Spruch sinn-los?

Guten Morgen,

vorab: hoffe, mit der Brettwahl einigermaßen richtig zu liegen.

So. Jeden Morgen (eines Arbeitstages) störe ich mich an einem Spruch, den die Kollegin mit einem Bildchen an der Wand hängen hat.

Der Text lautet:
„Die gute Unterhaltung besteht nicht darin, dass man selbst etwas Gescheites sagt, sondern dass man etwas Dummes anhören kann.“

ARGH!
Wenn ich Konversation betreibe, dann doch nicht, um mir etwas Dummes anzuhören!?

Vermutlich will der Spruch aussagen, daß es darum geht, einfach nur etwas Schlaueres zu sagen, als das Gegenüber?
(Frei nach dem Motto: ich muß nicht schneller sein als der Bär, sondern nur schneller als der andere Mitläufer.)
Meiner Meinung nach widerspricht der Spruch dann aber dem Niveau was er durch sein Dasein behaupten will.

Was haltet Ihr von dem Text?
Stehe ich auf dem Schlauch? Verstehe ich mal wieder was nicht?
Oder habe ich ggf. „Recht“?

Danke im Voraus für Eure Meinungen.
Gruß,
m.

*die den Spruch gerne abhängen würde, was wiederum auf wenig Gegenliebe der Kollegin stieße

Hi,

„Die gute Unterhaltung besteht nicht darin, dass man selbst
etwas Gescheites sagt, sondern dass man etwas Dummes anhören
kann.“

Wenn du „Unterhaltung“ nicht als Gespräch interpretierst, sondern als Amusement, dann wird der Spruch sinnvoller - ob besser, sei dahingestellt.

Also: Der Unterhaltungswert liegt darin, dass die Kollegen Dummes von sich geben und man dadurch unterhalten wird. Man muss also nicht unbedingt selbst Gescheites beitragen.

So kann man den Spruch auch sehen:smile:

mfg. a_f

Von Wilhelm Busch
Hi maboli.

Meiner Meinung nach widerspricht der Spruch dann aber dem
Niveau was er durch sein Dasein behaupten will.

Der Spruch stammt von Wilhelm Busch, kann selbst so dumm also nicht sein, ist mit Sicherheit sehr ironisch gemeint. Wie er das aber genau meinte, verstehe ich auch nicht ganz, man müsste den Kontext kennen, in dem der Satz ursprünglich stand.

Gruß

Horst

Hi, Horst,

Der Spruch stammt von Wilhelm Busch,

jetzt muss ich mich für mein „ob sinnvoller“ ja direkt genieren - aber dass er so gemeint ist, wie ich schrieb, darf ich jetzt doppelt annehmen:smile:)

mfg.a_f

Hallo a_f,

Wenn du „Unterhaltung“ nicht als Gespräch interpretierst,
sondern als Amusement, dann wird der Spruch sinnvoller - ob
besser, sei dahingestellt.

Da im Spruch selbst aber vom „Sagen“ die Rede ist ("[…]dass man selbst etwas Gescheites sagt,[…]"), gehe ich schon von einem Gespräch aus.
Abgesehen davon möchte ich mich nicht von etwas Dummem unterhalten lassen.
(Obwohl ich zugebe, daß ich auch fern sehe.)

Aber scheint wohl wirklich Ansichtssache zu sein, wie man es versteht. :smile:

m.

Servus,

ARGH!
Wenn ich Konversation betreibe, dann doch nicht, um mir etwas
Dummes anzuhören!?

Genau diese Reaktion erzeugt, wenn offen geäußert, ohne Not ungünstige Situationen. Schließlich findet Konversation in der Regel nicht statt, um inhaltlich ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, sondern um zu signalisieren, dass man dem anderen wohl gesonnen ist oder zumindest nichts Böses will. Aus der frühen Verhaltensforschung gab es für diese Art von „übers Wetter reden“ den Begriff „Putzgeräusche“.

Und die Situationen, in denen Konversation betrieben wird, kann man oft genug nicht ohne weiteres verlassen - technisch oder durch Konvention bedingt.

Es geht also darum, den jeweils dümmsten Beteiligten und seine Äußerungen zu ertragen, ohne jemandem auf den Schlips zu treten: Dann freuen sich alle, und derjenige, der das beherrscht, gilt als ein „guter Gesellschafter“.

Vermutlich will der Spruch aussagen, daß es darum geht,
einfach nur etwas Schlaueres zu sagen, als das Gegenüber?

Das grade nicht. Wilhelm Busch war ein Sohn des bürgerlichen 19. Jahrhunderts, die heutigen sozialen Ideologiespielchen der Art „Alles ist Konkurrenz, alles ist Markt, jeder kann einen Blumentopf gewinnen, wenn er bloß den anderen ordentlich in die Pfanne haut“ waren ihm eher fremd.

Wenn Du magst, kannst ja mal Christoph Martin Wielands „Geschichte der Abderiten“ lesen, dort konkret die Episode vom Besuch Demokrits in Abdera. Das ist zwar nochmal eine ganz andere Baustelle als Wilhelm Busch, aber vielleicht hülft es dazu, dass Du die Kollegin respektive deren Ansicht über das Gewährenlassen von Dummköpfen nicht mehr ganz so schlimm findest.

Schöne Grüße

MM

Hallo,

Was haltet Ihr von dem Text?

Er ist witzig und regt zum Nachdenken an. Point in case.

Stehe ich auf dem Schlauch?

Ja.

Verstehe ich mal wieder was nicht?

Den Humor dahinter.

Gruß
Elke

Hi, maboli,

Abgesehen davon möchte ich mich nicht von etwas Dummem
unterhalten lassen.

ich auch nicht:smile:

Aber scheint wohl wirklich Ansichtssache zu sein, wie man es
versteht. :smile:

Es ist nicht meine Ansichtssache - ich meinte nur, dass man es auch so interpretieren kann - und es sähe W. Busch durchaus ähnlich, es auch so gemeint zu haben - über die Dummheiten anderer Leute kann man sich (auch) unterhalten - meist besser, als sich zu ägern:smile:)

mfg. a_f

Hi,

Der Text lautet:
„Die gute Unterhaltung besteht nicht darin, dass man selbst
etwas Gescheites sagt, sondern dass man etwas Dummes anhören
kann.“

Das trifft auf die Kommunikation in den Kneipen meines Vorortes hier jedenfalls zu.

Gruß,

Anja

Hi,

konversation ist ein Miteinander. Man redet miteinander, um den anderen zu unterhalten und vom anderen unterhalten zu werden. Indem man dem anderen zuhört, vermittelt man Respekt und Wertschätzung auf dem vielleicht einfachsten Weg, den es gibt. Indem ich jemandem zuhöre (wirklich zuhöre), schenke ich Aufmerksamkeit, vermittle ich das Gefühl, wahrgenommen zu werden - ein Grundbedürfnis.
Der Standpunkt, man unterhielte sich, um etwas Schlaues von sich zu geben, ist ein egoistischer, und er zeugt von viel Selbstüberschätzung. Das ist das, was die tun, die immer alles besser wissen, zu allem ihren Senf dazugeben, auch wenn sie nicht gefragt werden. DAbei kommt keine Unterhaltung zustande, und niemand freut sich - meistens nicht mal die, die auf diese Art und Weise ihren Schnabel auftun.

die Franzi

Hi Franzi.

Der Standpunkt, man unterhielte sich, um etwas Schlaues von
sich zu geben, ist ein egoistischer, und er zeugt von viel
Selbstüberschätzung.

Möglich, aber das habe ich ja auch nicht behauptet.

Aber mal im Ernst: wer von uns empfindet das Dargebotene Dumme als gut?

m.

Hallo,

ich finde den Spruch herrlich, weil er einen wunderschönen Satzbruch aufgrund der Doppeldeutigkeit des Begriffs Unterhaltung hat. Der erste Teil bezieht sich offensichtlich auf Unterhaltung im Sinne von Gespräch, und weckt die Erwartungshaltung, dass als Gegenpol zu der ersten Aussage des eigenen klugen Gesprächsbeitrags jetzt noch ein hoch geistiger zweiter Teil kommt.

Wilhelm Busch macht sich jetzt aber über solche Sinnsprüche lustig, und bezieht sich im zweiten Teil auf den Begriff Unterhaltung im Sinne von Entertainment, dass man dadurch genießen kann, dass man auf der anderen Seite einen Dummschwätzer hat.

Dieses Spielen mit der falschen Erwartungshaltung auf einen „schlauen Spruch“ hat z.B. auch Woody Allen wunderbar drauf, wenn er Sprüche macht wie: „Männer und Frauen sind gar nicht so verschieden (und jetzt kommt eben kein Sinnspruch über die geistigen Fähigkeiten, …) von hinten sehen sie gleich aus, von vorne passen sie zusammen“ oder „Sex zwischen Mann und Frau ist immer noch am besten (und jetzt kommt nichts Moralisches über Hetero- und Homosexualität, wie man vielleicht erwarten könnte) es kommt nur darauf an, zwischen welche beiden man gerät“

Gruß vom Wiz

Hi,

davon redet der Spruch doch gar nicht. Du hast es noch nicht verstanden, odeR?

die Franzi

Hallo,

„Die gute Unterhaltung besteht nicht darin, dass man selbst
etwas Gescheites sagt, sondern dass man etwas Dummes anhören
kann.“

Wenn ich Konversation betreibe, dann doch nicht, um mir etwas
Dummes anzuhören!?

man kann wohl davon ausgehen, dass nicht gemeint ist, man müsse sich stereotyp wiederholte Stammtischparolen anhören, nur um eine Unterhaltung aufrechtzuerhalten,

Es sollte aber vielleicht ins Kalkül gezogen werden, dass - besonders wenn es um Meinungsäußerungen geht - die Wertung „etwas Dummes“ eine sehr subjektive ist. Viele neigen ja dazu, alles, was nicht ihrer eigenen Sichtweise oder ihrem eigenen Kenntnisstand entspricht bzw. was sie nicht verstehen oder nachvollziehen können, als „dumm“ abzutun.

Man könnte den Spruch auch so interpretieren: Zu einer guten Unterhaltung gehört auch, dass man Äußerungen „erträgt“, die einem auf den ersten Blick „dumm“ erscheinen (… vielleicht klingt manches, was ich sage, für meinen Gesprächspartner ja auch „dumm“ …).

Gruß
Kreszenz