Tempus bei allgemeingültigen Aussagen

Hi!

In der erzählenden Literatur (Romane usw.) wird im Allgemeinen das Imperfekt/Präteritum als Tempus gewählt. Wie sieht es mit dem Tempus in so einem erzählenden Text aus, wenn allgemeingültige Aussagen getroffen werden, die dauerhaft Bestand haben? Bleibt man da im Präteritum oder wechselt man ins Präsens?

Beispiel:

Frank drehte sich in seinem Sitz herum und blickte durch das kleine Fenster der Raumkapsel. Da lag sie, die Erde. Eine blaue Murmel auf schwarzem Sand. Aus dieser Distanz kaum vorstellbar, dass dort Milliarden von Menschen lebten (leben), auf einer Kugel, deren Umfang gerade einmal 40.000 km betrug (beträgt).

Grüße
Heinrich

hi,

In der erzählenden Literatur (Romane usw.) wird im Allgemeinen
das Imperfekt/Präteritum als Tempus gewählt. Wie sieht es mit
dem Tempus in so einem erzählenden Text aus, wenn
allgemeingültige Aussagen getroffen werden, die dauerhaft
Bestand haben? Bleibt man da im Präteritum oder wechselt man
ins Präsens?

beides möglich. üblich ist präteritum; zur betonung des gültigen kann auch ins präsens gewechselt werden.

der punkt ist, dass präteritum im deutschen üblicherweise „erzählzeit“ ist (zumindest in der schriftlichkeit). es geht dabei weniger drum, ob das alles vergangen ist (gewöhnliche erzählungen) oder gar erst geschehen wird (science fiction: „captain kirk ließ sich auf den planeten beamen. mister spock verlieh seiner faszination ausdruck.“) das verhältnis zu zeit als außersprachliche kategorie spielt dabei eine höchst untergeordnete rolle.

schriftsteller wie wolf haas, die im perfekt erzählen, tun das in bewusstem bruch mit dieser tradition.

m.

Beispiel:

Frank drehte sich in seinem Sitz herum und blickte durch
das kleine Fenster der Raumkapsel. Da lag [liegt???] sie, die Erde. Eine
blaue Murmel auf schwarzem Sand. Aus dieser Distanz kaum
vorstellbar, dass dort Milliarden von Menschen lebten (leben),
auf einer Kugel, deren Umfang gerade einmal 40.000 km betrug
(beträgt).

Moin, Heinrich,

da gibt es wohl kein richtig oder falsch, sondern nur literarische Freiheit. Ich finde es allerdings immer komisch, wenn der Protagonist „um die Ecke bog und sich über die hässlichen Häuser wunderte, die da standen“. War doch gar kein Krieg in Manhattan, oder?

Gruß Ralf

hallo ralf,

da gibt es wohl kein richtig oder falsch, sondern nur
literarische Freiheit. Ich finde es allerdings immer komisch,
wenn der Protagonist „um die Ecke bog und sich über die
hässlichen Häuser wunderte, die da standen“. War doch
gar kein Krieg in Manhattan, oder?

muss ja nicht krieg sein. können die häuser ja auch hübscher geworden sein. oder renoviert. oder umgebaut.
prinzipiell ist im potenzial jeder erzählung drin, dass sich die umstände der erzählten zeitspanne gegenüber der zeit, in der erzählt / zugehört / gelesen wird, verändert haben.
aber der eigentliche punkt ist (meine ich), dass präteritum eben erzählzeit ist unabhängig von konkreten zeitbezügen.

m.

Hi!

da gibt es wohl kein richtig oder falsch, sondern nur
literarische Freiheit. Ich finde es allerdings immer komisch,
wenn der Protagonist „um die Ecke bog und sich über die
hässlichen Häuser wunderte, die da standen“. War doch
gar kein Krieg in Manhattan, oder?

Siehst du, und bei mir ist das genau anders herum.

„Er erreichte den Deich, stieg hinauf und blickte auf das Meer, das sich bis zum Horizont erstreckte.“

Das tut das Meer ja nun dauerhaft, dieses „erstrecken“ - also Präsens?

„Er erreichte den Deich, stieg hinauf und blickte auf das Meer, das sich bis zum Horizont erstreckt.“ - So???

Oder bei Distanzen. Die ändern sich ja nun auch nicht alle drei Tage.

„Apollo 8 stand auf der Rampe, bereit zum Start. Der Countdown lief. Sicher, die Technik hatte in den letzten Jahren eine gewaltigen Sprung nach vorne gemacht, aber trotzdem - der Weg zum Mond war weit.“ … oder besser „aber trotzdem - der Weg zum Mond ist weit.“ ???

Mich beschleicht das Gefühl, dass nicht die Aussage an sich das Tempus bestimmt, sondern die Position der Erzählstimme im Text. Wer weiß …

Grüße
Heinrich

hi,

Mich beschleicht das Gefühl, dass nicht die Aussage an sich
das Tempus bestimmt, sondern die Position der Erzählstimme im
Text. Wer weiß …

du kommst der wahrheit immer näher: die position der erzählstimme als erzählstimme an sich macht präteritum.
präteritum ist erzählzeit.

m.