Hallo Lisa,
das ist jetzt so eine Sache: Zur Frage, wann ein Fehler aufhört ein Fehler zu sein und anfängt, Element einer Entwicklung zu werden, sind im Deutsch-Brett von Berufeneren als mir schon viele Standpunkte zu lesen gewesen - so recht definieren kann man die Grenze wohl nicht.
Es ist sicherlich ziemlich gewagt bis heroisch, die Fehler, die aus Flüchtigkeit oder auch vor dem Hintergrund einer eingeschränkten oder zu anderen Schwerpunkten übergegangenen Schulbildung gemacht werden, kurzerhand zu einer eigenen „doch nicht so sehr falschen“ Sprachebene zu erklären.
Andererseits kann man eben erst im Nachhinein sagen, was tatsächlich Teil einer Entwicklung war: Wenn man nämlich weiß, wohin sie geführt hat oder auch nicht.
Wann haben die Töchter von Mutter Latein angefangen, etwas anderes zu sein als eben falsches Legionärslatein? Amerikanisch etwas anderes als stellenweise falsches Englisch?
Obwohl Mehrheit kein Indiz für Richtigkeit ist (eher im Gegenteil, leider), kommt es mir so vor, als nähmen die „phonetischen Fehler“ der im jeweiligen Zusammenhang falschen -er und neuerdings -ez-Endungen stark zu, und zwar ziemlich analog zu der Verschiebung von der papierschriftlichen zur Kommunikation per courriel, die irgendwo zwischen mündlichem und schriftlichem Ausdruck hängt. Das -ez erbost mich besonders, weil es ein Element von neuentdeckter Untertänigkeit enthält: Parallel dazu das, wie ich meine erst seit ein paar Jahren im Deutschen auftretende falsch großgeschriebene „Sie“ in den seltsamsten Zusammenhängen. („Bitte stellen Sie vor dem Einlagern der Behälter unbedingt sicher, dass Sie gleichmäßig und fehlerfrei abgefüllt sind“).
Wenn jemand, der sich an den „Imzweifelsfallinfinitiv“ gewöhnt hat (kein Legastheniker, und wohnhaft seit Generationen im Herzen Frankreichs - Essonne -) etwas besonders amtlich formulieren will - hier ein Text, der hundertfach als vorgeschriebene CE-Gebrauchsanleitung für Schutzkleidung publiziert werden wird - gibt er wieder großzügig ein paar mehr konjugierte Endungen zu, vor mir liegt grade:
"L’utilisation de ces produits est destinés à des personnes compétentes et ayant subit une formation appropriée.
Ne pas utilisé sans la veste de protection." etc.
– Das passé simple in der auch mündlichen Erzählung zu hören, in Differenzierung der Erzählung zum passé composé in der bloßen Nachricht „der und der hat dieses und jenes getan“, genieße ich jedes Mal bei dem einzigen mir persönlich bekannten Franzosen, der dieses ohne jede Anstrengung beherrscht. Der hat uns allerdings auch gezeigt, wo er als Bub bei der deutschen Kommandatur den Passierschein holen musste, wenn er seine Großeltern auf der anderen Seite der Demarkationslinie besuchen wollte; ganz jung ist er demnach nicht mehr. Auch hier also: Falsch bleibt falsch, aber ich kann mir schon vorstellen, daß eine Veränderung von Quantitäten im Zeitablauf eine Entwicklung ausmacht.
Die Grenze vom Fehler zur „anderen Ebene“ ist im Französischen sicherlich enger als im Deutschen und dort enger als im Englischen. Trotzdem glaube ich, dass sich einiges heute noch Falsche in irgendwieviel Zeit als auch richtige „andere Möglichkeit“ etablieren wird, tant pis. Prognosen darüber, was das im einzelnen sein wird, mag ich allerdings nicht wagen.
Schöne Grüße
MM