Subjektiv empfundene Bedrohung und der DSM IV

Schönen guten Tag,

ich benötige ein wenig Argumentationshilfe in der Angelegenheit DSM
IV und ICD-10. Es geht im speziellen um den Bereich Diagnostik einer
Posttraumatischen Belastungsstörung.
Mir gegenüber wurde behauptet, dass bei der Diagnose einer PTBS nach
ICD 10 verfahren wird. Jedoch der ICD10 in der Diagnose sehr viel
Spielraum läßt und man hier dann um diesen Speilraum einzuschränken
die genauer umschriebenen Diagnosekriterien der DSM IV zur Hilfe
genommen werden.
So wird behauptet, dass zur Bennnung eines Traumas in engen Sinne es
eines auslösenden Ereignisses (Unfall) bedarf. Eine subjektive
Bedrohung unter einer objektiven Bedrohung kann nicht ohne weiteres
als Trauma gewertet werden, sondern dann eher eine Anpassunsgstörung
oder eine Angststörung. Vor allem was ist eine Objektive Bedrochung? Reicht es, dass man weiß es ist zB ein Kopfgeld auf einen ausgesetzt, ohne je leiblich bedroht zu werden, um ein Trauma zu entwickeln?

Ich verstehe das nicht. Im ICD-10 steht doch klar drin, dass eine
subjektiv empfundene Bedrohung durchaus zu einem Trauma führen kann.
Ich also nicht unbedingt ein Event brauche. Der DSM klammert das
subjektive Empfinden direkt aus und kommt beim fehlen eines Events
gleich zu dem Schluss, dass eine Anpassungsstörung vorliegt.

Was ist nun Korrekt? Ich bin der Meinung diese zwei Diagnisesystem
können sich untereinander nicht ergänzen.

Es wäre echt toll, wenn ihr mir hier argumentationshilfe geben
könnten.

Grüße,

der Mair

Hallo Mair

Mir gegenüber wurde behauptet, dass bei der Diagnose einer
PTBS nach
ICD 10 verfahren wird. Jedoch der ICD10 in der Diagnose sehr
viel
Spielraum läßt und man hier dann um diesen Speilraum
einzuschränken
die genauer umschriebenen Diagnosekriterien der DSM IV zur
Hilfe
genommen werden.

Naja, eigentlich mixt man mit den Diagnoseschlüsseln nicht herum. In Deutschland wird (zumindest in der Kassenärztlichen Abechnung) offiziell nur nach dem ICD 10 eine Diagnose erstellt.
Die Posttraumatische Belastungsstörung ist als Diagnose deswegen ein spezielles Problem geworden, weil sie zu häufig gestellt wurde und zu oft sehr unscharf, oder, um genauer zu sein: Es wurde (oft, weil der Patient es wünschte oder es ihm entgegen kam) mit dieser Psycho-Diagnose ein ähnliches Schindluder betrieben wie mit dem HWS-Schleudertrauma nach Auffahrunfällen. Ich persönlich schreibe deshalb diese Diagnosen eigentlich gar nicht mehr auf; die sind irgendwie „verbrannt“, wenn Du verstehst, was ich meine.
In den 50er und 60er Jahren haben viele Kollegen solche Diagnosen gesellt wie „Neurasthenie“ oder „vegetative Dystonie“, das kann man heute schlecht hinschreiben, weil es alles und nichts sagt.

So wird behauptet, dass zur Bennnung eines Traumas in engen
Sinne es
eines auslösenden Ereignisses (Unfall) bedarf. Eine subjektive
Bedrohung unter einer objektiven Bedrohung kann nicht ohne
weiteres
als Trauma gewertet werden, sondern dann eher eine
Anpassunsgstörung
oder eine Angststörung.

Vor dem eben von mir dargestellten Hintergrund ist das garnicht so falsch. Eine subjektive Bedrohung würde ich schwerlich als Trauma darstellen.

Vor allem was ist eine Objektive
Bedrochung? Reicht es, dass man weiß es ist zB ein Kopfgeld
auf einen ausgesetzt, ohne je leiblich bedroht zu werden, um
ein Trauma zu entwickeln?

Nee, eigentlich reicht so ein „Kopfgeld“ nicht - es ist ja noch nichts passiert bzw. hat noch kein Trauma stattgefunden.

Ich verstehe das nicht. Im ICD-10 steht doch klar drin, dass
eine
subjektiv empfundene Bedrohung durchaus zu einem Trauma führen
kann.

Wie man es auch dreht und wendet - die Diagnose PTBS legt heutzutage einfach den Verdacht eines Simulanten, Drückebergers o.ä. dar, wenn Du es genau wissen willst. Die Diagnose ist wiegesagt zu oft missbraucht worden, als dass man ihr unkritisch gegenübersteht, wenn man nicht geade Laie oder Berufsanfänger ist.

Ich also nicht unbedingt ein Event brauche. Der DSM klammert
das
subjektive Empfinden direkt aus und kommt beim fehlen eines
Events
gleich zu dem Schluss, dass eine Anpassungsstörung vorliegt.

Das erscheint zwar voreilig, ist aber möglicherweise von Erfahrung geprägt. :wink:

Gruß,
Branden

Hallo,

Was ist nun Korrekt?

beides. ICD-10 Kapitel V (F) und DSM-IV TR sind zwei verschiedene Klassifikationssysteme, das eine von der WHO, das andere von der APA. Sie sind sich zwar ähnlich, aber nicht absolut deckungsgleich. Deshalb kann man bei einzelnen Störungen durchaus auf unterschiedliche Definitionen stoßen.

Jedoch der ICD10 in der Diagnose sehr viel
Spielraum läßt und man hier dann um diesen Speilraum
einzuschränken die genauer umschriebenen Diagnosekriterien der DSM
IV zur Hilfe genommen werden.

Das verstehe ich nicht. Was meinst Du? Die klinisch-diagnostischen Leitlinien der ICD sind relativ klar:

„Diese Störung soll nur dann diagnostiziert werden, wenn sie innerhalb von 6 Monaten nach einem traumatisierenden Ereignis von außergewöhnlicher Schwere aufgetreten ist.“

Zur „Not“ kann man sich übrigens noch das entsprechende ICD-Forschungskriterium anschauen:

„A. Die Betroffenen sind einem kurz- oder langhaltenden Ereignis oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde.“

Also auch in der ICD haben wir es mit Reaktionen auf ein Ereignis oder Geschehen zu tun.

DSM-IV TR konkretisiert bloß, was mit „außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß“ gemeint ist: tatsächlicher oder drohender Tod oder ernsthafte Verletzung der eigenen oder anderer Personen, wobei die Person selbst intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen erlebte.

Vor allem was ist eine Objektive Bedrochung?

DSM-IV TR nennt dafür zahlreiche Beispiele: kriegerische Auseinandersetzungen, gewalttätige Angriffe (und Beispiele dafür), Entführung, Geiselnahme, Terroranschlag, Folterung, Kriegsgefangenschaft, KZ-Haft, Natur- oder durch Menschen verursachte Katastrophen, schwere Autounfälle, Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung etc.

Im ICD-10 steht doch klar drin, dass eine
subjektiv empfundene Bedrohung durchaus zu einem Trauma führen
kann. Ich also nicht unbedingt ein Event brauche. Der DSM klammert
das subjektive Empfinden direkt aus und kommt beim fehlen eines
Events gleich zu dem Schluss, dass eine Anpassungsstörung vorliegt.

Wo steht das? Vielleicht habe ich es überlesen, aber DSM-IV TR sagt:

„Anpassungsstörung, Posttraumatische Belastungsstörung und Akute Belastungsstörung erfordern alle das Vorhandensein eines Belastungsfaktors“ (S. 746).

PTBS und ABS unterscheiden sich von der Anpassungsstörung darin, daß der Belastungsfaktor extrem (lebensbedrohlich) ist und eine spezifische Symptomkonstellation vorliegt. Die Anpassungsstörung könne im Gegensatz dazu durch Belastungen „jedweder Schwere ausgelöst werden“ und zu „vielfältigen Symptomen“ führen.

Beste Grüße