Hallo,
Da wir gerade für einige Tage einen leicht geistig behinderten Verwandten zu Besuch haben, interessiere ich mich für dieses Thema. Er ist in den 30ern, wie gesagt leicht geistig behindert, d.h., er kann z.B. lesen, die Grundrechenarten, Bahnfahren, etc., was Behinderten bekanntlich oft nicht zugetraut wird.
Andererseits merkt man im Gespräch mit ihm deutlich, dass er sich mit logischen Zusammenhängen schwer tut. Wenn man ihn z.B. fragt, mit welchem Bus man bei ihm (er arbeitet in einer Behindertenwerkstatt) von A nach B kommt, erzählt er alles, was ihm über alle Busse der Region so einfällt, aber die gefragten Dinge auf den Punkt zu bringen fällt ihm sehr schwer.
Man kann mit ihm fernsehen, einfache Gesellschaftsspiele machen (Mensch ärgere Dich nicht: ja, Schach: nein, Scotland Yard: begrenzt) und es ist ganz ok, wenn er hier ist. Ich denke übrigens, er kommt uns gerne besuchen, die Initiative geht inzwischen von ihm aus (wobei die Woche über Silvester seit einigen Jahren zur festen Gewohnheit geworden ist.)
Aber er ist auffallend unsozial. Obwohl er 200 Euro für diese Woche dabeihat (für die er sich Süssigkeiten, Bücher und CDs kauft), verzieht er jedesmal das Gesicht, wenn er mal einen Kinobesuch selbst bezahlen oder für einige Euro etwas für den Haushalt einkaufen soll. Mithilfe im Haushalt muss man auch jedesmal neu einfordern. (Und ich denke, wir übertreiben dabei nicht)
Auf die Dauer nervt es (obwohl wir genug verdienen und natürlich den Haushalt auch zu zweit bewältigen und momentan beide Urlaub haben). Ich bin die ganze Zeit versucht, ihn als „normalen“ Besucher (oder WG-Bewohner) zu sehen und muss mich im Laufe der Woche zunehmend stärker kontrollieren, um nicht gereizt zu reagieren, wenn er mal wieder lieber fernsehen will, als mit uns Kartoffeln zu schälen, dafür aber, sobald das Essen fertig ist, sich als erster das grösste Stück Fleisch greift. Von aussen betrachtet klingt es ja lustig, das muss ich beim Schreiben selbst feststellen. Aber aktuell bin ich ständig zwischen Mitleid mit ihm und (leichtem) Ärger über sein Verhalten die ganze Zeit hin- und hergerissen. Permanent mit ihm zusammenzuleben könnte ich mir nur sehr schwer vorstellen, das muss ich zugeben.
Nun zu meiner Frage: Ist unsoziales Verhalten ein bekanntes Phänomen bei geistiger Behinderung? Hin und wieder habe ich diesbezüglich Bemerkungen gehört (z.B. von seiten der Betreuer in der Behindertenwerkstatt) und vorstellen kann ich mir natürlich gut, dass soziale Kompetenz eine höhere Intelligenz voraussetzt als Lesen oder die vier Grundrechnungsarten. Andererseits habe ich bei Trisomie 21 gerade das Gegenteil gehört.
Nicht, dass die Beantwortung dieser Frage an dieser Woche etwas ändern würde, aber es interessiert mich einfach.
Mit vielen Grüssen,
Walkuerax