Hallo
George Orwells fiktive Sprache Newspeak, die er in 1984 einbringt und in einem Anhang erklärt, finde ich sehr interessant. Ich dachte, ich könnte die Gedanken Orwells einbauen in meine demnächst anstehende Abi-Geschichtspräsentationsprüfung (Thema: Der Kalte Krieg).
Soviel ich weiß ist Orwells Roman sehr an den Grausamkeiten des Stalinismus und des Nationalsozialismus „inspiriert“. Mit Newspeak griff Orwell wohl deren Umgang mit Sprache und Manipulation auf.
Da wir 1984 im Englischunterricht gelesen haben und da ich ja in meiner Präsentation besonders auf Manipulation und Feindbilderzeugung eingehen soll, dachte ich, dieses Thema passt doch hervorragend in meine Präsentation!
Es würde meine Präsentation sicher sehr reizvoll machen, wenn ich Orwells Gedanken darlegen und mit historischen Beispielen aus der Sowjetunion untermauern könnte.
Speziell über dieses Thema, ich nenns mal „Manipulation durch Sprache“, steht in meinen Schul-Geschichtsbüchern steht gar nichts.
Weiß jemand etwas darüber, also speziell über Sprachmanipulation im Stalinismus?
Oder kann mir gar ein gutes (aber bitte kein allzu dickes) Buch über dieses Thema empfehlen?
Ich danke für jede Hilfe.
Mit freundlichem Gruß
Michael
Hallo
nur eine Anmerkung zu Punkt #3:
Speziell über dieses Thema, ich nenns mal „Manipulation durch
Sprache“, steht in meinen Schul-Geschichtsbüchern steht gar
nichts.
Weiß jemand etwas darüber, also speziell über
Sprachmanipulation im Stalinismus?
Oder kann mir gar ein gutes (aber bitte kein allzu dickes)
Buch über dieses Thema empfehlen?
Die Sprachregelungen in Diktaturen und totalitären Staaten
unterscheiden sich imho nur oberflächlich. Günther Anders
hat von 1933-36 ein (mehr oder weniger unterhaltsames) Buch
über den Nationalsozialismus „als Vorentwurf, wie er wird“
geschrieben - insbesondere über die Entwicklung der Sprache.
Wiki:
In den drei Pariser Exiljahren schrieb er an dem aus Geschichten
komponierten Roman Die molussische Katakombe über die Wirkmechanismen
des Nationalsozialismus. Das einzige deutschsprachige Verlagshaus in
Paris, von KPD-Anhängern geleitet, lehnte eine Publikation ab, da
sein Werk nicht der Parteilinie entspreche.
ISBN:340636473X Buch anschauen
Ein definitiv wichtiges Buch zur Sprachentwicklung in Diktaturen
ist natürlich Klemperers LTI, ==> ISBN: 3379001252 Buch anschauen
Aber mit Deinem Thema „Feindbilder im kalten Krieg“ hat
das natürlich beides nur wenig zu tun.
Zum Thema könntest Du Dich z.B.: mit
McNamara beschäftigen =>http://en.wikipedia.org/wiki/Robert_McNamara
sein Film „The Fog of War“ http://www.imdb.com/title/tt0317910/
ist Pflicht (gibts als Video).
Mein Senf
Grüße
CMБ
Hallo, Michael,
in Arthur Köstlers „Sonnenfinsternis“ wird gezeigt, wie selbst die sich unschuldig Wissen zu Kollaboreuren des Machtapparats gegen sich selber werden.
Und bis in die tiefsten Gründe ihrer Herzen die Indoktrination durch die körperliche und seelische Folter geht.
http://www.amazon.de/Sonnenfinsternis-Arthur-Koestle…
Solche Floskeln der Sprachmanipulation waren z. B. „Trotzkist“, „Verräter am Volk“, „Konterrevolutionär“.
Dasselbe kannst du auch in China ansehen anlässlich der Kulturrevolution und später bei der Entmachtung der „Viererbande“.
Gruß Fritz
Dasselbe kannst du auch in China ansehen
Hallo, Fritz,
so weit musst Du dafür gar nicht fahren:
Entsorgung, Migrationshintergrund, Freisetzung, Grundsicherung, Behinderte, Wertstoffsammlung … setze die Reihe nach Belieben fort.
Gruß
Eckard
Hallo,
das ist ein recht heißes Eisen.
Ich habe verschiedene Jahrgänge des Reichsgesetzbuches aus der Nazizeit recht ausgiebig studiert (die lagen mal irgendwo einfach im Müll). Und ich war erstaunt, mit welch unverfänglichen sprachlichen Formulierungen die damals all die Gesetze ausformuliert haben, die dann zu die größten Verbrechen möglich machten. Das hörte sich im typisch deutschen Paragraphendeutsch richtig schön harmlos an.
Und wahrscheinlich waren es auch diese auf ersten Blick harmlosen Formulierungen, die dafür sorgten, daß die Menschen das kommentarlos geschluckt haben. Viele Wörter haben ja erst in Nachhinein ihren heutigen schlechten Beigeschmack erhalten und waren ursprünglich völlig harmlos.
Das Gleiche gilt auch für die DDR. Es waren vielfach die gleichen begriffe wie heute auch - nur mit einem völlig anderen Inhalt. Es gab ein Mehrparteiensystem, es gab Krestage, es gab Abgeordnete, es gab Wahlen - vieles sah rein äußerlich nicht anders aus als heute. Aber der Inhalt der Dinge war ein völlig anderer.
Ich bezweifle, ob man allein mit bestimmten Formulierungen da weit kommt - zumal diese ja auch recht verschieden sein können.
Gernot Geyer
Da hast Recht, Eckard,
aber da Michael literarisch sich in der Nachkriegszeit bewegt, verzichtete ich auf zeitgenössischen Beispiele.
Und da es hauptsächlich um Stalinismus und Kommunismus dreht bei Orwell - in „Die Farm der Tiere“ noch deutlicher als in „1984“ - habe ich auch auf die nationasozialistischen Sinnverwischereinen - die „Endlösung“ u.a. - nicht erwähnt.
Gruß zur späten Nacht
Fritz
2 „Gefällt mir“
Hallo Michael,
http://www.amazon.de/Nach-Sibirien-verbannt-Czernowi…
BCcher/dp/3596164397
Herr Wolfenhaut rechnet da ganz privat mit den Bolschewiki ab und zählt dazu z.B. einige Gesetze, sog. Gummiparagraphen, auf, mit denen Oppositionelle mundtot (oder schlimmeres) gemacht wurden.
Viele Grüße,
Andreas
Hallo Michael,
erstmal finde ich deine Idee wirklich interessant, dafür ein * von mir. An deiner Stelle würde ich aber vielleicht eher Sprachmanipulationen in der DDR, als in der SU, untersuchen. Paßt ja auch zum Thema „Kalter Krieg“ und du hast weniger Probleme geeignete Beispiele zu finden.
Gruß
George Orwells fiktive Sprache Newspeak,
die er in 1984 einbringt und in einem
Anhang erklärt, finde ich sehr interessant. Ich dachte, ich
könnte die Gedanken Orwells einbauen in meine demnächst
anstehende Abi-Geschichtspräsentationsprüfung (Thema: Der
Kalte Krieg).
Soviel ich weiß ist Orwells Roman sehr an den Grausamkeiten
des Stalinismus und des Nationalsozialismus „inspiriert“. Mit
Newspeak griff Orwell wohl deren Umgang mit Sprache und
Manipulation auf.
Da wir 1984 im Englischunterricht gelesen haben und da ich ja
in meiner Präsentation besonders auf Manipulation und
Feindbilderzeugung eingehen soll, dachte ich, dieses Thema
passt doch hervorragend in meine Präsentation!
Es würde meine Präsentation sicher sehr reizvoll machen, wenn
ich Orwells Gedanken darlegen und mit historischen Beispielen
aus der Sowjetunion untermauern könnte.
Speziell über dieses Thema, ich nenns mal „Manipulation durch
Sprache“, steht in meinen Schul-Geschichtsbüchern steht gar
nichts.
Weiß jemand etwas darüber, also speziell über
Sprachmanipulation im Stalinismus?
Oder kann mir gar ein gutes (aber bitte kein allzu dickes)
Buch über dieses Thema empfehlen?
Ich danke für jede Hilfe.
Mit freundlichem Gruß
Michael
Hallo Michael,
Soviel ich weiß ist Orwells Roman sehr an den Grausamkeiten
des Stalinismus und des Nationalsozialismus „inspiriert“. Mit
Newspeak griff Orwell wohl deren Umgang mit Sprache und
Manipulation auf.
Einmal literarisch argumentiert - es ist deutlich zu kurz gegriffen, in Orwells ‚Newspeak‘ lediglich eine Kritik an der Instrumentalisierung der Sprache durch totalitäre Regimes zu sehen. Er thematisierte damit generell die Rolle, die Sprache (vor allem die ‚offiziell verordnete‘, sprich die Sprachregelungen in den Medien) für das Bewusstsein allgemein und das politische Bewusstsein im Besonderen spielt. Man sollte bei dem prononcierten Antistalinismus Orwells übrigens auch nicht übersehen, dass Orwell sich selbst als Sozialisten verstand.
Natürlich ist das ‚Ministry of Truth‘ deutlich inspiriert von den gleichgeschalteten Medien- und Propagandaapparaten totalitärer Diktaturen. Einen direkten Bezug findet man z.B. in der Fotomanipulation - vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Fotomanipulation#Politi…. Speziell Newspeak allerdings ‚entdeckte‘ Orwell zunächst einmal in der zeitgenössischen Sprache seines Heimatlandes England. Es ist eine Extrapolation dessen, was er 1946 in seinem Essay ‚Politics and the English Language‘ beschrieb und kritisierte (http://www.netcharles.com/orwell/essays/politics-eng…). Natürlich ist ‚Newspeak‘ auch und ganz besonders die Sprache des kalten Krieges gewesen - auf beiden Seiten. Der erwähnte Essay ist von mir durchaus als Empfehlung auf Deine Anfrage
Oder kann mir gar ein gutes (aber bitte kein allzu dickes) Buch über dieses Thema empfehlen?
gedacht. Er gibt zu dem Thema mehr her als das fiktive ‚Newspeak‘ des Romans.
Eine Kuriosität noch als Zugabe - eine der Inspirationsquellen für ‚Newspeak‘ war möglicherweise der 1907 erschienene satirische Zeitungsartikel „Simplified Language of Socialism“ eines anderen großen sozialistischen Autors - Jack London (http://historymatters.gmu.edu/d/5734)
Freundliche Grüße,
Ralf
Hallo
Boah, ich kann nichts anderen tun, als mich zu bedanken für die die vielen Antworten und Literaturempfehlungen!
Die Präsentration ist Ende dieses Monats, also kann ich wohl nicht alle lesen, aber das Essay von Orwell ist wirklich gut.
Den Dokumentarfilm The fog of War werde ich mir bestimmt auch mal anschauen.
So eine Präsentation darf ja nach Vorschrift nur zwanzig Minuten dauern, daher muss ich wirklich sehr auf Übersichtlichkeit achten und kann gar nicht allzu weit ausholen.
Solche Floskeln der Sprachmanipulation waren z. B.
„Trotzkist“, „Verräter am Volk“, „Konterrevolutionär“.
Ja, und Stalin verwendete „Ungeziefer“ und „Zwischenschicht-Insekten“ für die Intellektuellen und das Zauberwort „soziale Prophylaxe“ für alle, gegen die gar nichts vorlag. :o(
Die Beispiele fand ich in Wolf Schneiders Buch „Wörter machen Leute“.
Viele Grüße
Michael
Ja, und Stalin verwendete „Ungeziefer“ und
„Zwischenschicht-Insekten“ für die Intellektuellen und das
Zauberwort „soziale Prophylaxe“ für alle, gegen die gar nichts
vorlag. :o(
… während es Franz-Joseph Strauß vorzug, Intellektuelle noch etwas konkreter als „Ratten und Schmeißfliegen“ zu bezeichnen, ein Presseorgan wie den Spiegel als „die Gestapo des heutigen Deutschlands“ und ansonsten schon mal Bürger zur Selbstjustiz bei politisch Mißliebigen aufforderte: „Was wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die roten Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören - in ihre Löcher.“
Mit der Sprache im Stalinismus kenne ich mich nicht aus, aber die beiden zentralen Werke zur Sprache im „Dritten Reich“ sind Voctor Klemperers „Lingua Tertii Imperii“ und „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ von Dolf Sternberger.