Hallo liebe www-ler,
ich benötige mal Eure Hilfe für meinen kleinen Bruder.
Ich versuche einfach mal, dieses Wochenende zu schildern:
Mein Bruder ist gerade 15 geworden, geht auf’s Gymnasium, spielt Tennis (aber nicht gut) und Klavier (seeehr gut) und liebt seinen PC und vor allem Webdesign.
Er ist in meinem Empfinden auch sehr beliebt und vor allem bei den Mädchen ein gefragter Kandidat. Wobei er eigentlich ein „stiller“ ist, der aber trotzdem sehr angesehen ist. Diese Annahme mache ich daran fest, dass ständig das Telefon klingelt und sich Leute mit ihm treffen wollen oder was wissen wollen.
Nun war er dieses Wochenende im Kino und hat dann um halb elf meine Mutter überredet, dass er bei einer Klassenkameradin (!) übernachten darf, die schon wärend seines Kinobesuchs die ganze Zeit bei uns angerufen hat und ihn dringend sprechen wollte.Seine Freundin Sarah ist die beste Freundin und war folglich auch bei diesem Stell-Dich-Ein dabei und scheinbar auch maßgeblich an der Idee, meinen Bruder einzuladen, beteiligt. Nach ein bißchen betteln und darstellen dieser „lebenswichtigen Situation“ hat sich meine Mutter unter 2 Bedingungen zu dieser spontanen Aktion breitschlagen lassen:
1.) Sie fährt ihn hin und er gibt ihr die Adresse von der Freundin mit Telefonnummer (für den notfall)
2.) er fährt mit dem Zug um 11.07 Uhr von dort zurück, so dass er pünktlich zum Mittagessen wieder da ist.
Um 11.30 Uhr war nichts von ihm zu sehen, auch mit dem nächsten Zug kam er nicht und irgendwann rief meine Mutter bei besagter Freundin auf dem Handy an und erreichte Sie auch. Sie hatten wohl alle noch geschlafen und von Zug war nicht die reden. Mein Bruder war sehr einsilbig und versprach, den nächsten Zug zu nehmen, was er dann auch tat. Als er zu Hause war, hat meine Mutter (die sehr reizend ist und noch nie geschrien hat) ihn sehr resolut aber sachlich zur Rede gestellt, in meinem Empfinden viel zu nett 
Er ist dann in sein Zimmer gegangen und nach einer Stunde kamm meine Mutter zu ihm und er saß auf dem Bett und hat bitterlich geweint, was er sonst nie tut. Er hat am ganzen Körper gezittert und war fast nicht ansprechbar. Meine Mutter leitete sein Verhalten auf den vorherigen Streit zurück und konnte sich eine so heftige Situation nicht erklären. Nach einer Zeit fing er dann doch an zu reden.
Er sagte meiner Mutter, dass Sie ja gar keine Ahnung hat, was er für Probleme hat und dass er sich ja wohl nicht wegen ihr so aufreget.
Nach einer weiteren halben Stunde trösten und Bohren erzählte er, dass er in seinem Empfinden extreme soziale Probleme hat. Er traut sich nicht, vor anderen was zu sagen und wird immer rot oder beginnt zu stottern und er unterstellte in dem Gespräch auch seinen „vermeintlich“ besten Freunden, dass sie ihn nicht ernst nehmen und nur über ihn lachen und dass ihn alle hassen und sich über ihn lustig machen und in der Schule wirde ihm schlecht, wenn er Referate halten soll oder wenn er von den Lehrern angesprochen wird und ihn alle „anstarren“. Er hat jetzt auch eine Freundin, die er liebend gern einmal küssen würde. Wir hatten vor kurzem ein für mich amüsantes Gespräch, in dem er mich nach der richtigen Technik beim küssen mit Zunge fragte. Ich fand es total süüüüß
)
Gestern sagte er, dass er sich einfach nicht traut und dass sie sich aufgrund seiner Zurückhaltung schon von ihm zurückzieht und ihm wohl mitteilte, dass sie ein wenig desillusioniert sein und sich unter ihm mehr vorgestellt hätte. Schade!
Jedenfalls sagte er, dass er im Netz schon vor Monaten einen Artikel unter http://www.panikattacken.at/soziale_phobie/sozialpho… gefunden hat und dieser Artikel hätte sich zu fast 100 % mit seinen Problemen gedeckt.
Nun fragte er gaaanz vorsichtig aber sichtlich verzweifelt, ob er denn nicht zu einem Therapeuten gehen kann, der ihm hilft.
Normalerweise hätte mich die Frage von einem jugendlichen gewundert, aber er war vor 2 Jahren schon einmal bei einer kognitiven Verhaltenstherapie (25 Stunden), weil er sich selbst unter einen derartigen Lernstress gesetzt hat, dass er an einer 2 oder gar 1,5 fast zerbrochen wäre. Meine Mutter hatte ihn damals dazu gedrängt und im Nachhinein hatte es ihm sehr geholfen. Offensichtlich empfindet er es ähnlich, denn sonst hätte er den Wunsch nach professioneller Hilfe sicher nicht von sich aus geäußert.
Aber ich bin mir einfach nicht sicher, woher seine Probleme kommen. Er hat im Kreis seiner neuen Freundin ziemlich abgespacete Tussis gefunden, die sehr gern über ihre Depressionen reden, sich dem Tod näher verbunden fühlen als dem Leben, nächtelang nach Gründen und Möglichkeiten suchen, sich von dieser Scheiß-Welt zu verabschieden.
Sie hören ziemliche Grufti-Musik, haben alle schwarze Haare und schreien nachts Parolen wie „wer keine Angst vor’m Teufel hat, braucht auch keinen Gott“ und so weiter …
Ich hatte auch mal eine Grufti-Phase und habe Totenköpfe gemalt und wollte mein Zimmer in eine Gruft umgestalten, aber diese Phase ging ein halbes Jahr und ich war dabei immer sehr extrovertiert, was meinen Eltern wohl die Gewissheit gab, dass sie sich keine ernsthaften Sorgen machen müssen.
Aber mein Bruder ist sehr in sich gekehrt, hat teilweise fast schon autistische Züge an sich und lebt teilweise drei Tage nur mit sich und seinem PC ohne aktiv mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Man kann ihn da auch nicht rausholen, er redet mit einem, aber nach 5 Minuten weiß er nicht mal mehr, was er gerdet hat. Er chattet oft, was mir zeigt, dass er grundsätzlich schon an Kommunikation interessiert ist. Aber was sollen wir tun?
Ich mache mir sorgen, weiß aber nicht, ob man dass unter temporärer pubertärer Störung ablegen soll oder ob er wirklich eine Therapie braucht. Ich habe Angst, dass man mehr an ihm therapiert, als nötig ist und er diese Phasen gar nicht richtig erlebt, weil er unter ständigem Einfluss eines Therapeuten steht. Ich kann mittlereile auch über einige meiner „Phasen“ lächeln und ich würde mir wünschen, dass er seine auch so unbeschwert und unbeeinflusst erleben kann, wie es nur geht. Bildet er sich nicht vielleicht etwas ein, oder sucht er einfach mehr Aufmerksamkeit?
Was würdet Ihr tun oder sagen? Wie kann ich ihm helfen? Kann ich mit meinem Verhalten irgendetwas positiv beeinflussen? Wenn ja, wie?
Danke für Eure Antworten,
Baghira