Sprichwörtlich Augen

Hallo!

Meine Frage an die Sprachkundigen hier bei w-w-w:

Können Augen wandern?

Manchmal lese ich in einem Roman „Seine Augen wanderten über die Fassade des Hauses“ (oder ähnliches) und frage mich dann immer, ob das sprachlich korrekt ist.

Müsste es nicht eigentlich „Seine Blicke wanderten über die Fassage des Hauses“ heißen?

Ist das reine Geschmackssache oder fällt das unter „sprichwörtliche Ausdrücke“ wie „jemandem die Augen öffnen“, „jemandem die Augen schließen“ - oder ist das tatsächlich falsch im Ausdruck?

Grüße
Heinrich

Hallo!

Meine Frage an die Sprachkundigen hier bei w-w-w:

Können Augen wandern?

Manchmal lese ich in einem Roman „Seine Augen wanderten über
die Fassade des Hauses“ (oder ähnliches) und frage mich dann
immer, ob das sprachlich korrekt ist.

Ja, sprachlich (i.S.v. grammatikalisch) korrekt ist’s. Semantisch gesehen ist es allerdings markiert, da Augen keine Beine haben. Aber man hat’s hier mit einem sprachlichen Bild zu tun.

Müsste es nicht eigentlich „Seine Blicke wanderten über die
Fassage des Hauses“ heißen?

Auch Blicke haben keine Beine. Auch das wär also ein sprachliches Bild. Da bei dem Vorgang überhaupt nichts wirklich wandert, sollte man das Verb ersetzen, will man einen absolut wörtlichen und kühlen Ausdruck verwenden.

Ist das reine Geschmackssache oder fällt das unter
„sprichwörtliche Ausdrücke“ wie „jemandem die Augen öffnen“,
„jemandem die Augen schließen“ - oder ist das tatsächlich
falsch im Ausdruck?

Nein, falsch ist es gewiss nicht. Es ist eben ein sprachliches Bild, wie die Beispiele, die du nanntest. Die kommen sehr sehr häufig vor. Gerade das mit dem Wandern ist sogar sehr unauffällig, weil die Bedeutung gar nicht mal so übertragen ist.

Man kann’s auch so analysieren: „wandern“ bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein mit-Füßen-durch-die-Gegend-Spazieren involviert ist. Es kann einfach eine gemächliche, längere Bewegung ausdrücken… daher sagt man auch, dass z.B. Gletscher, oder Erdplatten wandern, oder auch der Große Rote Fleck auf dem Jupiter. Oder eben Wähler („Wählerwanderung“, ich weiß aber nicht genau was das ist), oder eben Blicke oder Augen. Auch Hände können wandern. Eigentlich alles, was sich langsam bewegen kann.

Meiner Meinung nach ist’s eigentlich ein recht schöner Ausdruck.

Grüße
Heinrich

Grüße,

  • André

Nachtrag
P.S.:
Wenn du dir einen Roman genauer anguckst, werden dir noch viel viel mehr kleine sprachliche Bilder auffallen, und viele Ausdrücke, die nicht wörtlich zu verstehen sind.
Wenn ich z.B. willkürlich mal Seite 147 im 5. Silberband von Perry Rhodan (ein Science-Fiction-Roman) aufschlage, fallen mir auf:

…fing ich einige Gedankenfetzen auf…
→ Hier geht’s um einen Telepathen, aber auch der fängt die Gedanken ja nicht mit den Händen auf.

…zusammenhängende Gedanken…
→ Gedanken bestehen nicht aus Materie, können daher eigentlich auch nicht zusammenhängen.

…und ließ das Deck nicht aus den Augen…
→ Natürlich befindet sich das Deck nicht in seinem Auge.

…er hegte einen klaren Verdacht…
→ Verdachte sind keine Haustiere und können nicht wörtlich gehegt werden. Allerdings ist „Verdacht hegen“ ein fester Ausdruck, wandernde Augen eher nicht.

Ich werde sie mir alle auf einmal vornehmen.
→ Auch hier ein fester Ausdruck, und es wird eigentlich niemand hergenommen und irgendwo hingestellt.

Mit einem schnellen Blick…
→ Ein Blick kann nicht schnell, höchstens kurz sein; das ist hier auch zu verstehen. Kein Fehler aber, da man das durchaus so ausdrücken kann. Man bewegt sich aber vielleicht selbst schnell, während man blickt.

Das Geschehen […] berührte sie nicht.
→ Ganz klassisch. Natürlich findet keine physische Berührung statt.

…überfiel sie immer wieder das Grauen…
→ Nur Lebenwesen können wirklich jemanden überfallen. Eigentlich.

…die kaum faßbare Veränderung der Betroffenen…
→ Veränderungen kann man sowieso nicht anfassen; aber „fassbar“ ist auch schon im mentalen Sinne lexikalisiert.

Das war nur von einer Seite. Vieles sind noch nicht einmal sprachliche Bilder oder sprichwörtliche Wendungen, sondern einfach nicht-wörtliche Verwendungen, viele davon sind bereits lexikalisiert und bei manchen ist die nicht-wörtliche Verwendung sogar viel häufiger. Das ist ganz normal in einer Sprache.
In keiner Sprache der Welt (außer vllt. Lojban :slight_smile:) ist alles wörtlich zu verstehen.

Viele Grüße,

  • André
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Sprachliche Bilder
Hallo André,

ich denke, dem UP ging es nicht darum, ob man Wörter übertragen benutzen kann, um damit sprachliche Bilder zu erzeugen - sondern ob das Bild der wandernden Augen gängig ist. Es könnte ja sein, dass der Autor dort mehrere Bilder / Redewendungen vermischt hat.
Auch für solche „gemischten / schiefen“ Bilder kann man natürlich reihenweise Beispiele bringen.

Das wohl bekannteste:
Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.

Immer weiter verbreitet ist auch
ein Schnäppchen schlagen;
und das sogar in zwei Bedeutungen („ein Schnippchen schlagen“ oder „ein Schnäppchen machen“).

In einer Talkshow hatte mal jemand einen Stein bei der Marion gefressen.

Und dann noch zwei Beispiele aus einer der Zahlreichen Stilfibeln (in diesem Fall aus W. E. Süskind: „Vom ABC zum Sprachkunstwerk“):
Die eilende Zeit, die alle Wunden heilt, wird auch über diese Wunde, die wie ein Fanal am Leibe unserer Nation schwärt, Gras wachsen lassen.

Der Finger Gottes wird euch bald genug mit rauer Hand ein Bein stellen.

Handelt es sich also, um die Ausgangsfrage präzisiert zu wiederholen, bei den „wandernden Augen“ um das (gängige?) Bild der „wandernden Blicke“, wobei dem Autor das Wort „Blicke“ nicht einfiel und er deshalb „Augen“ schrieb, wodurch das Bild nicht mehr den Erwartungen entspricht? Man lässt ja auch „seine Blicke schweifen“, nicht seine Augen.

Liebe Grüße
Immo

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Hallo,

ich würde mal sagen es handelt sich bei diesem Ausdruck um eine Metonymie. Das ist eine rhetorische Figur, bei der es zu einer Bedeutungsverschiebung kommt. (z.B. wird ein Teil einer Sache für die ganze genannt,…) Und hier wird eben statt „Blick“ das thematisch benachbarte Wort „Augen“ verwendet.

Grüße,
Dani