Hi Irene,
da ich keine Lust habe, mich in einem Gästebuch zu verewigen, kommt meine Antwort doch auf diesem Wege.
Die entscheidende Frage ist zunächst nicht, was man kaufen soll, sondern wie lange man es behalten will.
Ich unterscheide da ganz gerne zw. Traden (max. 1 Woche zw. Kauf und Verkauf), kurzfristig (innerhalb der Spekulationsfrist v. 1 Jahr), langfristig (länger als 1 Jahr, eigentlich ab 3 Jahre). Jetzt wirds ausführlich.
Traden
Da würde ich Augenblick gar nichts kaufen, außer vielleicht Standardwerte, die an einem Tag kräftig Prügel bezogen haben. Die Chance, daß die kurzfristig nach oben reagieren, ist recht hoch. Kandidaten wären nach heute gewesen z.B. Deutsche Bank, Telekom, RWE. Unbedingt überwachen, und bei Verlust von mehr als 5% wieder aussteigen. Das ist echter Streß und ein noch größeres Risiko.
Langfristig
Eigentlich kann dazu, gerade im Augenblick, jede (Standard-)Aktie gekauft werden. Die Auswahl sollte zwar sorgfältig getroffen werden, spielt aber eigentlich keine große Rolle. Auf lange Sicht laufen die meisten Aktien im wesentlichen gleich. Jede hat zwar zwischendurch ihre branchenspezifischen guten und schlechten Zeiten. Wenn zwischendurch mal im Unternehmen größere Schwierigkeiten auftreten, hat man einfach nur Pech gehabt. So etwas kommt aber eher selten vor. Prominente Beispiele sind Metallgesellschaft, Spar oder Kaufring, wobei ich die letzten beiden nicht zu den Standardwerte gerechnet hätte. DaimlerChrysler würde ich noch nicht als Problem einstufen. Die letzten beiden Jahre waren so toll zwar nicht, aber eben nur zwei Jahre, auf 5 Jahre wird’s besser werden. Frei nach Kostolany: Aktie kaufen und zehn Jahre schlafen legen.
Kurzfristig
Das ist die hohe Kunst. Die Auswahl sollte sehr sorgfältig stattfinden. Ein Anhaltspunkt kann die Entfernung des Kurses zum 52-Wochen-Tief sein. Ist der Aktienkurs nah dran, und ist ein weiterer Absturz aufgrund des Marktumfeldes oder unternehmensspezifischer Umstände nicht zu befürchten, hat man einen klaren Kaufkandidaten. Meine Käufe in dieser Kategorie der letzten 15 Monate: Lufthansa (Sept 1999), Veba/Eon (Dez. 1999), Merck (Jan 2000), VW (Juni 2000), Degussa (Sept 2000). Natürlich muß sich das Unternehmen in einem vernünftigen Markt befinden und einigermaßen gut dar stehen. Im Augenblick empfiehlt sich keine kurzfristige Anlage. Beste Kandidaten derzeit dennoch: T-Online, Commerzbank, Dresdner Bank, HypoVereinsbank, MAN, Preussag, SAP, ThyssenKrupp.
Und: Vor Ende der Spekulationsfrist sind Verluste unbedingt zu realisieren. Die Aktie kann dann neu gekauft werden, wenn man weiterhin an sie glaubt. Nach neuester Gesetzgebung können die realisierten Verluste in die Folgejahre vorgetragen werden. Damit ist man in Zukunft in der Lage, steuerunabhängig über Verkäufe zu entscheiden.
Wenn jetzt auch das große Geschrei ansetzen wird: In Regionen, wo man sich nicht bestens auskennt, und damit meine ich für fast alle das komplette Ausland, sind Fonds die bestes Anlage. Die m.E. besten Fondsdatenbanken gibt’s unter www.micropal.de bzw. www.consors.de (die haben die Datenbestände von micropal, hinter denen sich Standard & Poors verbirgt, lizenziert). Und bitte nicht so etwas wie Asien-Fonds oder Emerging-Market-Fonds kaufen. Asien bzw. die Emerging Markets sind zu undifferenziert bzw. der Anlagebereich ist zu groß, es empfiehlt sich der Erwerb von Fonds separat für Japan, Südostasien, China, Osteuropa, Südamerika usw. Das Risiko, daß das Fondsmanagement bei zu großen Regionen nicht durchblickt, ist zu groß.
Letzter Kommentar: Der Wahn, von Renditen bis zu x-hundert %/Jahr auszugehen, hat zu dem Desaster am Neuen Markt/der NASDAQ geführt. 20 % im Jahr auf Dauer sind OK und vor allem die Normalität. Nach 10 Jahren hat sich das eingesetzte Kapital so versechsfacht, nach 15 Jahren ver15facht.
Tja, soviel erstmal in aller Kürze.
Gruß
Christian