Standarddeutsch in der Schweiz
Standarddeutsch (Hochdeutsch wie in Deutschland gelehrt und benutzt wird) und schweizerisches Deutsch sind nicht gegenseitig verständlich, man muss beide Arten der deutschen Sprache getrennt lernen, obwohl die schweizerische Mundart noch nicht standardisiert ist. Ich meine, ein Deutscher welcher nur Standarddeutsch kennt, wird nicht einen Schweizer verstehen können, wenn der letzte die schweizerische Mundart spricht. Dazu habe ich drei Fragen.
- Sind die Unterschiede so groß, wie zwischen Niederländisch und Standarddeutsch?
- Die Holländer haben bereits sehr früh ihre eigene Sprache entwickelt. Warum geschah das nicht in der Schweiz? Gibt es politische Gründe, die das hindern? In einer Diskussion behauptete jemand, die Schweizer weigern sich ihre Mundart offiziell und schriftlich zu benutzen, weil sie nicht den Kontakt mit Deutschland und der deutschen Kultur verlieren wollen. Sie befürchten, sie würden sich somit von der gemeinsamen deutschen Nation entfernen.
- Gab es in der Vergangenheit versuche Zeitungen, Bücher etc. in Schwiizertüüsch zu publizieren? Die selbe Person behauptete diese Versuche wurden immer unterdrückt. Sei es denn kein Verlag war bereit so was zu unternehmen, oder die öffentliche Meinung griff den Schriftsteller direkt und spontan an.
Vielen Dank für jeden Hinweis.
CD
Servus,
Empfehlung: Geh mal zum Kiosk, kaufe die NZZ und beschäftige Dich mit den Unterschieden in der Sprache.
Dann wird sich ein Großteil Deiner Hypothesen von selber auflösen. Was bleibt, sind Dinge wie z.B. „ss“ für das reichsdeutsche „ß“, das Tram, das Velo, die Besammlung, die Ausschaffung und das Vernehmlassungsverfahren: Alles Dinge, die ein Deutscher auf Anhieb verstehen kann.
Schöne Grüße
MM
Hallo,
Die Zeitungen, zumindest im Internet, sind alle in Standarddeutsch geschrieben. Ich konnte keine in Schweizerisch finden. Koennen Sie diese Audio verstehen?
http://www.eldrid.ch/images/Ebae.wav
Servus,
Die Zeitungen, zumindest im Internet, sind alle in
Standarddeutsch geschrieben.
mit einzelnen Abweichungen, wie in meinem Posting in Beispielen zitiert. Mehr ist nicht dran an den Besonderheiten des CH-Standarddeutsch im Vergleich zum Deutschen. Der Rest sind regionale Dialekte, wie sie in Deutschland auch gesprochen und teils, verzwungen, geschrieben werden.
Koennen Sie diese Audio verstehen?
Ja, weitgehend. Weil ich unweit der schwäbisch-alemannischen Dialektgrenze aufgewachsen bin, die nicht mit der Staatsgrenze verläuft, sondern etwa 40 Kilometer nördlich des Bodensees. Mit den wie die deutschen Alemannen etwa mittelhochdeutsch sprechenden Nachbarn in Vorarlberg, St. Gallen, Thurgau, Appenzell bis Baselbiet habe ich im passiven Sprachverständnis keine größeren Schwierigkeiten als z.B. mit Leuten aus dem Nordhessischen - ganz anders ists z.B. im Berner Oberland, aber da wird auch schon ein Rorschacher seine Schwierigkeiten haben, deucht mich.
Interessant war für mich immer, dass ich als zumindest angelernt des deutschen Seealemannischen mächtiger von den Nachbarn auf der anderen Seite viel weniger leicht verstanden wurde als ich sie verstanden habe. Es wurde dann immer sehr schnell zu einem nur in der Melodie gefärbten Deutsch übergegangen, eben dem, das in Deutschland als Schwyzerdütsch (nicht -„tüüsch“) bezeichnet wird und sich nur in einzelnen Begriffen, hie und da einem anderen Genus und eben dem berühmten „ss“ unterscheidet.
Schöne Grüße
MM
Hallo, cyberdust,
nur eine Annahme:
anders als das Niederländische hat das Schyzerdytsch keine „Standardisierung“ erfahren. Noch heute zerfällt die Sprache in eine Vielzahl lokaler Dialekte, was vielleicht durch die Kleinräumigkeit der Landschaft und relativ geringen Austausch der Bevölkerung verursacht wurde. Die politische Unabhängigkeit der Regionalstrukturen (Gemeinden, Kantone)hat dem zusätzlich Vorschub geleistet.
Im Niederländischen wurde eine Standardisierung durch intensiven Handel, Reisetätigkeit und frühzeitige Zentralisierung gefördert.
Dein Sprachbeispiel (Züridütsch) konnte ich allerdings (trotz der technischen Schwächen der Aufnahme) recht gut verstehen.
Gruß
Eckard
Hallo,
Ich bin auch der Meinung, ein Deutscher sollte keine größere Schwierigkeiten haben, Schwyzerdütsch zu lernen, obwohl das hören und daraus verstehen etwas schwieriger sein wird. Ich versuchte es mit Niederländisch, hatte erstaunlicherweise guten Erfolg, die Schrift konnte fast 90% entziffern, beim hören allerdings konnte kaum oder sehr schwer einen Sinn machen. Da kam ich auf die Seite http://www.eldrid.ch/swgerman.htm
Servus,
das Sprechen lernen ist wegen der großen Bedeutung der Nuancen in der Aussprache bedeutend schwerer als das Verstehen lernen. Vgl. die deutschen Gastarbeiter in der CH, die sich in großer Zahl schon beim ersten „Hallo“ mit einem „Grützi, Grützi mittönanth“ nachhaltig blamieren.
Bis vor relativ kurzer Zeit konnte man auch in D anhand der Aussprache (und ein paar Feinheiten im Dialekt) auf etwa zehn Kilometer genau feststellen, wo einer herkommt.
Schöne Grüße
MM
Hallo cyberdust
Ich bin auch der Meinung, ein Deutscher sollte keine größere
Schwierigkeiten haben, Schwyzerdütsch zu lernen
Verstehen lernen: Ja. Sprechen lernen: Weniger.
Ich kenne ganz wenige Deutsche, die lange in der Schweiz leben und (fast) akzentfrei sprechen können.
Dasselbe gilt umgekehrt für die Schweizer in Deutschland auch. Nur Schweizer, die eine gezielte Sprechschulung hinter sich haben, sind in der Lage einwandfreies Hochdeutsch zu reden.
Gruss
Heinz
Hallo CD,
- Die Holländer haben bereits sehr früh ihre eigene Sprache
entwickelt. Warum geschah das nicht in der Schweiz?
Rein geographisch ist da ein kleiner Unterschied.
In den Niederlanden ist praktisch alles was sich im Umkreis von 2 Stunden Fussmarsch befindet, auch in dieser Zeit ereichbar.
In der Schweiz ist da oft ein 4’000er dazwischen, und es wird zu einer Tagesreise. Ein einfacher Austausch hat also nur in der Längsrichtung eines Tales stattgefunden. Auch schon die andere Talseite kann weit weg sein, wenn es erst mal 600m runter geht, dann quer durchs Tal und auf der anderen Seite wieder 1’000m hoch.
Solche Umstände verhindern schon eine Zentralisierung, zumindest ohne die heutigen technischen Möglichkeiten.
- Gab es in der Vergangenheit versuche Zeitungen, Bücher etc.
in Schwiizertüüsch zu publizieren?
Ernsthafte Versuche mit Zeitungen sind mir nicht bekannt.
Bücher gibt es aber jede Menge, wobei das Geschichten sind, Sachbücher in Dialekt kenne ich gerade keine.
Bei Büchern ist aber das Problem, dass der Schweizer Markt etwas klein ist. Mit Schriftdeutsch kann man gleichzeitig auch den deutschen und österreichischen Markt abdecken.
Ist so ähnlich wie englisch bei der Musik.
Wir Schweizer sind etwas schizophren, gedacht und gesprochen wird Dialekt, geschrieben wird dann Schriftdeutsch.
Wobei die SMS-Generation hauptsächlich in Dialekt schreibt.
MfG Peter(TOO)
Hallo Peter(TOO),
- Die Holländer haben bereits sehr früh ihre eigene Sprache
entwickelt. Warum geschah das nicht in der Schweiz?
Das Holländische leitet sich anders als das Schweizerdeutsche nicht vom Hochdeutschen ab, sondern vom Niederdeutschen, das nicht etwa wie das Bairische oder Alemannische (inklusive des Schweizerdeutschen) ein Dialekt des Hochdeutschen ist, sondern eine eigene Sprache.
Wir Schweizer sind etwas schizophren, gedacht und gesprochen
wird Dialekt, geschrieben wird dann Schriftdeutsch.
Wobei die SMS-Generation hauptsächlich in Dialekt schreibt.
Ja, das seid ihr dann wohl! Schreibt denn die SMS-Generation kein Schriftdeutsch? Ist nicht das, was die SMS-Generation sogar in ihren SMSsen schreibt -per definitionem- auch Schrift deutsch, selbst wenn es sich dabei um alemannischen Dialekt handelt?
Wer glaubt Schrift deutsch überhaupt sprechen zu können, muss schon ziemlich schizophren sein!
Ich spreche übrigens auch weder Schrift- noch Hoch deutsch, sondern astreines Standard deutsch, besser sogar als jenes, welches man in der Region Hannover spricht!
Das ist ja da auch nieder deutsches Dialektgebiet, zumal die hannöversche Gegend auch schon recht platt/niedrig und wenig bergig/hoch ist.
Gruß Gernot
Hallo Gernot,
Wer glaubt Schrift deutsch überhaupt sprechen zu
können, muss schon ziemlich schizophren sein!
Ich spreche übrigens auch weder Schrift- noch
Hoch deutsch, sondern astreines Standard deutsch,
besser sogar als jenes, welches man in der Region Hannover
spricht!
Tja, für die Schweizer hat es im Duden extra kleine Anmerkungen.
Und da kann man finden, dass Schrift deutsch hierzulande die Bezeichnung für Standard deutsch ist.
Es leben die kleinen Unterschiede!
MfG Peter(TOO)
Nachtrag
Hallo Gernot,
Wiki hat zum Schweizer Standarddeutsch sogar einen ganzen Artikel:
http://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_Hochdeutsch
MfG Peter(TOO)
Hallo Peter,
Tja, für die Schweizer hat es im Duden extra kleine
Anmerkungen.
Und da kann man finden, dass Schrift deutsch hierzulande
die Bezeichnung für Standard deutsch ist.
Das ist mir bekannt. Ich habe übrigens als regelmäßiger 3-Sat- Zuseher , wie man auch in Österreich statt -Zuschauer sagen würde, kein Problem, Alemannisch zu verstehen. Da brauche ich mittlerweile auch noch nicht einmal mehr die Untertitel!
http://als.wikipedia.org/wiki/Alemannische_Dialekte
Mit Lëtzebuergesch http://lb.wikipedia.org/wiki/L%C3%ABtzebuergesch tue ich mich im Kabel-/Satellitenfernsehen hingegen immer noch sehr schwer, obwohl es so wie das Schweizerdeutsche und anders als das Niederländische auch ein hoch deutscher Dialekt ist.
Gruß Gernot
Hallo,
Wir Schweizer sind etwas schizophren, gedacht und gesprochen
wird Dialekt, geschrieben wird dann Schriftdeutsch.
Wobei die SMS-Generation hauptsächlich in Dialekt schreibt.
Interessante Antwort. Haben die Schweizer bereits eine standardisierte Rechtschreibung für die Mundart, oder versuchen die Jugendlichen ihre SMS phonetisch und angelehnt an die deutsche Rechtschreibung zu schreiben? Mich würde noch ihre Meinung als Schweizer interessieren über diesen Artikel in Wikipedia, was der Situation in der Schweiz betrieft, aber insbesondere ueber diese Schlussfolgerung. http://de.wikipedia.org/wiki/Diglossie#Schlussfolgerung
Hallo Fragewurm,
Wir Schweizer sind etwas schizophren, gedacht und gesprochen
wird Dialekt, geschrieben wird dann Schriftdeutsch.
Wobei die SMS-Generation hauptsächlich in Dialekt schreibt.
Interessante Antwort. Haben die Schweizer bereits eine
standardisierte Rechtschreibung für die Mundart, oder
versuchen die Jugendlichen ihre SMS phonetisch und angelehnt
an die deutsche Rechtschreibung zu schreiben?
Da herrscht Wildschreibung 
z.B. für Basel- und Zirydytsch gibt es Grammatikwerke und Wörterbücher, diese werden aber nicht offiziell unterrichtet.
Mich würde noch
ihre Meinung als Schweizer interessieren über diesen Artikel
in Wikipedia, was der Situation in der Schweiz betrieft, aber
insbesondere ueber diese Schlussfolgerung.
http://de.wikipedia.org/wiki/Diglossie#Schlussfolgerung
Im Grossen und Ganzen stimmt die Schlussforderung.
MfG Peter(TOO)