Taugenichts - exozentrisch?

Hallo Sprachfreunde,

eben stolperte ich über das Wort „Taugenichts“.
Es handelt sich ja um eine Komposition der Stämme „tauge“ (Verb) und „nichts“ (Partikel? Nomen?).
Nun ist das Kompositum eindeutig ein Nomen und zwar ein maskulines. Keine der beiden Konstituenten erfüllt diese Eigenschaften. Auch wenn man die Konstituente „nichts“ als nominal ansehen würde, wäre es doch niemals verantwortlich für den männlichen Artikel vom Kompositum „Taugenichts“, da „das Nichts“ schließlich ein Neutrum ist.

*tief durchatmen*

Frage: Handelt es sich hier um die These von einigen Grammatiken (z.B. Eisenberg), die da sagt, nicht alle Komposita seien endozentrisch?
Ich habe mich nämlich schon immer gefragt, wie ich mir nicht-endozentrische Komposita vorstellen soll. Ist „Bienenstich“ (als Kuchen) auch eines (so nach dem Motto: morphologisch endozentrisch, semantisch exozentrisch)?

Gibt es da noch andere tolle Beispiele mit ähnlich mysteriösen Eigenschaften?

Viele Grüße
Hope

Ohohoh!

endo oder exo? Erklär das doch mal.

Gibt es da noch andere tolle Beispiele mit ähnlich mysteriösen
Eigenschaften?

Da gibt es bei Goethe im Faust II die „drei Gewaltigen“ - entlehnt aus der Bibel (2. Samuel, 23, 8) - , mit den Namen:

„Raufebold
Habebald
Haltefest“.

Dann gibt es noch den „Saufaus“ und den „Haudrauf“ und natürlich auch den „Habenichts“.

Auch das Blümlein „Vergissmeinnicht“ und dessen Schwester „Rührmichnichtan“ könnten hierher passen, die nicht maskulin sind.

Eher scherzhafte, deutlich dialektal gefärbte Bildungen sind das Tränklein „Ibedomm“ (neutrum?) und das Pulver „Haumeblau“ (neutrum?)!

Ebenso viele Grüße
Fritz

Hi Fritz,

Ohohoh!

allerdings *g*

endo oder exo? Erklär das doch mal.

Endozentrisch sind Konstruktionen, unter deren unmittelbaren Konstituenten mindestens eine ist, die von der gleichen Kategorie ist wie die gesamte Konstruktion.

Mal sehen, was Du mir so anbietest:

Raufebold

Hmmm, der Stamm „bold“ ist doch arg verblasst. Insofern lässt sich da wohl nicht viel zu sagen…

Habebald
Haltefest".

… hab ich noch gehört (als Nomen)

„Habenichts“

Der gefällt mir! Ist dem Taugenichts morphologisch aber sehr ähnlich…

Auch das Blümlein „Vergissmeinnicht“

stimmt. Hat aber schon große Ähnlichkeit mit nem vollständigen Satz.

Weiß jemand noch mehr Konstruktionen, die keine Eigenschaften ihrer Konstituenten haben, also eine andere Wortklasse oder anderes Geschlecht belegen als bspw. die rechte Konstituente?

Oxdradium :smile:
Servus Fritz!

Eher scherzhafte, deutlich dialektal gefärbte Bildungen sind
das Tränklein „Ibedomm“ (neutrum?) und das Pulver „Haumeblau“
(neutrum?)!

Kennst du auch das „Oxdradium“?
Jeder wurde aber nur einmal geschickt es zu kaufen…
:wink: Helene

Taugenichts - exozentrisch?
Hallo,

endo oder exo? Erklär das doch mal.

Endozentrisch sind Konstruktionen, unter deren unmittelbaren
Konstituenten mindestens eine ist, die von der gleichen
Kategorie ist wie die gesamte Konstruktion.

„Habenichts“

Der gefällt mir! Ist dem Taugenichts morphologisch aber sehr
ähnlich…

Auch das Blümlein „Vergissmeinnicht“

stimmt. Hat aber schon große Ähnlichkeit mit nem vollständigen
Satz.

Auch „Taugenichts“ bzw. „Habenichts“ wurden meiner Meinung nach von einem entsprechenden Satz abgeleitet, vielleicht auch „Nichtsnutz“. Und da diese Begriffe Menschen bezeichnen, gab es ja nur zwei Möglichkeiten für ihr Genus: männlich oder weiblich, um mich mal naiv-germanistisch (jedoch nicht feministisch) auszudrücken.

Weiß jemand noch mehr Konstruktionen, die keine Eigenschaften
ihrer Konstituenten haben, also eine andere Wortklasse oder
anderes Geschlecht belegen als bspw. die rechte Konstituente?

Ich würde das Paar Anmut (f.) - Hochmut (m) vorschlagen.

Gruß, Melita

Kennst du auch das „Oxdradium“?
Jeder wurde aber nur einmal geschickt es zu kaufen…
:wink: Helene

Eh scho wiss! :wink:

Und sagt dir: „Judizium“ und „Offizium“ was?

Ich biete noch den „Gottseibeiuns“ und den „Springinsfeld“!

Aber das sind schon wieder Sätze.

Gruß Fritz

Anmut - Hochmut
Dazu, Melita,

Ich würde das Paar Anmut (f.) - Hochmut (m) vorschlagen.

wäre anzumerken, das auch die Anmut zuerst ein Maskulin war:

_ Anmut
Substantiv Femininum erweiterter Standardwortschatz stilistisch (14. Jh.), mhd. anemuot Stammwort.
Ursprünglich Maskulinum mit der Bedeutung „was in den Sinn (Mut) kommt, Verlangen“, vermutlich Rückbildung aus anemuoten „begehren“, Partikelableitung zu mhd. muot (Mut).
Später bezeichnet das Wort nicht mehr eine Empfindung des wahrnehmenden Subjekts, sondern eine Eigenschaft des wahrgenommenen Objekts und kommt damit zur heutigen Bedeutung (vermutlich durch Vermittlung des Adjektivs anmutig). Verb: anmuten. deutsch s. Mut_

Und

_ Hochmut
Substantiv Maskulinum Standardwortschatz (11. Jh.), mhd. hochmuot, ahd. hOhmuot Stammwort.
Ursprünglich „edle Gesinnung“, dann festgelegt als Entsprechung zu l. superbia. deutsch s. hoch, s. Mut_

Beidesmal Kluge.

Man könnte noch „die Demut“ und „das Gemüt“ und „den Unmut“ hier betrachten.

Gruß Fritz

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Exozentrisch
Hallo Fritz,

Dazu, Melita,

Ich würde das Paar Anmut (f.) - Hochmut (m) vorschlagen.

wäre anzumerken, das auch die Anmut zuerst ein Maskulin war:

Danke für die interessante Erklärung!!!

Ich habe mal in meinen Büchern gestobert: W. Motsch („Wieviel Syntax brauchen Komposita?“, Literaturangabe nach Wunsch:smile:) zählt zu den exozentrischen Komposita folgende Wörter:

Zweirad (Fahrzeug mir zwei Rädern)
Dreieck (Figur, die drei Ecken hat)

Meine Interpretation: Um die Gesamtbedeutung des jeweiligen Begriffs zu erhalten, reicht es nicht, die einzelnen Bedeutungen der Teilbegriffe zu addieren oder in eine syntaktische Beziehung zu sezten, man muss auch wissen, was konkret gemeint ist, also Weltwissen besitzen, um daraus ein Fahrzeug oder eine Figur abzuleiten.

In diesem Sinne ist auch unser Taugenichts exozentrisch (= ein Mensch, der nichts taugt) - wenn man bei Betrachtungen dieser Art nicht diachron vorgeht und also die Etymologie nicht berücksichtigt, was wohl der Sinn der Sache ist.

M.

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Hi Melita,
vielen Dank für die Erklärung und die schönen Beispiele. Das hat mir sehr weitergeholfen.

Anmerkung: Das Weltwissen ist auch bei endozentrischen Komposita eigentlich das einzige Interpretationskriterium. Das betrifft im Prinzip alle Komposita, die nicht als Rektionskomposita zu bewerten sind.

Rektionskomposita: z.B. „Zeitungsleser“. Dies ist allein grammatisch interpretierbar. Wenn man über die Valenzen des Verbes „lesen“ bescheid weiß, dann ist klar, dass ein ***leser jemand ist, der *** liest.

ALle Nicht-Rektionskomposita sind dagegen fast nur über das Weltwissen zu deuten. Woher weiß man sonst, dass eine Holzkiste eine „Kiste aus Holz“ ist und nicht eine „Kiste für Holz“ oder eine „Kiste, die sich zwischen ganz viel Holz befindet“…?

Aber das Zweirad und das Dreieck sind wirklich sehr schöne Beispiele für Exozentrik.

mfG
Hope