Terzverschreibung

Liebe Musici,

eine Freundin aus Lyon, die grade an einer musikhistorischen Diss sitzt, hat mich nach der genauen Bedeutung des deutschen Begriffes „Terzverschreibung“ gefragt, der ihr sowohl in englischer (dort als „-vershreibung“ als auch in französischer Literatur als deutsches Lehnwort begegnet ist.

Mir kommt es vor, als würde dieser Begriff einen typischen Kopistenfehler bezeichnen und deswegen bloß mit der Terz existieren, weil die halt rauskommt, wenn man sich etwa bei der Beleuchtung eines Arbeitsplatzes im 18. Jahrhundert um eine Linie verhaut: Sowas wie der „Zahlendreher“ (23 - 32; 17 - 71 etc.), der in der Buchhalterey als lässlicher Fehler angesehen wird und beim Differenzensuchen immer die erste Zielscheibe ist.

Aus diesen speculationibus heraus die Frage, ob ich damit ungefähr richtig liege: Also (1) eine „Quintenverschreibung“ oder „Sekundenverschreibung“ oder sowas als feste Begriffe im Gegensatz zur Terzverschreibung nicht existieren und (2) der Begriff tatsächlich einen typischen Kopistenfehler bezeichnet, der es erlaubt, bei unplausiblen Passagen einer Partitur der Terz systematisch mehr Argwohn entgegenzubringen als anderen Abweichungen vom „erwarteten Verlauf“.

Für Aufklärung dankt

MM

Vermutung: Schlüsselfehler
Hallo Martin,

mir sagt der Begriff zwar auch nichts (bin auch kein Musikhistoriker), aber ich habe einen Verdacht was damit gemeint sein könnte.
Gegoogelt hast du sicher? Dann hast du sicher auch das folgende Zitat schon gefunden:

„Theodore Karp, in his article Editing the Cortona Laudario (1993) has analysed the numerous inconsistencies of this source: between the custos and the following note, between different lines of the melody (connected with the usual problem of Terzverschreibung), […]“
Quelle: http://www.maurouberti.it/ma/pdf/ma1998.pdf

Das würde bedeuten, das die Terzverschreibung v.a.v zuschlägt, wenn beim Zeilenwechsel stillschweigend der Notenschlüssel gewechselt wird (gemeint sind „Alte Schlüssel“ oder „C-Schlüssel“, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Notenschlüssel). Da die Schlüssel immer auf den Notenlinien, nie den Notenabständen stehen, können derartige Kopistenfehler nie als Sekund- oder Quartverschreibungen auftreten, nur als Terzverschreibungen. Quint- oder Septverschreibungen wären theoretisch möglich, würden aber schneller auffallen, weil sich der Schlüssel nicht nur um eine, sondern um mehrere Linien verschiebt.

Grüße
Wolfgang

Lieber Martin,

in meiner (musiktheoretischen wie musikpraktischen) Musikpraxis sind mir nicht nur Terzverschriebe, sondern auch Sekundverschreiber sehr oft begegnet, und sie tun es leider immer noch, sei es in mehr oder weniger modernem Notenmaterial (modern in bezug auf das Material, nicht die Musik…), sei es in alten Abschriften. Es mag schon sein, daß der Terzfehler häufiger vorkommt, eben aus dem von Dir genannten Grund. Wenn aber in melodischen Verläufen die Sekunde dominiert, vertut man sich eben auch gern mal nur um einen Ton.

Teilweise abenteuerliche Fehler sind mir in der Partitur einer Oper des 17. Jh. begegnet. Ich hatte ein Aufführungsmaterial herzustellen auf Grundlage einer Abschrift aus dem 19. Jahrhundert. Da kamen Mezzosopran-, Bariton- und französischer Violinschlüssel vor, in denen anscheinend auch der Kollege vor 200 Jahren nicht so geübt war. Das waren dann oft Terzverschreibsel. Nichtsdestoweniger waren aber die Sekundfehler in dieser Quelle auch nicht selten(er).

Der Terminus „Terzverschreibung“ jedoch ist mir noch nie begegnet. Den habe ich zum ersten Mal in meinem Leben in Deinem werten Posting-Titel gelesen. Ich dachte dabei zunächst an eine ärztliche Maßnahme…
(Haben Sie Depressionen? Gehen Sie zu Dr. Mozart. Der verschreibt mit schon seit Jahren immer Terzen. Gehen sie lieber nicht zu Dr. Schönberg! Der gibt Ihnen nur Septen. Die sind ja nicht mal aseptisch.) Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Die bitte die Partitur und befragen Sie Ihren Musiktherapeuten.

Ein angenehmes Wochenende wünscht

Michael

Servus Michael,

schönen Dank - das ist insofern auch ganz markant, als es in der erwähnten Arbeit um Nicolas de Grigny geht. Unsere Freundin als in Fragen von Werktreue und Interpretation relativ streitbare Musikantin an Orgel und Cembalo hat sich hier auch schon früher um Kopierfehler bemüht, die offenbar in ziemlichem Umfang auch bei zeitgenössisch angefertigten Abschriften auftreten - die barocke Epoche selber hat sich wohl insgesamt nicht so sehr als für die Ewigkeit gemacht betrachtet, und ich glaube, man liegt nicht so weit daneben, wenn man sie als das „manische Zeitalter“ tituliert. Experimentell, ausgerüstet mit Gänsekiel, Eisengallustinte, Radiermesser und Schusterlampe, ist A. da schon einigem auf die Spur gekommen - was ich als Laie und purer „Konsumhörer“ freilich weder bestätigen noch verwerfen kann.

Schöne Grüße

MM