Symbolik in der Literatur

Hallo zusammen,

ich habe mich, außer in der Schule und nun beim Lernen mit den Kindern, nie mit Literatur „fragend/wissenschaftlich“ beschäftigt, lese aber sehr gerne.

Nun frage ich mich, aufgrund des Postings vor mir, wie man zu diesen ganzen Deutungen kommt? Es geht nicht darum diese aufzuspüren nach dem Motto: Dies und das bedeutet den Tod, na wo schreibt er das in seinem Werk, sondern: Wie kommt man da drauf? Also setzt sich da einer hin und sagt „Fährmann = Tod“ und nun meinen gefälligst alle Autoren das bitte auch so!

Und wie gehen denn die damit um die schreiben? Ach, da bau ich jetzt mal so einen Fährmann ein, weil der bedeutet ja … Das kann (will?) ich nicht glauben.

Ich will nicht sagen, dass das Humbug ist. Im Gegenteil : Wenn man solche Deutungen liest und das Stück kennt ist das auch alles klar und glaubhaft.

Kurzum: Schreibt „man“ tatsächlich so, wie es die „Deuter“ verstehen werden? Und wenn ja: Ich armer Kerl werde dann wohl immer nur die Hälfte verstehen! (Trotzdem werd ich weiter lesen!)

Ach: Und wenn mir da einer helfen kann/möchte: Gerne auch ein Link (Bücher dazu werd ich im Moment wohl nicht lesen wollen …) wo ich anfangen kann meine Lücke (leicht verdaulich für den Einsteiger) zu schließen.

Vielen Dank für alle Antworten vorab!

biba

Dirk.Pegasus

Teilantwort

Hallo zusammen,

ich habe mich, außer in der Schule und nun beim Lernen mit den
Kindern, nie mit Literatur „fragend/wissenschaftlich“
beschäftigt, lese aber sehr gerne.

Nun frage ich mich, aufgrund des Postings vor mir, wie man zu
diesen ganzen Deutungen kommt? Es geht nicht darum diese
aufzuspüren nach dem Motto: Dies und das bedeutet den Tod, na
wo schreibt er das in seinem Werk, sondern: Wie kommt man da
drauf? Also setzt sich da einer hin und sagt „Fährmann = Tod“
und nun meinen gefälligst alle Autoren das bitte auch so!

Ich kann jetzt freilich nicht für alle sprechen, aber ein Großteil der Symbole gründet sich auf uralter Mythologie und Volkstum.
So etwa der Fährmann, der sich v.a. auf Cheiron, den Fährmann über den Totenfluss Styx bei den alten Griechen bezieht. Doch auch andere Kulturen wie Etrusker und Germanen verbanden den Tod mit „übers Wasser gehen“ mit welchen Mitteln auch immer.

Schlafes Bruder, nicht nur ein Roman von Robert Schneider, als Umschreibung für den Tod stammt ebenfalls aus der griechischen Mythologie, dem Bruderpaar Hypnos (Schlaf) und Thanatos (Tod).

Ein Symbol der menschlichen Erfahrung ist die Gleichsetzung mit Wasser und Tiefe, die ja natürlich klar kommt. Unter er Oberfläche lauern Gefahren (Schlingpflanzen, Soglöcher etc.), Stille Wasser sind tief u.ä.

so aus dem Stehgreif Beispiele aufzählen ist schwer.

Ich persönlich halte die Frage, ob alle Interpretation von den Autoren gewollt ist für höchst fragwürdig, die meisten kann man ja allerdings auch nicht fragen…

lg
Kate

Hallo Kate,

Deine Beispiel sind ja nachvollziehbar, aber:

Ich persönlich halte die Frage, ob alle Interpretation von den
Autoren gewollt ist für höchst fragwürdig, die meisten kann
man ja allerdings auch nicht fragen…

Das ist der „spannende“ Teil. Woher nimt „man“ die Sicherheit, dass ein Autor das auch so gemeint hat. Auch wenn das ein etwas anderes Metier ist: Beuys (ich hoffe ich geb es richtig wieder) soll gesagt haben, dass jeder seine Werke selber interpretieren soll und er selber hat es, meine ich, nie getan. (Ich hoffe ich erzähle das richtig, aber so hab ich es im Kopf).

Ich stell mir so naiv vor, dass „man“ was schreibt, es wird eine schöne Geschichte, ein paar lesen es und dann kommt einer und erzählt „man“ was gemeint war …

biba

Dirk.Pegasus

Hi dirk,

Woher nimt „man“ die Sicherheit,
dass ein Autor das auch so gemeint hat.

Frag’ Dich doch eher mal, warum Du diese „Sicherheit“ brauchst … Willst Du alles richtig machen, Dich nicht blamieren??? Da rate ich Dir dringend, sich von diesen Verhaltensmustern zu verabschieden.

Auch wenn das ein
etwas anderes Metier ist: Beuys (ich hoffe ich geb es richtig
wieder) soll gesagt haben, dass jeder seine Werke selber
interpretieren soll und er selber hat es, meine ich, nie
getan. (Ich hoffe ich erzähle das richtig, aber so hab ich es
im Kopf).

Warum ein anderes Metier? Kunst ist Kunst … Und ich schließe mich meinem von mir bewunderten großen Kollegen an. Bin selbst Bildhauerin.

Was da am Anfang ist, das ist die Idee. Die kann inhaltlicher oder gestalterischer Natur sein, manchmal beides zusammen … Und mit der Arbeit vollzieht sich Entwicklung. Entweder noch mehr zur Ursprungsidee hin und manchmal auch von ihr weg. Das ist der spannendste Moment im Kunstschaffen - egal ob in der schreibenden, der malenden oder komponierenden Zunft.

Ein „Interpretieren“ der eigenen Arbeit gibt es eigentlich nur bei Leuten, die sich wichtig machen wollen (sag’ ich jetzt mal so rotzfrech), es ist - wenn überhaupt, die Beschreibung einer Idee. „Interpretieren“ tun die anderen, die Betrachter, die Leser, die Zuhörer.

Das schöne am Interpretieren ist - wenn man mal von den Wissenschaften absieht, die immer ganz genau festlegen wollen, was denn der Künstler gemeint haben könnte - dass in ihr Freiheit liegt. Du interpretierst aus Deinem Gefühl, Deiner Erfahrung und Deinen Kenntnissen heraus ein Werk und diese Interpretation ist nie falsch , denn es ist die Dir eigene Sicht- und Empfindungsweise.

Lese mal drei Literaturkritiken ein und desselben Buches, da wirst Du etwas über diese Interpretationsfreiheit erfahren.

Schlimm finde ich, dass in Schulen immer nur die lehrbuchmäßige Interpretation als „richtig“ (sprich: gut benotet) bewertet wird. Das hat schon manchen von der Literatur weg statt zu ihr hin gebracht…

Ich stell mir so naiv vor, dass „man“ was schreibt, es wird
eine schöne Geschichte, ein paar lesen es und dann kommt einer
und erzählt „man“ was gemeint war …

Damit liegst Du völlig richtig.

Gruß,

Anja

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Schlimm finde ich, dass in Schulen immer nur die
lehrbuchmäßige Interpretation als „richtig“ (sprich: gut
benotet) bewertet wird. Das hat schon manchen von der
Literatur weg statt zu ihr hin gebracht…

Das stimmt so natürlich nicht - auch in Schulen werden verschiedene Interpretationen zugelassen - sie müssen aber am Text belegbar sein. (Als Beispiel - um beim Bahnwärter Thiel / dem vorherigen Beitrag zu bleiben: Wer in einer Charakterisierung behauptet, dass der „Kahn“ zeigt, dass Thiel ein begeisterter Wassersportler ist, hat wohl etwas falsch verstanden. Dies so als theoretisches Beispiel…
Bei einem anderen literarischen Text las ich mal als Interpretation, dass die Hauptperson streng gläubiger Jude sei. Grund für diese Annahme: Im Text hieß es, dass diese Person am Sonntag nach dem Kirchenbesuch etwas erledigte…)

Ich stell mir so naiv vor, dass „man“ was schreibt, es wird
eine schöne Geschichte, ein paar lesen es und dann kommt einer
und erzählt „man“ was gemeint war …

Damit liegst Du völlig richtig.

Denke ich auch. Natürlich ist der „Schaffende“ auch (unbewusst) beeinflusst durch seine Kultur, typische Symbole, Archetypen etc. Menschen aus anderen Kulturen würden (teilweise) anders schreiben. Z.B. gilt „in unseren Breiten“ die Farbe schwarz als Trauerfarbe, in Japan oder Korea ist es aber weiß (weitere Bedeutungen / Unterschiede bei den Farben z.B. hier: http://www.mara-thoene.de/html/farbensymbolik.html). Oder: In manchen Kulturen gelten ältere Frauen oder Schwiegermütter als vorwiegend weise / Respektpersonen, in anderen ist die erste Assoziation die der zänkischen Weiber, die nichts Gescheites hinbekommen. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Übersetzer deshalb teilweise Texte ändern (bei „Sophies Welt“ z.B.), damit diese Assoziationen auch in der anderen Sprache / Kulturen stimmen.

erklärung

Das ist der „spannende“ Teil. Woher nimmt „man“ die Sicherheit,
dass ein Autor das auch so gemeint hat.

die sicherheit hat man im nachhinein nie. genauso wenig, wie du die sicherheit hast, dass dein gegenüber am frühstückstisch das so gemeint hat, wie es bei dir angekommen ist.

aber nochmal:
ein text ist die nachricht des autors an seine (zeitgenössischen) leser unter verwendung gemeinsamer zeichensysteme.
d.h. man muss dieselbe sprache sprechen, dieselben sitten und gebräuche kennen und natürlich auch dieselben metaphern zur verfügung haben.

unser oft bemühtes beispiel: der maulbeerbaum kämpft gegen den geflügelten löwen.

wenn du jetzt nicht 1.) weißt, in welcher zeit und 2.) an welchen ort das gesagt wurde, hast du noch nicht mal die chance, zu verstehen, was da gesagt wurde. 3.) solltest du dich in geschichte auskennen bzw. wissen, wo man sie nachlesen kann. und wenn es dort nicht explizit irgendwo geschrieben steht, müsstest du 4.) noch das gleiche abstraktionsvermögen haben wie der autor dieses satzes.

5.) meist ist auch hilfreich zu wissen, WER etwas gesagt hat, um es zu beurteilen.

die wenigsten texte stehen also für sich allein. meist gewinnen sie erst in diesem oder jenem zusammenhang an bedeutung. wenn der gegeben ist, erschließen sich auch die metaphern.

aber das ist ja das spannende an der literatur, wenn man sie wie einen code knacken kann und plötzlich eine tür aufgeht und dahinter verborgenes wissen zum vorschein kommt.

schöne grüße
ann

1 „Gefällt mir“

Hallo Anja,

Frag’ Dich doch eher mal, warum Du diese „Sicherheit“ brauchst
… Willst Du alles richtig machen, Dich nicht blamieren??? Da
rate ich Dir dringend, sich von diesen Verhaltensmustern zu
verabschieden.

Da ist nicht zu verabschieden, davor habe ich keine Angst (mehr). Was mich interessierte ist, wie man zu solchen Erkenntnissen kommt und wie „fest“ die sind.

Warum ein anderes Metier? Kunst ist Kunst … Und ich
schließe mich meinem von mir bewunderten großen Kollegen an.
Bin selbst Bildhauerin.

Herzlichen Glückwunsch! (Ich bewundere alle schaffenden Menschen…) Und ja, ich sehe das in dieser Beziehung auch als sehr ähnlich (hatte mich aber vorsichtig ausdrücken wollen).

Im Ergebnis kann also jeder machen was er will, wie in der anderen Antwort gesagt mag es echte Fehler geben, aber daneben auch große Freiräume.

Wie wichtig empfindest du es, dass ein Betrachter (Leser) interpretiert? Anders gesagt: Habe ich eine Chance zu verstehen, ohne dass ich mir tiefe Gedanken zu solchen Dingen mache? Ehrlich gesagt sind mit solche „Metaphern“ noch nie ins Auge gesprungen, was meine Freude beim Lesen aber (hoffentlich) nicht geschmälert hat.

biba

Dirk.Pegasus

Hallo Ann,

die wenigsten texte stehen also für sich allein. meist
gewinnen sie erst in diesem oder jenem zusammenhang an
bedeutung. wenn der gegeben ist, erschließen sich auch die
metaphern.

Ich habe das Gefühl, da muss ich was dran arbeiten. Ich nmöchte ja schon möglichst viel von dem mitnehmen, das mir „geboten“ wird.

aber das ist ja das spannende an der literatur, wenn man sie
wie einen code knacken kann und plötzlich eine tür aufgeht und
dahinter verborgenes wissen zum vorschein kommt.

Wie gesagt: Ich werd mich mal um einen (erstmal kleinen :wink:) Schlüssel bemühen.

biba

Dirk.Pegasus

Lesertypen…
Hi Dirk,

Wie wichtig empfindest du es, dass ein Betrachter (Leser)
interpretiert? Anders gesagt: Habe ich eine Chance zu
verstehen, ohne dass ich mir tiefe Gedanken zu solchen Dingen
mache?

Ich denke, es gibt sicher verschiedene „Lesertypen“ … das interessiert mich jetzt auch und ich werde einen neuen Thread aufmachen…

Gruß,
Anja

o.t.
hattu mail?

Hallo Anja,

wo bleibt den dein Thread? Würde mich aj auch interessieren …

biba

Dirk.Pegasus