrift „The doctor is in“ auf und berechnet zunächst einmal einen Dollar Beraungsgebühr.
Das ist sowieso sein
Lieblingssatz… „Ich mag nicht, ich bin traurig“
Das könnte sicherlich auch lauten: „Ich will nicht, ich habe schlechte Laune“. Auch das kenne ich nur allzu gut - und sogar von mir selbst! Und mir fallen auch immer und jederzeit Dinge ein, die ich nicht mag: bei Umzügen schwere Sachen tragen, mich an verregneten, nasskalten Montagmorgen an meine Arbeitsstelle schleppen … ach, da gibt’s so vieles, das ich lieber täte - ich dardf gar nicht dran denken, sonst werde ich ganz, ganz traurig.
Und ich weiss
echt nicht, was ich noch tun soll,
Es mag hart klingen, aber mein Rat lautet: Nichts.
ich möchte ihm ja gerne
helfen, da raus zu kommen,
Wer sich nicht helfen lassen will, dem ist nicht zu helfen - und für mich klingt das, was Du schilderst, stark nach einem Fall eines Menschen, der vor allem eines will: Aufmerksamkeit.
einige unserer Freunde haben ihn
schon quasi fallen gelassen.
Ich kann mir vorstellen, dass sie dafür gute Gründe gehabt haben.
Ich möchte das eigentlich nicht,
Das ehrt Dich. Und trotzdem heißt „Ich möchte das eigentlich nicht“ meistens soviel wie „Ich möchte das“.
aber mit seinem Verhalten raubt er mir meine Kraft, die ich
auch für mich selbst brauche. Er stösst mich weg, wenn ich ihm
helfen will, hat aber kein Ohr für mich, er beansprucht mich
total, wenn ich auch noch ein bißchen was für andere und mich
selbst brauche… Ich kann mich doch unmöglich für ihn total
aufreiben, das kann er doch nicht erwarten?
Doch, manche Menschen erwarten das sehr wohl. Sobald man ihnen den kleinen Finger gibt, verlangen sie die ganze Hand. Ist man einmal nicht für sie da, wittern sie soglöeich Hochverrat. Von Stefan Stoppok, dessen Songtexte ich sehr mag, gibt’s da ein schönes Stück Musik, in dem es u.a. heißt: „Du brauchst keinen Mann, du brauchst Personal“ - immer wenn ich das höre, fallen mir gewisse Leute ein, die mich wahrscheinlich heute noch dafür verfluchen, dass ich für sie und ihre grenzenlos misslichen Lagen („Ach, das versetht ja eh keiner - wie könnte das auch einer verstehen, dem es nicht selbst einmal so gar erschröcklich elendig gegangen ist wie mir usw. usf.“) irgendwann kein Verständnis, keine Zeit und auch kein Geld mehr hatte: Ressourcen haben’s meist an sich, dass sie nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen, und Altruismus finde ich ohnehin meist sehr viel verdächtiger als einen gesunden Egoismus.
Also, ich kann so nicht weitermachen… Wisst ihr vielleicht
rat?
Mein Fazit: „Freunde in der Not, geh’n zwölfe auf ein Lot“ - Kannst Du Dir die Frage danach, ob der Mensch, um den Du Dir da Sorgen machst, wohl auch für Dich da wäre, wenn es Dir schlecht ginge, mit „Ja“ beantworten? Falls dem nicht so ist, handelt es sich wahrscheinlich eher um einen „Schönwetter-Bekannten“ als um einen wirklichen Freund. Mein Rat lautet: Erkläre Deiner Bekantschaft in wohlgesetzten Worten, dass Du ein eigenes Leben führst, zu dem im übrigen auch eigene Probleme gehören, deren Lösung Du schließlich auch nicht an ihn zu delegieren versuchst. Weise Deine Internetbekanntschaft ferner darauf hin, dass soziales Sendungsbewusstsein nicht gleichbedeutend mit dem unbändigen Wunsch danach ist, sich ein Schild an den Kopf zu kleben, auf dem „Ich bin gutmütig - bitte nutzt mich nach besten Kräften aus!“ steht.
Mit besten Grüßen,
Frank_S, der offensichtlich nicht für jeden die Hilfsbereitschaft in Person sein möchte
„Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja, wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!“
(aus „An die Freude“ von Friedrich Schiller)