Soziale Phobie?

Hallo,

ich hab da einen Menschen, der ist so widersprüchlich, daß ich nicht aus ihm schlau werde. Ich weiß, daß es ihm nicht gut geht, aber ich kann nicht sagen, was ihm eigentlich fehlt. Er selbst ist ebenfalls ratlos und hat mich gebeten, seinen Fall mal hier vorzutragen.

Auf der einen Seite ist er ein Mensch, der nach außen sehr extrovertiert wirkt. Er spielt Improtheater, hält Vorträge, moderiert große Veranstaltungen und vertritt auch in öffentlichen Diskussionen engagiert seine Meinung. Er hat verschiedene Projekte und Initiativen ins Leben gerufen, die er auch federführend leitet. Auf der Bühne kann er sich völlig zum Affen machen und wurde dafür auch schon lobend als Rampensau tituliert.

Auf der anderen Seite schafft er es manchmal wochenlang nicht, einen (unangenehmen) Brief abzuschicken oder einen Anruf zu machen, weil er Angst hat vor der möglicherweise negativen Reaktion des Gegenübers. Die Angst ist nicht überwältigend, aber sie äußert sich durchaus in physischen Symptomen wie leichten Bauchschmerzen, Beklemmungen, Einschlafstörungen - und vor allem: einer Lethargie bis hin zur Handlungs- und Entscheidungsunfähigkeit. Er schafft es zwar, sein Leben im Griff zu haben, aber halt immer nur „grad so“ und auch unter erheblichem Kraftaufwand. Im privaten Bereich gibt er oft nach und passt sich anderen an, merkt aber auch, daß er sich dadurch auf Dauer auch „untergebuttert“ vorkommt. Und wenn er in öffentlichen Disklussionen angegriffen wird, dann nimmt er sich das tagelang zu Herzen und hadert mit sich.

Diese beiden Persönlichkeiten stecken tatsächlich gleichzeitig in ein und derselben Person. Es ist also nicht wie bei einer bipolaren Störung, wo man mal wochenlang manisch ist und wieder wochenlang depressiv, es ist eher so, als würde sich situativ entscheiden, welche Persönlichkeit gerade die Oberhanad hat. Mein Freund weiß zum Beispiel auch genau, daß er unter Umständen tagelang nicht schlafen kann, wenn er jetzt nach vorne geht und seine Meinung vertritt; es hat ihn aber noch nie davon abgehalten, es zu tun. Nicht einmal dann, wenn er WUSSTE, daß er für seine Meinung angegriffen wird. Bei einem Telefonanruf genügt dagegen schon der leise Hauch einer Ahnung, das Gegenüber könnte potebntiell möglicherweise die Nase rümpfen … und er ist aus der Bahn geworfen.

Vieles in seinem Verhalten könnte man mit einer sozialen Phobie erklären. Aber irgendwie pasen da für mich seine Rampensau-Qualitäten überhaupt nicht rein. Irgendwelche Ideen?

Gruß,
Max

Hi

Irgendwelche Ideen?

Meine erste Idee dazu ist, dass du dich selber dargestellt hast.
Von wem sonst könnte diese Detailverliebtheit stammen?
:wink:
Gruß,
B.

Von wem sonst könnte diese Detailverliebtheit stammen?

Von meinem besten Freund seit der 10. Klasse, mit dem ich viele, viele, viele Stunden, Tage und Nächte über uns, das Leben, die Frauen, unsere Probleme, unsere Sorgen und Nöte geredet habe. Wir schildern (und schreiben) uns immer sehr genau, was uns bewegt - es ist keine Kunst, daß in ein Posting zu übertragen.

Falls Du noch was zum Thema beizutragen hast - her damit.

Gruß,
Max

Hallo,

bei Deinem Freund scheint es mir, daß das ganze Gebiet der menschlichen Kommunikation grob in zwei Bereiche zerfällt.

Zu dem einen Bereich gehören die Vorträge und Moderationen, wo sich handwerkliche Routine erlangen läßt. Diese Situationen sind mit Übung mehr oder weniger gut zu kontrollieren.

Der andere Bereich betrifft Beziehungen zu Menschen, und da gibt es keine wirkliche Kontrolle über die Situation. Wie die andere Person reagiert, hat man nicht in der Hand und muß es notfalls aushalten.

Mir scheint, daß Dein Freund den kontrollierbaren Bereich kompensatorisch benutzt (hierzu paßt der Ausdruck „Rampensau“ in seiner Grobheit), und auch versucht, von dort aus den anderen Bereich zu erobern. Das mißlingt fortwährend und ist daher auf Dauer anstrengend.

Grüße,

I.

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allo max,
was fehlt ihn ?
ideen? ja !

idee ja -
jedoch eine diagnoose gibt es erst mal nicht

die frage ist doch: wo genau fängt bei ihm das „leiden“ an? was gemnau hätte er gern amders ?
iund die zentrale frage ist: wovor hat er angst !?

stellen wir einnmal fest:
es gibt situationen, in denen er im rampenlicht steht…wie meistert er diese…
(erlernte einstudierte verhaltensweisen – anerkennung-aussenbereich)

und dann gibt es situationen im „mnahbereich“, also die bereiche, die ihn privat-er betreffen –

(beziehunsebene- liebe/s-entzug)

deine schilderung trenn diese beiden bereiche … ist das so? sind da signifikante unterschiede hm- im pübrigen ist es vollkommen normal, dass man manche dinge im lebenlockerer angeht .und beu andereneher mal muffensausen bekommt.

frage: gibt es nur eine verunsicherung oder aber echten leidensdruck , dessen „stiftenden gedanken“ es dann zu ergründen gilt.

gruß iq13

Hi Max,

Auf der einen Seite ist er ein Mensch, der nach außen sehr
extrovertiert wirkt.
Auf der anderen Seite schafft er es manchmal wochenlang nicht,
einen (unangenehmen) Brief abzuschicken oder einen Anruf zu
machen,
Er schafft es zwar, sein Leben im
Griff zu haben, aber halt immer nur „grad so“ und auch unter
erheblichem Kraftaufwand.
Im privaten Bereich (…)
Diese beiden Persönlichkeiten stecken tatsächlich gleichzeitig
in ein und derselben Person.
Vieles in seinem Verhalten könnte man mit einer sozialen
Phobie erklären. Aber irgendwie pasen da für mich seine
Rampensau-Qualitäten überhaupt nicht rein. Irgendwelche Ideen?

Du weißt, ich bin nur „interessierter Laie“, aber durchaus sehr informiert.

Meine Idee dazu ist, dass er in der Distanz der Öffentlichkeit als Rampensau agieren kann, wenn es aber um Nähe (sowohl zu sich selbst als auch zu anderen) geht, zurückschreckt. „Da oben“ ist er ja sozusagen unantastbar, in der Nähe muss er sich stellen.

Dieses „grad so“ funktionieren ist eine Folge der Routine, d.h. man weiß, wie es funktioniert (funktionieren sollte) und handelt danach unter Aufbringung aller Kraft. Damit kann man sich lange Zeit durchs Leben mogeln. Aber er merkt ja wohl selbst, dass es so nicht (mehr) weitergeht.

Du weißt ja selbst, dass hier keine Diagnose, keine Behandlung stattfinden kann. Also bleibt nur der übliche Rat, sich in professionelle Hilfe zu begeben. Aber vielleicht sind meine Bemerkungen ein kleiner Denkanstoß.

Gruß,
Anja

die Dir noch auf Deine eMail antworten wird

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Hi,

wir zwei kennen uns nicht zufällig, oder? DEnn Du beschreibst mich. (abgesehen davon, dass Du von einem Kerl schreibst, deinem Klassenkameraden und besten Freund).

Ich antworte, weil iq eine Gegenfrage stellte, und weil ich selbst auf Antwort und Hilfe hoffe.

Der Unterschied zwischen den verschiedenen Situationen ist Kontrolle. Wenn ich Unterricht halte, auf einer Konferenz eine Rede halte etc, dann sind das Situationen, in denen ich eine Rolle ausfülle. Ich weiß genau, was die anderen von mir erwarten oder auch nicht. Die Situation und meine Rolle geben mir einen Rahmen, an dem ich mich entlanghangeln kann und der mir auch in gewissem Maße Schutz bietet. Ich kann, wenn ich vor einer Klasse stehe, über mich lachen, Fehler eingestehen, mir helfen lassen - Sachen, die mir sonst schwer fallen. Aber vor der Klasse bin ich auch nicht miezekatze, sondern Frau Lehrerin. Und da kann ich so sein, wie ich gerne wäre.
Privat geht das nur sehr bedingt. Da habe ich es mit Menschen zu tun, zu denen ich eine persönliche Beziehung habe, oder von denen ich etwas will, bei denen ich mir eine Rolle erst erarbeiten muss. Und diese Rolle muss ich auch noch selbst gestalten! Aber wie denn, wenn ich nciht weiß, was von mir erwartet wird? Ich könnte jemanden enttäuschen, verletzen, verärgern, … Ein Fehler, und alles ist aus. Ich werde für eien Idioten gehalten. Oder eine dumme Kuh. Oder naiv. …
Trotzdem kann ich, wie dein Freund auch, in verschiedenen situationen einfach nicht meinen Mund halten. Wenn ich weiß, dass ich Recht habe, wenn ich einen Punkt anbringen möchte, der unbedingt diskutiert werden muss. GRoßes Gerechtigkeitsempfinden. Das ist der gleiche Anspruch: Dinge müssen richtig sein. Und zwar ganz. Nicht so ein bisschen, und dann kriegt man Hilfe, … nein, ganz.

Nur bin ich über den Punkt, dass man dann schlaflose Nächte und Bauchweh hat, hinaus - nicht immer, aber imer öfter.

die Franzi

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hi franzi,

ja ja das sind viele, viele glaubenssätze, die manch einem das leben schwer machen.

die dinge müssen richtig sein -ganz-…

da könnte ich was falsch machen…
usw.usw.

glaubenssätze, alles nur glaubenssätze…
das hast du schon super analysiert, liebe franzi.
und was machen WIR jetzt damit?
www.thework.com

liebe grüsse iq13

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lorem ipsum

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Hi nochmal

Falls Du noch was zum Thema beizutragen hast - her damit.

Nun ja, ich denke, dass das Ganze gar nicht so widersprüchlich ist. Sensible und kreative Menschen (siehe auch Romy Schneider, Ingeborg Bachmann, Oskar Werner u.a.) habn doch oft diese Anteile in sich.
Ich finde das normal.
Gruß,
B.

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Guten Tag!

Vieles in seinem Verhalten könnte man mit einer sozialen
Phobie erklären. Aber irgendwie pasen da für mich seine
Rampensau-Qualitäten überhaupt nicht rein. Irgendwelche Ideen?

Die Rampensau-Qualitäten würden, ganz grundsätzlich gesagt, also ohne Bezug auf deinen Freund, durchaus in das Bild einer Sozialen Phobie reinpassen, denn das phobische Verhalten bezieht sich da fast immer auf Kleingruppen oder einen direkten Gegenüber (oft des anderen Geschlechts), während es anonymen Großgruppen und Massen gegenüber überhaupt nicht auftritt.

Im geschilderten Telefonierverhalten erkenne ich mich übrigens selbst recht gut, auch wenn ich sonst weder Rampensau noch Sozialphobiker bin :wink:

E.T.

Ergänzung
Wo ich schon am heiteren Diagnose-Raten bin …

Die Angst ist nicht überwältigend,
aber sie äußert sich durchaus in physischen Symptomen wie
leichten Bauchschmerzen, Beklemmungen, Einschlafstörungen -
und vor allem: einer Lethargie bis hin zur Handlungs- und
Entscheidungsunfähigkeit. Er schafft es zwar, sein Leben im
Griff zu haben, aber halt immer nur „grad so“ und auch unter
erheblichem Kraftaufwand.

Das dagegen passt so gar nicht zur Diagnose „Soziale Phobie.“
Wie jede Phobie ist auch die Soziale Phobie wesentlich dadurch gekennzeichnet, dass das phobische Verhalten strikt an die Anwesenheit des angstauslösenden Objekts/Situation gebunden ist.

E.T.

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Hallo Ernst!

Wo ich schon am heiteren Diagnose-Raten bin …

Eine BauFix-Fertig-Diagnose erwartet er nicht, nur etwas Inspiration, in welche Richtung er bohren könnte. :smile: Die Hanmdlungsunfähigkeit ist für ihn lästig, und er hofft, wenn er weiß, was da eigentlich dahintersteckt, da0 er ihr dann ins dreckige Gesicht lachen kann. :smile:

Das dagegen passt so gar nicht zur Diagnose „Soziale Phobie.“
Wie jede Phobie ist auch die Soziale Phobie wesentlich dadurch
gekennzeichnet, dass das phobische Verhalten strikt an die
Anwesenheit des angstauslösenden Objekts/Situation gebunden
ist.

Heißt das, es gibt bei einer sozialen Phobie auch keine „vorausschauende“ oder „prohylaktische“ Angst? Also im Sinne von: In einer Woche muß ich XX, und wenn ich daran denke, wird mir jetzt schon übel? So erlebe ich das nämlich bei ihm immer wieder.

Gruß,
Max

Ich finde das normal.

*lachÜ* Du meinst, er sollte einfach so akzeptieren, daß er so ist? Vielleicht nicht die schlechteste Lösung.

Gruß,
Max

Hallo Mieze,

deine Beschreibung kommt ihm sehr nahe. Alles richtig machen - nicht unbedingt, Gerechtigkeitsempfinden - ja. Vor einigen jahren hat er sich mal mit einem überzeugten Katholiken auf eine Diskussion eingelassen über Homosexualität. Es war vorherzusehen, daß das ein Austausch von Standpunkten ohne große Annäherung werden würde. Danach hat er tagelang damit gerungen, was denn nun der andere von ihm denken würde. Er meinte aber, wenn er die Diskussion nicht angefangen hätte, hätte er sich noch schlechter gefühlt.

Aber
vor der Klasse bin ich auch nicht miezekatze, sondern Frau
Lehrerin. Und da kann ich so sein, wie ich gerne wäre.

Wow. Ein starker Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Nur dort, wo Du nicht Du selbst bist, kannst Du so sein, wie Du gerne wärst.

Aber wie denn, wenn ich nciht weiß, was von mir
erwartet wird? Ich könnte jemanden enttäuschen, verletzen,
verärgern, … Ein Fehler, und alles ist aus. Ich werde für
eien Idioten gehalten. Oder eine dumme Kuh. Oder naiv.

Du zitierst ihn. :smile:

Gruß,
Max

Hallo Anja!

Meine Idee dazu ist, dass er in der Distanz der Öffentlichkeit
als Rampensau agieren kann, wenn es aber um Nähe (sowohl zu
sich selbst als auch zu anderen) geht, zurückschreckt. „Da
oben“ ist er ja sozusagen unantastbar, in der Nähe muss er
sich stellen.

Interessanter Gedanke. Ein Saal mit 200 Leuten ist nicht so gefährlich wie eine einzige.

die Dir noch auf Deine eMail antworten wird

*röchel, hust, schnief* :smile:

Gruß,
Max

Hallo Max,

Heißt das, es gibt bei einer sozialen Phobie auch keine „vorausschauende“ oder „prohylaktische“ Angst?

Die gibt es durchaus. Häufig in der Form, dass das Angstlevel in einiger Entfernung von der Situation noch einigermaßen erträglich ist und sich mit dem Näherkommen sukzessive steigert. Hier nimmt sich der Betroffene oft vor, sich dem Ereignis zu stellen, wird dann aber letzten Endes durch die sich steigernde Angst davon abgehalten oder schafft es nur unter größter Anstrengung.

Bei manchen Angstpatienten ist aber auch die Angst bereits weit im Vorfeld so groß, dass es überhaupt gar nicht erst in Frage kommt, eine Konfrontation mit dieser Situation einzugehen.

Schöne Grüße,
Jule

Guten Tag!

Eine BauFix-Fertig-Diagnose erwartet er nicht, nur etwas
Inspiration, in welche Richtung er bohren könnte. :smile: Die
Hanmdlungsunfähigkeit ist für ihn lästig, und er hofft, wenn
er weiß, was da eigentlich dahintersteckt, da0 er ihr dann ins
dreckige Gesicht lachen kann. :smile:

Mit einer Diagnose ist mE nicht viel gewonnen.
Manche Therapieverfahren versuchen ja sogar, es nach Kräften zu vermeiden, den Patienten Diagnosen um die Ohren zu hauen.
Die Gesprächstherapie zum Beispiel.

Das dagegen passt so gar nicht zur Diagnose „Soziale Phobie.“
Wie jede Phobie ist auch die Soziale Phobie wesentlich dadurch
gekennzeichnet, dass das phobische Verhalten strikt an die
Anwesenheit des angstauslösenden Objekts/Situation gebunden
ist.

Heißt das, es gibt bei einer sozialen Phobie auch keine
„vorausschauende“ oder „prohylaktische“ Angst?

Die „Phobien“ sind halt so definiert, dass es um die Angst bei ANWESENDEM angstauslösendem Objekt/Situation geht. Ansonsten besteht Angstfreiheit.
Wobei Jule natürlich recht damit hat, dass zwischen An- und Abwesenheit ein großer Übergangsbereich besteht.
Eine ständige Ängstlichkeit als Grundhaltung passt aber besser in andere Rubriken, z.B. in die der „Generalisierten Angststörung“.

Also im Sinne
von: In einer Woche muß ich XX, und wenn ich daran denke, wird
mir jetzt schon übel? So erlebe ich das nämlich bei ihm immer
wieder.

In dem Fall ist die Situation ja anwesend, wenn auch „nur“ in der Vorstellung.

Vielleicht habe ich das bezüglich deines Freundes auch in diesem Sinne falsch verstanden.

E.T.

Hallo Max,

meine persönliche Theorie: Keine soziale Phobie. Eher ein möglicherweise mühsam gelerntes Verhalten.

Wir alle tragen eine bestimmte Haltung nach außen, die sich in aller Regel von dem Verhalten unterscheidet, das wir für uns im stillen Kämmerlein (oder vielleicht noch ansatzweise in der Gegenwart vertrauter Menschen) pflegen.

Die primäre Motivation dahinter ist Selbstschutz. Indem wir uns auf eine bestimmte Art und Weise geben, verhindern wir, dass wir ungeschützt ins Messer laufen, weil wir wissen, dass nicht jedermann da draußen uns wohlgesonnen ist.

Dabei lernen wir bereits im Kindesalter, welche Verhaltensweisen dabei nützlich und erfolgreich sind. Mit zunehmendem Alter verfeinern und perfektionieren wir das Ganze. Daran ändert auch nicht, dass wir gerne von uns und unseren Mitmenschen fordern „echt“ zu sein und sich nicht zu verstellen.

Je verletzbarer ein Mensch sich in seiner originären Persönlichkeit erlebt, desto stärker neigt er u.U. dazu, Verhaltensweisen nach außen zu tragen, die möglichst wenig Rückschlüsse auf sein Inneres zulassen. Man ist nicht selten beim näheren Kennenlernen davon überrascht, wie sensibel, traurig oder verletzbar Menschen sind, die man bislang als „Hans-Dampf in allen Gassen“ erlebt (und vielleicht beneidet oder beargwöhnt) hat.

Ich halte es durchaus für wahrscheinlich, dass dein Freund sein extrovertiertes Verhalten als erfolgreich erlebt, im Grunde seines Herzens aber eher verzagt ist. Und so passiert es, dass er sich nach vorne traut, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass sich das lohnt, obwohl es eigentlich nicht seiner wahren Natur entspricht.

Und er nimmt in Kauf, dass seine ureigenen (Selbst-)Zweifel ihn im Nachhinein überfallen, weil er das letzten Endes dennoch als das kleinere Übel erlebt. In Bezug auf die dazu nötige Selbstkontrolle ist das ein ungeheurer Kraftakt.

Und logischerweise ist die dazu notwendige Energie nicht immer aufzubringen oder das Ziel scheint nicht lohnenswert genug für die Mühe. Und so kommt es immer wieder zu den Situationen, in denen die Kraft nicht mehr reicht. Dann gewinnt das innere Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit die Oberhand.

Wie gesagt: Meine Theorie :smile:

Schöne Grüße,
Jule

Hi,

Nur dort, wo Du nicht Du selbst bist, kannst Du so sein, wie Du gerne wärst.

Ganz so ist es nicht - wenn ich vor der Klasse stehe, bin ich sehr wohl ich selbst. Nur weiß ich genau, was von mir erwartet wird und was nicht, bzw. ich weiß es genau genug.

Weil Du oben was von Diagnose und so geschrieben hast: Diagnose habe ich keine, aber ich weiß den Auslöser. Damit ist man sehr weit - und gar nicht weit. Denn den Kampf mit sich muss man alleine austragen, und der ist schwer genug. Und ich verliere ihn oft.

Wie ist denn Dein Freund so drauf, läßt er sich Hilfe anbieten (darauf bin ich ja ganz allergish, wenn das ungefragt kommt) oder hat er dich in dem Fall vielleicht schon um Hilfe gebeten oder Dir mal sein Herz ausgeschüttet? Vielleicht läßt er sich ja davon überzeugen, in Gesprächstherapie zu gehen. Nur soll er aus keiner Richtung Wunderdinge erwarten - es gibt keine Pille dagegen, und man muss jeden verdammten Schritt ganz alleine machen, und jedesmal ist es der gleiche Kampf.

die Franzi