Moin Thomas
Die Geschicke des Chinesischen dürften darüberhinaus für noch
etwas interessant sein, denn das wird ja eher „gemalt als
gesprochen“.
Och nö, die Chinesen sind auch recht gesprächig, aber ich denke mal du meinst den Unteschied zwischen Sprache und Schriftsprache.
Über die grafischen Ausdrücke von Inhalten kann
man sich anscheinend stabiler einig bleiben, als über
lautmäßige Fixierungen von Begriffen.
Das kann man so nicht unbedingt sagen. Die Schriftsprache im Chinesischen hat sich ebenfalls weiterentwickelt, jedoch nicht unbedingt parallel zur gesprochenen Sprache. Auch denk ich nicht, dass man beim Chinesischen unbedingt von einer fortlaufenden Vereinfachung der Sprache ausgehen kann. Ein gutes Gegenbeispiel wäre die zunehmende Anzahl an Homophonen im Laufe der Jahrhunderte. Mittlerweile gibt es im gesprochenen „Hoch-Chinesisch“ nur noch ca. 400 Silben. Man behlilft sich ein wenig dadurch, dass fast jede Silbe in 4 unterschiedlichen Tonlagen ausgesprochen werden kann und kommt so immerhin auf ca. 1350 Sprachsilben. Im Gegensatz zu den ca. 47.000 Schriftzeichen, die das Wörterbuch des Kaisers K’ang-hsi (1661-1722) aufweist, ist das allenfalls ein Witz. (Allerdings muss man dazu sagen, dass davon heutzutage lediglich nur noch ca. 5000-8000 gebräuchlich sind und ca. 3000 Schriftzeichen für den alltäglichen Gebrauch reichen).
Dennoch fällt diese Diskrepanz zwischen möglichen Tonsilben und Anzahl an Schriftzeichen auf. Im klassischen Chinesisch war das alles noch ganz anders, aber seitdem ist eben viel verlorengegangen.
Zudem muss man Bedenken, dass die Schriftsprache weit verbreitet, die gesprochene Sprache ledoch in viele unterschiedliche Dialekte zerfällt, die untereinander nicht unbedingt verständlich sind.
Um hier mehr Einheitlichkeit zu schaffen sind Versuche unternommen worden den in Nordchina gebräuchliche Peking-Dialekt landesweit einzuführen und eine Möglichkeit der „Lautschrift“ in lateinischen Buchstaben zu schaffen.
Dies war sicher auch eine Folge des zunehmenden Kontakts der Chinesen mit Europäern, die versuchte, die chinesische Sprache in lateinische Buchstaben zu übertragen und damit für Europäer erlernbar zu machen. Es hat hier im Laufe der Jahre mehrere Systeme gegeben, die aber IMHO alle nichts taugen. (Zumal sie alle fast ausschließlich den Pekinger-Dialekt berücksichtigen).
Nur mal so als Beispiel: R.H. Mathews unterschied noch die Silben ki, tsi, kih und tsih, während Wade/Giles die unter diese 4 Gruppen fallenden, insgesamt 110 Zeichen mit „chi“ transkribierte.
Das Schlimmste, was der gesprochenen Sprache passieren konnte, war die einführung des Pin-yin quasli als phonetische Darstellung der Sprache, die gradezu gruselige „Gleichmacherei“ betreibt. Das vorher gebräuliche System von Wade/Giles war da ein bisschen besser, aber auch nicht viel. Im Grunde ist das Pin-yin IMHO ziemlich sinnlos, da sich korrekte Chinesische Lautung kaum in lateinischen Buchstaben wiedergeben lässt (schon mal gar nicht dermaßen vereinfacht) und sie als Schriftsprache überhaupt nicht taugt. (In irgend einem meiner Chinesischbücher war mal ein kurzer Text, um das zu verdeutlichen, und der lautete ungefähr: shi shì shi shì shí, shi shì shì shi shi shi, shì shì usw.
Was auf den ersten Blick wie eine Vereinfachung ausehen mag, verkompliziert die Sprache jedoch im Endeffekt. So hat man im modernen Chinesisch mittlerweile eine riesige Menge an Zwei- oder gar Dreisilbigen Wörtern (und für jede Silbe das ensprechende Schriftzeichen), wo das Klassische Chinesisch nicht nur mit nur einer Silbe (und einem Schriftzeichen) auskam, sondern auch noch weitaus präziser in seiner Bedeutung war (IMHO).
Andererseits haben die
Chinesen sich ja eine (oder mehrere?) grosse Reformen ihrer
Schriftsprache gegönnt, damit das Ganze erlernbar (oder auch
vielleicht besser verbreitbar?) bleibt oder wird.
was für Reformen ? Die einzige Änderung, die mir bekannt ist, war die Einführung von etwa 425 Kurzzeichen für besonders kompliziert aufgebaute Schriftzeichen. Jedoch nutzen einem diese relativ wenig, da in vielen Texten weiterhin das Langzeichen auftaucht.
Spannende Sache, finde ich.
Ja, finde ich auch 
Gruss
Marion, Hobby-Sinologin *g*