Hallo Literaturfreunde,
ist heute nicht Tag der Poesie?
Wer mag noch Gedichte?
Ich mag welche - von Mörike vor allem. Ein paar von Goethe. Einige von den Barockdichtern. Und weit gestreut viele andere.
Hier eins.
Die Welt wär ein Sumpf, stinkfaul und matt,
ohne die Enthusiasten:
die lassen den Geist nicht rasten.
Die besten Narrn, die Gott selbst lieb hat,
mit ihrem Treiben und Hasten!
Ihr eigen Ich vergessen sie,
Himmel und Erde fressen sie
und fressen sich nie satt.
Gruß, I.
hallo Irmtraud,
wenn heute „Tag der Poesie“ ist, dann werde ich es Dir mal gleichtun und auch zwei „Lieblingsgedichte“ posten. Gedichte sind vielleicht genau das, was Kafka meinte, als er sagte: „Ein Buch ist eine Axt für das gefrorene Meer in uns.“
Gedicht 1:
Georg Trakl
Grodek
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauert ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.
und als Kontrast ein Spaßgedicht vom Pumuckel (alias Ellis Kaut):
Es leben die Klabauter
mal leiser und mal lauter.
Doch lebt ein Lauter leiser
dann ist er sicher heiser.
Doch lebt ein Leiser laut,
wenn er auf Büchsen haut.
Gruß,
Oliver
Hi Irmtraut,
bist Du die Poetin? Oder verrätst Du, von wem das Werk stammt? Es gefällt mir gut!
Auch wenn ich nicht unbedingt viel Gedichte lese, hab ich auch meine Lieblinge (auch Mörike, manches vom ollen Goethe, Heine, Rilke…), darunter auch der sinnenfrohe und skurrile Herr
Ringelnatz
Was du als richtig empfunden,
Das sage und zeige,
oder schweige.
Wahr ist der Würdige oder stumm.
Immer bleibt, wem der Schein genügt,
Wessen Zunge das Herz belügt,
Feig und falsch oder dumm.
Frühling
Die Bäume im Ofen lodern.
Die Vögel locken am Grill.
Die Sonnenschirme vermodern.
Im übrigen ist es still.
Es stecken die Spargel aus Dosen
Die zarten Köpfchen hervor.
Bunt ranken sich künstliche Rosen
In Faschingsgirlanden empor.
Ein Etwas, wie Glockenklingen,
Den Oberkellner bewegt,
Mir tausend Eier zu bringen,
Von Osterstören gelegt.
Ein süßer Duft von Havanna
Verweht die ringelnde Spur,
Ich fühle an meiner Susanna
Erwachende neue Natur.
Es lohnt sich manchmal, zu lieben,
Was kommt, nicht ist oder war.
Ein Frühlingsgedicht, geschrieben
Im kältesten Februar.
In diesem Sinne grüßt MrsSippi
Hi Oliver,
Gedichtesind vielleicht genau das, was Kafka meinte, als er sagte:
„Ein Buch ist eine Axt für das gefrorene Meer in uns.“
Schön !! Und wahr !
Die Gedichte gefallen mir beide auf ihre besondere Art - danke.
LG, MrsSippi
hallo MrsSippi,
ja wenn ich das geschrieben hätte! Du würdest es nicht raten… Ein Mörike-Gedicht! Überschrift: In C.Künzels Album (also wohl für einen Freund ins Poesiealbum gedacht, man kann sich vorstellen, was der für einer gewesen ist… welch herzliche Sympathie daraus spricht!)
Und zum Tag der Poesie möchte ich Dir, liebe MrsSippi, noch sagen, was Du sicher eh schon weißt, was aber nicht genug betont werden kann: spät erst zeigte sich, was Goethe-Kenner vordem nicht wußten. Zwei der Gedichte im west-östlichen Diwan sind nicht von IHM, sondern von seiner Freundin Marianne (Bessemer)…was ER der Öffentlichkeit verschwieg und, soweit ich weiß, erst nach ihrem Tod bekannt wurde. Das spricht doch sehr für allerlei Qualitäten, beiderseits.
Deine beiden Gedichte mag ich sehr, das erste noch ein bißchen lieber als das zweite. Danke Dir! und gute Nacht, Irmtraut
Hallo Literaturfreunde,
ist heute nicht Tag der Poesie?
Dann passt der Ausspruch von Baudelaire:
Jeder gesunde Mensch kann leicht zwei Tage ohne Nahrung leben - ohne Poesie - niemals.
Und weil ich Gedichte so liebe:
Ein kleines Lied
Ein kleines Lied, wie geht’s nur an,
dass man so lieb es haben kann?
Was liegt darin? Erzähle!
Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang
und eine ganze Seele.
Marie von Ebner-Eschenbach
Gruß
Moni
hallo Oliver,
danke! für das Trakl-Gedicht, golden und rätselhaft wie er ist … für Pumuckl, des genialen Wichtes wichtiges Gedicht! aber am meisten für Kafkas Ausspruch. Und genau das was Du schreibst - ein Gedicht ist vielleicht noch mehr Axt für das gefrorene Meer in uns als das ein Buch sein könnte (finde ich). Gruß, danke, Irmtraut