Hallo,
In einer
normalen Leitung bei 50 Hz sind solche Trägheitseffekte der
Elektronen aber vernachlässigbar. Die Elektronen bewegen sich
genau in Phase zur Stromrichtung.
Wodurch? Wenn Du das behauptest, musst Du es auch erklären.
Ich habe nichts mit einem Strom in einer Spule verwechselt.
Warum kann man die Trägheit der Elektronen vernachlässigen?
Dann rechne doch einfach mal aus, auf welche Geschwindigkeit ein Elektron beschleunigen würde, wenn es ungebremst über einen Zeitraum von t = 10 ms in einem Feld mit z.B. E = 0,1 V/m (realistische Annahme in einem stromdurchflossenem Kabel). Der Einfachheit halber nehmen wir einen rechteckförmigen Wechselstrom mit 50 Hz.
Elektronen sind bekanntlich sehr leicht: me ~ 9.1 * 10-31kg
Die Elementarladung beträgt: e ~ 1,6 * 10-19C
Es gilt:
F = e * E, a = F/me, v = a * t
—> v = e * E * t /me
unter Vernachlässigung relativistischer Effekte komme ich da auf rund 176000 km/s, also mehr als die halbe Lichtgeschwindigkeit. Elektronen dieser Geschwindigkeit im Stromleiter würden tatsächlich den von Dir beschriebenen Effekt verursachen.
Nun weißt Du aber sicher, dass die Driftgeschwindigkeit der Elektronen im Kabel eher in der Größenordnung von mm/s liegt. Deshalb ist ihre Trägheit bei 50 Hz auch völlig vernachlässigbar.
Es gilt doch wohl:
- die Elektronen erfahren durch das elektrische Feld eine
Kraft.
- die Kraft führt zu einer Beschleunigung
- die Beschleunigung ist proportional zur Masse der Elektronen
und zur Kraft
- die Beschleunigung führt zu einer Bewegung
- die Bewegung ist das Integral über die Beschleunigung
- die zurückgelegte Strecke ist das Integral über die Bewegung
Das gilt aber nur in Vakuum. Im Leiter werden die Elektronen auf einen winzigen Bruchteil dieser theoretisch möglichen Geschwindigkeit „ausgebremst“.
- die Stärke des elektrischen Feldes ist in unserem Fall
sinusförmig
- dadurch ist auch die Größe der Beschleunigung sinusförmig
- dadurch ist die Geschwindigkeit des Elektrons ein Integral
eines Sinus
- die zurückgelegte Strecke ist das Integral eines Integrals
vom Sinus
- das Integral eines Sinus ist vom Startwert (also der
Phasenlage) abhängig, das Integral dieses Integrals ebenfalls.
Wo genau ist da mein angeblicher Denkfehler?
Du verwechselst die Bewegung der Elektronen im Vakuum mit der im Leiter. Überlege mal, was nach Deiner Theorie in einem Gleichstromkreis passieren müßte:
Die Elektronen würden innerhalb Bruchteile einer Sekunde auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und innerhalb kürzester Zeit aus dem sich immer schneller drehenden Stromkreis herausgeschleudert werden 
Anmerkung: meine Studenten hier staunen immer wieder bei der
Anwendung von Matlab/Simulink, wenn ein Sinus zweimal
hintereinander integriert werden soll. Das ergibt für
t=0…unendlich nämlich keineswegs einen Cosinus…
Nun überlege mal, was Deine Vermutung für einen Wechselstromkreis bedeuten würde: Je nach Einschaltzeitpunkt hättest Du eine permanente mittlere Elektronenbewegung. Das entspräche einem überlagerten Gleichstrom, der sich durch ein starkes Magnetfeld nach außen bemerkbar machen müßte und ein DC-Amperemeter müßte diesen Gleichstromanteil auch anzeigen. Du kannst das experimentell leicht überprüfen, aber ich denke, es ist klar, was dabei herauskommt.
Jörg