Sprachunart?

Hallo,
ich bin zwar kein Lehrer, muss aber dennoch Texte beurteilen und bewerten.
Seit einiger Zeit taucht in solchen Texten immer wieder eine Konstruktion auf, von der ich nicht weiss, ob sie nur mir missfällt - ich also übersensibel bin - oder ob sie tatsächlich falsch ist oder wenigstens gegen die guten Sprach-Sitten verstößt.
Beispiel:
“Das Auto, welches auf der Straße steht“
Das tut mir weh. Ich würde stattdessen sagen
“Das Auto, das auf der Straße steht“
Kollegen behaupteten, das sei DDR Jargon.
Kann mir ein grammatisch und sprachlich Geschulter sagen, ob ich den Kampf aufnehmen kann, ohne als Don Quixote verlacht zu werden?

Gruß
Heinz

Moin,

“Das Auto, welches auf der Straße steht“
Das tut mir weh. Ich würde stattdessen sagen
“Das Auto, das auf der Straße steht“

Ich sehe keinen Unterschied, beides sind zulässige Relativpronomina. Das ist doch gerade die Unterscheidung , wann man einen Nebensatz mit dass schreibt, und wann nur mit das : wenn wie hier möglich, durch dieser, jener, welcher ersetzbar, schreibt man die, der oder das als Relativpronomina, wenn es nicht möglich ist, es mit dieser, jener oder welcher zu ersetzen, dann muss ein „dass“ folgen. Die fast ausschließliche Verwendung von der, die oder das ist inzwischen eher üblich, aber dieser, jender oder welcher ist in jedem Fall richtig und nach meinem Wissen eigentlich gehobenere Sprache - oder wenn man will etwas altertümlicher Sprachgebrauch.

Gruß,
Ingo

Hallo, Heinz,

gegen diese Unart hat schon im 19. Jhdt. der Sparchkritikaster Gustav Wustmann in seinen „Allerlei Sprachdummheiten“ gewettert:

„Ein Hauptübel unsrer ganzen Relativbildung liegt zunächst nicht im Satzbau, sondern in der Verwendung des langweiligen Relativpronomens welcher, welche, welches. Das Relativpronomem welcher gehört, wie so vieles andere, ausschließlich der Papiersprache an, und da sein Umfang, seine Schwere in gar keinem Verhältnis zu seiner Aufgabe und Leistung steht, so trägt es ganz besonders zu der breiten, schleppenden Ausdrucksweise unserer Schriftsprache bei.
In der ältern Sprache wa welcher [swelher] durchaus nicht allgemeines Relativpronomen, sondern nur indefinites Relativ, es bedeutete: wer nur irgend (quisquis), jeder, der noch bei Luther: „welchen der Herr lieb hat, den züchtigt er“.“

Ich zitiere aus der zweiten Auflage von 1896; S. 107.

Beispiel:
“Das Auto, welches auf der Straße steht“
Das tut mir weh. Ich würde stattdessen sagen
“Das Auto, das auf der Straße steht“
Kollegen behaupteten, das sei DDR Jargon.

Wustmann macht Süddeutschland als den Hauptverbreitungsraum dieser Unsitte aus.

Zitat S. 108:

„Nurin Süddeutschland und Österreich wird welcher auch gesprochen, aber immer nur von Leuten, die sich „gebildet“ ausdrücken möchten. In deren falschem, halbgebildeten Hochdeutsch - da grassiert es. In Wien und München, dort sagen es nicht bloß die Professoren in Gesellschaft, sondern auch schon die Droschkenkutscher, wenn sie zusammengekommen sind, um zu einem neuen Tarif „Stellung zu nehmen“. Ja sogar der norddeutsche Professor spricht, wenn er nach Wie berufen worden ist, nach einigen Jahren „bloß mehr“ welcher. In Mittel- und Norddeutschland aber spricht es kein Mensch.

Kann mir ein grammatisch und sprachlich Geschulter sagen, ob ich den Kampf aufnehmen kann, ohne als Don Quixote verlacht zu werden?

Du wirst nicht ausgelacht werden, aber dein Kampf wird vergebens sein!

Gruß
Fritz

Die Sprachunart, welche keine ist
Es geht nur darum, allenfalls die etwas unschöne Wiederholung von ‚das‘
zu vermeiden:

“Das Auto, das auf der Straße steht“ (ist korrekt)
“Das Auto, welches auf der Straße steht“ (etwas wohlklingender)

Das Relativpronomen ‚welches‘ kann diese Ersatzfunktion übernehmen,
muss aber nicht. Du musst das selbst abwägen.

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Es geht nur darum, allenfalls die etwas unschöne Wiederholung
von ‚das‘ zu vermeiden

das stimmt zwar, deine beispiele finde ich aber weder unschön noch vermeidenswert. ich selbst würde höchstens in einem solchen satz irgendeine wiederholung vermeiden wollen (aber auch da nicht unbedingt):

das auto, das das mädchen angefahren hat, …

Moin!
Ich würde, rein gefühlsmäßig, das Relativpronomen dann einsetzen, wenn eine demonstrative Absicht zu erkennen ist:

Das Auto, welches auf der Straße steht, ist grün. (Das Auto, welches auf dem Parkplatz steht,ist rot.)

Einen schönen Sonntag wünscht
Gaby

Hallo, Ihr Lieben, die ihr mir geantwortet habt.
Herzlichen Dank.
Nun bin ich zwar genauso schlau als wie zuvor, aber habe immerhin ein gutes Gewissen, wenn ich mich auf meine eigene Sprach-Ästhetik besinne. Auch wenn das „welche“ kein Fehler sein mag, mir tut es weh!
Wie sagte mal ein ehemaliger Bundeskanzler? Basta!!
Gruß
Heinz