Soziale Phobie?

Hi,

Ein Saal mit 200 Leuten ist nicht so gefährlich wie eine einzige.

Definitiv. In einem knappen Monat wede ich auf einer Konferenz sprechen. Ich freue mich darauf und weiß schon genau, was ich sagen werde, ich muss es nciht aufschreiben, und es wird sicher unterhaltsam werden.
Heute abend kommt ein Kollege vorbei, Zweitkorrektur abgeben. Er ist nett also als Kollege, hat ne Lebensgefährtin…) Mildes Bauchgrummeln… er wird sicher nicht in die Wohnung kommen wollen, er muss danach noch woanders hin. Wieviel Smalltalk mache ich? oder überhaupt? Sorgen macht es mir niciht direkt, aber ich denke halt überhaupt darüber nach. Er kommt das erste Mal zu mir. Mein Klingelschild ist nicht da, wo der Briefkasten (und damit die postadresse, die das Navi findet) ist - andere Seite des Hauses. Wir sind so verblieben, dass er anruft, kurz bevor oder kurz nachdem er angekommen ist. Habe ich das richtig gemacht? Ich hätte doch auch den Weg zur Klingel erklären können, oder… oder…

Meine Aufgabe für später: mich nciht bei ihm entschuldigen, dss ich ihm nicht den Weg bis zur Klingel beschrieben habe. Zweite Aufgabe: egal, wie viel wir noch quatschen, ich mache mirdanach keine Vorwürfe, zu viel oder zu wenig geredet zu haben.

Mal sehen…

die Franzi

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Hallo Max,

die Experten dieses Forums haben ja schon viel dazu gesagt.

Es hat sich aber bisher noch kein „Betroffener“ (außer Franzi, aber wohl ohne Diagnose) zu Wort gemeldet. Daher: Hallo!

Bei mir wurde das mal diagnostiziert. Ich war sogar mal in einer stationären Einrichtung deswegen, aber freiwillig. (Und dann gab es Gruppentherapie und Gesprächsrunden! Da war ich nach knapp 3 Tagen wieder weg…)

Die Beschreibung deines Freundes passt (in anderem Kontext natürlich) ganz gut auf mich. Auch das was Franzi unten geschrieben hat, kann ich bestätigen.
Ich habe überhaupt kein Problem mit einem Professor nach der Vorlesung fachlich zu diskutieren. Die Rollen sind klar, meine Fragen i.d.R. nicht dumm (das muss ich vorher natürlich eingehend durchdenken). Und mit Studenten schon mal gleich gar nicht.
Und während meiner Ausbildung gab es Mädchen, die hatten Angst vor einer Diskussion mit mir. Das war fachlich, daher kein Problem. Und selbst wenn ich „verloren“ habe … Fachliche Fehler sind kein Problem. Zumal übrigens vollkommen klar ist, dass „einen Fehler nicht eingestehen können“ einen noch blöder da stehen lässt, als „einen Fehler machen“, so dass jeder gescheite Sozialphobiker sich davor hüten wird. :wink:

Aber im sozialen Kontakt war ich früher wirklich eine fürchterliche Niete. Nicht so sehr nach Außen, sondern halt innerlich. So wie bei deinem Freund und schlimmer.

Heute geht es sehr viel besser. Nicht zuletzt übrigens, weil mir der damalige Klinikaufenthalt vor Augen gehalten hat, was richtig kranke Menschen sind. (Nicht bös gemeint.) Ich dagegen kam doch wenigstens einigermaßen zurecht. Bloß halt das innere Zerfleischen wegen Nichtigkeiten, das war lästig. Aber kein Vergleich zu Menschen mit einer „wirklichen“ psychischen Krankheit. Denen ging es wirklich dreckig!
Seit dem habe ich langsam aber stetig das ständige Nachgrübeln über die typischen Dinge abgebaut. Und natürlich schult auch der ständige Umgang mit anderen Menschen. Man lernt, was in etwa angemessen ist und was nicht. Und selbst wenn ich das Gefühl habe, das ich soziale Sachen falsch bzw. schlecht bzw. nicht perfekt angepackt habe, dann macht es mich nicht mehr so fertig wie früher.

Das mit dem Gerechtigkeitssinn kann ich absolut nachvollziehen. Ich studiere nicht umsonst Jura. Allerdings habe ich den bisher immer auf meine Familiensituation mit vielen Geschwistern geschoben. Ich war da sehr empfindlich.

Also, alles in allem denke ich, dass es gut eine soziale Phobie sein kann.
Aber ich gebe zu bedenken, dass - wenigstens bei mir - keine Therapie, sondern das Zulegen eines dickeren Felles geholfen hat. Und ganz weg ist es selbstverständlich nicht! Die Restunsicherheit muss man hinnehmen und „tragen wie ein Mann“. :wink:
Nicht, dass man noch darüber verzweifelt, dass man über unwichtigen Kleinkram verzweifelt.

Liebe Grüße, auch an den Freund,

larymin

Hallo Franzo!

[Lauter wahre und richtige Dinge]

Ja. Ja! JA!! Der Text hätte von ihm selbst sein können. Wort für Wort. Ihr seid echte Seelenverwandte. :smile:

Gruß,
Max

Hallo!

Dabei lernen wir bereits im Kindesalter, welche
Verhaltensweisen dabei nützlich und erfolgreich sind.

Was er im Kindesalter gelernt hat: Stillsein. Nachgeben, auch wenn amn recht hat. Nicht streiten. Die eigenen Bedürfnisse hinter den Nedürfnissen der anderen zurückstellen. Verstecken, was einem lieb und wichtig ist.

obwohl es eigentlich nicht
seiner wahren Natur entspricht.

Ich weiß nicht. Ich habe eher das Gefühl, das auf der Bühne ist seine wahre Natur. So kenne ich ihn auch, wenn ich mit ihm alleine bin. Kommen aber andere Leute hinzu, dann zieht er sich sofort in sein Schneckenhaus zurück. Ich habe den Ausdruck „Rampensau“ auch nicht negativ gemeint - er ist niemand, der sich auf Kosten anderer in den Vordergrund drängt. Aber wenn er dann gefordert ist, lässt er alle Hemmungen fallen. :smile:

Gruß,
Max

Hallo Max,

beim Lesen Deines Postings hab ich spontan an etwas denken müssen, womit ich mich kürzlich befasst habe. Ich hoffe, meine Assoziation ist jetzt nicht völlig an den Haaren herbeigezogen, aber insbesondere folgende von Dir geschilderten Merkmale waren für mich ausschlaggebend:

  • Angst vor Ablehnung durch andere, starke Selbstzweifel bei (scheinbar) abweisendem Verhalten Dritter
  • Unbehagen in sozialen Situationen und bereits lange im Vorfeld antizipieren was alles schief gehen könnte
  • Nachgiebigkeit und Anpassungsverhalten gegenüber Dritten
  • ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden
  • aufsetzen einer „Maske“ in Situationen, in denen man im Mittelpunkt steht oder in denen man eine Rolle spielt.

Informiere Dich mal zu " Hochsensibilität" oder " HSP" (hochsensible Personen / highly sensitive persons). Vereinfacht gesagt, reagieren hochsensible Menschen anders (empfindlicher halt) auf Reize von außen als „normal sensible“. Mit allen Konsequenzen, Vorteilen und Nachteilen, die sich aus dieser unterschiedlichen Reizverarbeitung ergeben.
Daraus ließe sich auch eine mögliche Erklärung dafür zusammenzimmern, warum Dein Freund vor Nähe zurückzuschrecken könnte:

Zum Beispiel haben hochsensible Menschen oft ein gutes Gespür dafür, was ihr Gegenüber in einer bestimmten Situation für ein Bedürfnis hat und was ihm gerade fehlt (vielleicht sogar ohne dass dieser anderen Person ihr Bedürfnis in dem Moment überhaupt bewusst ist), sie sind also sehr empathisch. Und fühlen sich dann auch oft noch dafür verantwortlich, dieses Bedürfnis zu erfüllen (vgl. nachgiebig sein und unterbuttern lassen)! Gleichzeitig ist die Fähigkeit sich gegenüber anderen Menschen wirksam abzugrenzen oft nur schwach ausgeprägt, die Hilfsbereitschaft dafür oft umso größer.
Was Du jetzt als Angst vor Nähe beschreibst, nämlich das Vermeiden von oder Sich-Zurückziehen in 1-zu-1 Situationen, könnte schlichtweg sein Selbstschutz davor sein, sich von einem Gegenüber in einer solchen Situation vereinnahmen zu lassen (und die Spannung, zu spüren was der andere braucht, und es ihm vorzuenthalten, kann oder will er auch nicht aushalten). Natürlich fordert das Gegenüber nicht immer explizit etwas, aber er spürt ja was Sache ist und hat dann das Bedürfnis dies zu erfüllen. Und diese Wahrnehmung blockt er dann lieber von vorneherein ab, indem er den anderen auf Abstand hält.
In einer größeren Gruppe ist diese Gefahr möglicherweise nicht gegeben, da er sich dort nicht alleine für das Seelenheil aller Einzelnen zuständig fühlt, wie es vielleicht bei einer 1-zu-1 Begegnung der Fall ist. Interessanterweise wird er auch dort bestimmt ein gutes Gespür dafür haben, was die Gruppe braucht (Unterhaltung offensichtlich) und deshalb vermutlich eine recht erfolgreiche und beliebte Rampensau sein.

Alles reine Vermutung jetzt, aber vielleicht liefert es Dir/Euch ja einen interessanten Denkanstoß. Auf speziellen HSP-Seiten findet man dazu sicherlich noch detailliertere Erklärungen, ich bin ja kein Experte zu diesem Thema sondern nur (seit kurzem erst) interessierter Laie.

Viele Grüße
Kerstin

Hi,

ich kann natürlich nur für mich sprechen, antworte aber hier, weil Denker ja seinen Freund so sehr in mir wiedererkennt.

Deine Theorie, dass das extrovertierte Verhalten als erfolgreich erlebt und angelernt ist, und man eigentlich still ist, stimmt für mich absolut nicht - es ist eher umgekehrt, wenn überhaupt.
Das Gerechtigkeitsempfinden, das Lustige, die, die auch Kritik verträgt, das bin ich - ich, wenn ich entspannt bin, ich, wie ich gerne immer wäre, ich, wie ich mich wohlfühle. Ich muss nicht ganze Konzertsäle unterhalten. Mir reicht ein Abend mit ein-zwei Freunden und einem angeregten Gespräch, es darf aber auch eine Party sein. Nur weiß ich ums Verrecken nicht, wie man das anstellt. Wie machen Leute das? Wie trifft man eine Verabredung?
Du wirst Dir sicher denken: Frag doch einfach. Für mich aber gibt es kaum eine höhere Hürde im Leben. Was, wenn er/sie nun nicht möchte - egal, ob im Moment nicht oder mit mir nicht. Was denkt er / sie dann von mir? Werde ich für aufdringlich gehalten? Oder frage ich im falschen Moment, und der andere kann zeitlich nicht, und ich habe ihn gestört… Wobei wir beim nächsten Problem sind: Wann ist der richtige Moment zum Fragen? Ist er / sie beim Heimgehen / auf dem Weg zu einem Termin, … und ich halte ihn auf? Oder hat er / sie vielleicht schlechte Laune und möchte gar nicht reden?
Wenn ich jetzt mit ein paar Kollegen , sagen wir, Dienstag gemeinsam Mittagessen war, wann darf ich wieder anrufen / ausgehen / … ? Nächste Woche? Morgen? Wann wird man aufdringlich, wann pflegt man den Kontakt zu wenig?

Ich würde das alles gerne können, aber ich weiß nicht wie. Gelernt habe ich aber, wie ich mich alleine unterhalte. Daann ich niemanden enttäuschen - vielleicht mich, aber noch tut es nicht so weh, wie wenn ich jemand anderen verletzen würde. Oder zu verletzt haben glaube.

Dafür, dass das Extrovertiert(er)e nicht erlernt ist, spricht auch, dass ich mich vor der Klasse / wenn ich auf Konferenzen spreche durchaus wohlfühle, wenn ich aber bei einer PArty etc alleine dasitze und den anderen beim Quatschen, Scherzen, diskutieren, tanzen zuschaue, nicht.

die Franzi

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Hi.

Ihr seid echte Seelenverwandte. :smile:

Vermutlich ja… isser verheiratet? … Blöde Frage.
(nur ein Scherz)

Ich habe meine Hausaufgabe übrigens mit einer Eins bestanden. Wir haben noch gequatscht, aber er hat angefangen, und ich habe den Moment zum Aussteigen nicht verpasst, und von daher auch keine Vorwürfe.

die Franzi

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Amen! (owt)
nix

Hallo!

  • Angst vor Ablehnung durch andere, starke Selbstzweifel bei
    (scheinbar) abweisendem Verhalten Dritter
  • Unbehagen in sozialen Situationen und bereits lange im
    Vorfeld antizipieren was alles schief gehen könnte
  • Nachgiebigkeit und Anpassungsverhalten gegenüber Dritten
  • ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden

Soweit absolut richtig.

  • aufsetzen einer „Maske“ in Situationen, in denen man im
    Mittelpunkt steht oder in denen man eine Rolle spielt.

Nein. Es ist eher umgekehrt: In diesen Augenblicken trägt er keine Maske und ist schonungslos er selbst. Miezekatze hat das mit Worten beschrieben, die von ihm selbst seien könnten.

Gruß,
Max

Hallo Max,

okay, dann hab ich diesen einen Punkt wohl falsch verstanden.

Was ich mich in dem Zusammenhang aber frage, ist: woran machst Du bzw. er denn fest, ob Du gerade „Du selbst“ bist?

Man ist vermutlich - egal was man tut - „man selbst“, lediglich in unterschiedlichen Facetten, und es gibt halt Facetten, die man an sich lieber mag als andere und die bezeichnet man dann als „man selbst“? Oder wie miezekatze es auch in einem ihrer Postings formuliert hat: „wie ich gerne immer wäre, ich, wie ich mich wohlfühle“.

Vielleicht war mein Begriff „Maske“ nicht so glücklich gewählt. Lass uns annehmen, dass wir situativ immer Rollen verkörpern (ich sage absichtlich nicht „spielen“), je nach Anlass und unserem/n Gegenüber(n). Die Rolle des Vorgesetzten, des Kollegen, des besten Freundes, die Rolle des Sohnes, des Referenten, des Zuhörers, etc. Das meine ich völlig wertungsfrei, die Bezeichnung Rolle stellt demnach kein Gegensatz zu „ich selbst“ dar und zielt auch nicht darauf ab, sich (absichtlich) zu verstellen.
Und offensichtlich mag er seine Eigenschaften in der Rolle des Unterhalters größerer Gruppen also lieber als z.B. seine Eigenschaften als Gesprächspartner einzelner, wenig vertrauter Personen. Heißt aber nicht, dass er in letzterer Situation nicht er selbst ist, sondern lediglich, dass er seine dort an den Tag gelegten Eigenschaften an sich nicht so mag.

Ich sehe darin keinen Widerspruch zu meinen restlichen genannten Punkten und glaube immer noch, dass Hochsensibilität evtl. ein Hinweis sein könnte.

Viele Grüße
Kerstin