Synagogen in der Bundesrepublik/DDR

Hallo,

ich habe vor Jahren einmal gelesen, dass in Deutschland mehr Synagogen nach dem Krieg zerstört oder verfallen seien als durch die Pogromnacht.
Darüber hatte ich jüngst ein Gespräch mit jemandem, der sich eigentlich gut auskennt und das bezweifelt.

In seiner (nordbadischen) Region seien im Gegenteil die alten Synagogen vielfach wiedererrichtet und, wo es keine jüdische Gemeinde mehr gab, zu Museen oder sonstwie sinnhaft umgewidmet worden.

Da ich meine Quelle nicht mehr weiß und auch nicht in Erinnerung habe, ob diese vielleicht die umgewidmeten ebenfalls als „zerstörte“ Synagogen interpretiert hat, wäre ich für entsprechende Hinweise dankbar, ggf. auch im Vergleich BRD-DDR.

Grüße
oranier

Also, ich war mal mit meiner Klasse in einer Synagoge und da meinte der Rabi (hoffe, man schreibt ihn so), dass in der Progromnacht in Deutschland mehr Synagogen zerstört wurden, als im 2. Weltkrieg. Im zweiten Weltkrieg wurde ja anscheinend nicht gezielt auf Jüdische Gotteshäuser gezielt. In Bamberg zb. gibt es immer noch eine Synagoge. In anderen Stadten ist die Gemeinde jüdischer Mitglieder aber so gering, dass aus deren ehemaliger Synagoge jetzt ein Museum gemacht wurde. Zum Gedenken an die Opfer der NS-Zeit.

Genaueres weiß ich allerdings auch nicht.
Gruß,
Fee

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Hallo Fee,

danke für die Antwort!
Tatsächlich galt meine Frage aber eher den nach dem Krieg zerstörten Synagogen. Nach meiner bisherigen Recherche müssen das wohl so um 350 gewesen sein, vielleicht erhalte ich ja hier doch noch nähere Auskunft.

Das wäre ja übrigens noch schöner gewesen, wenn die Alliierten sich in den Städten die wenigen in der Pogromnacht nicht zerstörten Synagogen auch noch zur gezielten Bombardierung ausgesucht hätten!

Deine Weltkulturerbe-Heimatstadt Bamberg, m.E. die schönste Stadt Deutschlands, stellt übrigens eine Ausnahme dar, als eine der ganz wenigen Städte in dieser Größenordnung, die nicht bombardiert worden sind.
Das war nach meiner gut unterrichteten Quelle aus der Region darauf zurückzuführen, dass der Prinz aus dem benachbarten Fürstengeschlecht von Coburg beim englischen Königshaus, mit dem er verwandt war, erfolgreich interveniert und um Verschonung Bambergs gebeten hat. Deshalb hat die Bamberger Altstadt auch einen ganz anderen Charme und Charakter als die vielen nach dem Krieg wieder aufgebauten bzw. rekonstruierten alten Städte.

Was jedoch die Synagoge betrifft: Kann es sein, dass du dich da irrst und in Wirklichkeit in einer neuen Synagoge warst, die aber in einem alten Fabrikgebäude errichtet wurde?
Denn die damalige Synagoge in der Herzog-Max-Straße wurde tatsächlich in der Pogromnacht 1938 abgebrannt und die Ruine wurde 1939 abgerissen.

Grüße
oranier

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Hallo Oranier,

es gibt eine schriftliche Meldung von Heydrich an Göring vom 11. November 1938, in der Heydrich schreibt:
„An Synagogen wurden 191 in Brand gesteckt, weitere 76 vollständig demoliert.“

(Quelle: Schnellbrief des Chefs der Sicherheitspolizei Heydrich an den Preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring am 11. November 1938. In: Kropat, Wolf-Arno. „Reichskristallnacht“: Der Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938 – Urheber, Täter, Hintergründe. Wiesbaden, 1997. 235.)

Deshalb geistert durch weite Teile der wissenschaftlichen Forschung die Zahl 267, wobei nicht berücksichtigt ist, daß es sich dabei um eine vorläufige Meldung handelte und - wie so oft üblich - einer vom anderen abschreibt.

Roland Flade hat in den 80iger Jahren eine Arbeit veröffentlicht, in der er von 1000 zerstörten Synagogen ausging. Diese Zahl wurde für unvorstellbar gehalten.

In jahrelanger Forschungsarbeit fand das „Synagogue Memorial“ Project in Jerusalem heraus, daß 1406 Synagogen und Betstuben in der Pogromnacht zerstört worden sind.

Das schließt natürlich auch Synagogen ein, die außerhalb des heutigen Staatsgebiets der BRD liegen.

Unter dem folgenden Link findest Du die erste Hälfte der Orte des Alphabets, wo Synagogen wieder renoviert wurden. Das sind nicht einmal hundert.
http://www.ashkenazhouse.org/synagog/Renovated%20Syn…

Zu berücksichtigen wäre ferner, daß sowohl demolierte Synagogen während des Krieges durch Bombeneinwirkung zusätzlich geschädigt wurden.

Es gibt durchaus eine Anzahl von Synaogen, die nicht zerstört wurden, weil sie in einer Hinterhoflage oder Häuserzeile waren und man befürchtete, das Feuer würde auf die „arischen“ Nachbargebäude übergreifen. Manche dieser Synagogen wurden dann durch Bombeneinwirkung beschädigt oder zerstört.

Soweit Synagogengebäude unbeschädigt blieben, wurden sie für alle möglichen Zwecke umgewidmet oder abgebrochen.

Noch eine Nachbemerkung. Ich denke, dass diese Frage eher ins Geschichtsbrett als ins Religionsbrett gehört.

Viele Grüße

Iris

Hallo Oranier,

Das wäre ja übrigens noch schöner gewesen, wenn die Alliierten
sich in den Städten die wenigen in der Pogromnacht nicht
zerstörten Synagogen auch noch zur gezielten Bombardierung
ausgesucht hätten!

hier wäre zu berücksichtigen, dass manche Synagogengebäude so signifikante Orientierungspunkte gewesen wären, daß man sie unkenntlich gemacht hat. So wurde z.B. die Kuppel der Neuen Synagoge in Berlin überstrichen.

Wenn also solche Gebäude - wie eben die Neue Synagoge - zerstört worden sind, dann nicht, weil diese Zerstörung beabsichtigt war, sondern sie war ein Nebeneffekt der Bombardierungen.

Viele Grüße

Iris

Irrtum: Seh’ ich ein, danke! o.w.T.
Hallo Iris,

danke für die informative Antwort!

Grüße
oranier