Hallo liebe Experten!
Ich habe eine Frage zur Überwindung von Angst im Sport, speziell der Sturzangst beim Klettern.
Sie kommt bei betroffenen Sportkletterern regelmäßig dann, wenn sie im „Vorstieg“ unterwegs sind, das heißt die letzte Zwischensicherung sich ca. 1-1,5 m unter ihnen befindet und der Sturzfaktor dadurch erhöht ist (pi mal Daumen 2-3 m plus Seildehnung).
Sie sind dann regelrecht gelähmt, an den nächsten Griff zu fassen und weiterzuklettern (insbesondere am Leistungslimit, d.h. es ist wahrscheinlich, dass man beim nächsten Zug aus Kraft-/Tecnikmangel fällt).
Diese Angst ist - wie viele - eigentlich vollkommen irrational. Die körperliche Unversehrtheit wird bei guter Sicherung nicht gefährdet, schließlich hängt man ja am Seil. Dennoch kann die Angst vor dem (ungefährlichen) Sturz richtige Blockaden auslösen.
Gibt es außer Sturztraining, d.h. vermehrter Konfrontation, einen Ansatz zur Überwindung solcher Ängste im Sport? Z.B. eine Art mentales Training oder kann man vielleicht durch autogenes Training in solchen Situationen Erfolge erzielen?
Ich habe in einem Aufsatz auch schon etwas über eine gewisse „Selbstwirksamkeitstheorie“ gelesen, aber da ich psychologisch ein kompletter Laie bin, kann ich damit nicht sonderlich viel anfangen… 
Vielen Dank schonmal!
Julia
Hallo Julia
Sie kommt bei betroffenen Sportkletterern regelmäßig dann,
wenn sie im „Vorstieg“ unterwegs sind, das heißt die letzte
Zwischensicherung sich ca. 1-1,5 m unter ihnen befindet
Naja, erstmal würde ich sagen, daß die Angst vor dem Sturz nicht regelmäßig auftritt. Noch dazu sind die runouts (Abstand zwischen zwei Haken)am Felsen deutlich länger als die von Dir beschriebenen 1 bis 1,5 m. Hakenabstände von 6-8 Metern sind keine Seltenheit. Die reultierenden Stürze sind damit deutlich über 10 Meter tief, was man nicht so einfach wegsteckt. Gleichwohl gebe ich Dir recht: Wohl jeder Kletterer kennt diese Angst.
Diese Angst ist - wie viele - eigentlich vollkommen
irrational. Die körperliche Unversehrtheit wird bei guter
Sicherung nicht gefährdet, schließlich hängt man ja am Seil.
Dennoch kann die Angst vor dem (ungefährlichen) Sturz richtige
Blockaden auslösen.
Das stimmt nicht immer. Gerade am Felsen können Stürze zu Verletzungen führen, da die Felsen eben nicht so schön homogen senkrecht sind wie die Hallenwände. Gerade letzte Woche ist mein Kletterpartner gestürzt. Obwohl er „nur“ 3 Meter gefallen ist, ist er auf dem Weg nach untern auf ein Felsband geschlagen und hat sich mehrere Finger gebrochen. Sehr unschön! Noch schlimmer wird es, wenn man lange runouts mit Keilen etc. absichern muß. Da geht einem ganz schön der Puls hoch.
Gibt es außer Sturztraining, d.h. vermehrter Konfrontation,
einen Ansatz zur Überwindung solcher Ängste im Sport? Z.B.
eine Art mentales Training oder kann man vielleicht durch
autogenes Training in solchen Situationen Erfolge erzielen?
Ich habe in einem Aufsatz auch schon etwas über eine gewisse
„Selbstwirksamkeitstheorie“ gelesen, aber da ich psychologisch
ein kompletter Laie bin, kann ich damit nicht sonderlich viel
anfangen… 
Letztlich ich die Sturzangst doch Angst vor der Höhe. Es geht jedem Menschen so, daß er an einer Dachkannte eben nie so herumturnen würde wie anm Bordsteinrand. Obwohl es motorisch überhaupt keinen Unterschied macht. Ist das jetzt irrational? Ich denke die Angst vor der Tiefe ist eine Urangst - und ein paar Haken zwischen mir und dem Abgrund reichen nur sehr bedingt aus meine Angst im Zaum zu halten. Bei mir nimmt diese auch mit der Höhe zu - ebenso irrational. In 40 oder 50 m Höhe kann ich beim klettern niemals die Leistung abrufen wie in 3 Metern Höhe. Aber man kann das Trainieren. Beinahe jeder Kletterer den ich kenne ist zur Beginn der Saison am Felsen unsicherer wie am Ende.
Noch dazu kommt auch die persönliche Veranlagung Angst zu haben. Wenn ich heute in die Halle klettern gehe, mit einer ganzen Saison am Felsen im Rücken, dann habe ich überhaupt keine Angst vor dem Sturz. Die akenabstände sind so kurz, daß wirklich nichts passieren kann. Ich habe auch die von Dir beschriebene Lähmung in der Halle nie beobachtet - wohl aber am Felsen.
Ein sehr gutes Kapitel zum Thema Angst beim Klettern findet sich in Wolfang Güllichs Buch „Sportklettern heute“. Wahrscheinlich ist das aber nur noch antiquarisch zu haben.
Gruß
Tom
Vielen Dank schonmal!
Julia
Hallo Tom!
Vielen Dank für deine Antwort.
Ich wollte es eigentlich nicht so sehr aus dem ganz ganz speziell klettertechnisachen Blickwinkel betrachten, sondern eher aus dem psychologischen. Denn das mit der speziellen Kletterproblematik (Verletzungsgefahr bei falscher Sicherung usw) ist mir schon bewusst. Es stimmt, dass im alpinen Gelände die Abstände sehr viel größer sein können - nur spreche ich ja gerade vom "Sport"klettern, das hast du wahrscheinlich überlesen.
Außer im Donautal mit seinen kriminellen Hakenabständen kommt es bei den dort gekletterten (immer Einseillängen-) Touren ja selten vor, dass man Hakenabstände von 6 - 8 m hat. Dazu musst du nur mal ins Frankenjura schauen: Dort sind manche Touren selbst gerade mal 10 m hoch - ich würde mich jedoch hüten, sie mal schnell bouldern zu wollen. Es geht mir also wirklich nur ums Sportklettern. Und auch in der Halle kommt es häufiger vor als man denkt: Ständig sieht man doch jemanden im Seil baumeln, ohne am Limit zu klettern, aus purer Angst, der nächste Griff könnte nicht so positiv sein wie er aussieht und dann könnte man ja einen halben Meter (!) ins Seil fallen und das ist dann mehr unangenehm als wirklich gefährlich.
Es kann vorkommen, dass Leute, die sogar im Überhang routiniert bouldern, dies nicht an die Wettkampfwand umsetzen können, weil sie dort keinen Fuß ins Dach gesetzt bekommen. Wahrscheinlich ist es wirklich die Angst vor der Höhe - beim Bouldern kann ja zuweilen mehr passieren als beim Schwierigkeitsklettern, und dennoch sind viele dort deutlich risikobereiter…
Aber trotzdem: Dann muss es doch einen Weg geben, diese Angst zu überwinden?! Mich interessiert einfach, ob es Methoden gibt, die in dem speziellen Moment, wo Leistung erbracht werden muss, abrufbar sind und die Angst überwinden lassen. Vielleicht so ähnlich wie „Selbstypnose“, nur eben auf unbedenkliche Art. Muskelrelaxation klingt zB nicht sachdienlich, denn wenn ich meine Muskeln entspanne, kann ich keine Leistung erbringen. Vielleicht eine spezielle Atemtechnik? Spezielle Gedanken…?
Vielen Dank auch für die Info über das Buch von Güllich!
Schönen Gruß,
Julia
Hi Julia,
ok, dann versuche ich es mal aus einem -meinem- Hobbypsychologenblickwinkel zu erklären was in mir vorgeht wenn ich Angst habe und wie ich sie überwinde
)
Vor der Angst kommt immer der Zweifel:
- Kann ich die vor mir liegende Stelle klettern?
- Reicht meine Ausdauer bis zum nächsten Haken?
- Sah der letzte Haken unter mir nicht irgendwie komisch aus?
- Warum gibt mein Sicherungspartner so viel Schlaffseil?
etc. etc…
Danach kommt der nächste Schritt, wobei man automatisch den worst case annimmt:
- Scheiße, wenn ich beim klinken Seil ausziehe und dann stürze knalle ich 6 Meter runter.
oder
- Scheiße, wenn mein Sicherungspartner nicht aufpasst bin ich weg wenn ich jetzt stürze.
Und schon ist die Angst da!
Die Angst führt zunächst einmal nicht zu einer Lähmung, aber dazu, daß meine mentale und körperliche Dynamik ins Stocken gerät. Ich bin nicht mehr voll auf die Tour konzentriert. Ich trete sozusagen aus mir heraus und frage mich was für einen Scheiß ich eigentlich hier gerade mache. Ich sehe vieldimensional die Gefährlichkeit dieses Sturzes der mich erwarten wird und mich selbst gleichzeitig als den verletzlichsten Mensch auf der Welt.
Wenn diese Situation auch noch an einer schwierigen Stelle auftritt, dann dauert es nicht lange bis die Nähmaschine anfängt - was wiederum den psychologischen Aspekt verstärkt.
So, und nun meine Waffe dagegen: Willensstärke! Klingt sehr pathetisch ist aber so. Sobald die Zweifel anfangen muß man sie hart bekämpfen. Man muß sich sagen, daß der Sicherungspartner schon viele Stürze aufgefangen hat und nie ist was passiert. Man muß sich sagen, daß man mit einer Ausrüstung klettert die nicht versagen kann, weil sie zig fach überdimensioniert ist. Man muß sich sagen, daß man gestern erst 50 Klimmzüge am Stück geschafft hat, körperlich gut drauf ist, und das Kletterstück sicher schaffen wird. Man muß die Zweifel ganz bewußt zerschlagen und sich wieder auf die Tour konzentrieren, auf die Bewegungsabläufe und das Ziel.
Das ist ja das wunderschöne am klettern: der riesige psychologische Faktor, der genauso zum gelingen einer Tour beiträgt wie Kraft und Technik!
Leider klappt diese Methode nicht immer. Schlimm ist es z. B. wenn ein Freund der eigentlich beser klettert auch schon an der Tour gescheitert ist. Dann ist es fast unmöglich meine Zweifel zu unterdrücken, wenn sie denn dann kommen.
Es funktioniert auch nicht mehr an wirklich gefährlichen Stellen, jedenfalls bei mir.
Güllich hat mal gesagt:
Die Kunst beim klettern keine Angst zu haben ist es sich im objektiv gefährlichen Terrain subjektiv sicher zu fühlen.
Gruß
Tom
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Danke
Vielen Dank, Tom! Dafür auch ein *.
Wenn ich richtig Muffe habe, denke ich mir auch manchmal den worst case aus, zB „wenn ich JETZT falle, dann könnte ich mit dem Kopf genau an diesem Felsvorsprung aufschlagen/ dieser Exe blöd hängenbleiben/ mit dem Rücken dort gegen den spitzen Griff donnern“ etc. Die Kunst besteht darin, das Kopfkino auszuschalten. Manche beherrschen das gut, andere weniger, und für diese Letzteren gibt es sicher irgendeine Art des mentalen Trainings. Ich werde auf jeden Fall weiter suchen - aber deine Antwort bringt mich auch schon ein Stück weiter.
Schönen Gruß,
Julia