Hallo,
Wie weit ist die Subprimekrise schon überstanden, bzw wie lang
wird sie noch dauern?
die Ereignisse der letzten 9 Monate sind weniger eine direkte Folge der Kreditausfälle bei US-amerikanischen Immobilienkrediten gewesen als vielmehr eine Folge der Vertrauenskrise zwischen den Kreditinstituten. Weil niemand wußte, wer auf welchen Risiken saß, haben die Institute untereinander kaum noch mit Liquidität gehandelt (man hat sich also gegenseitig keinen Kredit mehr gegeben (Kredit kommt von credere (lat.)=glauben, d.h. wenn man dem anderen nicht glaubt, gibts auch keinen Kredit)).
Investoren haben Geld abgezogen und auf einmal saßen die Kreditinstitute ohne Liquidität da. Das letzte Opfer war Bear Stearns, bei dem ein klassischer bank run passierte. Aufgrund von Gerüchten im Markt kamen BS über nacht Milliarden von Dollar abhanden und die Bank stand kurz vor der Insolvenz.
Die Verluste, die viele Banken in den letzten Monaten zeigten, waren auch keine echten Kreditausfälle, sondern Bewertungsverluste. Für die Wertpapiere, auf denen man saß, gab es schlicht und ergreifend keinen Markt mehr, was man bei der Bewertung berücksichtigen mußte. Im Prinzip galt das für alle Papiere, die nur nach strukturierten Wertpapieren rochen, also auch für Papiere, bei denen es keinerlei Probleme mit Kreditausfällen gab.
Das andere Problem waren die Ratings, denen niemand mehr traute. Mal abgesehen von spektakulären Fehlgriffen der Ratingagenturen (so wurden diverse Wertpapiere über Jahre hinweg systematisch falsch beurteilt; irgendwann fiel der Irrtum dann auf und die Ratingagenturen mußten dann die Ratings um fünf Stufen reduzieren) traute man einem AAA-Rating nicht mehr über den Weg. Im Gegensatz zu den früheren Krisen waren ganz besonders sehr gut geratete Papiere von Preisabschlägen betroffen, während sie sonst praktisch überhaupt nicht auf eine veränderte Marktlage reagierten.
Mit anderen Worten: die bisher allgemein bekannten Auswirkungen (also IKB, Citigroup, Bear Stearns, UBS, Landesbanken) waren gar nicht auf konkrete Ausfälle zurückzuführen, sondern auf Unsicherheiten der Märkte. Das Thema scheint sich mittlerweile erledigt zu haben.
Von einer Erledigung der Subprime-(oder besser:Kredit-)Krise kann aber nicht die Rede sein. Der Anteil der leistungsgestörten Immobilienfinanzierungen schwingt sich Monat für Monat auf neue Höhen und auch bei anderen Krediten (Kreditkarten, Studentendarlehen, KfZ-Finanzierungen) verzeichnet man steigende Ausfälle. So ist die Kreditvergabe bei den Studentenkrediten bspw. fast vollständig zum Erliegen gekommen (wenn man mal von staatlichen Gesellschaften absieht, die die Vergabe teilweise wieder aufgenommen haben).
Das ist dann die Stelle, an der die Finanzkrise auf die Realwirtschaft übergreift. Weniger Kredite bedeuten weniger Konsum, mehr Pleiten bedeuten weniger Kredite, weniger Konsum bedeutet weniger Wirtschaftswachstum, weniger Wirtschaftswachstum bedeutet mehr Arbeitslose, mehr Arbeitslose bedeuten mehr Pleiten und weniger Konsum usw. usf.
Die einschlägigen Indizes geben derzeit widersprüchliche Signale, so daß sich über das Ausmaß und das Ende der Krise nicht viel sinnvolles sagen läßt, außer daß die Subprime-Krise noch lange nicht vorüber ist. Ob sich die Aktienmärkte dafür interessieren, wird sich zeigen. Auch wenn die Reaktionen bisher eher sparsam waren, kann sich die Börse der Realwirtschaft normalerweise nicht entziehen. Aber auch bei den Aktien entzieht sich das Geschehen an den Börsen immer mehr der Realität, d.h. die Kurse werden vor allem durch Spekulation bewegt, so daß am Ende die Frage bleibt, wer wohl den längeren Atem hat: die Spekulaten oder die Krise.
Angesichts der Anzahl der Amerikaner und der überaus großzügigen Kreditvergabe in den letzten Jahren sehe ich die Krise mit einer Nasenlänge vorn.
Gruß
Christian
P.S.
Noch eine kleine Anekdote am Schluß: Nachdem die FED seit einigen Monaten die Papiere als Sicherheiten für Kredite an Banken akzeptiert, die die ganze Krise verursacht haben, macht die EZB inzwischen das gleiche. Das ganze dient dem Ziel, die Liquidität der Kreditinstitute sicherzustellen und größeren Schaden abzuwenden.
Der Witz ist nun, daß einige Kreditinstitute dazu übergegangen sind, extra Wertpapiere zu konstruieren (d.h. Schrott wird zusammengefaßt und als Wertpapier verbrieft), die die Anforderungen gerade noch erfüllen und sich gegen diese dann Geld von der EZB zu beschaffen. Der ein oder andere EZB-Funktionär hat dieses neue Geschäftsmodell etwas säuerlich kommentiert.
„Selber schuld“ möchte ich da einwerfen. Es ist schon eine brillante Idee, ein solches Signal an die Kreditinstitute zu geben. Aber das Prinzip „too big too fail“ steht anscheinend unverrückbar fest. Im Endeffekt gibt es durch dieses stützende Verhalten eine Staatsgarantie für Kreditinstitute, was wiederum dazu führt, daß die Risikobereitschaft höher ist (die Zentralbanken machen schon irgendwas) als vernünftig, was dann immer wieder zu solchen systemimmanenten Krisen führt.
Anders formuliert: Solange die Anleger sicher sein können, daß sie ihre Guthaben durch stützendes Verhalten der Notenbanken und anderer Marktteilnehmer wiederbekommen, überlassen sie den Kreditinstituten ihr Geld für eine zu geringe Verzinsung für hochspekulative Geschäfte.