T. Campion: Come, you pretty false eyed wanton

Hallo,

ich hoffe, meine Anfrage ist in diesem Brett am richtigen Ort; wenn nicht, bitte ich den Moderator, sie in ein passenderes Brett zu verschieben (evtl. Literatur?).

Es geht um das Gedicht ‚Come, you pretty false eyed wanton‘ von Thomas Campion. In der zweiten Strophe lauten die ersten sechs Zeilen:

Sooner may you count the starres,
And number hayle down pouring,
Tell the Osiers of the Temmes,
Or Goodwins Sands devouring.
Then the thicke-showr’d kisses here
Which now thy tyred lips must beare.

(Hier kann man das gesamte Gedicht nachlesen: http://www.luminarium.org/renlit/comepretty.htm

Und hier gibt es dieses und andere Lieder von Thomas Campion als MIDI-Dateien: http://kulturserver-bayern.de/home/harald-lillmeyer/…)

Ich kann mir so ungefähr vorstellen, was diese Zeilen bedeuten (habe auch alle mir nicht bekannten Wörter nachgeschlagen), aber ich hätte gern eine etwas genauere Erklärung.

Die erste, fünfte und sechste Zeile sind verständlich.

Zweite Zeile: Hayle ist, laut Wikipedia, eine kleine englische Stadt, aber es gibt auch einen Fluss, der so heißt. Könnte das also etwas mit der Anzahl der Tropfen zu tun haben, die den Fluss hinunter fließen?

Dritte Zeile:‚osier‘ heißt ‚Weide‘, aber warum ist das Wort hier groß geschrieben? Was bedeutet ‚tell‘ hier genau?

Vierte Zeile: ‚Goodwins Sands‘ sind laut Wikipedia eine Kette von Sandbänken an der Mündung der Straße von Dover, die berüchtigt sind für die zahlreichen Schiffbrüche, die sich dort ereignet haben.

Also, es ist wohl so, dass in den ersten vier Zeilen Dinge aufgezählt werden, die ein Mensch unmöglich tun bzw. zählen kann. Meine ungefähre Übersetzung würde lauten:
Eher kannst du die Sterne zählen, die Tropfen, die den Fluss Hayle hinunterfließen, die Weiden, die am Ufer der Themse wachsen, unterscheiden (‚tell‘ = ‚unterscheiden‘ oder auch ‚zählen‘?) und Goodwins Sandbänke zählen (??? diese Zeile verstehe ich am wenigsten; ‚devouring‘ bezieht sich wohl eher wie ein Adjektiv auf ‚Goodwins Sands‘ und das Verb zu dieser Zeile ist ‚tell‘ aus Zeile 3, oder?), als meine Küsse, die deine Lippen jetzt ertragen müssen.

Ich wäre wirklich dankbar, wenn mir hier jemand weiter helfen könnte. Es ist eines meiner Lieblingslieder von Thomas Campion und ich möchte den Text gern genau verstehen.

Mit freundlichen Grüßen,
Tanja

Hallo,

Hallo,

Dürfte teilweise altes Englisch sein!

Sooner may you count the starres,

Könnte stars meinen

And number hayle down pouring,

Und hayle: Hagel(schlossen)- hail

Tell the Osiers of the Temmes,

Zählen die Weiden an der Themse - als Personen aufgefasst, daher Grossbuchstaben

Or Goodwins Sands devouring.

devouring - verschlingend (Schiffe wie Du schreibst)

Then the thicke-showr’d kisses here

thick(e) show(e)r(ed): dicht aneinander wie in Duschbad-shower

Which now thy tyred lips must beare.

Die nun Deine müden Lippen ertragen(bear[e]) müssen.

Gruss von Julius

Hallo,

weniger lyrisch, eher wörtlich:

Sooner may you count the starres,

eher könntest Du die Sterne zählen

And number hayle down pouring,

oder die herabstürzenden Hagelkörner

Tell the Osiers of the Temmes,

die Weiden am Ufer der Themse

Or Goodwins Sands devouring.

oder die gefährlichen Goodwins-Sandbänke

Then the thicke-showr’d kisses here
Which now thy tyred lips must beare.

Als die Küsse, die nun wie ein schwerer Regenschauer auf Deine müden Lippen fallen, auf dass sie sie ertragen

hayle = hail, tell heißt hier auch „(auf)zählen“. Das mit den Sandbänken ist eine verdrehte Satzstellung: „die Sandbänke, schiffeverschlingende“.

Gruß,

Myriam

Hallo Myriam,

vielen Dank für deine schnelle Antwort. Deine Übersetzung klingt schlüssig und die Erklärungen einleuchtend. (Wenn es technisch möglich wäre, würde ich dir mehr als einen Stern geben.:wink:)

Ich habe übersehen, dass ‚hayle‘ klein geschrieben ist, darum habe ich nach Eigennamen gesucht.

Hast du vielleicht auch noch eine Erklärung dafür, warum ‚Osiers‘ groß geschrieben ist? Ich weiß, dass damals die Rechtschreibung nicht so genormt war, wie heute, aber vielleicht gibt es ja doch einen besonderen Grund dafür?

Vielen Dank für deine Hilfe,
mit freundlichen Grüßen,
Tanja

Hallo Julius,

auch dir vielen Dank für deine Antwort.

Dürfte teilweise altes Englisch sein!

Das ist elisabethanisches Englisch. Thomas Campion (1567-1620) war ein Zeitgenosse von Shakespeare (1564-1616).

Tell the Osiers of the Temmes,

Zählen die Weiden an der Themse - als Personen aufgefasst,
daher Grossbuchstaben

Warum glaubst du, dass die Weiden hier als Personen aufgefasst werden? Das scheint mir auf den ersten Blick nicht besonders einleuchtend zu sein; wenn ich diese Zeile lese, sehe ich eher eine anonyme, unpersönliche Menge von Bäumen vor mir, also nichts, das man aus irgend einem Grund personifizieren könnte. Kannst du das begründen?

Mit freundlichen Grüßen,
Tanja

Hallo,

Warum glaubst du, dass die Weiden hier als Personen aufgefasst
werden? Das scheint mir auf den ersten Blick nicht besonders
einleuchtend zu sein; wenn ich diese Zeile lese, sehe ich eher
eine anonyme, unpersönliche Menge von Bäumen vor mir, also
nichts, das man aus irgend einem Grund personifizieren könnte.
Kannst du das begründen?

Guck dir mal in der englischen Wiki das Bild an, dass „Osier“ begleitet (weitergeleitet zu „willow“) –http://en.wikipedia.org/wiki/Osier
dann siehst du, warum eine Weide eigentlich als einzelner Baum empfunden wird (nicht als Wald). Es steht immer eine neben der anderen (eventuell, oder allein), aber keine hinter der anderen.
Blödes Bsp. was mir da noch einfällt: „Mother Willow“ in Disney’s Pocahontas, aber es ist sicher nicht zufällig, dass diese Figur eine Weide und keine Buche oder Eiche ist.

Gruß
Elkehen Grüßen,

Tanja

Hallo,

War nur so gefühlsmässig interpretiert.Natürlich nicht sehr „wissenschaftlich“!

Gruss von Julius, der Campion vorher nicht kannte.

ich würde an deiner stell enicht soviel wert auf das große O legen.
evtl. wollte er dem wort nur ein bißchen mehr nachdruck verleihen, oder gebraucht den begriff für etwas anderes(?). oder als oberbegriff für eine bestimmte weiden-ansammlung.
= ? =
m.