Hallo Mom,
Im letzten Monat hat er wegen Sachbeschädigung vom Gericht
eine Strafe bekommen. Er hat mir versprochen es zu lassen,
aber nun macht er die gleiche Sache wieder.
Er hat also nicht gelogen, sondern ein Versprechen gegeben, das er nicht gehalten hat. Warum hat er es versprochen, bzw. gebrochen? Variante eins: Er hatte es wirklich nicht noch einmal machen wollen. Wer weiß, welcher Teufel ihn geritten hat, es doch wieder zu tun und fühlt sich nun Dir gegenüber als Versager oder denkt, dass Du sowieso nicht weißt „was abgeht“ - unter Umständen ist dem ja auch so. Variante zwei: Er wusste bereits, dass er sich nicht dran halten würde und musste Dich ruhig stellen. Was hätte er sagen sollen? „Mama, ich machs trotzdem wieder - ich bin jetzt weg“?
Er hat vor ein paar Monaten dauernd Töne geladen. Die Kosten
waren ne Wucht. Er hat mir versprochen es zu lassen, nun
wieder die gleiche Sache.
Auch hier hat er nicht gelogen, sondern etwas versprochen, an das er sich nicht hielt. „Vor ein paar Monaten“ lese ich und „nun wieder die gleiche Sache“, d.h. dass es dazwischen eine Zeit gab, in der er sich an sein Versprechen gehalten hat. Hat ihm das korrekte Verhalten Vorteile verschafft? Wenn nicht, liegt es für ihn auf der Hand, dass sich der Ärger mit Mama letztendlich lohnt.
Er ruft mich an, sie beschuldigen ihn in der Schule was von
jemandem gestohlen zu haben, er wäre es nicht gewesen. Aber er
war es doch.
Hier dann eine Lüge. Das Abstreiten von Untaten gehört ziemlich zum Erwachsenwerden, das macht wohl Jeder irgendwann - woher sollten wir Erwachsenen im Gegensatz zu Jugendlichen sonst wissen, dass es sich nicht lohnt? Es kann gut möglich sein, dass Du das unter den gesamten Umständen überbewertest. Du solltest froh sein, dass er noch Angst hat, sein Gesicht vor Dir zu verlieren. Hätte er gleichgültig gesagt „ich war´s, ja und?“ würdest Du Dir jetzt viel mehr Sorgen machen. Andererseits könnte es sein, dass er gehofft hat, dass Du ihn in der Schule verteidigst und er so seinen Konsequenzen entkommt. Vielleicht hat das in der Vergangenheit ja schon ein paar Mal funktioniert und Du weißt es gar nicht, aber auch das finde ich im Rahmen des relativ Normalen im Leben eines Pubertierenden.
Das sind nur ein paar Dinge. Wie soll ich noch reagieren?
Ganz grob gesehen würde ich sagen:
-Wenn er sich negativ verhält, kennt er die Konsequenz: Ärger. Darauf achten, dass er auch die Gegenteilige Konsequenz zu spüren bekommt: Vorteile, wenn er sich gut verhält. Beispiel: Versprechen mit den Klingeltönen eingehalten, Bereitschaft ihm x Stück/Monat zu finanzieren. Aber da muss ich sowieso mal fragen: Wenn er damit so hohe Kosten verursacht hat, dann hat er scheinbar ein Vertragshandy. So manch Erwachsenem fällt es schwer, einen finanziell anständigen Umgang mit einem Vertragshandy zu haben, fast jeder Erwachsene kennt die erste Rechnung, die zehnmal höher ausgefallen ist, weil man die Kontrolle verloren hat - ich finde, dass man von einem Jugendlichen nicht erwarten können muss, vorausschauender zu sein. Ich persönlich finde es fast selbstverständlich, dass ein Jugendlicher ein Prepaid-Handy hat. Sind dem Kind die dazugehörigen Handys nicht cool genug, muss es eben sparen, um sich ein anderes zu kaufen. Auch hier kann man dann ja durchaus mit „Arbeits“-Angeboten im Privatbereich entgegen kommen, um Geld dazu zu verdienen. Autowaschen war da ja schon immer ein Klassiker.
-Seine Beweggründe, wie immer sie inhaltlich sein mögen, ernst nehmen.
Wenn er Dir die Wahrheit sagt, z.B., dass er „xy in der Schule schon immer mal die Fresse polieren wollte, dem Ar***“. Ob man das verstehen kann oder nicht, für Ehrlichkeit verdient er Positives, in diesem Fall die ruhige Nachfrage, was ihn so wütend gemacht hat, Verständnis, dass es ihn auf die Palme bringt… das Falscheste wäre ihn des Inhalts wegen sofort zu verurteilen, zu strafen oder dergleichen, denn dann straft man ihn für seine Ehrlichkeit. Natürlich müsste in einem solchen Fall der Inhalt thematisiert werden, aber eins nach dem anderen.
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Frage Dich immer, ob ein neuer Bock, den er geschossen hat wirklich zu Eurem Problem gehört oder ob der aktuelle Fall nicht einfach seiner noch pubertären Entwicklung entspricht. Das ist nicht immer leicht zu unterscheiden, aber höllisch wichtig. Wenn er nicht mal normaler Pubertierender sein darf, indem alles auf der Ebene Deiner „Hilfe, mein Kind entgleist mir“-Panik abgehandelt wird, dann macht er aus seiner Sicht nur noch „alles immer falsch“.
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Ihn nicht aufgeben und ihn nicht in eine Schublade stecken. Nur weil Du sein Verhalten nicht verstehst, heißt das nicht, dass ihm alles egal ist. Zeig ihm keine schwache, verzweifelte Mutter, die sich nur noch mit Vorwürfen oder gespielter Gleichgültigkeit zu helfen weiß, damit nimmst Du ihm die Schulter, an der er sich öffnen könnte. Bleib ruhig und sachlich, zwing ihm keine Gespräche auf, aber höre zu, wenn er etwas sagen will. Lass Dich von abweisenden Äußerungen nicht verletzen, er schützt sich selber damit - verstehe, was er hintenrum damit sagt.
Ich halte diese Dinge für die Basis, die erst einmal da sein muss, um überhaupt eine Chance zu haben, auf die Ursachen zu kommen. Und ohne Ursachenkenntnis keine Lösung. Deshalb noch ein Punkt:
- Akzeptieren, dass es keine schnelle Lösung geben wird. Auch wenn Du am Ende bist, für Dich die Welt weitaus besser wäre, wenn Du in nur einem Gespräch mit ihm hören würdest, warum… dieses Gespräch gibt es nicht, schon weil er das Warum wahrscheinlich selbst gar nicht benennen kann.
Ich kann ihn nicht 24 Std. überwachen.
Wieviele Stunden überwachst Du ihn denn jetzt?
Ich kann ihm auch nichts mehr glauben. Wie denn auch?
Verständlich, aber er denkt womöglich auch „Ich kann ihr überhaupt nichts mehr erzählen. Wie denn auch?“ und behilft sich dann in der konkreten Situation ohne Weitblick einfach einer Lüge oder einem falschen Versprechen.
Mücke
P.S.:
Ich möchte wohl aber klar stellen, dass ich kein Fachmann bin und alles hier geschriebene lediglich aus eigenen Erfahrungen als Kind, Mutter, Tante und Freundin resultiert.
Mücke