Tagebuch einer Depression…

Tagebuch einer Depression…
Ich weiß, das Forum heißt ‚Storys’. Trotzdem veröffentliche ich hier einen Tagebuchauszug vom letzten Sonntag. Er erzählt eine eigene Geschichte… ich habe nur die Rechtschreibfunktion drüberlaufen lassen und hier und dort einen Beistrich eingefügt… (sicher viel zu wenige)

Wieder einer dieser Sonntage. Ich bin über eine Stunde in der Badewanne gelegen und habe gegrübelt. Ein Leberfleck ist mir aufgefallen, einen den ich schon seit früher Kindheit habe. Sonst ist nichts von meinem damals glücklichen Leben geblieben. Damals habe ich Freude am Leben gehabt. Kleinigkeiten brachten mich in Euphorie. Ein schöner Stein, ein Besuch beim kleinen Spielplatz, ein Billardspiel… Heute bin ich nach zwei Ehen allein. Nichts macht mir mehr Freude. Und was ich alles gelernt habe und jetzt hab ich diesen Looserjob. Ich sollte zusammenräumen sonst wächst mir alles über den Kopf. Und das einzige was ich zusammenbringe ist an meinem Tagebuch zu schreiben… Selbstmord kommt für mich nicht in Frage, aber wohl nur aus einem Grund: Ich bin zu feig dafür. Aus dem Fenster stürzen? Und wenn ich unten noch eine Minute lebe und mehr Schmerzen erleide als in meinem ganzen Leben zuvor zusammen? Die Pulsadern aufschneiden? Das soll schmerzlos sein? Schnell ist es auf keinen Fall… ich weiß nicht. So muss das Leben weitergehen. Soll ich wieder zu meiner Ärztin gehen? Ich weiß nicht, irgendwie fehlt mir die Kraft. Ich lege mich hin obwohl es Nachmittag ist. Das Leben ist mies.

… Das Telefon hat geläutet. Freunde haben mich angerufen. Sie haben mich regelrecht überredet. Haben gesagt sie holen mich ab ob ich will oder nicht. Das will ich nicht, will nicht dass sie meine unaufgeräumte Wohnung sehen, also gehe ich hinunter….

Wieder zurück… wir haben Billard gespielt. Ich hab gewonnen und verloren, und es hat Spaß gemacht. Wir haben herumgeblödelt, geredet, gegessen und Kaffee getrunken. Das hat mir richtig gut getan. Jetzt bin ich nach Hause gekommen und hab ein wenig aufgeräumt. Nicht viel, aber es sieht schon besser aus. Dann hab ich gemerkt, dass ich den Computer laufen hab lassen und lese noch ein mal meine Zeilen. Habe ICH das tatsächlich geschrieben? Mir geht es jetzt ganz gut. Ich weiß das Leben kann wieder Spaß machen, unbegreiflich, zwischen den Zeilen die ich geschrieben habe und jetzt liegen nur ein paar Stunden. So, jetzt muss ich aber schlafen gehen. Ich muss morgen eine Stunde früher im Büro sein. Meine Chefin hat gesagt sie brauche mich. Gut so. Ich werde also morgen lange arbeiten, dazwischen mit Kolleginnen und Kollegen Kaffee trinken. Naja, ok, so schlecht ist mein Job gar nicht. Zwar nicht gut bezahlt, aber ich habe eine nette Chefin und nette Kolleg(inn)en. Am Abend sehe ich meinen Sohn, und morgen vielleicht eine alte Freundin. Das Leben kann gut sein – manchmal. Ich weiß, ein schwarzer Tag wird wieder kommen, aber er ist weit weg – in meiner Vorstellung. Vielleicht sollte ich doch zu meiner Ärztin gehen. Allerdings helfen mir die Abende mit meinem Sohn oder meinen Freunden mehr als zehn Arztbesuche.
Also, dank an meinen Sohn und an alle meine Freund(inn)e(n)

Lebet lang und habt wenig schwarze Tage.
Servus
Euer Herbert

Hi Herbert!!

So hören sich viele meine Tagebuchanträge auch an. Aber spätestens am nächsten Morgen ist alles wieder gut. Ich wünsche dir viel Glück für die Zukunft!!!

Servus David,

So hören sich viele meine Tagebuchanträge auch an. Aber
spätestens am nächsten Morgen ist alles wieder gut. Ich
wünsche dir viel Glück für die Zukunft!!!

Danke für den Zuspruch, genau das wollte ich ausdrücken. Und: man ist nur wenige Stunden später in einer ganz anderen Stimmung und versteht sich selbst nicht mehr.
Es ist auch so: Seit meinen Arztbesuchenen damals fühle ich mich generell besser. Solch schwarzeTage werden auch weiterhin passieren. Aber sie kommen viel seltener und sind nicht so schwarz, dunkeldunkelgrau halt. Ich denke, damit kann ich leben.

Zu dem Thema fällt mir auch ein persischer Film von Keroustani (wortmalerisch, keine Ahnung wie man ihn schreibt) ein.
Der Geschmack der Kirschen.
Die Rahmenhandlung des Filmes ist: Ein Mann will sich umbringen. Die Gründe bleiben im Dunkel. Er will sich ins Grab legen und dort Selbstmord begehen. Er möchte jedoch, dass danach ihm jemand das Grab zuschaufelt.
So ist er unterwegs, um jemanden zu finden. Das stellt sich jedoch als schweres Unterfangen heraus, niemand ist dazu bereit.
Er spricht auch mit dem Portier des örtlichen Museums.
Statt ihm das Versprechen zu geben, erzählt er ihm folgende Geschichte.
Er selbst wollte vor einigen Jahren Selbstmord begehen. Er wollte sich von einem Kirschenbaum stürzen. So begibt er sich also mitten in der Nacht auf den Kirschenbaum. Während er so am Baum sitzt, isst er von den Kirschen.
‚Etwas was ich nicht mehr erleben werde, den Geschmack der Kirschen‘ überlegt er.
Dann beginnt es zu dämmern und die Sonne geht auf.
‚Etwas was ich nicht mehr erleben werde, einen Sonnenaufgang…‘
Dann kommen die ersten Kinder, auf dem Weg zur Schule. Sie balgen herum und lachen.
‚Etwas was ich nicht mehr erleben werde, Kinderlachen.‘
Er beginnt zu grübeln… auf all das soll er jetzt verzichten?
So steigt er vom Baum herunter und geht nach Hause…

Der andere: ‚Und hat sich ihr Leben danach geändert?‘
'Nein, mein Leben hat sich nicht geändert, aber… ich erzähle ihnen lieber einen Witz.
Ein Mann geht zum Arzt: Er sagt, er müsse schwer krank sein. Überall wo er auf sich zeige … hier und hier und hier… hat er Schmerzen.
Der Arzt untersucht ihn und meint:
‚Ihr Körper ist gesund, aber der Finger mit dem sie auf sich zeigen ist verstaucht.‘

…‚und so ist das möglicherweise mit ihrem Leben, vielleicht ist ja alles in Ordnung, nur ihr Finger mit dem sie auf es zeigen ist nicht in Ordnung…‘

Was soll ich sagen, die Geschichte hat mir gefallen…

Servus
Herbert

Nachtrag
Der Film ist von Abbas Kiarostami

Jethro Tull ~ Black Sunday