Suche einfache verständliche Erklärung d. Gezeiten

Hallo,

ich versuche die Gezeiten zu verstehen.

Der Beitrag unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Gezeiten
hat mich jedoch mehr verwirrt als dass ich nun schlauer bin. Ich wusste gar nicht dass das so kompliziert ist!

Kann mir jemand die Grundlagen in wenigen Sätzen erklären?

Insbesondere:

  1. Gezeiten entstehen durch die Anziehungskräfte (überwiegend) des Mondes. Wie ensteht der dem Mond abgewandte Wellenberg?

  2. kann man die Anziehungskräfte der Sonne (zumindest für die vereinfachte Darstellung hier) vernachlässigen oder erklärt dies gerade Frage 1?

  3. Möglicherweise ergibt sich aus der Antwort zu 1+2 dies schon, aber falls nicht: Wieso haben wir 2x (und nicht nur 1x) Ebbe und Flut am Tag? Die Erde dreht sich doch nur 1x am Tag um sich selbst.

  4. Wird durch das Anziehen des Meere, das Wasser nicht (mit der Erdumdrehung) immer „rübergeschoben“? Also immer gen Westen?

  5. Gibt es eine einfache Erklärung warum auch an so nah gelegenen Städten wie Hamburg und Wilhelmshaven bereits so große Unterschiede der Gezeiten bestehen? (~20 Min).

Vielen Dank
Jonas

Hallo,

Kann mir jemand die Grundlagen in wenigen Sätzen erklären?

ich probiers mal.

Insbesondere:

  1. Gezeiten entstehen durch die Anziehungskräfte (überwiegend)
    des Mondes.

richtig.

Wie ensteht der dem Mond abgewandte Wellenberg?

Erde und Mond drehen sich (zusätzlich zur Eigendrehung) um den gemeinsamen Schwerpunkt, der (iirc) noch innerhalb der Erde liegt - natürlich auf der dem Mond zugewandten Seite.

Durch diese Drehung entstehen Fliehkräfte, die für den Wellenberg auf der abgewandten Seite sorgen. Zumindest haben wir das in der Schule so gelernt…

  1. kann man die Anziehungskräfte der Sonne (zumindest für die
    vereinfachte Darstellung hier) vernachlässigen oder erklärt
    dies gerade Frage 1?

Die Sonne erklärt nur, warum der Tidenhub manchmal stark (Springflut) und manchmal schwach (Nippflut) ausfällt.

  1. Möglicherweise ergibt sich aus der Antwort zu 1+2 dies
    schon, aber falls nicht: Wieso haben wir 2x (und nicht nur 1x)
    Ebbe und Flut am Tag? Die Erde dreht sich doch nur 1x am Tag
    um sich selbst.

Das stimmt, aber wie du schon gesagt hast, haben wir je zwei Wellenberge und Täler.

  1. Wird durch das Anziehen des Meere, das Wasser nicht (mit
    der Erdumdrehung) immer „rübergeschoben“? Also immer gen
    Westen?

Das weiss ich nicht. Du solltest aber bedenken, dass 1) Süd- und Nordamerika und 2) Europa und Afrika jeweils in NS-Richtung sehr lang gestreckte Landmassen sind, die das vermutlich zum Teil unterbinden.

  1. Gibt es eine einfache Erklärung warum auch an so nah
    gelegenen Städten wie Hamburg und Wilhelmshaven bereits so
    große Unterschiede der Gezeiten bestehen? (~20 Min).

Das liegt an der Geometrie der Küstenlinien. Kleinere Gewässer wie Flüsse sorgen selbst so gut wie gar nicht für Ebbe und Flut, sie bekommen das (fast) nur durch ein- und ausströmendes Meerwasser mit. Und das braucht seine Zeit…

HTH,
Moritz

Guten Abend!

ich versuche die Gezeiten zu verstehen.

Kann mir jemand die Grundlagen in wenigen Sätzen erklären?

Es kommt darauf an, welche Erklärungstiefe du anstrebst. Hat irgendetwas mit der Gravitation von Mond und Sonne zu tun und eventuell spielt das Phänomen Fliehkraft noch eine sekundäre Rolle. Wer mehr wissen will kommt auf strittiges Gelände, das sind Threads mit bis zu 400 Postings. Nachfolgend habe ich einmal versucht diese endlosen Debatten auf den Punkt zu bringen:
http://kemme.de.tt

  1. Gezeiten entstehen durch die Anziehungskräfte (überwiegend)
    des Mondes. Wie ensteht der dem Mond abgewandte Wellenberg?

Hierzu sollte erstmal geklärt werden, wie denn das Wasser da auf der mondzugewandten Seite plötzlich steigt. Stelle ich ein Gewicht auf den Boden, so hebt es sich keinesfalls durch die Anziehungskraft des Mondes. Es soll davon ausgegangen werden, dass nur Wellen an der Oberfläche wirksam durch die Schwerkraft der Erde erfasst und entsprechend kurvenförmig nach unten abgelenkt werden. Durch die Gravitation des Mondes und die „Zentrifugalkraft“ des Erde-Mond-Systems werden die Wellen oder auch die Dünung höher, sodass eine im Mittel gehobene Meeresoberfläche mit dem Tempo der Erdrotation gegen den Küstensockel bewegt wird und dort als Flut zu beobachten ist.

MfG Gerhard Kemme

Hallo,

ich versuche die Gezeiten zu verstehen.

Der Beitrag unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Gezeiten
hat mich jedoch mehr verwirrt als dass ich nun schlauer bin.
Ich wusste gar nicht dass das so kompliziert ist!

Kann mir jemand die Grundlagen in wenigen Sätzen erklären?

Das wird irgendwie alle drei Monate mal in regelmäßigen Abständen gefragt und führt meist durch Aneinandervorbeireden zu extraordinär langen Threads. Aber bitte:

Das Erde-Mond-System dreht sich um den gemeinsamen Schwerpunkt. Während sich die Schwerpunkte von Erde und Mond jeweils im freien Fall befinden und ihre Bezugssysteme ein Inertialsystem darstellen, ist dies für Punkte auf der Erdoberfläche nicht der Fall. Die vom Mond abgewandte Seite bewegt sich gewissermaßen „zu schnell“, so daß die entstehenden Scheinkräfte das Wasser nach außen ziehen. Und die zum Mond hingewandte Seite ist quasi „zu langsam“, so daß die resultierenden Scheinkräfte das Wasser zum Mond hinziehen.

Diese Scheinkräfte sollte man nicht Fliehkräfte nennen, denn der Begriff deswegen irreführend, weil damit suggeriert wird, der „Schwung“ um den Mond würde das Wasser nach außen weg schwappen lassen, was natürlich falsch ist.

Der Begriff „Scheinkraft“ ist aber richtig, da die Erdoberfläche ein Nicht-Inertialsystem darstellt.

Insbesondere:

  1. Gezeiten entstehen durch die Anziehungskräfte (überwiegend)
    des Mondes. Wie ensteht der dem Mond abgewandte Wellenberg?

s.o.

  1. kann man die Anziehungskräfte der Sonne (zumindest für die
    vereinfachte Darstellung hier) vernachlässigen oder erklärt
    dies gerade Frage 1?

Durchaus nicht. Sie sind von der Größenordnung vergleichbar mit der des Mondes.

  1. Möglicherweise ergibt sich aus der Antwort zu 1+2 dies
    schon, aber falls nicht: Wieso haben wir 2x (und nicht nur 1x)
    Ebbe und Flut am Tag? Die Erde dreht sich doch nur 1x am Tag
    um sich selbst.

Weil beispielsweise die Nordsee einmal am Tag auf der mondabgewandten Seite und einmal auf der mondzugewandten Seite ist. Daher zwei Gezeiten.

  1. Wird durch das Anziehen des Meere, das Wasser nicht (mit
    der Erdumdrehung) immer „rübergeschoben“? Also immer gen
    Westen?

Das Wasser wird nicht gen Westen verschoben, sondern quasi „nach oben“. Flapsig ausgedrückt: in der Mitte des Atlantiks zieht jemand die Wasseroberfläche hoch und das Wasser drumrum zieht’s daher von der Küste weg.

  1. Gibt es eine einfache Erklärung warum auch an so nah
    gelegenen Städten wie Hamburg und Wilhelmshaven bereits so
    große Unterschiede der Gezeiten bestehen? (~20 Min).

Bestimmt, aber ich kenne sie nicht. Liegt wohl am Küstenverlauf.

Viele Grüße

Oliver T.

  1. Gibt es eine einfache Erklärung warum auch an so nah
    gelegenen Städten wie Hamburg und Wilhelmshaven bereits so
    große Unterschiede der Gezeiten bestehen? (~20 Min).

Bestimmt, aber ich kenne sie nicht. Liegt wohl am
Küstenverlauf.

Große Abweichungen gibt es vor allem an den Randmeeren, die zu klein sind um eigene Gezeiten auszubilden. Speziell in der Nordsee liegt es daran, dass sie durch die britischen Inseln ziemlich „dicht“ aber nicht ganz vom Atlantik abgegrenzt ist. Der Flutberg muss daher den Umweg über die Meerenge zwischen Schottland und Norwegen nehmen. Unter dem Einfluss der Coriolis-Kraft bewegt er sich in der Nordsee mehr oder weniger kreisförmig gegen den Uhrzeigersinn. Das ganze System wird noch durch die Flutwelle gestört, die (zeitlich versetzt) durch den Ärmelkanal in die Nordsee einströmt. Ein ziemlich komplexes System, wie man sieht. Daher ergeben sich u. U. auch recht große zeitliche Abweichungen zwischen dem Höchstwasser und dem Höchststand des Mondes.

Michael

Hallo Gerhard,

Hierzu sollte erstmal geklärt werden, wie denn das Wasser da
auf der mondzugewandten Seite plötzlich steigt. Stelle ich ein
Gewicht auf den Boden, so hebt es sich keinesfalls durch die
Anziehungskraft des Mondes.

Da liegst du nicht ganz richtig. Auch das „Festland“ hebt und senkt sich, aber nur einige Dezimeter und das bekommst du halt nicht mit.

Zudem solltest du dein Gewicht einmal auf eine superexakte Waage stellen…

MfG Peter(TOO)

Hallo Jonas,

Kann mir jemand die Grundlagen in wenigen Sätzen erklären?

Hier, ab Seite 10:

http://www.quarks.de/pdf/Q_Schwerkraft.pdf

MfG Peter(TOO)

Anmerkung
Hallo,

Zudem solltest du dein Gewicht einmal auf eine superexakte
Waage stellen…

es sollte aber keine Balkenwaage sein…
Gruß
Axel

Hallo Jonas,
http://www.physik.uni-muenchen.de/leifiphysik/web_ph…
So als Startpunkt!
Erich

Guten Tag!

Hierzu sollte erstmal geklärt werden, wie denn das Wasser da
auf der mondzugewandten Seite plötzlich steigt. Stelle ich ein
Gewicht auf den Boden, so hebt es sich keinesfalls durch die
Anziehungskraft des Mondes.

Da liegst du nicht ganz richtig. Auch das „Festland“ hebt und
senkt sich, aber nur einige Dezimeter und das bekommst du halt
nicht mit.

Zudem solltest du dein Gewicht einmal auf eine superexakte
Waage stellen…

Das Gewicht „hüpft“ nicht aufgrund der Mondgravitation in die Höhe. Wenn aber der Wasserspiegel direkt per Mondgravitation um ca. 4m steigen soll, dann müßte sich das Meer irgendwie vom Boden heben. Die geringstfügige Deformation der Erdkruste ist nicht gemeint.
MfG Gerhard Kemme

Link als FAQ
Hallo Leute,

http://www.physik.uni-muenchen.de/leifiphysik/web_ph…

Diesen Link habe ich erst mal als FAQ:1897 eingerichtet. Wenn ich Zeit habe, werde ich noch ein paar Ergänzungen dazupacken.

Gruß Kubi

Deformation der Erdkruste

Hallo, Gerhard, damit hast du aber bereits das wichtige Stichwort geliefert: Wasser lässt sich wesentlich leichter deformieren als Festland. Da muss sich also kein Wasser vom Erdboden heben, es reicht, wenn sich die Wasserteilchen gegeneinander verschieben.
Gruß
Eckard

nicht wirklich gut
Hallo Kubi,

http://www.physik.uni-muenchen.de/leifiphysik/web_ph…

der ist zwar von einer Uni, aber nicht unbedingt richtig. Auch hier wird der falsche Eindruck erweckt, dass die Gezeitenkräfte etwas mit der Rotation bzw. Bewegung der Erde um den gemeinsamen Schwerpunkt von Erde und Mond und der daraus resultierenden Fliehkräfte zu tun hätten. Man kann zwar sein Bezugssystem in den Weltraum verlegen, mit Scheinkräften rechnen und kommt dann zum richtigen Ergebnis. Das ist aber irreführend, weil die Zentrifugalkraft auf der Erde eine Scheinkraft ist, der alle Massepunkte gleichermaßen ausgesetzt sind. Sie ist daher auf der Erde nicht meßbar und kann schon garkeine Effekte verursachen. Läßt man die Fliehkräfte ganz weg, kommt man zu exakt dem gleichen Ergebnis und vor allem zu der Erkenntnis, dass die Gezeitenkräfte und beide Flutberge ausschließlich durch das Gravitationsfeld verursacht werden (gemeint sind nicht die zusätzlichen Strömungseffekte, die durch die Eigenrotation der Erde entstehen und den Tidenhub der Meere an den Küsten verstärken).
Etwas besser, aber auch nicht so populärwissenschaftlich ist die Erklärung in Wikepedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Gezeiten
Dort wird die Fliehkraft zwar auch mit einbezogen, aber zumindest deutlich darauf verwiesen, dass sie nichts mit der Gezeitenkraft zu tun hat.

Jörg

1 „Gefällt mir“

Hallo Jörg,

http://www.physik.uni-muenchen.de/leifiphysik/web_ph…

der ist zwar von einer Uni, aber nicht unbedingt richtig. Auch
hier wird der falsche Eindruck erweckt, dass die
Gezeitenkräfte etwas mit der Rotation bzw. Bewegung der Erde
um den gemeinsamen Schwerpunkt von Erde und Mond und der
daraus resultierenden Fliehkräfte zu tun hätten. Man kann
zwar sein Bezugssystem in den Weltraum verlegen, mit
Scheinkräften rechnen und kommt dann zum richtigen Ergebnis.

Ich gebe dir zum einen Recht (und habe ja selbst darauf hingewiesen), daß „Fliehkraft“ eine unglückliche Bezeichnung ist, da sie einen falschen Eindruck erweckt.

Andererseits sagst du selbst, das Ergebnis stimmt trotzdem. Warum ist das so? Weil die 3 verschiedenen Betrachtungsweisen

1.) Bezugssystem Weltraum + Zentrifugalkräfte + Gravitationskräfte

2.) Bezugssystem Erdoberfläche + Gravitationskräfte + Scheinkräfte

3.) Inertial-Bezugssystem Schwerpunkt Erde + Transformation des differentiellen Gravitationsfeld in dieses Inertialsystem

bei genauerer Betrachtung äquivalent sind, wie eine nähere Rechnung zeigt. Die einzelnen Terme, die bei einer Kraftbilanzierung auftauchen, erhalten nämlich jeweils nur eine andere Interpretation.

Das ist aber irreführend, weil die Zentrifugalkraft auf der
Erde eine Scheinkraft ist, der alle Massepunkte gleichermaßen
ausgesetzt sind. Sie ist daher auf der Erde nicht meßbar und
kann schon garkeine Effekte verursachen.

Natürlich ist sie meßbar. Mit obiger Betrachtung 1 verursacht sie die Gezeiten! Nur mißt du eben im Bezugssystem Weltraum, was auf der Erdoberfläche passiert, ist doch legitim.

Läßt man die
Fliehkräfte ganz weg, kommt man zu exakt dem gleichen Ergebnis
und vor allem zu der Erkenntnis, dass die Gezeitenkräfte und
beide Flutberge ausschließlich durch das
Gravitationsfeld verursacht werden

Je nach Betrachtungsweise (1,2 oder 3) kannst du die Fliehkräfte eben NICHT weglassen. Nun, in Betrachtungsweise 3 tauchen sie natürlich gar nicht erst auf.

Viele Grüße

Oliver T.

Guten Tag!

Wasser lässt sich wesentlich leichter
deformieren als Festland. Da muss sich also kein Wasser vom
Erdboden heben, es reicht, wenn sich die Wasserteilchen
gegeneinander verschieben.

Nur - warum sollte sich ein Wasservolumen per Mondgravitation heben, da die Erdschwerkraft um ein Vielfaches größer ist.

und - wenn es sich hebt, dann muss also Wasser nachströmen. Damit eine Flüssigkeit strömt, muss eine Kraft wirken - in diesem Fall also eine horizontale Komponente der Mondgravitation. Dies ist alles hin und her gerechnet worden, es kommen absolut langsame Strömungen in Gange, die so keinesfalls über tausende von Kilometern das Volumen des gehobenen Wassers ersetzen.

MfG Gerhard Kemme

Hallo Oliver,

Ich gebe dir zum einen Recht (und habe ja selbst darauf
hingewiesen), daß „Fliehkraft“ eine unglückliche Bezeichnung
ist, da sie einen falschen Eindruck erweckt.

Andererseits sagst du selbst, das Ergebnis stimmt trotzdem.
Warum ist das so? Weil die 3 verschiedenen Betrachtungsweisen

1.) Bezugssystem Weltraum + Zentrifugalkräfte +
Gravitationskräfte

2.) Bezugssystem Erdoberfläche + Gravitationskräfte +
Scheinkräfte

3.) Inertial-Bezugssystem Schwerpunkt Erde + Transformation
des differentiellen Gravitationsfeld in dieses Inertialsystem

bei genauerer Betrachtung äquivalent sind, wie eine nähere
Rechnung zeigt. Die einzelnen Terme, die bei einer
Kraftbilanzierung auftauchen, erhalten nämlich jeweils nur
eine andere Interpretation.

Das ist aber irreführend, weil die Zentrifugalkraft auf der
Erde eine Scheinkraft ist, der alle Massepunkte gleichermaßen
ausgesetzt sind. Sie ist daher auf der Erde nicht meßbar und
kann schon garkeine Effekte verursachen.

Natürlich ist sie meßbar. Mit obiger Betrachtung 1 verursacht
sie die Gezeiten! Nur mißt du eben im Bezugssystem Weltraum,
was auf der Erdoberfläche passiert, ist doch legitim.

Legitim ist es vielleicht schon, aber eben irreführend. Sinnvollerweise wählt man, um einen Effekt zu beschreiben, ein möglichst einfaches Bezugssystem, in dem möglichst wenig Störgrößen auftreten. Es macht ja keinen Sinn, für die Beschreibung der Gezeitenkräfte ein Bezugssystem zu wählen (hier Weltraum) in dem eine Störgröße (Zentrifugalkraft) auftritt, die man hinterher wieder herausrechnet und dann aber trotzdem so tut, als wäre diese Störgröße Ursache des Effektes.
Beispiel: Du willst mit einer Rakete starten. Eine Weile nach dem Start fällt Dir auf, dass sich Dein Körpergewicht nicht verändert hat, obwohl es sich zumindest beim Start deutlich hätte erhöhen sollen. Aber vielleicht ist es Dir beim Start auch nicht aufgefallen. Die Kapsel hat keine Fenster und Du kannst nicht sehen, wo Du bist. Du könntest noch auf der Startrampe stehen oder schon durch die unendlichen Weiten des Weltraumes düsen. Du stellst Dich auf eine Waage und stellst entsetzt fest, dass Du über Weihnachten mächtig zugelegt hast.
Was aber ist die Ursache für die Anzeige der Waage ? Du wirst feststellen, dass es die Kraft aufgrund der Beschleunigung Deiner Körpermasse durch den Triebwerkschub ist.
Die Raketentechniker dagegen raufen sich die Haare. Deine Gewichtszunahme hatten sie nicht berücksichtigt und nun „schwebt“ die Rakete 1 m über dem Erdboden und bewegt sich keinen mm vorwärts, weil der Raketenschub gerade mal das Gesamtgewicht der Rakete im Gleichgewicht hält. Auf dem Bildschirm beobachten sie Deinen entsetzten Blick auf die Waage und fragen sich, was die Gewichtskraft, die die Waage anzeigt verursacht ? Klar werden sie sagen, Die Rakete steht, also ist es die Erdbeschleunigung.
Dise Betrachtung ist aus der Sicht der Erde vielleicht legitim, um Berechnungen anzustellen aber sie beschreibt nicht die wirkliche Ursache der Gewichtskraft. Wenn die Rakete schwebt, ist sie von der Erde und ihrem Gravitationsfeld völlig entkoppelt. Die Gewichtskraft wird jetzt durch die Impulsübertragung der vom Triebwerk ausgestossenen Gasteilchen verursacht. Um den Effekt der Gewichtskraft zu beschreiben wird man also sinnvollerweise nicht die Erde sondern die Rakete als Bezugssystem wählen.

Läßt man die
Fliehkräfte ganz weg, kommt man zu exakt dem gleichen Ergebnis
und vor allem zu der Erkenntnis, dass die Gezeitenkräfte und
beide Flutberge ausschließlich durch das
Gravitationsfeld verursacht werden

Je nach Betrachtungsweise (1,2 oder 3) kannst du die
Fliehkräfte eben NICHT weglassen. Nun, in Betrachtungsweise 3
tauchen sie natürlich gar nicht erst auf.

Eben, und deshalb sollte man auch gleich die Betrachtungsweise 3 wählen, um garnicht erst in Versuchung zu kommen, die Fliehkräfte als Ursache der Gezeitenkräfte zu vermuten. Schließlich würden diese Kräfte genauso auftreten, wenn Erde und Mond direkt aufeinander zustürzen. Natürlich könnten man auch hier Trägheitskräfte mit einbeziehen, aber wozu der Umstand, wenn es eigentlich nur um statische Kräfte geht ?

Jörg

Hallo Jörg,

Sinnvollerweise wählt man, um einen Effekt zu beschreiben, ein
möglichst einfaches Bezugssystem, in dem möglichst wenig
Störgrößen auftreten. Es macht ja keinen Sinn, für die
Beschreibung der Gezeitenkräfte ein Bezugssystem zu wählen
(hier Weltraum) in dem eine Störgröße (Zentrifugalkraft)
auftritt, die man hinterher wieder herausrechnet und dann aber
trotzdem so tut, als wäre diese Störgröße Ursache des
Effektes.

Ungeschickt sicher, aber eben nicht falsch! Einfach zusammengefaßt: das ist das Einsteinsche Relativitätsprinzip!

Was aber ist die Ursache für die Anzeige der Waage ? Du wirst
feststellen, dass es die Kraft aufgrund der Beschleunigung
Deiner Körpermasse durch den Triebwerkschub ist.
[…]
Klar werden sie sagen, Die Rakete steht,
also ist es die Erdbeschleunigung.

Na also, hier haben wir’s doch wieder, das Relativitätsprinzip! Beide Betrachtungen sind gleichwertig.

Dise Betrachtung ist aus der Sicht der Erde vielleicht
legitim, um Berechnungen anzustellen aber sie beschreibt nicht
die wirkliche Ursache der Gewichtskraft.

Doch, und die Äquivalenz beider Betrachtungsweisen hat einen Namen: Äquivalenzprinzip, in diesem Fall das starke. Beide Interpretationen aus den jeweiligen Bezugssystemen sind äquivalent.

Ich in meiner Rakete habe keine experimentelle Möglichkeit zu unterscheiden, ob ich durchs All fliege und der Triebwerksschub mich in den Sessel drückt, oder ob ich noch auf der Erde verweile und die Gravitationskraft mich runterzieht.

Von demher hast du ein sehr schönes Beispiel zur Verdeutlichung genau dieses Prinzips gewählt.

Wenn die Rakete
schwebt, ist sie von der Erde und ihrem Gravitationsfeld
völlig entkoppelt. Die Gewichtskraft wird jetzt durch die
Impulsübertragung der vom Triebwerk ausgestossenen Gasteilchen
verursacht. Um den Effekt der Gewichtskraft zu beschreiben
wird man also sinnvollerweise nicht die Erde sondern die
Rakete als Bezugssystem wählen.

Wenn du aber derjenige bist, der in der Rakete bist? Dann wirst du notgedrungen das (nicht-inertiale) Raketensystem als Bezugssystem wählen.

Nein, es ist ganz einfach: beide Interpretationen sind richtig und führen zum gleichen Ergebnis. Es gibt kein richtig und falsch in dieser Frage, nur ein ungeschickt oder nicht, da gebe ich dir recht.

Eben, und deshalb sollte man auch gleich die Betrachtungsweise
3 wählen, um garnicht erst in Versuchung zu kommen, die
Fliehkräfte als Ursache der Gezeitenkräfte zu vermuten.

Im vorliegenden Beispiel mit den Gezeiten vielleicht schon. Aber bei allgemeinen Problemen, wo es um Bewegungen in Nicht-Inertialsystemen geht, ist die Wahl eines geeigneten Bezugssystems eben nicht mehr so eindeutig.

Es ist sogar sehr hilfreich, ein- und dasselbe Problem aus mehreren Blickwinkel, sprich in unterschiedlichen Bezugssystemen zu betrachtungen.

Spätestens bei den Problemklassikern in der ART wird das sehr schnell deutlich.

Oli

Guten Abend!

Auch hier wird der falsche Eindruck erweckt, dass die
Gezeitenkräfte etwas mit der Rotation bzw. Bewegung der Erde
um den gemeinsamen Schwerpunkt von Erde und Mond und der
daraus resultierenden Fliehkräfte zu tun hätten.

Gut ist es natürlich, wenn jemand weiß, wie es richtig ist und somit dann per Falsch/Richtig-Urteil den Leuten auf die Sprünge hilft. Die Thematik Gezeiten erweckt nicht den Eindruck, dass sie abschließend und überzeugend geklärt wäre. Nach allen endlosen Diskussionen im Net sehe ich momentan keine Erklärung ohne Bezugnahme auf die Rotation des Erde-Mond-Systems.

Man kann
zwar sein Bezugssystem in den Weltraum verlegen, mit
Scheinkräften rechnen und kommt dann zum richtigen Ergebnis.

Solange das Phänomen nicht geklärt noch ein überzeugendes Modell präsentiert worden ist, hapert es mit der Berechenbarkeit - das wären dann wieder „die Formalismen, denen kein Wahrheitsgehalt zukäme“.

Das ist aber irreführend, weil die Zentrifugalkraft auf der
Erde eine Scheinkraft ist, der alle Massepunkte gleichermaßen
ausgesetzt sind. Sie ist daher auf der Erde nicht meßbar und
kann schon garkeine Effekte verursachen.

Der Begriff „Scheinkraft“ wirkt sehr ungeschickt. Die Zentrifugalkraft ist die Gegenkraft zur Zentripetalkraft. Es handelt sich also um eine Trägheitskraft , die einer Bewegungsänderung entgegenwirkt. Die Bezeichnung als „sekundäre Kraft“ o.ä. vermittelt mehr Klarheit.

Läßt man die Fliehkräfte ganz weg, kommt man zu exakt dem gleichen
Ergebnis und vor allem zu der Erkenntnis, dass die Gezeitenkräfte und
beide Flutberge ausschließlich durch das Gravitationsfeld
verursacht werden.

Somit sollen dann die 0,5m Anhebung des Meeresbodens auf 6 370 000m Erdradius innerhalb von 6h die Flut verursachen? Die Berechnung von Geschwindigkeit und Beschleunigung ergeben solch minimalen Werte, dass diese „Deformations-Ursache“ sehr unwahrscheinlich ist.

Etwas besser, aber auch nicht so populärwissenschaftlich ist
die Erklärung in Wikepedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gezeiten

Aus jenem Artikel muss unbedingt der folgende Satz zitiert werden:
Diese Kräfte ziehen die Erde gewissermaßen in die Länge und führen dort zu jeweils einem Flutberg, wobei sich die Erde im Bereich zwischen diesen Flutbergen entsprechend verjüngt. Bei einer vollständig mit Ozean bedeckten Erde ergäbe sich eine Höhenvariation von etwa 50 cm.
Bei 0,5m auf 6370000m wird hier von „ziehen gewissermaßen in die Länge“ gesprochen, d.h., wenn dann ein Lehrer anschaulich erläuterte, dass die Erde ungefähr die Form einer Banane und die Gebirge etwa die Eigenschaften eines Kaugummis hätten, dann bekäme er viel Beifall.

MfG Gerhard Kemme

Hallo Kubi !

Wie bereits Jörg sagte, ist die Erklärung auf dieser Seite nicht korrekt, auch wenn sie auf einem Uniserver gehostet wird !
Hier ein Link auf eine ausführliche Beschreibung des Gezeiteneffekts und der so häufigen falschen und unvollständigen Erklärungen:
http://www.lhup.edu/~dsimanek/scenario/tides.htm

mfg
Christof

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Christof,

Wie bereits Jörg sagte, ist die Erklärung auf dieser Seite
nicht korrekt, auch wenn sie auf einem Uniserver gehostet wird
!
Hier ein Link auf eine ausführliche Beschreibung des
Gezeiteneffekts und der so häufigen falschen und
unvollständigen Erklärungen:
http://www.lhup.edu/~dsimanek/scenario/tides.htm

Ok, ih habe die mal hinzugefügt (die andere habe ic hauch gelassen, weil sie im großen und ganzen ja stimmt und auf deutsch sowie einfacher zu lesen ist).

Sollte ich mal Zeit über haben, stricke ich daraus vielleicht mal was eigenes…

Gruß Kubi