Tao Te King I,14 und JHWH

Hallo allerseits,

in der mir vorliegenden Manesse-Ausgabe des Tao Te King wird im Kommentarteil des Übersetzers V. v. Strauss angedeutet, die Begriffe Ji, Hi und We in „spruch“ 14 des ersten Teils könnten auf den Einfluss jüdischer Einwanderer des 4. Jh v. Chr. zurückgehen, mit denen Lao Tse in Verbindung gekommen sei, und von denen er das Tetragrammaton JHWH als den unaussprechlichen Namen eines obersten göttlichen Prinzips übernommen habe.
Strauss’ Übersetzung (und wohl auch der Kommentarteil) stammt aus dem Jahr 1870.

Ist sein Gedankengang auch nach heutigem Kenntnisstand als zumindest plausible und nicht jeglicher Grundlage entbehrende Vermutung anzuerkennen, oder handelt es sich um grob verfälschendes Wunschdenken, bei dem es jedem heutigen Sinologen und Religionshistoriker vor Schaudern die Zehennägel aufrollt?

Viele Grüße,

Hasta Lavista

I, HSI, WEI und JHWH
Hallo Hasta Lavista

das betrifft das Ende der Zeilen 1, 2 und 3:

… 名曰夷
… 名曰希
… 名曰微

die Zeichen


heißen im Grunde alle drei dasselbe, nämlich dunkel, schwierig (wörtlich und metaphorisch), unfaßlich (wörtlich und metaphorisch), subtil, obskur, strange usw.

Schon die in China missionierenden Jesuiten haben in den (modernen!!) Lautwerten , die zu diesen Zeichen gehören: YI (oder I), Hsi (oder Hi) und WEI eine Assoziation an das Tetragramm gesehen. Rémusat 1823, Victor von Strauss 1870 und dann nochmal Edkins 1884 haben diese mystifizierende Mär aufgegriffen. Legge sagt dazu „It was a mere fancy or dream“:

Eine Assoziation ist aber aus mehreren Gründen unhaltbar:

  1. weiß niemand, wie die drei Zeichen im 6./5./4. Jhdt. v. Chr (das ist die Zeitspanne, innerhalb derer die ursprüngliche Fassung des Textes bzw. die Lebenszeit des Lao Zi strittig ist) in China ausgesprochen wurden. So wie der moderne Lautwert es vorgibt jedenfalls nicht.

  2. gibt es keinerlei Anlaß zu der Vermutung, daß es in der fraglichen Zeitspanne einen literarischen Austausch zwischen dem vorderen Orient und China gegeben hat.

  3. ist der Begriff des Dao (Tao), das hier umschrieben wird, von dem Begriff einer personalen Gottheit zu verschieden, wie (religions)philosophische Begriffe nur verschieden sein können. Dao ist ein Absolutum, aber keine Subjektivität. Die mit dem Tetragramm benannte Gottheit ist aber Subjektivität, jedoch in der genannten Zeitspanne noch nicht als Absolutum gefaßt.

Grüße

Metapher

buenas :smile:

die

Begriffe Ji, Hi und We in „spruch“ 14 des ersten Teils könnten
auf den Einfluss jüdischer Einwanderer des 4. Jh v. Chr.
zurückgehen, mit denen Lao Tse in Verbindung gekommen sei, und
von denen er das Tetragrammaton JHWH als den unaussprechlichen
Namen eines obersten göttlichen Prinzips übernommen habe.
Strauss’ Übersetzung (und wohl auch der Kommentarteil) stammt
aus dem Jahr 1870.

Ich will mal einen Schnellschuss wagen, hab grad nicht so viel Zeit.

Im Ganzen lautet der von dir Angesprochene Passus:

(shi zhi bu jian) ming yue yi,
(ting zhi bu wen) ming yue xi,
(bo zhi bu de) ming yue wei,

Ist der erste Teil derjenige, welcher negiert
(was nicht gesehen werden kann, was nicht gehört werden kann, was nicht erlangt,gehalten werden kann)

Im zweiten Teil, ist jedoch von einer konkreten Benennung/Bezeichung die Rede

nennt man (ming): yi

und zwar ganz konkret verbunden mit yue (ausssprechen, ausatmen).

Dies dürfte also genau das Gegenteil vom „unaussprechlichen“ sein.
Des weiteren ist die Rede davon, dass sie (die drei) unergründbar seien, und daher „eins“ bilden.

Aber was ist dieses „eins“ von dem hier die Rede ist ?
Im weiteren Text geht es um die Ursprünge des „Dao“. Also finde ich, dass hier die Vermutung naheliegt, das „eins“ ist das „Dao“.

Nun gibt es aber im Daoismus keinen Gottesbegriff. Dies mag für einen Menschen des 19. Jhd. wohl unvorstellbar gewesen sein, eine Religion ohne Gott ?

Also halte ich dieses Gedankenkonstrukt von Strauss für einen Notbehelf, um einem Menschen, der monotheistisch geprägt ist, etwas verständlich zu machen…und dabei zielt er meiner Meinung nach genau am eigentlichen Sinn des Textes vorbei, indem er jemanden glauben machen will, dieses sei gemeint.

So, das war mein Schnellschuss. Die Diskussion ist eröffnet :smile:

Gruss
Marion

hihi
ausnahmsweise verzeih ich dir mal, daß du schneller warst…:smile:

aber schließlich war ich noch dabei, die Unicodes rauszufriemeln.

*wink*

Metapher

pah

ausnahmsweise verzeih ich dir mal, daß du schneller
warst…:smile:

gibs zu, du wolltest erstmal abwarten, was ich schreibe…*hmmpf*

aber schließlich war ich noch dabei, die Unicodes
rauszufriemeln.

und das hat 30 Minuten gedauert ? *g*

Aber schön, dass wir uns einig sind :smile:

high five *patsch*

Gracias, amigos.
Besten Dank, und so weiter

Hasta Lavista