Struktur im KInderzimmer und Alltag

Hallo Simone,

ich hab das Vertrauen in das „prägende Umfeld“ und „Erziehung“
ziemlich aufgegeben seit ich Kinder habe.
Man nehme das Beispiel „persönliche Hygiene“. Ich glaube nicht,
dass wir bei beiden Söhnen einen großen Unterschied gemacht
haben, bewußt jedenfalls gar keinen. Sie sind nur 15 Monate
auseinander, von daher ging das immer „in einem Aufwasch“.
Schon von klein auf war festzustellen, dass Sohn Nr.1 gern
im Dreck spielt, nur duscht, wenn es mit Spass und Spiel
verbunden ist, Hände nur unter Anleitung und Kontrolle wäscht,
desgleichen Zähneputzen etc. Momentan ist das Ganze, wohl
Pubertäts bedingt, noch extremer (obwohl es bereits eindeutig
besser ist als vor einem Jahr). Sohn Nr. 2 hat sich schon
als Kleiner sehr häufig die Hände gewaschen, er duscht heute
jeden Morgen, wenn er Sport macht, dann noch ein zweites
Mal, er ist akribisch sauber, wenn es um Essen, Geschirr,
Gläser geht.
Wie kann ich das erklären, wenn nicht durch Veranlagung?

Ein anderes Beispiel. Ich habe zwei Schwestern, die ein
ganzes Stück älter sind als ich (11+14 Jahre). Meine SChwestern
wurden immer gezwungen alles aufzuessen, durften kein Essen
ablehnen. Mir dagegen wurde - O-Ton meiner Schwestern - „Zucker
in den Arsch geblasen“; ich brauchte bloß das GEsicht zu ver-
ziehen, schon wurde abgeräumt und ein mir schmeckendes Alternativ-
gericht aufgetragen (meistens Eier oder Schweineschnitzelchen).
Und heute?
Meine älteste Schwester ist „verschnegt“, sie ist viele Sachen
gar nicht (z.B. Zwiebeln), macht ein Riesengedöns, wenn das
jemand nicht berücksichtigt, weigert sich Neues zu probieren, usw.
Die andere Schwester und ich, wir essen eigentlich alles (wenigstens
einmal), probieren gern Neues, schaffen es auch, mal weniger Tolles
bei einer Einladung nicht gerade vom Teller zu husten.
Was hat das jetzt mit Erziehung und prägender Umwelt zu tun?

Grüße
Elke

Hallo nochmal,

Kannst du mir genaueres zu de Elterntraining sagen? Das fände
ich ja mal spannend.

Ich weiß nicht, ob es auch „allgemeine“ Elterntrainings gibt - bei uns war es Teil der Gesamttherapie des ADS. Das erste Training war an zwei Tagen (Sa. und So.), ganztags, bzw. bis in den späten Abend *schwitz*. Der zweite Termin war einige Monate später zum „Auffrischen“ und zur Besprechung der Fragen, die in der praktischen Umsetzung noch aufgekommen und für alle Kursteilnehmer interessant waren.

Anfangs wurden wir seeeeeehr ausführlich über den aktuellen Forschungsstand in Sachen AD(H)S aufgeklärt, mußten Hirnmodelle anschauen, Begriffe lernen oder aus längst vergangenem Biounterricht auffrischen, kämpften mit Hirnstamm, Frontallappen, Botenstoffen und solchen Sachen *g*. Dann ging es weiter zu den Auswirkungen im Alltag. Man merkte schnell, dass die Grundprobleme - im Prinzip alles, was Ordnung, Struktur, willentlich erzeugte Konzentration erfordert, schwierig ist für solche Menschen - und wie man dem als Elternteil entgegenwirkt (oder es versucht).

Im wesentlichen eben durch Anreize wie Punktepläne, Zeitvorgaben usw., auf der anderen Seite aber auch Arbeit an sich selbst, das Akzeptieren der Tatsache, dass die Kinder die Probleme ja nicht mit Absicht machen, dass man unbedingt die Ruhe bewahren sollte, wenn sie austicken, dass Schuldzuweisungen Blödsinn sind und so weiter.

Hilfreich ist immer, dass es anderen ähnlich geht, man also nicht, wie im Elterndasein (und besonders unter Müttern) gerne gemacht, jeder nur die perfekte Vorzeigefamilie vortäuscht :wink:

Ich könnte mir das auch gut für uns vorstellen, da man oft
schon so verstrickt ist in seinen tagtäglichen
Auseinandersetzungen bezüglich dieses Themas, dass eine Sicht
von außen, von einer neutralen Person wohl sehr hilfreich sein
könnte.

Ja, das denke ich - ganz unabhängig ob ADS oder nicht - auch. Wenn es bei uns sehr heiß hergeht, nehme ich manchmal Szenen mit meinem neuen Handyspielzeug *g* auf, um sie danach in Ruhe zu analysieren, zu überlegen, an welchem Punkt man noch anders hätte reagieren können - wenn ich mich dann selbst höre, nehme ich mich schnell wieder mehr zusammen *g*. (Natürlich lösche ich die Aufnahmen dann auch wieder !).

Hilfreich sind für uns auch die regelmäßigen Elterngespräche (nur mein Mann und ich, keine Gruppe) mit der Psychologin, und im Laufe der Jahre haben wir einigermaßen gelernt, Situationen zu entschärfen und/oder sie gleich zu notieren für’s nächste Gespräch.

Benötigt man dazu eine Überweisung und wohin und wie
überhaupt?

Bei kassenzugelassenen Kinderpsychologen reicht eine Überweisung. Ich würde mich allerdings unbedingt an die nächstgelegene Selbsthilfegruppe wenden, um wirklich eine(n) Spezialisten(in) zu finden, denn die Diagnostik sollte wirklich sehr sorgfältig sein. Unsere Psycho ist beispielsweise wahnsinnig überlaufen, kann Kassenpatienten nur mit unendlicher Wartezeit annehmen, so dass wir privat bezahlt haben *seufz* - aber dafür sind wir jetzt in guten Händen.

Wie habt ihr das mit dem ADS herausgefunden?

Das würde den Rahmen hier sprengen, wenn du möchstest, schreib mir eine mail, damit ich (vergesslicher Schussel !) dir die Antwort maile - kann allerdings ein paar Tage dauern.

In der FAQ zu diesem Brett findest du sehr viele Links, für dich wahrscheinlich besonders interessant ist die Eigensinn-Seite.

Bin natürlich auch vorsichtig mit solchen Diagnosen, da es ja
schon zur Mode geworden zu sein scheint. (ich meine nicht euch
damit)

Deshalb betone ich auch immer, dass ein Psychologe ausführlichst diagnostizieren sollte - keine „Verdachtsäußerung“ eines Kinderarztes sollte den Eltern als Diagnoseersatz reichen.

Viele Grüße aus dem Schwabenländle,

Inselchen

Gleichaltrige
Hallo Thea,

wenn ich mich mal einmischen darf…

Auch würde es nichts nutzen, ihn gleich in die 8.Klasse zu
„stecken“, da er auch so schon genug Schwierigkeiten sozialer
Art hatte, sich auf den Alltag am Gymnasium einzustellen.

Das ist natürlich ein Problem. Weiß ich auch nicht, wie man
das lösen kann.

Ja, leider ist dies ein Problem, vor dem alle Kinder stehen, die eine oder mehrere Klassen übersprungen haben. Meine älteste Tochter geht mit 10 in die 6. Klasse, meine jüngere Tochter geht mit 8 in die 4. Klasse. Vom Stoff her ist es kein Thema, aber besonders bei der älteren Tochter gibt es immer wieder Problemchen, weil die Klassenkameradinnen pubertätsbedingt „schwierig“ und auf einem ganz anderen Stand sind als sie (Musik, Partys, Mode - für meine Tochter eben noch nicht soooo das Thema, außerdem gibt es in ihrer Größe noch gar nicht die angeblich „coolen“ Outfits).

Andererseits sind beide Mädchen durchaus nicht ausgelastet, aber es gibt nicht die Ideallösung *seufz*.

Aber ein Hochbegabter kann mit Gleichaltrigen
doch normalerweise ziemlich wenig anfangen, das ist einfach
so.

Nein, das stimmt so nicht ! Das kann man nicht verallgemeinern. Meine Töchter haben auch Freundinnen aus ihrer Altersstufe, wichtig ist nur, dass diese Kinder (bzw. vor allem die Eltern) nicht neidisch herumzicken, weil es natürlich Unterschiede gibt. Meine jüngere Tochter beispielsweise wollte gestern einem Mädchen begeistert ihre neue Leidenschaft - Sudokus - erklären. Als diese nichts verstanden hat, haben sie eben das Heft weggelegt und etwas „einfacheres“ gespielt - die Freundin war nicht beleidigt, Töchterchen war nicht gelangweilt, weil sie sich einfach an der Anwesenheit der Freundin erfreut hat.

Der Umgang mit Gleichaltrigen ist hauptsächlich in den ganz jungen Jahren schwierig, denn im Kindergartenalter können die Kinder sich noch nicht wirklich an andere Entwicklungsstufen anpassen (hm, blöd formuliert, mir fällt aber nichts besseres ein, sorry).

Mit älteren ist es natürlich auch nicht unbedingt optimal.

Auch hier ist es wie oben - wenn die Älteren ein gutes Sozialverhalten haben und herausfinden, dass der „Knirps“ sehr wohl ein bestimmtes Spiel gut spielen kann, klappt das oft sehr gut.

Ich würde wirklich Kontakt mit einem Hochbegabtenverein
empfehlen, falls noch nicht geschehen. Da kann er mal unter
gleichen sein, und es gibt auch Kurse in seinem Lerntempo.

Wir sind auch in so einem Verein, aber mehr passiv - von diesen Spezialkursen halte ich wenig, weil es Hochbegabte künstlich aussondert.

Wichtig fand ich von meinem Beitrag vor allem den Hinweis,
dass man ihm seine Aufgaben nicht abnimmt. Je mehr man als
Mutter macht, desto weniger macht er. Die Aufgabe der Eltern
ist hier m.M. nach hauptsächlich zugucken.

Da stimme ich voll und ganz zu !

Viele Grüße,

Inselchen

Moin Elke,

ich hab das Vertrauen in das „prägende Umfeld“ und „Erziehung“
ziemlich aufgegeben seit ich Kinder habe.

Deshalb hab ich meinen Nachsatz an Andreas ja auch so vorsichtig (um nicht zu sagen schwammig) formuliert.
Ich kann da nur persönliche Erfahrungswerte mitbringen.
Und nun nimm mir nicht die Hoffnung, dass die Blagen wenigstens sobald sie aus dem Haus sind und nur noch zum Sonntagskaffee vorbeikommen halbwegs überlebensfähige Wesen sind :o)

Grüße
Simone

P.S.: 18.35 in Biedermannsdorf… mein kleiner Chaot hat weder seine Hausaufgaben komplett noch sieht es so aus als würde er die Dusche auch nur angucken wollen. Ist Essensentzug eine gute Konsequenz? *grumselknurr*

Hallo Elke!

Ich würde Dein Statement noch ergänzen wollen:

Wieviel praktische Erfahrung hast Du mit Kindern/Jugendlichen überhaupt?

Angelika

Hallo, Sulamith,
da hast du schon recht. Die gleichen Befürchtungen hatte ich allerdings auch bei mir, aber ich habe mich schnell dran gewöhnt, die Kärtchen zu sortieren. Und vielleicht wäre es ja weniger Arbeit, die Kärtchensortiererei zu überwachen als das Aufräumen udgl. mehr. Könnte ich mir zumindest vorstellen…
Gruß, Miriam

PS: Als witzig habe ich das System eigentlich nie empfunden.

Hallo Inselchen

Ich würde wirklich Kontakt mit einem Hochbegabtenverein
empfehlen, falls noch nicht geschehen. Da kann er mal unter
gleichen sein, und es gibt auch Kurse in seinem Lerntempo.

Wir sind auch in so einem Verein, aber mehr passiv - von
diesen Spezialkursen halte ich wenig, weil es Hochbegabte
künstlich aussondert.

Ich finde, es ist aber doch wichtig, dass diese Kinder wenigstens ab und zu mal in ihrem eigenen Tempo lernen und von gleichaltrigen verstanden werden.

Wenn ein Windhund andauernd immer nur mit Dackeln um die Wette laufen soll, das kann doch nicht gut sein für ihn. Das ist doch klar, dass der auf die Dauer immer halblang macht, um nicht zu sehr aufzufallen. Vielleicht macht er sich auch kleiner, um mal Freunde auf gleicher Augenhöhe zu haben.

Ich weiß ja nicht, wie diese Kurse bei euch sind, und welcher Verein das ist. Wenn sich da nur diejenigen tummeln, die von ihren Eltern und Grundschullehrern für hochbegabt gehalten werden, würde ich das auch nicht für besonders sinnvoll halten.

Viele Grüße
Thea

Hallo Thea,

Wir sind auch in so einem Verein, aber mehr passiv - von
diesen Spezialkursen halte ich wenig, weil es Hochbegabte
künstlich aussondert.

Ich finde, es ist aber doch wichtig, dass diese Kinder
wenigstens ab und zu mal in ihrem eigenen Tempo lernen und von
gleichaltrigen verstanden werden.

Wenn ein Windhund andauernd immer nur mit Dackeln um die Wette
laufen soll, das kann doch nicht gut sein für ihn. Das ist
doch klar, dass der auf die Dauer immer halblang macht, um
nicht zu sehr aufzufallen. Vielleicht macht er sich auch
kleiner, um mal Freunde auf gleicher Augenhöhe zu haben.

Du gehst immer von einem Wettbewerb aus. HBchens möchten zwar Input, aber es geht ihnen dabei nicht ständig darum, sich mit anderen zu messen.

Ein wenigstens sporadischer Kontakt zu anderen HBchens ist für sie natürlich wichtig (den haben unsere Kinder auch), aber das bedeutet nicht, dass es nur um Lernen gehen muss. Mensaner treffen sich ja auch zu allen möglichen Aktionen, und nicht nur zu Spezialkursen.

Wenn HBchens etwas lernen möchten, kann man sie durchaus z.B. in einen ganz normalen VHS-Kurs für ältere Kinder schicken - Akzeptanz des Kursleiters vorausgesetzt. Dies sind übrigens solche Dinge, die unser HB-Verein mit durchsetzt. Nein, es ist kein Verein, bei dem Kinder von Lehrern empfohlen werden *lol*, ganz im Gegenteil - es ist ein im ganzen Bundesland mit Regionalgruppen vertretener Verein, der HB-Familien im (Schul-)Alltag stützt.

Wenn ich immer verfolge, was auf dem HB-Markt so angeboten wird, und wie Eltern von „gefühlten“ *läster* HBchens um Plätze kämpfen, kann ich mich nur mit Grausen abwenden, sorry. Aber das mag mit an meinem Umfeld liegen - hier sind viele Eltern extrem ehrgeizig, die armen Kinder müssen mindestens so „erfolgreich“ wie die supertollen Eltern sein, somit fallen sie quasi in der Krabbelgruppe bereits als eventuell hb auf :wink:.

Schönes WE wünscht

Inselchen

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