Tempel - Jerusalem

Moin!

Als hier in einer Diskussion jüngst einige Fragen über den Tempel in Jerusalem aufgeworfen wurden, fiel mir ein, dass ich vor einigen Monaten irgendwo im Netz von einem Projekt gelesen habe, wonach eine größere Gruppe von wohlhabenden Juden im Raum Jerusalem einen Nachbau des Tempels im Maßstab 1:1 (!!) finanzieren möchte. Die Rede war von Baukosten i. H. v. etwa 500 Millionen USD.

Meine Fragen:

  1. Wer weiss mehr darüber?
  2. Wie denken jüdische Geistliche darüber?

Gruss
tigger

Guten Abend Tigger,

Als hier in einer Diskussion jüngst einige Fragen über den
Tempel in Jerusalem aufgeworfen wurden, fiel mir ein, dass ich
vor einigen Monaten irgendwo im Netz von einem Projekt gelesen
habe, wonach eine größere Gruppe von wohlhabenden Juden im
Raum Jerusalem einen Nachbau des Tempels im Maßstab 1:1 (!!)
finanzieren möchte. Die Rede war von Baukosten i. H. v. etwa
500 Millionen USD.

Diesen konkreten Bericht kenne ich nicht. Aber es gibt radikale Gruppen, die bekannteste ist Ateret Cohanim (oder Ateret Kohanim geschrieben), deren geistiger Führer Raw Schlomo Aviner ist. Sie üben den Tempeldienst, machen die in der Torah beschriebene Kleidung etc., um dann bereit zu sein, wenn der Maschiach kommt.

Finanziert werden diese Gruppen von fundamentalistischen Juden und fundamentalistischen Christen aus den USA (meist aus Pfingstkirchen). Beiden ist gemeinsam, dass sie denken, sie könnten dadurch das Kommen bzw. für Christen die Wiederkunft des Maschiach beschleunigen.

So wie in Deutschland radikale Gruppen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes sind, so stehen natürlich in Israel auch diese Gruppen unter Beobachtung entsprechender Stellen.

  1. Wie denken jüdische Geistliche darüber?

Unterschiedlich – aber nur sehr wenige finden das gut.

(Abgesehen davon, dass es den Status des „Geistlichen“ im Judentum nicht gibt. Du meinst vermutlich „Rabbiner“. Die sind Lehrer und treffen religionsgesetzliche Entscheidungen)

Jeder Durchschnitts-Orthodoxe geht davon aus, dass der Maschiach kommt, die Toten auferstehen, der Tempel wieder ersteht und es dann Tempelopfer wieder geben wird.
Im Gegensatz zu den oben geschilderten Radikalos gehen die anderen davon aus, dass es Sache des Maschiach ist, dafür zu sorgen, wann und wie das dann im Einzelnen vor sich gehen wird .

Zum Hintergrund:

In jedem traditionellen Gebetbuch findest Du Gebete, die sich auf den Wiederaufbau des Tempels und das Tempelopfer beziehen. Hier zwei Zitate aus dem täglichen Nachmittagsgebet:

„Und nach Jeruschalajim Deiner Stadt, kehre in Barmherzigkeit zurück, und throne in ihr, wie Du es versprochen hast, und erbaue sie bald in unseren Tagen zum ewigen Bau, und richte in ihr bald Davids Thron auf. Gelobt seist Du, Ewiger, Erbauer Jeruschalajims“

und etwas später:

„ Habe Wohlgefallen, Ewiger, unser Gott, an Deinem Volk Israel und an ihrem Gebet und bringe den Dienst wieder in die Halle Deines Hauses zurück, und die Feueropfer Israels und ihr Gebet nimm in Liebe und mit Wohlwollen auf …“

Im 19. Jahrhundert ging von Deutschland die Reform des Judentums aus. Die Reformer gingen davon aus, daß zu welchem Zweck auch immer das Opfer früher gedient hätte, dieser Zweck jetzt hinfällig geworden sei und keine Bedeutung für die Zukunft habe.
Deshalb wurden aus den Gebetbüchern alle Passagen, die sich auf die Wiederherstellung des Opferkultes bezogen, herausgenommen. Auch die konservativen und die rekonstruktionistischen Juden gehen nicht von einer Rückkehr zu Tempelopfern aus.

Folglich wurden aus den Gebetbüchern die Passagen gestrichen, die mit dem Tempelopfer zu tun hatten (und einige andere auch, z.B. die Rückkehr nach Zion).

Damit beziehen sich liberale Juden auf prophetische Traditionen, denn immer wieder haben sich Propheten dazu geäußert, daß ethisches Verhalten Vorrang hat vor Opferritualen, teilweise in ziemlich extremer Art:
„Ich hasse, ich verwerfe eure Feste und will nicht riechen eure Feieropfer. Wenn ihr Hochopfer mir bringt und Mehlopfer von euch, ich will sie nicht und eure Hochrinder als Opfermahl sehe ich nicht an… Soll nur gleich Wasser Recht fließen und die Gerechtigkeit wie starker Strom“
(Amos 5,21 ff).
Mehr zum Opferverständnis und dessen Wandlungen im Judentum:
http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/pessach/op…

Viele Grüße – allen Mitlesenden ein schönes Wochenende – und bei Bedarf können wir nach Schabbes weiterdiskutieren.

Iris

Hallo Tigger!
Nichts Genaues weiß auch ich nicht. Habe heute allerdings in einer EMail von meiner ehemaligen Oberin aus Palästina (ich war dort Zivi in einem von Nonnen geleiteten Altenheim) folgendes gelesen:
„Ab heute ist Jerusalem gesperrt und alles in höchster Alarmstufe. Am Sonntag wollen die radikalen Juden einen Grundstein für den neuen Tempel am Tempelberg legen.“
Gruß,
Stefan