Das große Kribbeln: Metapher vs. Prokrustes
Hallo Dorgar,
hallo Metapher,
liebe Gemeinde,
einfachheitshalber packe ich hier auch gleich meine Antwort auf Metaphers gestrigen Beitrag hinein. Dafür ist dieser Artikel aber auch geradezu unanständig lang geworden.
Zunächst noch mal eine Zusammenfassung der Überlegungen zur Rolle der Spiegelneurone.
Menschen und andere Primaten sind zur Imitation in der Lage. So können sie Bewegungen, die ihnen anatomisch ausreichend ähnliche Tiere ausführen, imitieren (also „nachmachen“). Ein sehr niedliches Beispiel sieht man hier: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Maka…
Rizzolatti nahm an, dass die von ihm entdeckten Spiegelneurone für diese Leistung (die alles andere als trivial ist) verantwortlich sind. Diese fand er im prämotorischen Cortex und sie „feuerten“ in entsprechenden Mustern, wenn das Äffchen die Bewegung eines „Modells“ beobachtete. Da der prämotorische Cortex für die Vorbereitung willkürlicher Bewegungen verantwortlich ist, vermutete Rizzolatti, dass die Spiegelneurone eine vermittelnde Rolle von der Beobachtung einer (Willkür-)Bewegung zur Ausführung einer gleichartigen Bewegung (also der Imitation der Bewegung) spielen.
Neuere Literatur deutet darauf hin, dass Spiegelneurone auch bei der Identifikation emotionaler Gesichtsausdrücke eine Rolle spielen könnten. Der Mechanismus dahinter soll - stark vereinfacht - so aussehen, dass der Beobachter eines emotionalen Gesichtsausdruck (von Freude, Ekel, Angst, Wut, etc.) diesen nicht nur imitieren kann, sondern dass bei ihm dadurch auch im somatosensorischen Cortex (wo vielfältige äußere und innere Reize verarbeitet werden) spezifische
Aktivitätsmuster erzeugt werden, die mit denen übereinstimmen, die im Zusammenhang mit selbsterlebten Emotionen (also eigener Freude, eigenem Ekel, eigener Angst und eigener Wut, etc.) auftreten. So teile sich dann dem Beobachter eines emotionalen Gesichtsausdrucks unmittelbar die Qualität des (vom Modell) erlebten Gefühls mit.
Metaphers Erklärung für das große Kribbeln beruht jetzt auf der Annahme, dass die Spiegelneurone nicht nur dann beteiligt sind, wenn wir die Handlungen oder die Mimik eines Modells beobachten, sondern auch dann, wenn wir uns vorstellen, wie es sich wohl anfühlte, wenn beispielsweise eine Ameise auf uns herumkrabbeln würde. Wir beobachten das Gewusel der Sechsbeiner, die Spiegelneurone melden sich und lösen in uns das Gefühl von Gekribbel aus, ohne dass uns tatsächlich eine Ameise berührt.
Ich versuche mal, meine These etwas zu schärfen und gebe gleich zu, dass ich mich in den letzten Jahren gar nicht mehr mit Fragen dieser Art beschäftigt habe und deswegen intellektuell etwas eingerostet bin.
Ein Unterschied zwischen meinem Erklärungsversuch und dem von Metapher besteht darin, dass ich annehme, dass das „eingebildete“ Gekribbel (ohne Ameise) eine Fehlinterpretation von tatsächlich vorhandenen Afferenzen darstellt. Dort, wo die Kleidung unsere Haut berührt, werden auch immer wieder Rezeptoren der Haut gereizt. Und dort wo wir keine Kleidung tragen, sind die Rezeptoren anderen mechanischen Auslösern ausgesetzt (Luftzug, Eigenbewegung, whatever). Dieses an sich bedeutungslose „Hintergrundrauschen“ kann durch selektive Aufmerksamkeit verstärkt werden. Die Erwartung einer bestimmten
Reizung senkt die „Wahrnehmungsschwelle“ für diese Reizung, im Falle aversiver Reize vermute ich, dass sich vor allem das Kriterium für „Reiz vorhanden“ drastisch verändert und es deswegen zu viel mehr „false alarms“ im Sinne der Signalentdeckungstheorie kommt.
Daran ist sicher auch eine Vorstellung, wie sich eine über die Haut laufende Ameise anfühlen könnte, beteiligt. Aber dazu bedarf es meiner Ansicht nach keiner Spiegelneurone, sondern dazu sollte die
- und damit komme ich endlich auf die Frage von Dorgar -
Erinnerung an das Kribbeln, das das Krabbeln von Insekten auf der Haut verursacht, ausreichen.
Beste Grüße
Prokrustes
PS: Eine Analogie zum Phantomschmerz? Hm. Tja, vielleicht passt das. Ich weiß aber zu wenig über den Phantomschmerz, um das
beurteilen zu können.