Spätaussiedler hä

Neuerdings hat sich für Leute, die als deutschstämmige aus den GUS-Staaten zuwandern der Begriff „Spätaussiedler“ eingebürgert.
Jahrzehntelang wurde dieser Begriff für Menschen gebraucht, die nach dem Kriege nicht aus den kommunistischen Staaten rausgelassen wurden, weil sie wegen ihrer Spezialkenntnisse, z.B. Bergarbeiter in Schlesien, gebraucht wurden.
Ich möchte nicht darüber werten, warum diese Leute automatisch als deutsche Staatsbürger anerkannt werden, obwohl ihre Vorfahren bereits vor 250 - 300 Jahren in das damalige Russland ausgewandert sind.
Ich weiß um die Leiden der meisten älteren Leute, die wegen ihrer religiösen Überzeugung häufig im Gulag gelandet sind. Deutschland will an deren Nachfahren das Leid, das ihnen durch die Russen zugefügt wurde, wiedergutmachen.
OK. Aber warum der Ausdruck „Spätaussiedler“?
Es kommt ja auch niemand auf die Idee, den ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger, der im Schwarzwald geboren und zur Schule gegengen ist, als Deutschen zu bezeichen. Und wenn er sich entschließen sollte, seinen Wohnsitz in Deutschland zu nehem, würde ihn doch auch niemand als „Spätaussiedler“ bezeichnen.

Hallo Jochen!

Es gab vor dem 2. Weltkrieg in der UdSSR Gegenden, in denen Deutsche siedelten, welche vor einigen Jahrhunderten ins Land geholt wurden. Sie haben nie ihr Nationalität aufgegeben.
Z.B. die Wolgadeutschen.
Diese Deutschen wurden verständlicherweise von der UdSSR nach dem deutschen Angriff ausgesiedelt und zwar nach Osten. Viele nach Kasachstan.
Diese nennt man heute Spätaussiedler. Warum auch nicht? Dadurch, daß die Kasachen sie nicht mehr in ihrem, heute souveränen, Land haben wollen, sind sie gezwungen, wieder umzusiedeln. Entweder nach Rußland oder Deutschland. Wo würdest Du hingehen?
Gruß Werner

Hallo Werner,

warum wurden diese Deutschen „verständlicherweise“ ausgesiedelt?

Gruß Irina

Hallo Irina!

Ich denke, Du bist eine von ihnen oder eine Angehörige.
Ich glaube das deshalb, weil die Deutschen die UdSSR überfallen haben und diese deutschen Siedler, wenn die deutsche Wehrmacht bis zu ihnen gekommen wäre, ihnen mit fliegenden Fahnen entgegengegangen wären.
Auf jeden Fall mußte Stalin das glauben. Was lag da näher, als sie umzusiedeln?
Wenn man bedenkt, wie rücksichtslos die Sowjets ihre eigenen Leute umgesiedelt haben, war es für sie kein Verbrechen, die Deutschen in den Osten zu schaffen.
Man hat doch gesehen, wie Deutschstämmige gejubelt und getanzt haben, wenn die Wehrmacht sie „befreit“ hat. In Polen, in Bessarabien usw.
Du denkst sicher anders darüber, aber man muß sich doch in die Lage der damaligen UdSSR versetzen. Die Deutschen im Hinterland waren immer so etwas wie eine 5.Kolonne.
Gruß Werner

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Ich habe in letzter Zeit häufig festbestellt, daß die „Spätaussiedler“ -sie mögen kommen, woher sie wollen- als „Weißrussen“ (!) benannt werden. Dies mag ein lokaler Effekt sein, wundert mich aber noch mehr, als die PC-Bezeichnung „Spätaussiedler“.
Problematisch ist an der Sache wie immer :
Ist jemand Deutscher, weil er Deutsch spricht ? Nein !
Ist jemand Deutscher, weil „deutsches Blut“ in seinen Adern fließt ? Sicher auch Nein !
Ist jemand Deutscher, weil die politische Führung oder die führenden PressureGroups der Meinung sind, es sei dienlich solche Menschen als „Deutsche“ zu vereinnahmen ? Das kommt wahrscheinlich am ehesten hin.

eljot

*Ich dachte bisher Kissinger wäre aus Fürth ??*

Lustig ist auch, nach welchen Kriterien diese Leute als Deutsche anerkannt werden. Es gilt die väterliche Linie. Meine Vorfahren mütterlicherseits sind 1780 oder so aus dem damaligen Königsreich Württemberg nach Argentinien (das damals Provincias Unidas del Sur hieß) ausgewandert. Meine Mutter hat aufgrund dessen die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen können, denn bis zu ihrem Vater war die männliche Linie ungebrochen. Mein Bruder mußte dafür jahrelang prozessieren; mittlerweile ist er auch stolz, ein Deutscher zu sein :smile:, allerdings ohne Berücksichtigung dieser Tatsache, er wurde sozusagen „normal“ eingebürgert.

Weder meine Mutter noch mein Bruder wurden allerdings als Spätaussiedler bezeichnet…

Gruß

J.

*dernochimmerseinenaltenargentinischenPasshat*

Hallo,

Um etwas klarzustellen: „Spätaussiedler“ ist kein Begriff, der sich „irgendwie eingebuergert“ hat oder abwertend ist. Es ist die offizielle Bezeichnung fuer Aussiedler, die erst nach dem 31.12.1992 nach Deutschland gekommen sind. Der Begriff ist wichtig, da sich z.B. die Rechtsverhältnisse in den Herkunftstaaten, also vor allem in der ehemaligen Sowjetunion, seitdem teilweise drastisch geändert haben.

Gruesse,
Vlado

…es ist hier auch noch nicht gesagt worden, daß viele der Deutschen, die in Hitlers Zeiten nach Russland ausgewandert sind. dies oft NICHT freiwillig gemacht haben. Hitler hat ganze Dörfer dazu gezwungen, das Land zu verlassen und nach Rußland auszuwandern. Ich finde es richtig, daß der Staat dies irgendwie wieder gutmachen möchte und daß diese Leute nun nach Deutschland kommen möchten , wenn sie es möchten.
Ich finde, Deutschland sollte allgemein nicht so streng mit der Staatsangehörigkeit umgehen…
Übrigens: ich arbeite als Lehrerin für Deutsch in einer spezielle Schule für Spätaussiedler und versichere, daß sie es nicht leicht haben. Sie sind Fremde sowohl hier als auch in der ehemaligen Sowjetunion.
Gruß
Camilla

hallo werner

nicht nur die deutschen haben zunächst gejubelt… auch die uktrainer beispielsweise freuten sich zunächst, das joch der sowjetischen besatzung abgeschüttelt zu haben… ähnlich war das in den kolonialstaaten der engländer. in ägypten hoffte man auch auf einen deutschen sieg.
natürlich, nach wenigen wochen kippte die stimmung in den osteuropäischen ländern sofort wieder um. schliesslich wurde ja nur ein besatzer durch einen anderen verdrängt.
(bis heute mir schleierhaft, wie man so grausam gegen zivilisten vorgehen kann, die einem nicht feindlich gesonnen sind)

ciao

Vielleicht in diesem Zusammenhang ganz interessant:
http://www.sw.fh-jena.de/seminare/migration-s97/mate…
Speziell:

Mit dem am 1. Januar 1993 in Kraft getretenen Kriegsfolgenbereinigungsgesetz (KfbG) wurde der politischen Situation des „Ende der Nachkriegszeit“ Rechnung getragen und die Aufnahme von Aussiedlern auf eine neue Rechtsbasis gestellt. Die nach Inkrafttreten des Gesetzes eintreffenden Aussiedler werden als „Nachzügler der allgemeinen Vertreibung“ Spätaussiedler genannt. Im Jahre 1996 kamen nur noch ca. 117.000 Spätaussiedler. Auch die Aufnahmeanträge als Spätaussiedler sind erheblich zurückgegangen.

Oder auch:
http://www.sw.fh-jena.de/seminare/migration-s97/T_10…

Reinhard