Soziale Vermeidung aufgrund von Lebensumständen

Mahlzeit zusammen,

diese Anfrage betrifft einen guten Bekannten von mir. Ich mache mir Sorgen um ihn, da er nicht richtig am sozialen Leben teilnimmt. Ich glaube er macht sich das selbst, - während er hingegen seine Umstände und Verhältnisse dafür verantwortlich macht. Im Prinzip sei sein ganzer Werdegang und Entwicklung seit seinem verkorksten Elternhaus dafür tragend, so sagt er. Er ist körperlich und psychisch schwer behindert und hat dadurch auch erhebliche Einbußen und Nachteile, obwohl man ihm seine Behinderungen weder sonderlich ansieht, noch anmerkt. Aber er selbst ist ziemlich gehemmt irgendwie, - wie innerlich blockiert. Mir scheint das mehr eine Entwicklungsfrage zu sein, aber etwas ratlos bin ich dann doch.

Aufgrund seiner Behinderungen ist er dauerhaft voll Erwerbsunfähig (mit 31 Jahren) und schämt sich dafür. Er könne das niemandem draußen anvertrauen aus Angst vor Ächtung und Ausgrenzung, sagt er. Schon alleine dieser Umstand verwehre ihm die echte Teilhabe, weil er sehr viel verbergen und verstecken müsse. Und dieses Verstecken erzeugt Angst und Druck. Er will trotzdem das normale Leben der Anderen leben und erreichen und so gibt er lieber den sich selbst verbiegenden Schauspieler, der den Anderen etwas vortäuscht. Mit der Konsequenz, niemanden allzu nah an sich heranlassen zu können, weil sonst seine „Maskerade und falsches Spiel“ ja auffliegen könnte.

Das ist glaubhaft und logisch, wenngleich auch manchmal sehr anstrengend, seinem komplizierten Denken zu folgen. Aber er will halt das Leben der Anderen (Haus, Auto, Freunde, eine tolle Frau, usw.) und nicht das Leben eines ausgegrenzten, mehrfach schwerbehinderten Leistungsempfängers. Tatsächlich kämpft er schon sein halbes Leben mit der blanken Existenzsicherung und das tut mir wirklich leid für ihn. Immerhin hat er es nun nach über 12 Jahren Suche zu einer 17qm kleinen 1-Zimmer Wohnung gebracht. Es herrscht starke Wohnungsnot in Hamburg! Und Leistungsempfänger werden nicht gerade bevorzugt bei der Vergabe. Aber das Zimmerchen ist so klein und darin hat er sein Wohn- und Schlafzimmer, eine kleine Kochzeile und ein Mini-Büro, wie er es nennt. Es erscheint mir schon nachvollziehbar (und ich habe es mir auch angesehen), dass man darin nicht gescheit leben, noch wohnen kann. Geschweige denn eine soziale Kontaktaufnahme gestalten kann, sagt er! Deshalb sei er genötigt sein Sozialleben (sofern vorhanden) bei anderen Leuten auszuleben, oder halt im Sommer im Park o. ä. Und dann trägt er mir wiederholend solche philosophischen Gleichungen vor, wie z.B.: „Ich weiß nicht ob es mir so schlecht geht weil ich so arm bin, oder ob ich so arm bin, weil es mir so schlecht geht.“ Ein Teufelskreis, und nie scheint er wirklich fertig und bereit zu sein für das Leben.

Was haltet Ihr davon? Und was könnt Ihr mir für ihn empfehlen? Ich denke ja, dass er nur noch nicht stark und mutig genug ist, seine Maskerade fallen zu lassen und sich - seine Verhältnisse bejahend und annehmend - dem Leben zu stellen. Und dann halt ganz offen zu sehen was er abbekommt. Also eine Frage von Persönlichkeitsentwicklung und Selbstbewusstsein. Oder?

Mit Dank und Gruß,
Yedi386

Moin Yedi,
es ist nobel von dir, deinem Bekannten helfen zu wollen.

Du hast in deinem Text schon selbst einige Wichtige Punkte angesprochen:

Ich glaube er macht …

Vieles weißt du nicht sicher. Man neigt einerseits zum interpretieren - und andererseits - weißt du nicht sicher, ob dein Bekannter seine Krankheit nicht (auch) instrumentalisiert.

…Aber er selbst ist …
…niemanden allzu nah an sich heranlassen …

Letztlich ist es seine Entscheidung wie er sein Leben leben will. Wenn er wirklich etwas anders will, muss er etwas anders TUN. Und das muss er selbst. Das kann ihm niemand abnehmen. So schade das auch ist.

Es ist

… sein Sozialleben

nicht deines.

Nach deiner Beschreibung hat er große Probleme auf etlichen Gebieten. Und deine Einschätzung:

… er nur noch nicht stark und mutig genug
ist,

trifft vielleicht genau den Kern.
Das einzige was du imo machen kannst, ist, ehrlich zu sein und vor allem deine eigenen Grenzen zu bewachen. Sag ihm, dass du es schade findest, dass es ihm so schlecht geht, aber dass du nicht weißt wie du ihm helfen kannst und ob er sich vorstellen kann professionelle Hilfe zu suchen.
…lux

Hi Yedi,

nur um mal auf den „praktischen“ Teil zu kommen. Dein Bekannter hat bei entsprechend geringer Rente einen Anspruch auf die sog. „Grundsicherung“ und im Rahmen dieser Grundsicherung einen Anspruch auf eine Wohnung bis zu 45 qm, deren Miete im vom jeweiligen Land vorgesehenen Rahmen vom Sozialamt übernommen wird. Gleichzeitig helfen die entsprechenden Institutionen bei der Wohnungssuche. Und in Hamburg sind Wohnungen nicht seltener als in Frankfurt oder München oder Berlin.

Vielleicht fragt ihr auch mal bei der Caritas nach. Oft ist es so, dass wenn das Umfeld geregelt worden ist, die Psyche ein Stück „mitzieht“.

Ein bisschen klingt das für mich auch nach Selbstmitleid - und Du scheinst als Mit-Leidender mit in diesem Netz zu hängen.

Er soll sich u.U. mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst oder einer psychiatrischen Ambulanz in Verbindung setzen, um sein psychisches Problem anzugehen. Nur jammern hilft auch nix.

Gruß,
Anja

Unklar bleibt jedoch…
Hallo Frau Vogel,

das ist leicht dahergeschrieben, glaube ich. Also Grundsicherung gem. SGB XII bezieht er bereits seit einiger Zeit. Ich habe das mit ihm durchgesprochen. Er hatte auch einen §5 Schein (der so gut wie nichts hilft bei einer Wohnungsbewerbung). Auf einen Dringlichkeitsschein hat er sogar vor dem Verwaltungsgericht geklagt gehabt. Dies sei jedoch inhaltlich wegen Formfehler oder Fristen gescheitert. Über die Behörden (Wohnungsamt) bekommt er jedenfalls keine Wohnung einfach mal eben so zugewiesen. So leicht ist das nicht!

Diverse Therapien und Sozialdienste habe er bereits hinter sich, sagte er mir etwas verärgert, als ich ihn darauf ansprach. Teilweise habe das auch etwas gebracht, zum anderen Teil können die jedoch nichts als reden (sozialpsychiatrische Gespräche von Sozialpädagogen). Da fehle ihm die reale Unterstützung, Grundlage, Ausstattung und Begleitung, die bei der Grundexistenziellen Versorgung (die Basis) nun einmal anfange. Ein Penner unter der Brücke könne schließlich nicht einmal mehr sein eigenes Fahrrad reparieren (sofern er eines besitzt), und nicht etwa weil er zu dumm oder zu faul ist, nein, sondern ganz einfach aufgrund seiner Lebensumstände, so schilderte es mir mein Bekannter. Schließlich fehle es dem Penner unter der Brücke ja schon an einfachem Werkzeug und Flickzeug, und - man stelle sich vor -, im Winter bei -16 Grad im Freien scheitert alleine der Versuch wegen der gefrorenen Finger. Na ja, und sowas kann ich mir dann anhören… Aber nachvollziehbar ist das schon ein wenig.

Was mir unklar bleibt, ist die Frage, ob er sich das mit der sozialen Vermeidung selber macht, oder ob es wirklich seine extrem schwierigen und dauerhaft belastenden Verhältnisse (Lebensumstände) sind?

Gruß,
Yedi386

Auch Mahlzeit,

Dein Freund würde in Bangladesch oder im Tschad zur Mittelschicht gehören, in unserer westlichen Konsumgesellschaft und Klitter-Hollywood-Medien-Welt lebt es sich so aber umso schwerer.

Das eigentliche Problem ist meiner Meinung nach nicht unbedingt die materielle Not, sondern das psychische Leid, weil man sich ja bewußt oder unbewußt immer mit seiner sozialen Umgebung vergleicht und wenn da fast nur Investmentbanker rumlaufen, dann tut das weh.

Wenn alle so leben würden, wie Dein Bekannter, weil es halt normal wäre und man es nicht anders wüßte, ginge es Deinem Bekannten meiner Meinung nach viel viel besser, bei dergleichen materiellen Not.

Gleichzeitig hat aber auch Dein Bekannter das immanente Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Prestige. In der materiellen Welt und in unserer Gesellschaft kann er es für seine soziale Rolle und Stellung nicht bekommen. Also, muss er es irgendwie anders machen. Dazu paßt meiner Meinung nach das von Dir erwähnte komplizierte Denken von ihm. Ich glaube Dein Bekannter will bewußt oder unbewußt mit seiner Situation kokettieren, sich einerseits als Opfer darstellen, andererseits durch seine intellektuellen Leistungen des Philosophierens, etc. auch beweisen, dass er was drauf hat und eigentlich ein interessanter und tiefgründiger Mensch ist, der völlig zu Unrecht in unserer Gesellschaft untergeht. Er sehnt sich nach Anerkennung und Liebe, so wie er ist. Die Menschen sollen ihm entgegenkommen und sich seiner Lage anpassen. Er will sich nicht an die Vorgaben der Gesellschaft anpassen müssen umd angenommen zu werden, weil er ohne Vorbedingungen angenommen werden will, wie er ist. Vielleicht ist seine Lage daher auch ein Stück weit aus Trotz und Verweigerung aus Frust heraus so schlimm.

Ich glaube, da kannst Du nichts tun. Jeder hat sein Schicksal, das er/sie abarbeiten muss. Manchmal ist eine Krise/sind negative Dinge für die persönliche Entwicklung viel ergiebiger als Friede-Freude-Eierkuchen. Jedes Problem/jede Schwierigkeit ist eine Chance, um zu beweisen, was man drauf hat. Es ist aber individuell völlig verschieden, wie das jemand auffasst und wie Leute mit ihrem Schicksal umgehen. Der eine zerbricht und der andere wächst an ein und derselben schlimmen Situation.

Gruß, Hilde