Thema: Bewegungszwang Wer weiss Rat

Es geht um einen lieben Arbeitskollegen und ich möchte erst die Situation schildern.

Er ist Mitte 20, wohnt noch bei der Mutter und hat eine Freundin. Früher Spitzensportler, seit einer Verletzung „Normalsterblicher“. Seit ca. 2-3 Jahren habe ich im Büro festgestellt, dass er jede Möglichkeit nutzt um sich zu bewegen. Er rannte Stiegen auf und ab, turnte herum etc. Ich dachte mir nichts dabei, ging davon aus dass er einen kleinen Fitnesswahn hat. Hand in Hand lief das mit einer Änderung seines Essverhaltens. Irgendwann lies er das Mittagessen aus, ging lieber spazieren. Seit 8 Monaten weiss ich, dass es nichts mehr mit Fitness zu tun hat. Er unterliegt dauernd einem Zwang sich zu bewegen. Kann keine 2 Stunden am Arbeitsplatz bleiben, verlässt das Büro - sucht sich Räume wo ihn keiner vermutet und rennt dort 15 Minuten lang oder trippelt am Stand bis er nassgeschwitzt wieder am Arbeitsplatz erscheint. Er quält seinen Körper minutenlang unter voller Belastung und anschließend geht es ihm wieder besser. Es wurde in den letzten Monaten immer schlimmer und immer öfter. Er selbst immer verschlossener, verbissen ergeizig etc. Nach Gesprächen mit seiner Partnerin weiss ich nunmehr dass es tatsächlich ein Zwangsverhalten ist. Er kann nicht anders, will es aber selbst in den Griff bekommen. Ich habe dann das Gespräch mit ihm gesucht. Er hat mir erklärt dass es von ihm kaum kontrolliert werden könne, aber schon besser werde. Er würde es seit einigen Monaten absichtlich öffenlicher machen, da er durch den Stress des „Erwischtwerdens“ glaubt, sich besser kontrollieren zu können. Eine Essstörung gibt er nicht zu, sie ist jedoch augenscheinlich. Ich weiss nur soviel, er hatte in der Kindheit viele Probleme (welche weiss ich nicht), möglicherweise eine Ursache für das was nun passiert. Er glaubt, dass es außer ihm keiner verstehen kann und hat das Gespräch dann eher so abgewürgt.

Seine Freundin ist völlig fertig. Sie glaubt gegen den Zwang keine Chance zu haben. Dass er Hilfe braucht, glaubt er ihr noch nicht. Sie weiss aber nicht was sie machen soll, weil sie sich keinesfalls trennen will und durch seine Abkapselung von Freunden und anderen Personen nur noch sie hat. In letzter Zeit glaubt sie auch zu spüren, dass er sich von ihr abzukapseln versucht. Das ganze wird immer mehr zum Problem, immer mehr Personen bekommen es mit. Gerade waren wir 4 Tage auf einer externen Schulung. Es war ihm nicht möglich ohne zusätzliche Pausen das Programm durchzuhalten. Immer wieder verschwand er. Gesellige Abend sind ihm nicht mehr möglich. Er muss dann weg oder an die frische Luft oder ins Bett. Gegessen wird nur zum Frühstück dann habe ich nichts mehr gesehen (4 Tage !!!)

Das ganze ging nach dem abrupten Ende des Spitzensportes los. Seitdem wird es schleichend schlimmer und gefährdet sein soziales und gesellschaftliches Leben. Er selbst verdrängt und glaubt damit selbst fertig zu werden. Von professioneller Hilfe hält er nichts.

Seine Freundin und ich sind ratlos und wissen nicht wie wir uns verhalten sollen. Sie weiss nicht wie sie schonend vorgehen soll um ihn zu professioneller HIlfe zu bringen. Ich weiss nicht wie ich weiter mit ihm das Gespräch finden kann oder ihm helfen kann. Wer kann uns helfen. Ich habe ganz ein schlechtes Gefühl … es muss was geschehen. Danke Euch für die Hilfe und wenn nähere Fragen sind einfach stellen, ich versuche dann meine Beobachtungen zu konkretisieren.

hallo lieber jones

das verhalten deines freundes erinnert mich an sport-bulimie.

das ist eine art bulimie (wies der name schon sagt) bei der man sich nicht nach dem essen übergibt sondern verbisse sport treibt. ich kann mir gut vorstellen, dass er unter dieser krankheit leidet.
er hat früher viel sport gemacht, somit konnter er wahrscheindlich essen was er wollte, dann kam die verletztung und langsam ging auch sein gewicht hoch. vielleicht hat er auch noch ein wenig ein selbstwertgefühl-problem wegen seiner „schwierigen“ kindheit und fühlt sich nur bestätigt und „gut“, wenn er einen perfekten körper hat (ich hab auch einen freund der umbedingt sein 6-pack braucht ansonsten verfällt er in depressionen). der unfall hat ausgelöst dass er keinen sport oder nicht mehr in dem masse treiben kann wie er sich gewohnt war, sein stoffwechsel hat sich somit verändert und auch sein körper. jeder mensch ist extrem selbstkritisch…die kleinen „fettpölsterchen“ sind wahrscheindlich nur ihm aufgefallen. also musste er einen ausgleich finden --> bewegung wann immer nur möglich, um sich fit zu halten. dann am beste noch wenig essen um das gewicht halten zu können.
in eine bulimie, allgemein eine esstörung „rutsch“ man rein, das kommt IMMER schleichend und nicht von einem tag auf den anderen. so was verändert auch die psyche des menschen, abkapselung, sozial und zwischenmenschliche unfähigkeit sind normale begleiterscheinungen.

auch ist es normal dass er im momentanen stadium seiner krankheit (und das ist eine krankheit) nicht einsehen will, dass er hilfe braucht und das wahrscheindlic nicht alleine hinkriegt.

habt ihr schon mal versucht du, er und seine freundin zusammezusitzen und das problem zu besprechen? er wärem am arbeitsplazt kontrolliert und wenn er mit ihr zusamme ist auch.

http://www.fitnessschmiede.de/food/grundlagen/esssto…

hier noch ein link, wenn du mal unter „sportbulimie“ googelst wirst du einige artikel finden. druck sie aus und zeig sie ihm. wie zu unterst im artikel steht, ist der erste schritt die erkenntnis des problems seinerseits!

viel glück!!!

liebe grüsse
kleine

hi,

ihr dürft bei eurem engagement nicht vergessen, dass jeder die verantwortung für sich selbst behält. wenn er von professioneller hilfe nichts hält, führt er eben sein leben so weiter.

ein punkt ist die partnerschaft, in der sich seine freundin fragen kann, ob sie das weiter so mitmachen will. dann könnte sie ihm sagen, wenn das nicht der fall ist. und daraus könnte er dann konsequenzen ziehen. ob das professionelle hilfe ist, ist immer noch seine entscheidung. euer teil ist nur, auf die beziehung und freundschaft betreffende angelegenheiten zu verweisen, z.b. dass ihr es echt unerträglich finden könntet, nicht mit ihm essen gehen zu können etc. (für die partnerin ergibt sich natürlich eine längere liste, aber die geht dich nichts an.)

seid auch ein wenig vorsichtig mit auf halbwissen basierenden „diagnosen“. selbst wenn sie richtig wäre, wißt ihr immer noch nicht, was ihr tun könnt. lasst ihn.