Streitsucht helfen

Hey,
ich wollte mal Fragen, ob jemand weiß, ob „streitsucht“ „heilbar“ ist…Meinem Freund und mir ist aufgefallen, dass ich mich wegen jeder Kleinigkeit aufrege - vor allem, wenn es um Aufmerksamkeit geht, da er momentan wegen der Arbeit weniger Zeit für mich hat. Ich habe mal ein bisschen gegoogelt und rausgefunden, dass das eventuell Erbbar ist, könnte das stimmen? Wäre das dann sozusagen ein Gendefekt?
Außerdem habe ich in den letzten zwei Monaten fast 5 kilo (!) zugenommen und fühle mich deshalb sehr sehr unwohl! Klar, dass das das Selbstbewusstsein einschränkt und daher bin ich auch teilweise eifersüchtig geworden. Doch das Eifersüchtig sein, kann doch nichts mit meiner (mir selbst anerkannten) Streitsucht zu tun?! Es geht in den Streitereien ja eigentlich nur um Kleinigkeiten…
Kann mir da jemand helfen?

Vielen Dank schon im voraus !!! :smile:
Steffi

Hallo Steffi,
stell Dir vor, „Streitsucht“ wäre erblich bedingt, dann hättest Du ja eine wissenschaftlich untermauerte „Erklärung/Ausrede“ dafür, dass Du ja nichts dafür kannst… Keine Ahnung, ob das genetisch bedingt sein könnte, kann auch mit hormonellen Umstellungen zu tun haben (Menopause, Schilddrüsenprobleme…) Aber unabhängig von körperlichen Symptomen (die stets Ausdruck von seelischen Defiziten sind) ist mir aber bewußt, dass Eigenheiten und Verhaltensweisen von Eltern-/teil vom Kind übernommen werden, ohne dies hinterfragt zu haben. Wie auch immer die Prägung vom elterlichen und sozialen Umfeld war und ist - es ist nie zu spät und äusserst wichtig, sich und sein eigenes Verhalten zu hinterfragen, denn es hilft, sich selbst kennen zu lernen und das führt dazu (wie lange das auch immer dauern kann), sich selbst zu verzeihen und sich selbst lieben zu lernen. Spätestens dann brauchst/ willst/kannst Du weder streiten, noch eifersüchtig sein… Dir geht’s dann einfach nur gut!
Der Weg dorthin ist manchmals sehr anstrengend und führt Dich in die hintersten Ecken und schwarzen Tiefen Deines Selbst - aber es heilt!
Versuche anfangs, nichts was Du tust und empfindest als „gut“ oder „schlecht“ zu bewerten, sondern einfach als „es ist und ich empfinde jetzt so, aber ich entscheide mich jetzt für …“ Allein dieser Entschluß und die nachfolgende Tat dazu wird Dich schon zu anderen Ergebnissen führen.
Wenn Dir das Ergebnis gefällt ist es ja in Ordnung, wenn nicht, entscheide Dich anders und tue es auch - solange, bis Dir das Ergebnis gefällt.
Beispiel: Du bist eifersüchtig und Deine erste Reaktion wäre: Streit anfangen mit dem Partner. Ok - nachdem Du weder streiten noch eifersüchtig sein willst kannst Du Dich darauf besinnen, Dir zu sagen „es ist und ich empfinde jetzt so“ und dann überlege kurz, wie Du in diesem Moment sein willst und was Du lieber tun würdest als streiten, dann entscheide Dich dafür und sage Dir "ich bin und fühle mich (z.B. sicher, geborgen und geliebt) und entscheide mich für (z.B. Harmonie und Ruhe). Versuche auch, die Gefühle Deiner Entscheidung in Dir zu fühlen - Du wirst Dich sofort besser fühlen! Probier’s aus!
Wenn Du dann eine der „heissen und akuten“ Problemsituationen hinter Dich gebracht hast, kannst Du Dich ja mit Deinen tiefsitzenden Verhaltensweisen auseinandersetzen. Deine Verhaltensweisen reflektieren Deine Glaubenssätze, die Du hinterfragen kannst - es wird Dir wie Schuppen von den Augen fallen, wenn Du siehst, wieviele Deiner Glaubenssätze Dir von anderen Menschen „implantiert“ worden sind und gar nicht Deinem inneren Wesen und Deinem Wollen entsprechen. Also hinterfrag und finde heraus, wer-DU-bist und was-DU-wirklich-willst.
Viel Erfolg dabei!
Ines

Hi Ines,

danke für Deine Ausführliche Antwort. Vor allem die Vorgehensweise finde ich beeindruckend und ich denke, ich werde mich anstrengen, dies vor jeder Entscheidungs- oder Meinungsäußerung anzuwenden. Manchmal habe ich das auch versucht, habe es aber unterdrückt, dies kam dann irgendwie alles wieder hoch und eskalierte, indem ich ihm jede Kleinigkeit vorhielt. Also wenn ich das richtig verstanden habe, soll ich - nach meinem handeln, nicht in streit auszubrechen, nochmal darüber nachdenken, dass es eigentlich auch sinnlos gewesen wäre, einen streit angezettelt hätte und würde dann somit auch einen Eskalationsstreit vermeiden, oder?
Nochwas: ich hab immer das Gefühl, wenn ich ihm das jetzt nicht vorhalte, dann wird er das immer wieder machen… ich weiß nicht so recht, wie ich damit umgehen soll, soll ich dann auch dieses „Schema“ anwenden?

Ich danke Dir wirklich sehr für Deinen Rat!! :smile:

Liebe Grüße,
Steffi

Hallo Steffi,
es ist wirklich toll, daß Du bereits erkannt hast, dass DU etwas ändern willst! Gratuliere Dir dazu!
Versuche doch, grundsätzlich (in einer ruhigen Minute, die Du Dir nehmen solltest) für dich herauszufinden, was-DU-willst und wer-DU-bist. Wenn Du erst vor der Situation Dir darüber Gedanken machst, wirst Du viel zu sehr von einer Flut von verwirrenden Emotionen und eingespielten Reaktionen überschwemmt, so dass es einfach schwierig wird, Dich und Deine Verhaltensweisen zu „durchleuchten“ und dann noch ruhig und ohne Streit zu reagieren.
Es ist dabei hilfreich, sich ausschließlich mit 1 Situation/ Emotion/ Gedanken zu befassen und die solange zu hinterfragen/ durchleuchten, bis sich in Dir andere Emotionen/ Gedanken einstellen (und das wird der Fall sein).
Ich weiß, wie schwer es ist, wenn „frau/man“ von Emotionen übermannt wird - dann ist es fast unmöglich, die Situation zu ändern, bzw. zu steuern und die Ergebnisse sind frustrierend. Daher ist es wichtig, sich gar nicht in solche Situationen zu bringen.
Klar sagst Du nun: „Ich bringe mich nicht in die Situation, ER tut es, da er (von mir angenommenes Beispiel) abends nicht pünktlich nach Hause kommt, sondern erst nach Mitternacht! Da habe ich doch alles Recht, eifersüchtig zu sein und ihm eine Szene und Vorhaltungen zu machen!“
Bist Du Dir sicher, daß das Dich auch nur 1 Schritt dorthin bringt, was Du willst? Ich glaube das nicht, sondern, dass trotz aller Szenen und Vorhaltungen sich Nichts geändert hat, sondern sogar nur noch schlimmer geworden ist.
Szenen und Vorhaltungen sind doch Mittel, die Du anwendest, um
a)DEN ANDEREN und sein Verhalten (weil es nicht den Erwartungen entspricht, was er zu tun hat) zu ändern - wieso willst Du Deinen Partner ändern - Du kannst/ sollst Deinen Partner (grundsätzlich den Menschen)nicht ändern, nicht kontrollieren, nicht über ihn bestimmen - Du willst das im umgekehrten Fall doch auch nicht! Wenn Du willst, dass er sich Dir gegenüber anders verhält, musst Du ihm deutlich klarmachen, wer-DU-bist und was-DU-willst und das erreichst Du ausschließlich dadurch, dass Du das lebst und er das in Dir erkennt und seine Einstellung Dir gegenüber überprüfen und ändern/korrigieren kann.
und
b)Deine eigenen Ängste nicht (auch Dir selbst gegenüber) zeigen und darüber nachdenken zu müssen. Mit diesen Szenen lenkst Du von den eigenen Ängsten ab. Versuche nicht, das Gegenüber zu manipulieren, zu ändern, zu kontrollieren - das ist nur ein Ausdruck von Deinen tiefen Ängsten.
Und um Deine Ängst aufzuspüren und aufzulösen, kannst Du eben hinterfragen wer-DU-bist und was-DU-willst. Mit dem was-DU-willst ist nicht gemeint: Haus, Auto, Yacht - sondern: was DU im/vom Leben willst für Dein ICH: das, was Steffi ganz tief in ihrem Inneren spürt und ausleben will!
Freue Dich auf die Antworten und lebe sie, denn das ist, was Dich glücklich machen wird!
Alles Gute und gerne bis bald!
Ines

Hallo,

ich vermute, dass hinter all deiner „Streitsucht“ ein in tiefster Seele unsicheres Bündelchen Mensch steckt. Du empfindest dich selbst nicht „gut genug“ und brauchst dringend die ständige Aufmerksamkeit und Zuwendung deines Partners, um dir immer wieder zu versichern, dass du geliebt wirst und nicht in Gefahr bist, gegen etwas „Besseres“ eingetauscht zu werden.

Die Gewichtszunahme verstärkt diese Angst noch, und je weniger du deiner selbst sicher bist, umso größer die Sorge, dass dein Freund dich ebenso wenig schätzt.

Bis hierhin verständlich, aber die Konsequenzen, die daraus entstehen, sind prima dazu angetan, genau das zu erreichen, was du eigentlich mit aller Kraft verhindern möchtest: Verlassen zu werden. Kein Mensch - auch dein Freund nicht - nimmt es dauerhaft in Kauf, immer wieder wegen Kleinigkeiten angemacht zu werden. Es wird also eine Frage der Zeit sein, bis er geht. Nicht, weil du ihm nichts bedeuten würdest, sondern weil er sich von dir schlecht behandelt fühlt.

Diejenige, die auf dem besten Weg ist, ihn zu verjagen, bist du selbst. Je mehr Aufmerksamkeit du einforderst, desto mehr Distanz wirst du schaffen. Es ist schwer, eine Person, die ständig an einem rummeckert, auf Dauer liebenswert zu finden. Ganz abgesehen davon, dass man sich auch fragt, was dieses Verhalten denn ihrerseits mit Liebe und Achtung zu tun hat.

Heißt: Reiß’ dich am Riemen, wenn du nicht bald ohne Freund dastehen willst. Vielleicht stellst du dir mal vor, wie eine Frau, die deinen Freund haben möchte, wohl mit ihm umgehen würde. Und was auch immer dir dazu einfallen mag - eines würde sie sicher nicht tun: Ihn permanent unter Druck setzen und anmotzen.

Man fühlt sich zwar oft schnell zueinander hingezogen, aber um eine Liebe auf Dauer festzuhalten, muss man etwas dafür tun. Sobald man anfängt, die Anwesenheit und Zuneigung des anderen als selbstverständlich zu betrachten, ist man in größter Gefahr, beides zu verlieren. In deinem Fall heißt das: Wähle andere Wege, um ihm Grund zu geben, bei dir sein zu wollen.

Schöne Grüße,
Jule