Hallo,
Zunächst mal zur Klarstellung. Die V 1 war keine Rakete. Vielmehr das was man heute eine cruise missile nennt. Also ein unbemanntes Flugzeug. Die Geschwindigkeit lag unter der damaliger aktueller alliierter Standardjagdflugzeuge. So um 650 km/h.
Die V 2 war allerdings eine Rakete. Rakete heißt, der Flugkörper bewegt sich in ballistischer Geschwindigkeit (wie ein modernes Gewehrgeschoss). Entsprechend unterschiedlich musste die Steuerungseinrichtung ausgelegt sein. Es leuchtet ohne weiteres ein, dass ein Flugkörper mit 650 km/h leichter und mit weniger Aufwand zu steuern ist, als ein Flugkörper, der sich mit vielfacher Überschallgeschwindigkeit bewegt. So um 2.900 km/h.
Die V 1 wurde durch eine automatische Kreiselkurssteuerung mit druckluftgetriebenen Kreiseln und einem Steuergerät zur Voreinstellung gelenkt. Die Steuerungsimpulse wirkten über elektrische Hilfsmotore auf die Ruder. Die Reichweite wurde durch einen „Zählpropeller“ in der Rumpfspitze eingestellt und gesteuert. Das ganze System war seltsamerweise anfällig gegen magnetische Einflüsse. Man erkannte z.B. dass in Längsrichtung der metallenen Montagehalle vorbereitete V 1 besser trafen als solche, die dabei quer in der Halle standen. Ein erstaunliches Phänomen. Aber eigentlich logisch (es hatte auch mit dem Erdmagnetismus zu tun). Viele wurden daraufhin für ein paar Tage vor dem Start erst mal längs in einer metallenen Umgebung von Nord nach Süd gelagert. Und dann ab die Post.
Die V 2 verfügte ebenfalls über eine automatische Kreiselkursteuerung. Vereinfacht wurden Kurs und Entfernung auf skalierten Instrumenten Strich für Strich, wie auf einem Kompass voreingestellt. Zur Erreichung einer maximalen Schussweite erfolgte der „Flug“ über eine Parabelbahn. Der senkrechte Start erforderte deshalb nach definierter Zeit eine Aussteuerung der Rakete aus der Senkrechten. Das geschah mithilfe der Strahlruder (kleine Flossen, sozusagen in der Flamme des Raketenmotors, eine gewaltige Leistung der Ingenieure, nebenbei bemerkt).
Die Betätigung dieser Ruder – und auch der aerodynamischen Ruder – die ja typisch sind für die V 2, erfolgte über einen Autopiloten. Dieser bestand aus je zwei Kreiselsystemen mit – logisch – je drei Freiheitsgraden.
Je ein System beaufschlagte die Längs- und die Querachse. Also konnten Schlingerbewegungen und die Höhe beeinflusst werden. Zusätzliche Potenziometer beeinflussten die Schlingerbewegungen (redundante Systeme, wenn auch recht primitiv); sie wirkten auch auf die Strahlruder. Die Auslenkung aus der vertikalen Flugrichtung in 20 km Höhe auf einen Winkel von ca. 45 Grad erfolgte durch die Einschaltung eines zeitgesteuerten Flugwegprogramms (mit Steuerwalzen wie in einer Spieluhr).
Die ersten Raketen erhielten ein Radio-Sende- und Empfangsgerät, das der Messwertübermittlung und Streckensteuerung diente. Die für Steuerungsimpulse notwendige Geschwindigkeitsermittlung erfolgte mittels des Dopplereffektes. Diese halb manuelle störanfällige Steuerung wurde jedoch bald aufgegeben und durch einen so genannten Beschleunigungsintegrator ersetzt; der schloss Fehler der Bediener notabene aus.
Die Kreisel und Steuerwalzen für die Auslösung von Befehlen („Kontakte“) wurden durch komprimierten Stickstoff angetrieben, der in Druckflaschen innerhalb des Steuerraumes mitgeführt wurde.
Ein bisschen Statistik.
V 1
Ca. 22.000 wurden gestartet. Davon ca. 10.000 auf London, 3.000 auf Lüttich, 9.000 auf Antwerpen. Die meisten wurden abgeschossen (es waren ja langsame Flugzeuge) oder waren Blindgänger.
V 2
Nach ca. 100 Versuchsabschüssen mit 20 % Fehlstarts wurde von September 1944 bis Ende März 1945 pausenlos geschossen.
Von den ca. 5.500 Raketen trafen ca. 2000 den engeren Stadtbereich von London und ca. 1.600 Antwerpen. Eine Abwehr war nicht möglich.
Es gibt ausgezeichnete Seiten im Netz zum Thema. Besonders das Magnetisierungsproblem der V 1 ist faszinierend.
Zur Funktion von Kreiseln und deren Nutzen für selbstätige Steuerungen setze ich Basiswissen voraus. Aber auch hier gilt: Google und nicht nur wer-weiss-was- (Verzeihung) ist des Surfers Freund.
Viel Spass. Es lohnt sich.
Grüße
HL
… die Texte im Archiv enthalten manchen Unfug und viele Phantastereien.